In einem Wartezimmer bei einem Arzt

 

 

 

Irgendwo. Irgendwann. Die Stille ist hörbar. Keiner spricht. Jeder behält seine Krankheit, seine Probleme für sich. Eine Frau sitzt in einer Ecke und blättert unbekümmert in einer Zeitschrift. Sie begleitet eine Patientin. Ihre Sorglosigkeit ist beinahe störend. Alle anderen beobachten sie mit leidenden Gesichtern. Wie sie schnell und geräuschvoll die Seiten umblättert. Wie sie neugierig und augenscheinlich interessiert einen Artikel liest. Ihre Entspanntheit kann tatsächlich irritieren. Die anderen haben alle ein Problem, vorwiegend in ihrem Körper. Sie haben mit einer Unstimmigkeit zu kämpfen, die ihnen Schmerzen bereitet, die ihre Anspannung verursacht.

 

Plötzlich summt ein Handy im wohl bekannten „Vibrier-Ton“. Man stellt es stumm, aber es bleibt nicht stumm. Ein kurzes Umblicken im Wartezimmer. Die gleichgültigen oder suchenden Gesichter verrieten sofort, wer ein Handy bei sich trug. Das brummende Geräusch wollte nicht aufhören. Endlich griff die „Begleiterin“ in ihre Handtasche. Und antwortete in die Stille hinein. Kurz und knapp, aber laut und deutlich. Jeder konnte sich den Dialog zusammenreimen. Die Fragen aus den Antworten erkennen. Treffpunkt und Zeit wurden bestätigt.

 

Ein weiteres Handy erklang im Normalton. Es wurde sofort still gedrückt. Die Besitzerin wartete geduldig bis der Signalton sie informierte, dass der Anrufer auf die Mailbox gesprochen hatte. Zufrieden schloss sie ihre Handtasche. Später kann sie die Nachricht abhören. Irgendwann. Nach dem Besuch beim Arzt. Irgendwo. Draußen.

 

 

 

 

 

 

 

Das winzige Detail für den täglichen Ärger

 

 

 

Bin ich wirklich in einer anderen Welt? Ich will mich nicht auf meine grauen Haare beziehen, und schon gar nicht auf mein Alter. Diese Bemerkung habe ich früher bei älteren Menschen auch nicht ausstehen können. Aber ich komme mir langsam vor wie auf dem falschen Planeten. Ist es möglich, dass die Höflichkeit in Vergessenheit geraten ist? Kann es sein, dass die Respektlosigkeit keine Ausnahme mehr darstellt?

 

Freundlichkeit und Dienstleistungen paaren sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Was mich dabei so sehr ärgert: ich fühle mich steinalt, weil ich noch andere Zeiten erleben durfte.

 

Dazu ein kleines Erlebnis vom heutigen Einkauf in einem Supermarkt: ich hatte nur drei Päckchen Nudeln gekauft. Unsere Lieblingsmarke war gerade in diesem Supermarkt im Angebot gewesen. Ich stehe also an der Kasse, hole meine Münzen heraus und bezahle den kleinen Betrag. Anschließend bin ich dabei, meine restlichen Münzen und den Kassenbeleg in meine Geldbörse zu verstauen und diese zu schließen. In der Zwischenzeit öffnet mein Mann eine mitgebrachte Einkaufstasche, um die drei Päckchen dort zu verstauen. Das alles sind eigentlich ganz normale Vorgänge. Wäre da nicht die hastige Kassiererin gewesen. Sie hätte sich keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie meinem Mann die drei Päckchen über den schmalen Tisch gereicht hätte. Aber was tat sie? Sie stand ruckartig von ihrem Stuhl auf und schob ihre niedrige Eingangstür gegen meinen Mann mit den warnenden Worten: „Vorsicht!“ Schlüpfte durch die enge Öffnung, die gleichzeitig für die Waren diente und verschwand grußlos. Wir beide sahen uns an und schüttelten nur den Kopf.

 

Es mag für einige Haarspalterei bedeuten. Für mich ist es ein kleines Detail, das mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hätte, wenn sie meinem Mann behilflich gewesen wäre, oder, wie in diesem Fall, ein Ärgernis auslöste, das mich bis zum Auto begleitet hatte.

 

Leider füllt sich unser Leben tagtäglich mit solchen winzigen Details. Manchmal registrieren wir sie kaum noch. An anderen Tagen beschäftigten sie uns viel zu lange.

 

Es wäre schön, wenn wir uns wieder etwas besinnen würden und ein wenig empathischer miteinander umgehen könnten. Ein nettes Wort, eine höfliche Geste, ein freundliches Lächeln kostet nichts. Dafür ernten wir dankbare Blicke, wenn nicht gar staunende Gesichter. Sofort wird die Welt ein klein wenig lebenswerter, harmonischer...

 

 

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November - der Monat der Sinnlichkeit oder der Besinnung

 

 

 

Unsere Sinnesorgane lassen uns sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen. Da stellte ich mir die Frage: Wenn es drauf ankommen würde, man aber die Wahl hätte, auf welchen Sinn würde ich leichter verzichten können?

 

Vor blinden Menschen habe ich den größten Respekt! Nichts zu sehen und sich doch in der Welt zurechtfinden. Das ist für mich eine meisterhafte Leistung. Das denke ich jedes Mal, wenn ich mich in der vollkommenen Dunkelheit befinde und die Orientierung verliere. So geschehen, in einer Kugel im Museum. Oder, ganz einfach, wenn ich mich morgens leise aus dem Schlafzimmer schleichen will und meinen Mann nicht wecken möchte. Wie oft würde ich die Schranktür anstatt die Zimmertür öffnen. Dementsprechend ist dieser Sinn für mich äußerst wichtig.

 

Ich liebe die Stille. Ich will völlige Ruhe um mich, wenn ich schreibe. Aber deshalb ganz auf das Hören zu verzichten? Nein, da gibt es so einige Momente, die ich nun wirklich nicht missen möchte: dazu gehört, vor allem, gute Musik! Und jedes kleine Geräusch, dass ich wahrnehme, sagt mir doch viel über mein Umfeld aus. Es kann mich warnen. Es kann mich beruhigen.

 

Und wie steht es mit dem Tastsinn? Da kommt mir sofort in den Sinn, wie schön es sich anfühlt, wenn man einen geliebten Menschen umarmt! Oder, wenn die Hände ein neues Kleidungsstück prüfen: wie weich ist dieser Pullover, wie seidig glatt fühlt sich diese Bluse an. Fühlen ist demzufolge ungemein wichtig.

 

Während einer Erkältung kann man kurzfristig erleben, wie es ist, wenn Zunge und Gaumen nichts mehr unterscheiden. Wenn alles, was man in den Mund schiebt, keinen Geschmack mehr verbreitet. Ein Jammer für mich! Oder, positiv gesehen, die beste Gelegenheit für eine Diät! Da komme ich schon ins Zaudern. Wie würde das langfristig sein, nichts mehr zu schmecken? Vielleicht...

 

Dann bleibt also nur noch das Riechen. Wenn ich es mir so richtig überlege, komme ich auf eine längere Liste von unangenehmen Gerüchen als wenn ich angenehme Düfte aufzähle. Da bin ich sehr sensibel. Ich rieche schon von weitem, wenn etwas nicht passt.

 

 Das meine ich jetzt nicht im übertragenen Sinn! Es geht hier um unseren Geruchssinn und nicht um den fühlbaren Spürsinn. Der entspringt dem sogenannten sechsten Sinn, unserem Instinkt. Manche nennen es auch gerne Bauchgefühl. Und damit sind wir schon mitten in der eigentlichen Sinnlichkeit. Sie entspringt dem Komplex unserer fünf Sinne: Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen, Riechen lassen zusammen etwas Sinnliches wirken. Auf was würdet ihr, nur im Extremfall, verzichten wollen?

 

Viel Spaß beim ... (Be)Sinnen darüber...

 

 

 

Dieses Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen. ;-)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie kommt so viel Plastik ins Meer?

 

 

 

 

Mikroplastik in der Nahrungskette!

 

Zu viel Dreck in den Weltmeeren!

 

Unzählige Flaschen und Beutel und Gegenstände aus Plastik schwimmen im Wasser. Diese ekligen Bilder bekamen wir in den letzten Tagen überall serviert. Schluss damit! Den EU-Parlamentariern fiel nichts Besseres ein als ein Verbot einzuläuten. Keine Einweg-Plastiksachen mehr. Na toll!

 

Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Plastikgeschirr. Im Gegenteil. Aber ich kann gut verstehen, wenn es bei Kindergeburtstagen gerne benutzt wird. Da geht es nicht nur um den Abwasch danach, sondern auch um die Gefahr, sich mit Besteck zu verletzen. In Wartesälen oder Großraumbüros schätze ich den Wasserbehälter mit seinen Plastikbechern sehr. Das ist viel hygienischer als ein – vielleicht nur oberflächlich ausgespültes – Glas.

 

So könnte die Liste weiterwachsen. Plastik ist nun mal superpraktisch, resistent und oft hygienischer, weil es eben nur einmal benutzt und dann entsorgt werden kann. Und da sind wir schon bei der Ursache des Unglücks! Die Entsorgung von unserem Abfall! Hier geht es nicht mehr nur um das leidige Plastik. Hier geht es um alles, was irgendwann und LEIDER irgendwo weggeworfen wird!

 

Ganze Schulklassen werden dazu aufgefordert, den Dreck der Dreckigen aus der Welt zu schaffen. Egal, ob Strand oder Wald und Wiese. Kinder und Jugendliche sollen diese „soziale Arbeit“ übernehmen, werden dafür gelobt, fotografiert und in den Medien gezeigt.

 

Schämt euch!

 

Das ist genau die falsche Erziehung!

 

Ich muss den Dreck der anderen wegbringen, also kann ich auch meinen Dreck einfach dort hinschmeißen. Kommt ja bald die nächste Schulklasse.

 

Dieser Gedanke könnte so manchem Teenager durch den Kopf gehen.

 

Umgekehrt: damit wir das nicht machen müssen, sollten wir besser unseren Dreck richtig entsorgen.

 

Dieser Gedanke, hingegen, kommt selten an.

 

Die Kinder kann man aber noch dazu erziehen, sauberer und respektvoller mit der Natur umzugehen. Dazu brauchen sie, vor allem, das Beispiel der Erwachsenen. Da liegt das ganze Problem.

 

Wenn man mir dann drecküberladene Strände und Meere zeigt bekomme ich Gänsehaut vor Wut. Denn dort spielt eine ganz bestimmte Gattung der Menschen eine große Rolle: man nennt sie seit einigen Jahrzehnten TOURISTEN. Diese Gattung hat nichts mit Reisenden zu tun. Es gibt immer noch Menschen, die sich vernünftig benehmen können, auch wenn sie viel unterwegs sind, egal ob beruflich oder privat. Touristen reisen auch, möglichst billig, mit Flugzeug und Schiffen, aber gesellschaftsfähige Manieren kennen sie nicht. Anstand und Respekt, wenn sie diese Begriffe überhaupt kennen, lassen sie zuhause. Im Urlaub ist alles erlaubt. Da gibt es für viele keine Regeln mehr. Sie bleiben ja nicht an diesem Ort. Das ist hier Mantra im Hinterkopf.

 

Es ist nicht nötig, Plastik per se zu verbieten. Es ist dringend nötig, den Menschen eine gewaltige Gehirnwäsche zu verpassen. Wir sind mittlerweile viel zu viele hier auf diesem Erdball. Dementsprechend sollten wir uns einfach an der eigenen Nase fassen und ... sauberer werden!

 

Das hat nichts mit fanatischen Naturschützern zu tun!

 

Das bedeutet einfach:

 

ganz normalen Respekt für einander und für unseren Lebensraum an den Tag zu legen.

 

Noch mal:

 

Respekt und Toleranz wieder in Mode bringen,

 

damit das gegenseitige Vertrauen nicht ganz verschüttet wird.

 

 

 

 

 

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Gedanken beim Spazierengehen

 

Ich verlasse den separaten Gehweg und mache es mir auf der linken Seite der engen Straße bequem. Das hat mir schon meine Großmutter im jüngsten Kindesalter beigebracht. Immer gegen die Fahrtrichtung laufen, damit die ankommenden Autofahrer mich sehen können.

 

In diesen engen norwegischen Straßen wird mit sehr großem Respekt gefahren. Hin und wieder gibt es in der Nähe einer kleinen Ansiedlung ein Schild, das auf Kinder und Hunde hinweist.

 

Die Stille der Natur lässt jedes Auto schon von weitem ankündigen. Die Fahrzeuge kommen einzeln. Bisher sind mir noch keine zwei Autos hintereinander begegnet. Der Verkehr entspricht den weitläufigen Ansiedelungen. Mal ein Bauernhaus hier, dann wieder einfachere Wohnhäuser bis hin zu supermodernen Ferienbungalows. Zwischendurch ein paar sehr alte Häuser, teils unbewohnt, wenigstens lässt sich das auf die vom dichten Gras überwachsene Anfahrt hindeuten.

 

Im Wald plätschert das Wasser des Baches, der den See mit dem Fjord verbindet. Aber sehen lässt er sich nicht. Das wilde Gebüsch bietet ihm einen natürlichen Tunnel. Irgendwo da unten hatte jemand eine breite Holzbrücke gebaut. Der Weg zu ihr wurde in den Jahren von dichtem Gehölz und eifrigen Waldpflanzen überwachsen.

 

Neugierig laufe ich auf die dunkle Kurve zu. Sie scheint in einen dunklen Wald zu führen. Unerschrocken laufe ich hinein in das finstere Gehölz. Sobald ich jedoch die Kurve erreiche und ihre Richtung beibehalte wird es sofort hell und freundlich. Wieder tauchen Häuser aus dem Nichts auf. Die Straße führt zwischen ihnen hindurch bis hinunter zum Fjord.

 

Es ist still, unglaublich still. Kein Vogelgezwitscher, kein Grillengezirpe, nur hin und wieder der ferne Motor eines Autos. Die Landstraße hatte ich schon seit ein paar Minuten verlassen. Dieser enge Weg wurde im Grunde nur von den Anliegern benutzt. Oder von neugierigen Spaziergängern wie mich. Begegnet bin ich niemandem. Nur ein intelligenter kleiner Hund kommt hinter einem Haus hervor, bleibt jedoch auf seinem Rasen stehen, bellt nicht, wedelt nur mit dem Schwanz. Ich grüße ihn freundlich und gehe weiter.

 

Die Häuser zeigen mir den Baustil verschiedener Generationen. Dennoch werde ich überraschend daran erinnert, dass ich mich, trotz der ungewohnten Wildnis, im 21. Jahrhundert befinde. Plötzlich kommt mir am ansteigenden Wegrand etwas Dunkles entgegen. Ich musste schmunzeln, als ich den Roboter erkannte. In vielen Gärten ist er hier tätig. Ein paar Augenblicke sehe ich ihm bei seiner Arbeit zu. Es ist wirklich bewundernswert, wie toll er den Rand seines Gebietes erkennt und ebenso intelligent in die einzig freie Richtung weiterfährt.

 

 

 

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Meine zeitlosen Lieblingsstücke

Es gibt Tage, an denen kommt es mir vor, als wenn ich nur ein Seidentuch besitzen würde. Weil ich immer dasselbe trage. Schnell um den Hals gelegt. Locker über das Dekolleté drapiert.

 

Ich liebe dieses Tuch. Es passt auch sehr gut zu vielen Outfits. Und es berührt mich immer wieder, weil es seine ganz eigene Geschichte hat.

 

Vor unglaublich vielen Jahren, Anfang der Achtziger des letzten Jahrhunderts, wohnte ich in einem Nebengebäude eines alten Schlosses. Das Hauptgebäude hatten wir für unseren Firmensitz gemietet. 1300 historische Quadratmeter. Giuseppe Garibaldi soll dort einmal fast geheiratet haben. Auch eine tolle Geschichte.

 

Die angrenzenden Nebengebäude, früher wahrscheinlich für die Stallungen und ähnliches benutzt, waren schon vor über zwei Jahrzehnten in schicke Wohnungen im Landhausstil umgestaltet worden. Zwischen Mailand und Como sehr günstig mit der Autobahn verbunden, lockte diese ausgefallene Wohnanlage bald Künstler, Regisseure, Designer und Unternehmer in diese ungewöhnlichen Wohnstätten mit sehr eigenwilligen Zimmeraufteilungen.

 

Ich hatte zwei Zimmer mit Bad und offener Küche im ersten Stock gemietet. Neben mir befand sich eine Wohnung auf zwei Ebenen verteilt. Sie war von einer Designerin  gemietet worden. Eine nette Dame mit drei verrückten Hunden, darunter einem Dobermann, dem jeder aus dem Weg ging. Sie kreierte bunte Tücher für eine Seidenfabrik. Eines Tages kam sie auf mich zu.

 

„Marina, ich habe eine kreative Flaute. Du bist jung und ziehst dich immer gut an. Gib mir doch eine Inspiration. Was würde dir auf einem Tuch gefallen?“

 

Nun, da ich Löwen sammelte und überaus liebte, war es für mich ganz natürlich, ihr einen Löwen zu suggerieren. Einige Zeit später schenkte sie mir dieses Tuch aus reiner Seide. Als kleines Dankeschön für meine „Hilfe“. Denn, das Tuch war von Krizia übernommen worden, damals eines der großen neuen Erfolgslabels der gerade aufstrebenden Modedesigner in Mailand.

 

Ich pflegte mein gutes Stück immer sehr respektvoll. Viele Jahre lang hatte ich es auch nur in der Schublade. Doch jetzt bin ich ja voll im Alter der Seidentücher. Jetzt habe ich gerne etwas um meinen Hals, wenn die Falten zu stark hervortreten, wenn der Wind daran zerren möchte. In den letzten Jahren ist es mir sehr lieb geworden.

 

Und die Seide aus dieser Zeit ist qualitativ viel besser gewesen. Das kann ich auch von einem weiteren Lieblingsstück sagen, das wohl kaum einmal von mir aussortiert werden wird. Auch dieses Stück verbindet eine Geschichte voller emotionaler Erinnerungen.

 

Ich war schon immer sehr modebegeistert gewesen. Seit meiner frühen Jugend las ich die großen Modemagazine. Ein Designer hatte mich von Anfang an begeistert: Valentino. Sein Vorname genügte damals noch. Später benannte er die Accessoires-Kollektion mit seinem vollen Namen: Valentino Garavani.

 

Aber zurück in die Achtziger. Ich brauchte einen neuen Wintermantel und fand ihn in einer Boutique in Como. Der Mantel war schnell gefunden und gekauft. Ein weißer Wollmantel von ... na klar: Valentino. Ich konnte mir seine junge, etwas günstigere Kollektion schon leisten. Doch blieb es nicht bei einem Mantel. In einer Boutique stehen und hängen ja immer wieder Kleidungsstücke irgendwo im Blickfeld der Kundin. Das ist ein ganz natürlicher Marketingtrick. Mein Auge fiel auf eine Bluse aus schwarzer Seidenspitze. Hauchzart und verführerisch lockte sie mich näher. Die clevere Verkäuferin erkannte sofort meinen schmachtenden Blick und drängte mich sanft zu einer Anprobe. Huch, das war ein prickelndes Gefühl. Ich wollte mich bremsen, da die Bluse fast so viel wie der Mantel kostete. Aber das war sie es wert.

 

Dieses Stück hat mich mein Leben lang begleitet. In die Oper, ins Theater. Bei festlichen Abendessen und sogar unter einem Pullover fügte sie einen eleganten Touch hinzu.

 

 Natürlich hat auch diese Bluse viele Monate im Schrank gehangen und stets geduldig auf ihren Moment gewartet. Natürlich ist es auch sehr wichtig, dass die Konfektionsgröße noch passt. Aber ihre Eleganz und ihr Flair hat diese Bluse in all diesen Jahren nicht eingebüßt.

 

Das ist wahrlich zeitlose Klasse. Valentino Garavani hatte sie. Mein Seidentuch hat sie auch. Wir werden wohl noch einige Zeit miteinander verbringen...

 

Warum unser Lieblingsgetränk mehr Respekt verdient

 

Wie oft bin ich in der Würzburger Spiegelstraße an der Kaffeemanufaktur vorbeigegangen und hatte mir vorgenommen, das nächste Mal einzutreten, um hier einen frisch gerösteten Kaffee zu genießen. Aber die Zeit bleibt nicht stehen, und was man sich einst vorgenommen geht häufig im Strudel der Hektik unter. Umso begeisterter nahm ich die Einladung zu einem „Lady Treffen“ in der Kaffeerösterei im Rahmen der Business Class-Events der IHK an.

 

Der Kaffee war ausgezeichnet. Daran hatte ich auch nicht gezweifelt. Was mich sofort begeistert aufhorchen ließ, war die Geschichte, die dahinter steckte. Mein neugieriges Wesen erfuhr bedeutende Details, die ich nicht mehr für möglich gehalten hätte.

 

So wie die mühsame Handarbeit beim Pflücken der Kaffeekirschen. Ja, die Frucht der Kaffeepflanze nennt sich „Kaffeekirsche“. Ein sehr schönes Wort, das ich auch erst dazu gelernt habe! Sehr ansprechend, weil die Beeren in ihrer vollen Reife sich in ein tiefes Rot eintauchen, eben wie die Kirsche.

 

Die zumeist sehr steilen Berghänge der Anbauflächen erlauben keinen maschinellen Einsatz. Auch nicht im 21. Jahrhundert. Und zudem reifen nicht alle Kaffeekirschen zur gleichen Zeit. Sie müssen also ausgewählt abgepflückt werden. Jede einzeln. Mit der Hand. Es folgt eine ebenfalls manuelle Vorbereitung der Früchte bis sie endlich in Säcken auf Schiffe verladen und in die großen Häfen verfrachtet werden. Der Kaffee ist seit Jahrhunderten weltweit sehr beliebt und kaum jemand kann sich heutzutage seinen Tagesablauf ohne das aromastarke Energiegetränk vorstellen.

 

Seine schwindelerregenden Zahlen, ließen mich zu einem weiteren Gedanken kommen. Wenn ein Pflücker eine Woche benötigt, um einen Sack voll zu bekommen, wie viele Menschen haben hier einen festen Arbeitsplatz? Oder haben auch die Kaffeebauer schon Schwierigkeiten, gute „Fachkräfte“ zu bekommen?

 

 Jedoch blitzte diese Überlegung nur sekundenkurz durch meinen Kopf. Die Geschichte des Kaffees war einfach viel zu interessant, als dass ich mich weiter ablenken konnte. Ein flüchtiger Blick in die Runde bestätigte mir, dass ich mit meiner Begeisterung nicht alleine hier saß.  

 

Wenig später gruppierten wir uns vor eine traditionelle Röstmaschine und lauschten dem nächsten interessanten Vortrag, während die Rohkaffeebohnen sich gerade in dieser Trommel zu den besser bekannten braunen Kaffeebohnen verwandelten. Dabei entsprang diesem Gerät ein Aroma, das allein schon alle meine Gehirnzellen aufmunterte. Nachdem ich gelernt hatte, dass der beste Kaffee vorzugsweise schwarz zu trinken sei, gingen wir auch schon auf die nächste Überraschung zu.

 

In der Zwischenzeit hatten einige Mitarbeiter des Ladens in einem anderen Raum ein „Cupping“ vorbereitet. So nennt sich eine professionelle Kaffeeprobe. Dabei wird aus einem breiten Glas der vorbereitete Kaffee mit einem Löffel regelrecht auf die Zunge geschlürft. Anschließend muss man einen Schluck Wasser trinken, damit Zunge und Gaumen sich neutralisieren und den Eigengeschmack der nächsten Kaffeeprobe wieder erkennen können. Fünf verschiedene Kaffees aus fünf verschiedenen Anbaugebieten von Äthiopien über Indien bis über die Karibik nach Mittelamerika standen bereit.

 

Damit nicht genug.

 

Ich liebe Kaffee, trinke fast ausschließlich Espresso, aber zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten schätze ich auch eine gute Tasse Tee. Das habe ich in England gelernt. Und im Sommer gibt es nichts Besseres für heiße Tage als marokkanische Minze. Heiß getrunken wirkt sie sofort gegen Hitze und balanciert die Körpertemperatur perfekt aus. Deshalb wunderte ich mich nicht, als wir vor gut 70 verschiedenen Teesorten standen.

 

Und wer sich in der kalten Jahreszeit gerne eine heiße Schokolade zubereitet, kann hier ebenfalls ausgesuchte Qualitäten dafür finden.

 

Es war ein ganz besonderes Erlebnis, mit allen Sinnen zu erfahren, wie viel Herzblut hinter unserem Lieblingsgetränk steckt. Wir sollten nicht immer alles für selbstverständlich halten.

 

Seit einiger Zeit bereite ich meinen Espresso mit einer aromatischen Fair-Trade-Mischung zu. Warum sie so magenfreundlich ist, das erfährt man am besten bei einem Kaffee-Seminar ... in der Kaffee Manufaktur von Andrea Werner. Man spürt ihre Begeisterung bei jedem Wort. Sie liebt ihre Arbeit und ist sich voll der Nische bewusst, die sie im großen Meer der industriellen Kaffees seit 15 Jahren erfolgreich aufgebaut hat.

 

Ab heute trinke ich meinen Espresso mit noch mehr Respekt für alle involvierten und engagierten Kaffeebauern rund um den Äquator. 

 

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Der Herbst

 

 

Nur eine Jahreszeit? Für manche auch ein Gemütszustand. Für andere eine Altersangabe. Für mich ein Synonym für Trauer und Traurigkeit. Nicht umsonst fallen die meisten Trauertage in die herbstlichen Monate des Oktobers und Novembers.

 

Der Sommer verabschiedet sich langsam, aber unwillkürlich. Die Bäume leuchten noch einmal richtig auf mit wunderschönen warmen Farben, bis sie endgültig das dichte Blätterkleid ablegen. Die Sonne versucht ihre Strahlen durch die dicken Regenwolken und die dampfenden Nebelschleier zu bringen, aber ihre Wärme verliert tagtäglich an Kraft und Einfluss.

 

Die Natur bereitet sich auf den Winter vor. Der Mensch muss sich ihr fügen. Seine Uhrzeit wird (vielleicht zum letzten Mal) umgestellt, was ihm aber kaum hilfreich ist. Den vielen dunklen Stunden, die da im Kommen sind, muss die Stirn geboten werden. Mit heimeligen Kaminfeuern, mit idyllischen Kerzenlichtern, mit heißen Getränken und süßen Plätzchen. Eine kuschelige Decke um die Beine und ein gutes Buch in der Hand, vielleicht auch noch eine lauschige Musik dazu. Damit kann Seele und Geist in eine andere Welt abtauchen. Regen und Kälte bleiben draußen.

 

Das Absterben der Natur wird vom Menschen bewusst oder unbewusst ausgeglichen. Nach vielen Stunden im Freien besinnt man sich wieder auf die eigenen vier Wände. Es werden wärmere Farben ausgesucht. Von Orange bis Braun streichelt jede Nuance unsere Seele. Die Düfte werden intensiver. Es darf nach Holz, nach Kastanien, nach Geborgenheit riechen. Dazu tragen auch die zahlreichen Plätzchen bei, deren Backzeit nun beginnt.

 

Neue Lokale werden entdeckt. Sie müssen gemütlich sein, einladend und bequem. Shoppen war gestern, heute wird heiße Schokolade getrunken und über das letzte Konzert oder den neuesten Film gesprochen. Oder einfach nur chillen und philosophieren.

 

Ohne Sinn ergibt in manchen Tagen auch einen Sinn.

 

 

Ich wünsche euch allen eine wunderschöne, farbenprächtige Herbstzeit mit viel Sonne und erholsamen Spaziergängen in der Natur, in Begleitung von guten Freunden und lieben Menschen, die euch inspirieren, die euch helfen und trösten, damit ihr Kraft und Energie tanken, euren Geist und eure Seele in die richtige Balance bringen könnt, damit es euch gut geht!

 

 

 

 

 

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Danke Tübingen!

 

 

 

 

Ich habe einen irren Tag hinter mir! Aber es hat sich gelohnt!

 

Vor einem knappen Jahr bekam ich die Diagnose: Retinitis pigmentosa. Eine seltene Netzhauterkrankung, bei der sich das Gesichtsfeld von außen nach innen verkleinert bis hin zu einem Tunnelblick und im schlimmsten Fall, kann sie letztendlich zur Erblindung führen. Retinitis pigmentosa ist vor allem vererblich. Jedoch fand ich in meiner Verwandtschaft keine ähnliche Erkrankung. Ich hatte auch keinerlei Beschwerden oder Einschränkungen beim Sehen. Deshalb blieb ich erst einmal skeptisch.

 

Ich wurde in eine Augenklinik überwiesen. Dort führte man ein halbes Dutzend Untersuchungen durch. Mit dem Fazit: die Krankheit scheint stabil, kommen Sie in drei Monaten wieder. Es war Winter und ich konnte mich noch immer nicht mit dieser Diagnose anfreunden. Warum? Weil ich sehr gut sehe. Weil ich sehr gut Autofahren kann. Weil ich nur nach längeren Stunden am Laptop einen unangenehmen Druck spüre. Der sich jedoch mit einer Portion Feuchtigkeit durch gute Augentropfen sofort beruhigen lässt. Ich kenne meine Schwäche. Da ich kaum blinzele, wenn ich am Laptop sitze, trocknen meine Augen noch mehr aus. Damit lebe ich seit Jahrzehnten. Schließlich arbeite ich seit 1989 mit einem Computer.

 

Immer noch skeptisch, begann ich zu recherchieren. Für was gibt es denn Internet?! Es war mir einfach nicht möglich, mich mit dieser Diagnose zufrieden zu geben. Weder der Augenarzt noch die Augenklinik konnten mir den Ursprung erklären, noch wie ich mich pflegen kann, damit der jetzige Status stabil bleiben würde. Unter Kontrolle halten, war die Devise. Nur, die Untersuchungen sind keineswegs angenehm. Mag ich auch etwas sensibler sein. In meinem Alter sind drei Monate gefühlte drei Wochen. Die Distanz gefiel mir überhaupt nicht.

 

Meine Recherchen führten mich zur Uni-Augenklinik in Tübingen. Dort war man spezialisiert auf diese seltene Augenkrankheit. Gute vier Monate musste ich auf meinen Termin warten. Dann war es so weit. Zweieinhalb Stunden Autofahrt und ich war in der Universitätsstadt. Die Auffahrt zu den nagelneuen Uni-Kliniken war sehr gut beschildert. Sie sind erst 2016 eingeweiht worden! Ich ging durch helle, großzügig angelegte Räume mit bequemen, weichen Stühlen und Sofas. Von der Anmeldung bis hin zu den Ärzten und Laborangestellten fand ich nur freundliches, zuvorkommendes Personal. In vier Stunden hatte ich mein halbes Dutzend Untersuchungen und noch zwei weitere hinter mir.

 

Dann kam das abschließende Gespräch des Oberarztes! (Ich liebe junge Ärzte, am kompetentesten sind sie zwischen 35 und 45 Jahren.) Er klärte mich mit sehr gut verständlichen Worten ohne Umschweife auf: die Retinitis pigmentosa ist an sich schon eine seltene Augenkrankheit. Meine Version ist noch seltener. Im „Normalfall“ beeinträchtigt sich das Gesichtsfeld rundum jedes Auge. Bei mir ist nur ein Teil des Auges, und zwar die äußere Seite betroffen. Deshalb sehe ich mit zwei Augen auch (noch) sehr gut, weil sie sich kompensieren. Was dem einen Auge fehlt, das bringt das andere auf und umgekehrt.

 

Für den Ursprung dieser Seltenheit ist die Sonne verantwortlich! Ja, das kann ich sehr gut verstehen. Seit über zwei Jahrzehnten fehlt dem heißen Planeten der Ozonfilter. Jedoch haben wir Erdenbürger uns nicht sofort damit beschäftigt. Manche tun es ja auch jetzt noch nicht.

 

Die Sonne hat mir in meinem Leben schon öfter geschadet. Vor knapp fünf Jahren musste ich mir ein Basaliom an der rechten Schläfe entfernen lassen. Dieser gutartige Hautkrebs wird von den Sonnenstrahlen ausgelöst. Es hat lange gedauert bis ich mich an die Narbe gewöhnt hatte. (Habe ich das wirklich?) Vor drei Jahren, und hier kommen auch der Laptop und die LED-Lampen mit ins Spiel, bemerkte ich einen kleinen, roten Fleck mitten auf der linken Wange. Zunächst dachte ich wieder an ein Basaliom und war schon sehr beunruhigt. Dann stellte sich heraus, dass es sich um einen „Lichtschaden“ handelte. Ich bin demzufolge leider sehr anfällig dafür.

 

Nachdem dieser technische Teil der Diagnose abgeklärt war und mir auch versichert wurde, dass ich in absehbarer Zeit keineswegs um meinen Führerschein bangen muss, (wie es mir andernorts beinahe kategorisch verordnen worden war) kam die nächste Überraschung: ich saß dem ersten deutschen Arzt gegenüber, der sich mit mir über Ernährung unterhielt! Das ist mir bisher noch nicht vorgekommen! In der Vergangenheit hatte ich zwei Augenärzte direkt daraufhin angesprochen und negative Antworten erhalten. Hier hörte ich begeistert zu! Viel buntes Gemüse, wenig Fleisch, und viel Fisch, weil OMEGA-3 superwichtig für die Augen ist. Und bitte nicht mehr ohne Sonnenbrille und breitkrempigem Hut aus dem Haus, wenn draußen die Sonne scheint. Ich habe in meinem Leben schon immer Sonnenbrillen getragen, jedoch waren die Seitenbügel gerne sehr dünn. Das muss ich nun ändern.

 

Das sind doch mal vernünftige Ratschläge, mit denen ich viel mehr anfangen kann, als mit „es gibt noch keine Tabletten für ihre Krankheit“.

 

Am Ende kam noch ein kleines Sahnehäubchen: wir würden eine Kontrolle in ZWEI JAHREN wieder ansetzen! Demnach waren die drei, vier Monate der anderen Augenklinik nichts anderes als Arbeitsbeschaffung. Selbstverständlich werde ich wieder nach Tübingen fahren! Auch wenn bis dahin höchstwahrscheinlich neue Ärzte die Untersuchungen und Gespräche vornehmen werden. Ein Grund mehr, auf immer frische Gehirne vertrauen zu können. Wenigstens sehe ich das so.

 

Deshalb stelle ich meinen Laptop auch tagsüber auf „Night Shift“. Dadurch werden die blauen Strahlen leicht gelblich. Dieser Zustand ist idealer für die Augen, besonders bei langfristigen Arbeiten. Bei meiner Ernährung muss ich nicht viel umstellen, da ich seit meiner Zeit in Italien ohnehin viel lieber Fisch als Fleisch und Wurst esse. Da die Ursache meiner Erkrankung von äußeren Einflüssen abhängt, die ich regeln kann, werde ich auch das Nötige veranlassen.

Ich bin auf jeden Fall erleichtert.

Vielen Dank, Tübingen!

 

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Der neue Lyrikband von Xenia Hügel

 

 

 

Während ich eine Sprache in eine andere übersetze, vertiefe ich mich in jedes Wort und suche den Sinn zwischen den Zeilen zu erfassen, bevor ich ihn in die andere Sprache weitergebe.

 

Ich tauche ein in die Gefühlswelt der Künstlerin, in ihre Art und Weise, die Welt zu betrachten, die Liebe zu (er)leben, ihre Empfindungen mitzuteilen. Das gelingt Xenia Hügel besonders gut! Ihre Poesie ist mitunter auch eine zärtliche Herausforderung für den Leser. Diese Zeilen wollen eindringen, wollen ankommen, wollen aufwühlen!

 

 

 

Liebe in 1000 Farben

 

erscheint am 15. August im net-Verlag.

 

Alle Lyrikfreunde sollten sich diesen Tag in ihrem Kalender ankreuzen!

 

 

 

Jede Zeile ist eine Liebeserklärung! An die Seele. An das Herz. An eine Stimmung. An die Heimat. An die Freundschaft. An die Zeit. An die Kraft des Glaubens. An die Liebe selbst, mal versteckt, mal direkt angesprochen. Und, immer wieder, an die Familie. Diese tiefe Zusammengehörigkeit durchdringt ein wunderschönes Liebeslied, hallt in Unser Haus aus jeder Silbe und findet seinen Höhepunkt in der gleichnamigen Poesie Familie.

 

Wer Xenia Hügel kennt und ihre Lyrik liebt, wird sich auf eine weitere Überraschung freuen: 36 Poesien hat diese großartige Poetin in dem Band Liebe in 1000 Farben zusammengetragen und mit ebenso vielen Bildern der Künstlerin Irene von Müller-Liebig illustriert. Diese Bilder verbinden sich wunderbar mit der Poesie.

 

Hier meine Eindrücke, die zu einer Hommage an die Abstraktion geworden sind:

 

 

 

Ein Herz, das mit der Sonne verschmilzt

 

- farblich wie mit ihren Formen-

 

 

 

Ein Tropfen, dessen „Nicht-Farben“ an die Ewigkeit erinnern,

 

versteckt eine Figur, die sich kniend etwas ansieht

 

- so sehe ich dieses Bild -

 

 

 

Farbliche Strömungen, aus denen versteckte Augen

 

den Betrachter observieren

 

- oder war das nur (m)eine Impression -

 

 

 

Eine Poesie möchte ich noch besonders hervorheben,

 

weil sie mich emotional sehr stark berührt hat:

 

 

 

An einem einzigen Tag

 

 

 

Die letzte Zeile lautet:

 

 

 

Vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl will ich bei dir sein –

 

jeden einzelnen Tag.

 

 

 

Diese Zeile umarmt wunderbar meine Liebe, seit 38 Jahren!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hiroyuki Masuyama in Würzburg

 

Vor gut zwanzig Jahren besuchte ich mit meinem Mann die Tate Gallery in London. Es ging mir dabei vor allem um die permanente Ausstellung der Gemälde William Turners. Seine verwaschenen Farben, die so gut wie jede Landschaft mit einem Hauch Nebel durchzogen, faszinierten mich. Mein Mann entdeckte zwischen vielen Meeren und Schiffen die Festung von Würzburg. Er liebt diese Stadt, nicht nur wegen dem überwältigenden, 600 qm großen, Tiepolo-Fresko in der Residenz. Entzückt betrachtete er dieses Bild inmitten von London, das ihn an eine nette, kleine Stadt in Deutschland erinnerte.

 

Heute wohnen wir in der Nähe dieser immer noch sehr attraktiven Stadt mit seinem regen Kulturleben. Wir schätzen ihre Kunstwerke und kennen ihre Museen.

 

In der lokalen Tageszeitung hatte ich einen interessanten Artikel gelesen, dass eben dieses Werk von Turner (und andere) von einem japanischen Künstler fotografisch überarbeitet worden ist. Neugierig fuhren wir ins Museum.

 

Schon bei dem Betreten des ersten Saales wurden wir von Hiroyuki Masuyama überwältigend empfangen. Eine nicht enden wollende Bildfolge, die eine wunderschöne Wiese mit ihren farbenprächtigen Blumen darstellte, auf der sich frische kleine Wasserfälle und Bäche fröhlich abwechselten, füllte die Wände dieses großen Saales mit ihrer vollen Pracht aus. Genau das richtige an einem heißen Sommertag! Die bunten Farben wirkten durch die Beleuchtung von innen noch intensiver. Diese Besonderheit charakterisierte auch die anderen Arbeiten von Hiroyuki Masuyama. Er hatte die Gemälde von William Turner, Caspar David Friedrich und weiteren Malern des 19. Jh. aufgenommen und am Computer auf seine ganz eigene Art und Weise überarbeitet. Dadurch entwickelten sich ihre Farben und Pinselstriche völlig neu. Dieser „Anstrich“ hauchte den antiken Gemälden eine neue Seele ein, mit der sie beschwingt ins 21. Jahrhundert herüberkamen, als wären sie erst gestern entworfen worden. Entzückt betrachteten wir die zahlreichen Werke mit den verschiedenen Ansichten von Venedig, Rom, den Schweizer Bergen und Seen, sowie natürlich zwei wunderschöne Darstellungen der Festung, die seit einigen Jahrhunderten über Würzburg ragt.

 

Ein paar Schritte weiter erwartete uns die nächste lange Sequenz mit unzähligen, aneinander gereihten, Fotografien. Doch vergebens suchte man die Schnittstellen. Auch hier gab es eine Unendlichkeit zu entdecken. Der Künstler hatte dazu eine 42stündige Weltreise unternommen. Mit dem Flugzeug war er einmal um den Erdball geflogen und hatte, nach eigenen Angaben, alle 20 Sekunden ein Foto geschossen. Zwischen Wolken und Erdboden war es hin und wieder sehr dunkel. Die Erde war in ihren Ballungszonen mit den bekannten Punkten beleuchtet, die man auch selbst beobachten kann, wenn man bei einem Nachtflug aus dem Fenster sieht. So wird dieses Werk nicht nur zu einer Reise um die Welt, sondern auch zu einer Reise in die Zeit.

 

Richtig erfrischend wurde es, als ich mich umdrehte und das gigantische Bild des Montblancs bewunderte. Diesen Berg hatte Hiroyuki Masuyama ebenfalls mit einem Flugzeug umkreist. Die daraus entstandenen Bilder, schön aneinander gereiht, damit es einem beinahe schwindlig werden konnte, waren neben dieser übergroßen Aufnahme des Gipfels ausgestellt. Ihre kolossale Wirkung auf den Betrachter wohl bewusst.

 

Wir waren begeistert von dieser Kraft und dem Genie, jahrhundertealte Gemälde mit der Hightech Fotografie des 21. Jahrhunderts neu zu gestalten. War noch die Wiese ein Farbenrausch und die Wasserpräsenz erfrischend, so übertrugen die Aufnahmen aus der Höhe einen berauschenden mentalen Flug über unsere Welt, unsere Erde.

 

Wer sich noch nicht genug aufgewühlt hatte, der konnte sich den ultimativen Kick in der begehbaren Holzkugel holen, die im großen Foyer aufgestellt ist. Einmal drinnen musste ich mich erst langsam an die völlige Dunkelheit gewöhnen. Dann aber gingen abschnittweise die Sterne auf. Über mir die nördliche Hemisphäre, unter mir die südliche Hemisphäre. 30.000 Löchlein und Löcher hatte Hiroyuki Masuyama, getreu nach den hierzu vorliegenden Sternkarten, in die Holzwände gebohrt und mit Lichtleiterkabeln verbunden. Sodass man an einem Ort etwas Einzigartiges sehen konnte, das in der Realität nicht möglich wäre. Mal schaute ich nach oben, mal staunte ich nach unten. Behutsam versuchte ich aufzustehen. Es war möglich. Die Kugel war groß genug. Doch die Dunkelheit, das ganz besondere Echo im Inneren, das bei jeder Bewegung leise Töne erzeugte, wie ein ferner Gong. All das hatte mir meine Orientierung genommen. Ich war gefangen im Sternenhimmel des Universums. Mit beiden Händen suchte ich vergebens die Luke zum Ausgang. Erst als mein Klopfen und mein Rufen von außen gehört wurden, sah ich den Lichtspalt der Realität. Ich war, fast einen Meter, zu weit rechts von der kleinen Öffnung gelandet. Diesen Ausflug ins universelle Firmament werde ich so schnell nicht vergessen.

 

Bis zum 4. November ist es möglich sich im Kulturspeicher in Würzburg ein Stündchen Zeit zu nehmen und sich diese unwiederbringlichen Emotionen zu gönnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich selbst noch einmal in den Genuss kommen werde...

 

Der Ekel ... der ersten Seite

 

Jean-Paul Sartre – Der Ekel

 

 

 

Dieses Buch hat sehr lange Jahre auf mich warten müssen. Es hat mich bei meinen zahlreichen Umzügen in den letzten drei Jahrzehnten begleitet! Bücher sind treue Freunde. Irgendwann ist ihre Zeit da. Dann freuen sie sich, wenn man ihre Seiten öffnet. Jeder Luftzug wird mit einem ganz besonderen Duft begrüßt. Der Duft einer anderen Epoche. In diesem Fall hat er mir geholfen, mich sofort um ein ganzes Jahrhundert und noch weiter vom Jetzt zu entfernen.

 

Wie so oft, waren die ersten Seiten keineswegs einladend. Ich kann niemanden verstehen, der Bücher nur kauft, wenn ihm die erste Seite gefällt. Das sind keine guten Leser. Sie werden sich sehr viele schöne Bücher entgehen lassen. Oder: es sind nur faule Leser, deren „Kopfkino“ sich nicht anstrengen will, die sofort in die Geschichte eintauchen wollen; dem Autor keine Zeit geben sich „einzuschreiben“.

 

Ich gebe einem Buch grundsätzlich 50 Seiten. Das ist mein Limit. Dann muss es mich überzeugt haben. Die ersten Seiten sind manchmal einfach holprig. Man muss sich erst an einen vielleicht etwas eigenwilligen Stil gewöhnen. So wie hier, bei Sartre.

 

Vor zig Jahren hatte ich Die Wörter gelesen und genossen. Nun war Der Ekel an der Reihe. Ein Roman mit minimaler Handlung, der langsam in eine Tiefe geht, aus der man nicht mehr auftauchen möchte. Zuweilen wird man wachgerüttelt durch knackig kurze Sätze, die mir vorkamen, als würde ich auf einer holprigen Straße fahren. Doch dann wurde ich wieder hineingezogen in die Denkweise des Ich-Erzählers. Ich begleitete ihn auf seinen mentalen Reisen in eine eigene Gedankenwelt. Ich wunderte mich zuweilen über seine „bunten“ Erinnerungen. Der größte Teil des Romans könnte in blassen, verwaschenen Farben eingetaucht sein. Ich teilte seine Sehnsucht, als er sich auf die Begegnung mit seiner wohl einzigen Liebe gefreut hatte.

 

Ich liebte vor allem seine Details, diese unglaublich schön geschilderten Nebensächlichkeiten, die man kaum aufnimmt im realen Leben. Und doch sind sie da, werden von uns oberflächlich registriert und sofort wieder verworfen. Kein Platz für das oft Unschöne in der nächsten Umgebung. Besonders auffallend war die Beschreibung der Menschen um ihn herum. Ich konnte diese Aufmerksamkeit des alleinlebenden Mannes sehr gut teilen. Diese Situationen waren vor dem Zeitalter des Smartphone eine der liebsten Beschäftigungen der Menschen gewesen: Andere zu beobachten, zu begutachten, zu kritisieren. Mit einem Lächeln erinnere ich mich daran. Die heutige Generation kennt diese Gegebenheiten überhaupt nicht mehr.

 

Dieses Buch wurde 1928 geschrieben. Seine mentale Tiefe bringt so viele Themen auf, die auch heute noch sehr aktuell sind. Ich habe das Buch in wenigen Tagen verschlungen. Nachdem ich einmal eingetaucht war, hatte mich jede Seite aufs Neue fasziniert. Manche Maxime habe ich mir herausgepickt, habe über sie nachgedacht, vielleicht auch den entsprechenden Absatz noch einmal gelesen. Am Ende wiederholte ich die letzten beiden Seiten zweimal. Wie eine Zugabe, wie ein Nachklingen, das doch bitte nicht so schnell verklingen sollte...

 

Wenn ich mich wirklich noch einmal in dieses Buch vertiefen möchte, dann werde ich wohl die Originalausgabe dazu erwerben. 

 

Xenia Hügel in Miltenberg

 

Miltenberg im Odenwald. Eine interessante Stadt, die ihre alten Fachwerkhäuser so gut pflegt, dass man den aufgemalten Jahreszahlen über den Türen kaum glauben mag. Man sieht ihnen ihr Alter einfach nicht an. Überraschend freundlich sind auch die Bewohner dieser netten Stadt. An Touristen sind sie nicht nur gewöhnt, die geben ihnen sofort den Eindruck, dass sie äußerst willkommen sind. Jedenfalls konnte ich mich keine Minute umsehen, ohne dass mich nicht schon jemand angesprochen hätte, ob ich etwas suche, ob er behilflich sein kann. So viel Freundlichkeit gibt es nicht überall.

 

In der Jakobuskirche war eine Matinée im Programm. Die Poetin Xenia Hügel las ihre einfühlsame Lyrik vor und Alexander Huhn improvisierte an der Orgel. Es war ein außergewöhnlicher Klangraum. Ein wunderschönes Wort und sehr treffend für diese Kunstdarbietung zum Aperitif.

 

Ich freute mich ungemein, als Xenia Hügel begann, ihre Poesie vorzutragen. Das tat sie mit einer feinfühligen Modulation, die durch sehr taktvolle Pausen unterstrichen wurde. Auch dies ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Für mich war es eine neue Erkenntnis.

 

Ich hatte in den letzten Wochen das Privileg gehabt, ihre neue Lyrik übersetzen zu dürfen. Eine wunderbare Herausforderung, der ich mich mit akribischer Leidenschaft gestellt habe.

 

Nun hörte ich diese gefühlsbetonten Zeilen mit einer klaren Stimme, deren Betonung mich noch mehr ins Schwärmen brachte. Die Wörter bekamen einen neuen Klang, den ich sehr zu schätzen wusste.

 

Mitunter trafen sich unsere Blicke und wurden begleitet von einem Lächeln, in dem sich freundschaftliche Komplizen begegneten, in dem die Sympathie sich mit der Harmonie verbunden hatte.

 

Nächsten Donnerstag gibt es wieder eine Begegnung mit Xenia Hügel. Wieder in einer suggestiven Location. Am See in Walldürn - Gottersdorf. Es wird wohl ein angenehm lauer Sommerabend werden...

 

 

Goethe und die Gespräche mit Eckermann

 

Fast drei Monate habe ich für die knapp 700 Seiten reiner Lesestoff der Gespräche Eckermanns mit Goethe benötigt. Einleitungen und endlose Fußnoten interessieren mich nur gezielt. In diesem Fall war die Einleitung hintenan gesetzt worden. Dennoch habe ich, keine drei Seiten davon gelesen. Ich wollte mir nicht meinen guten Eindruck von einer sehr kritischen bisweilen gar unschönen Opinion demolieren lassen.

 

Es war so schön und geistreich in der Gesellschaft von Goethe und seinem, zugegeben: sehr erhabenen, Eckermann! Ja, wie er genau zu Goethe gestanden haben mag kann ich nur vermuten. Ihre Beziehung war doch sehr verschwommen. Eckermann genoss die Stunden mit seinem “Idol“, wenn ich dieses, eigentlich moderne, Wort verwenden darf. Er vergötterte Goethe. Und Goethe, ja der alte Meister nutzte diese Begeisterung auf eine ganz clevere Art und Weise aus.

 

Es ist ein dickes Buch mit dünnen Seiten, wie ich es gerne habe. Eingebunden in schönem, rotem Leinen, bleiben die beinahe hauchdünnen Seiten über Jahrzehnte hinweg gleich und bekommen keinen gelben Schimmer. Der geflochtene Seidenfaden ist für mich immer noch das eleganteste Lesezeichen. Schließlich tragen diese, für manche vielleicht unbedeutenden, für mich jedoch überaus wichtigen Details sehr zu meinem Lesevergnügen bei.

 

Ich genoss jede Zeile. Es war ein wunderbarer Einblick in das alltägliche Leben der Zeit zwischen zwei Jahrhunderten. In diesem Fall ging es vom 18. ins 19. Ebenso konnte ich meine Geschichtskenntnisse auffrischen. Goethe hat mich überrascht mit seinen, bis ins hohe Alter gepflegten Sprachkenntnissen. Er diskutierte gerne die Tagesereignisse, die er sich aus einer englischen und einer französischen, sowie natürlich auch aus einer deutschen Zeitung in den Originalsprachen einholte. Ich war nicht wenig erstaunt über die damaligen Kuriere. Wenn Eckermann vom Piemont nach Genf knapp sechs Wochen mit der Kutsche benötigte, dann frage ich mich schon, wie alt die Zeitungen wohl gewesen sein werden, die Goethe aus Frankreich und aus England erhalten hatte.

 

Wie dem auch sei, Goethe war ein Mensch, den ich liebend gerne persönlich kennengelernt hätte. Wir haben unzählige Ansichten und Meinungen gemeinsam. Ebenso verbindet uns die konstruktive Neugierde über alles, was unser Verstand zu begreifen im Stande wäre. Nur eines trennt uns: die damalige Differenzierung zwischen Mann und Frau. 

 

Zwischen Goethe und mir liegen die zwei bedeutendsten Jahrhunderte, in denen die Weltgeschichte ihre rasantesten Fortschritte vollzogen hat. Und doch bin ich überzeugt, dass dieser vielseitige Denker und überaus kultivierte Mann seine Freude an diesen Progressen gehabt hätte.

 

 

 

 

 

Mein Referat über Heinrich Böll

 

 

Vor 33 Jahren war Heinrich Böll gestorben.

 

 Diese Nachricht las ich gestern auf Twitter. Wie viele Erinnerungen kamen da in mir hoch. Ich konnte fast nicht mehr arbeiten. Dennoch musste ich mich konzentrieren.

 

Heute habe ich mir die Zeit genommen und ein paar uralte Blätter aus einem Ordner geholt, der so einiges aus meiner Vergangenheit aufbewahrt. Die Buchstaben verbleichen nach und nach auf dem Papier, das ebenso langsam einen gelblichen Ton von der Zeit bekommt.

 

Ich habe den Text abgeschrieben, in meinen Laptop. Die Sprache habe ich beibehalten, ebenso die Schreibweise. Es handelt sich um ein Referat, das ich 1976 für den Deutsch-Unterricht geschrieben hatte.

 

Zu Beginn des Schuljahres waren wir damals aufgefordert, einen bedeutenden Schriftsteller der deutschen Literatur auszuwählen und über sein Leben und sein Werk zu referieren.

 

Ich hatte mich für Heinrich Böll entschieden. Herausforderungen waren schon immer meine Leidenschaft gewesen.

 

 

Hier möchte ich heute das Referat veröffentlichen, als Hommage für seinen Todestag, aber auch als Aufruf, diesen überragenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts nicht zu vergessen.

 

 

Heinrich Böll: Leben und Werk

 

Inhalt und Deutung von “Ansichten eines Clowns“

 

 

Heinrich Böll ist im schlimmsten Hungerjahr des 1. Weltkrieges geboren, am 21. Dezember 1917 in Köln. Dort ist er aufgewachsen und hat nach 13 Schuljahren sein Abitur gemacht. Er ist streng katholisch erzogen worden und ist es bis heute auch geblieben. Das wohl schwerwiegendste Ereignis seiner Jugend war die Machtübernahme Hitlers als er 15 Jahre alt war. Böll sagte einmal, daraufhin angesprochen: „Komische Sache, es blieb mir erspart, Nazi zu werden, obwohl meine Jugend dafür prädestiniert war.“ Hitler hatte damals nämlich seine begeistertsten Anhänger unter den Jugendlichen gefunden.

 

Dann kam die Währungskrise: „Erinnerung an das erste Geld, das ich in die Hand bekam: es war ein Schein, der eine Ziffer trug, die Rockefellers Konto Ehre gemacht hätte: 1 Billion Mark; ich bekam dafür eine Zuckerstange...“

 

1938 wurde er in einer Buchhandlung Lehrling. Während seines Germanistikstudiums arbeitete er in der Werkstatt seines Bruders, dem eine Tischlerei gehörte. Böll studierte nur drei Monate Germanistik, dann kam der Krieg. Dem Wehrdienst konnte auch er nicht entfliehen, obwohl er ihn verabscheute, so wie er Faschismus, Nationalsozialismus und Kriegstreiberei verabscheute. Den 2. Weltkrieg erlebte er von Anfang bis Ende als Infanterist. Er lernte die Welt von Cap Gris-Nez bis Rußland kennen. Im Krieg wurde er viermal verwundet. Das Durcheinander des Krieges ekelte ihn an. (Später fand man dieses Gefühl sehr häufig in seinen Romanen, besonders in den ersten, wieder.) Nach sechs Jahren Krieg landete er zuerst in englischer, dann in amerikanischer Gefangenschaft. Doch schließlich kehrte auch er wieder nach Hause zurück. Nach Hause, daß hieß für ihn immer nach Köln, denn das war und blieb und ist auch heute noch seine Heimatstadt, an der er sehr hängt. Als er nach dem Krieg nach Köln kam, war seine geliebte Stadt völlig zerstört. In den Trümmern fand er trotzdem seine Frau wieder. Leider kann ich nicht sagen, wann die beiden geheiratet haben. Es muß irgendwann zwischen Studium und Kriegsanfang gewesen sein.

 

Zwei Jahre nach diesem Krieg begann er zu schreiben. Es waren am Anfang nur Kurzgeschichten, die er an mehrere literarische Zeitschriften verkaufte. Obwohl sein erster Roman schon 1949 erschien, gilt er erst seit 1951 als freier Schriftsteller. Im gleichen Jahr bekam er auch den Preis der Gruppe 47, ein Kreis avantgardistischer Schriftsteller, der von Werner Richter 1947 gegründet worden ist. Böll hat sich damals sehr darüber gefreut, denn er war noch am Anfang seiner Karriere, wenn man seinen bisherigen Lebenslauf einmal so bezeichnen darf, und hielt diese Auszeichnung für sehr hilfreich.

 

1954 bis 1959 wurden fünf von seinen Romanen ins Englische übersetzt. 1959 wurde ihm der Eduard-von-der-Heydt-Preis der Stadt Wuppertal überreicht. Anläßlich dieses Preises erschien im Verlag Kiepenhauer & Witsch ein Büchlein mit dem Titel “Der Schriftsteller Heinrich Böll“. In diesem Büchlein hat Wolfdietrich Rasch in seinem Beitrag “Lobrede und Deutung“ über Böll geschrieben: „Heinrich Böll ist weithin bekannt und hoch geschätzt, auch über unsere Sprachgrenzen hinaus; etwa in Frankreich, in England. Wenn bei uns oder in den Nachbarländern von der gegenwärtigen deutschen Literatur die Rede ist, wird Böll immer als einer der bedeutendsten Repräsentanten der Nachkriegsdichtung genannt.“

 

Im Jahre 1959, d.h. mit 42 Jahren, hatte Böll einen internationalen Ruf erreicht. Heute ist er 58 Jahre alt und schon fast zur Legende geworden.

 

In jedem seiner Werke spielt der Katholizismus eine bedeutende Rolle. Sie kann auch negativ sein, denn er kritisiert die katholische Kirche in Deutschland, wo er nur kann und hebt ihre Mißstände, für jedermann verständlich, deutlich hervor.

 

„Was Böll anfaßt wird zur Geschichte.“ Diesem Ausspruch kann ich nur zustimmen. Denn in all seinen Werken, die er je schrieb, ob Roman, Kurzgeschichte oder Buchkritik; der Leser spürt in jeder Zeile den gegenwärtigen Böll. Eine Fähigkeit, die heute selten geworden ist.

 

Er sieht im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg ein Versäumnis; das läßt er den Leser jederzeit spüren. Er hat schon einmal zwischen zwei Kriegen gelebt, und nichts beunruhigt ihn mehr, als der Gedanke, wir könnten wieder zwischen zwei Kriegen leben. Daher verpönt er Wohlstand und Erfolgssucht. Er hat Angst, daß das alles, was wir uns seit dem letzten Weltkrieg mühsam aufgebaut haben, eines Tages zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Dieser Angst begegnet er mit bösartiger Satire. Und auch hier erfindet er Geschichten, dies seinen Protest nicht klar hervorbringen, sondern ihn als Gleichnis darstellen. Seine Figuren sind auch nie erfolgreiche Staatsbürger, sie werden von ihm zu Buhmännern gemacht, sondern immer Außenseiter und Erfolglose.

 

Ein Beispiel dafür wäre sein großer Nachkriegsroman “... und sagte kein einziges Wort“, der 1954 erschienen ist. Hier schildert er einen Mann, namens Bogner, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern seit acht Jahren in einer Einzimmerwohnung lebt. Ständig nörgelt der Vermieter an ihm herum – ständig belästigt ihn der Verkehr der Innenstadt. Dieser Mann hat noch nicht die Grausamkeit des letzten Krieges überwunden, ebenso den Tod seiner Mutter, als er sieben Jahre alt war. Das alles deprimiert ihn dermaßen, daß er von zu Hause weggeht und zu trinken beginnt.

 

In diesem Roman kann man auch gut erkennen, wie genau Böll seine Umwelt aufnimmt, wie detailliert er Dinge beschreibt, die wir unter gegebenen Umständen nur unbewußt aufnehmen würden. Sehr deutlich sieht man es an der Stelle des Buches, wo Bogner in der Telefonzelle am Bahnhof ist, weil er sich von einem Bekannten Geld leihen will. Den ganzen Vorgang könnte man in einem Satz zusammenfassen, doch das tut Böll nicht. Er schildert alle Details, die irgendwie aufnehmbar sind: “Ich hatte sehr viele Groschen in der Tasche und zögerte noch einige Augenblicke, sah mir die uralten, dreckigen Tarife an, die an den Wänden der Zelle hingen, die völlig übermalte Gebrauchsanweisung, ließ zögernd die ersten beiden Groschen in den Schlitz fallen ... ich wählte den Namen dessen, von dem ich am ehesten erwarten konnte, daß er mir etwas geben würde ... ich ließ die beiden Groschen unten in der Tiefe des Automaten ruhen, drückte den Hebel noch einmal herunter und wartete etwas ... oben rollten die Züge dumpf aus und ein, ich hörte die Stimme des Ansagers sehr fern.“

 

Diese Schilderung von Details, die manchem überflüßig erscheinen mag, hat bei Böll einen ganz bestimmten Sinn. Dadurch, daß er uns klar macht, was wir nur noch im Unterbewußtsein aufnehmen, zeigt er uns, daß der Mensch und die Welt sich ständig entfremden. Er hält uns einen Spiegel vor und will uns damit zum Nachdenken anregen.

 

Heinrich Böll schrieb im Laufe seines bisherigen Lebens so viele Romane, Erzählungen, Reden und Kurzgeschichten, daß ich mich nur auf die wichtigsten beschränken möchte:

 

Sein erster großer Nachkriegsroman erschien 1949 mit dem Titel “Der Zug war pünktlich“. “Wanderer, kommst du nach Spa ...?“ war ein Band von Erzählungen, die 1950 erschienen sind. Ein weiterer Band erschien 1951 “Wo warst du Adam?“. “Haus ohne Hüter“, ein Roman aus dem Jahr 1954, könnte man ebenso als Familienroman bezeichnen, wie “Das Brot der frühen Jahre“, der ein Jahr später erschien. In beiden Romanen spielt die Familie die Hauptrolle. 1957 schrieb er dann die Erzählung “Tal der donnernden Hufe“ und 1958 kam das Band “Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ heraus, das man ebenso als gesammelte Satiren bezeichnen kann. “Billard um halbzehn“ ist für mich das größte Werk, das Böll je geschrieben hat, obwohl es vom Inhalt her etwas schwer zu lesen ist. Es erschien im Jahre 1959. Das erste Drama, das er geschrieben hat, war “Ein Schluck Erde“ aus dem Jahr 1962. Es bekam damals sehr schlechte Kritiken. Die Erzählung “Ende einer Dienstfahrt“ erschien 1966. Wie diese Erzählung entstand, schildert Böll in seinem Buch “Aufsätze – Kritiken – Reden“. So, kann ich mir vorstellen, daß auch einige andere Werke Bölls entstanden sind. Sein zweites Drama, schrieb er 1969: “Aussatz“. Anfang der 70er Jahre erschien sein großer Roman “Gruppenbild mit Dame“, der verfilmt worden ist. Die Titelrolle spielte Senta Berger. Ebenso verfilmt wurde “Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die er letztes Jahr geschrieben hat. Sie wurde von Volker Schlöndorff inszeniert.

 

Eine weitere Verfilmung eines Buches des Nobelpreisträgers Böll: “Ansichten eines Clowns“. Die Hauptrollen spielten Hanna Schygulla und Helmut Griem. Er spielt den Clown Hans Schnier, mit dem es, nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Marie, gespielt von Hanna Schygulla, beruflich immer weiter bergab ging.

 

Der ganze Roman spielt sich an einem einzigen Nachmittag ab. Schnier sitzt zu Hause in seiner Bonner Wohnung mit einer Knieverletzung, die er sich mehr oder weniger absichtlich zugezogen hat. Danach brach er seine Deutschlandtournee ab, um weiteren Absagen zuvor zu kommen.

 

Er sitzt also nun in Bonn und überlegt, wen er alles anrufen könnte, von wem er Geld erwarten könnte, denn sein ganzes Vermögen besteht nur noch aus einer einzigen Mark: „Ich suchte ich Telefonbuch die Nummern aller Leute zusammen, mit denen ich würde sprechen müssen; links schrieb ich untereinander die Namen derer, die ich anpumpen konnte: Karl Emonds, Heinrich Behlen, beides Schulkameraden, der eine ehemals Theologiestudent, jetzt Studienrat, der andere Kaplan, dann Bela Brosen, die Geliebte meines Vaters – rechts untereinander die übrigen, die ich nur im äußersten Fall um Geld bitten würde: meine Eltern, Leo (den ich um Geld bitten könnte, aber er hat nie welches, er gibt alles her), die Kreismitglieder: Kinkel, Fredebeul, Blothert, Sommerwild, zwischen diesen beiden Namensäulen: Monika Silvs, um deren Namen ich eine hübsche Schleife malte.“ Dann erinnert er sich jedoch an die Zeit mit Marie und wie er sie kennengelernt hatte. Schnier war nicht katholisch, ja nicht einmal religiös; Marie dagegen war streng katholisch und daher kam ein interessanter Gegensatz zustande. Beide waren nicht miteinander verheiratet. Sie heirateten auch nicht. Sie lebten einige Jahre zusammen. Marie begleitete ihn auf seinen Tourneen. Doch Schnier und Marie trennten sich nach einem Gespräch, das sie in einem hannoverschen Hotelzimmer führten: „Bei Marie fing ich schon an zu zweifeln ... wie sie es für richtig hielt.“ Die gemeinsame Erziehung der Kinder und ein dadurch entstandener Konfessionsstreit führten zur Trennung. Marie heiratet einen gewissen Züpfner, den sie aus einer katholischen Gemeinschaft her kennt. Schnier denkt sehr oft an diesem Nachmittag an die beiden, da er Marie nicht vergessen kann und will.

 

Gegen Abend kam dann sein Vater zu Besuch; ein reicher, aber auch entsprechend geiziger Mann. Er hätte seinem Sohn einen monatlichen Zuschuß gebilligt, wenn dieser nach seinen Vorstellungen trainieren würde. Doch damit ist Schnier nicht einverstanden und so bekommt er schließlich ncihts.

 

Er rief noch einige Leute an, die er entweder um Geld fragt oder freiweg mit Vorwürfen bombardiert. Diese Leute waren alle katholisch und er hatte sie durch Marie kenngelernt. In jedem Katholik sieht er Züpfner und deshalb wirft er ihnen Ehebruch vor, da er mit Marie zusammengelebt hatte, als wären sie verheiratet gewesen.

 

Spät abends machte er sich einige Gedanken, wie er wieder zu Geld kommen könnte.

 

In diesem Buch werden die Zweifel deutlich, die Böll gegen die katholische Kirche, als solche, hegte.

 

Er läßt die katholische Kirche durch Schnier sehr anzweifeln, besonders ihre Vorstellung, wie ein überzeugter Katholik zu leben hat. Davon kann man die Kernfrage des Romans ableiten: Kann die Konfessionsfrage zu einem unlösbaren Problem werden?

 

Böll läßt diese Frage absichtlich offen, damit wir uns einmal Gedanken darüber machen können. Diese Frage möchte ich unbeantwortet an euch weitergeben.

 

 

 

 

 

Quellennachweis:

 

“Der Schriftsteller Heinrich Böll“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1959

 

“Heinrich Böll, Romane“, Lizenzausgabe des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

 

 

„Der Kampf um die Seele der Deutschen“ Sigmar Gabriel

 

 

 

 

Sigmar Gabriel, ein Poet? Oder ein Philosoph? Weder noch! Er ist mit Leib und Seele ein Politiker und wird es bleiben. Auch wenn er kein wichtiges Amt mehr führt. Er bringt seine Erfahrungen in die Privatwirtschaft und, vor allem, in die Hörsäle der Universitäten in Deutschland und Amerika.

 

Ich habe ihm in der Neuen Uni in Würzburg zugehört. Über sechshundert Studenten und interessierte Zuhörer drängten sich an einem warmen Montagnachmittag in das Audimax der Neuen Uni.

 

Sigmar Gabriel referierte ausführlich über die Situation in Europa. Eben diesen „Kampf um die Seele der Deutschen“. Europas Grenzen öffnete er bald mit einem kritischen Blick auf das Weltgeschehen. Ohne dabei jedoch die interne Lage Deutschlands aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil: Gabriel ist besorgt um die deutsche Zukunft. So überzeugt er sich gerne als Europäist gibt, tief in seiner Seele ist er erst einmal Deutscher und fürchtet demzufolge, dass die hart errungene Hegemonie in Europa ein Ende haben könnte. Dass die Welt draußen an Deutschland vorbeisausen könnte.

 

Ich muss zugeben, dass sehr viele der Aussagen von Sigmar Gabriel mit meinen eigenen übereinstimmen. Zwar fühle ich mich dennoch nicht zu seiner Partei hingezogen, aber mit diesem Mann würde ich mich gerne einmal unterhalten. Wir sind beide überzeugte Europäisten. Ja, das ist ein schönes neues Wort für „überzeugte Europäer“. In dieser Hinsicht habe ich einen angemessenen Vorteil. Zwar war Gabriel durch seine Ämter auch fleißig in der Welt unterwegs. Jedoch immer nur auf Staatsbesuch oder mal im Urlaub. Ich habe in verschiedenen europäischen Ländern gelebt: Frankreich, Schweiz, Italien, England, Norwegen, Deutschland. Das ist ein großer Unterschied. Da bekommt man viel mehr die Mentalität der Bewohner zu spüren und wie es sich in den Ländern wirklich verhält. Besonders in sozialer Hinsicht. Da sind die Deutschen keineswegs Klassenbeste. Tut mir leid, Herr Gabriel! Das lebe ich momentan sehr bewusst!

 

 Wir beide haben noch eine kleine, große Gemeinsamkeit: wir sind uns altersmäßig sehr nahe. Wir können einige historische Zusammenhänge besser nachempfinden, weil wir sie erlebt haben. Da ist bei einigen der anwesenden Studenten so manches nicht ganz angekommen. Sie kennen Vieles nur aus ihrem Geschichtsunterricht. Daraus ergeben sich ganz andere Aspekte, die zu völlig differenzierten Standpunkten führen können. 

 

Gabriels Vortrag war für mich eine ausgezeichnet dargestellte Aktualisierung der heutigen Situation. Seine Rhetorik ist einnehmend. Mit klaren, jedoch sehr gut gewählten Worten stellte er mir Sachverhalte dar, die ich aus einer völlig anderen Perspektive betrachtet hatte. In manchem war ich auch in der Zeit hängen geblieben und hatte die Veränderung nicht so stark bemerkt, wie sie sich vollzogen hatte. Damit meine ich die verschiedenen Bündnisse und ihre Umgestaltungen.

 

Eine Studentin hatte mich mit einer Aussage zum Nachdenken angeregt:

 

„Wir sind eine Generation, die alles hat und deshalb nur über Geld redet, nicht über das (Über)leben.“ Sehr beunruhigt wurde ich, als sie ihre Frage an Gabriel formulierte: „Wer gibt uns Motivationen?“ Die lapidare Antwort von Gabriel fand ich umwerfend und zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen: „Der Verstand.“

 

Gabriel hat die Gabe, sehr gut druckreif sprechen zu können. Seine beiden Blätter Papier standen wohl nur seinen Händen zur Verfügung, damit er sie nicht zu sehr gestikulieren ließ. Mehr als ein paar Stichpunkte werden dort auch nicht notiert gewesen sein.

 

Um ihn herum gab es zwischendurch einige Störungen. Der Kameramann holte sich, hinter der rechten Schulter von Gabriel stehend, eine Nahaufnahme des Fragestellers im Publikum. Vor dem Redner klickten die Fotokameras der Reporter. Mal abgesehen vom Publikum, das sehr nahe neben ihm auf der Bühne und vor ihm im Saal saß. Trotz der lauschenden Stille blieb es sehr unruhig auf der Bühne.

 

Jedoch ließ sich Gabriel einfach nicht aus seiner bewundernswerten Ruhe bringen. Bemerkenswert war auch seine Reaktion, als durch die offenen Türen laute Rufe von draußen kamen. Vermutlich wusste er sofort, dass es sich um eine beabsichtigte Störaktion handelte. Der Rentner, der ihn für seine Altersarmut verantwortlich machen wollte, bekam eine schlagfertige Antwort, die das Publikum mit einem tosenden Applaus lobte, sodass der gute Mann sofort mundtot blieb. Einige Minuten später brachte jener seine Schriftzüge in den Saal. Gabriel las sie, korrigierte die angegebenen Zahlen und kommentierte so kurz und aufrichtig, dass der eigentlich Störenwollende bis zum Ende des Vortrags aufmerksam lauschend dabei blieb. Vielleicht hatte er sich ja nur einen guten Platz im überfüllten Saal suchen wollen. Letztendlich bekam er noch ein paar versöhnende Worte, als Gabriel dem Ausgang zuging und natürlich nicht an diesem Herrn vorbeikam.

 

Sigmar Gabriel kann die Altersarmut in Deutschland auch nicht stoppen. Wenigstens nicht alleine. Zudem hatte er nie das dafür zuständige Amt inne. Deshalb werden solche Störer auch nicht ernst genommen. Was hatte ich mich vor dem Vortrag aufgeregt. Über zwei Dinge: Zuerst verstand ich nicht, warum der Parkschein-Automat kein Restgeld herauswarf und meine Münzen nicht nur geschluckt, sondern sogar auf dem Beleg bestätigte, dass ich zu viel gezahlt hatte. Und zweitens war ich sehr beeindruckt, als ich 40 Minuten vor dem Beginn schon einen bestens gefüllten Saal vorfand. Jedoch gab es KEINEN der jungen Studenten, die aufstanden und einem älteren Zuschauer ihren Sitzplatz überlassen hätten. So viel zum Benehmen der nächsten Generation!

 

Jedoch war das für mich nur ein Fakt, den ich nebenbei mitbekam. Die Hauptperson hatte mich schon lange überzeugt und ich hatte mich sehr gefreut, dass ich letztendlich doch noch einen Sitzplatz ergattern hatte können! Es war ein gelungener Nachmittag und kein bisschen zu lange!

 

 

 

 

 

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Meine definitive Stellungnahme zur DSGVO

 

Nach dem Frühstück werfe ich gerne einen Blick in die lokale Tageszeitung. Heute blieb er an einem Foto hängen. Ein Mann saß auf einem umgekippten Boot. Es sah aus wie ein Strand an einem See, irgendwo im Süden Deutschlands. Doch es war ein trockener See. Der Grund dafür ist zweitrangig. Ich streifte nur kurz den Titel. Viel mehr hat mich der Mann angezogen. Er mag irgendwann die Sechzig überschritten haben. Die Bildunterzeile erzählte, dass er seit vierzig Jahren im Sommer seine Boote auf diesem See vermietete. Doch ich sah nur ihn. Wird er wohl ein Smartphone besitzen? Genau dieser Gedanke ging mir durch den Kopf. Er war so erfrischend weltfremd in dieser ungewohnten Umgebung. Ich glaube kaum, dass er einen Computer bedienen würde, geschweige denn sich mit Internet und DSGVO auskennt. In dem Moment fand ich diesen Gedanken unglaublich entspannend.

 

 

 

Seit dem 25. Mai gibt es in den Arztpraxen neue Info-Ausdrucke in Bezug auf die aktualisierte DSGVO. Bei dem einen Arzt wird man nur höflich aufgefordert, die drei (!) Seiten zu lesen. Bei dem anderen Arzt muss ich am Ende der Lektüre auch noch unterschreiben. Lästig, aber unvermeidlich. Wie damals, Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als ich von meiner Bank (in Italien!) ein ganz ähnliches Dokument zur Unterschrift vorgelegt bekam. Damals war noch eine kleine Erpressung miteingebaut: Unterschreibst du die neue Privacy-Klausel nicht, dann bekommst du keinen Dispo mehr.

 

Ein anderes Umfeld, ebenso bekannt: man steht am Postschalter in der Warteschlange. Zwar zeigt ein dicker, gelber Strich am Fußboden: bis hier und nicht weiter. Doch trennt dieser Streifen keine zwei Meter zwischen dem Schalter und dem Wartenden. Fazit: man ist nicht außer Hörweite und bekommt ALLES mit, was am Schalter besprochen wird.

 

Und wie steht es mit irgendeiner Kasse, sei es im Supermarkt, an der Tankstelle oder in sonst irgendeinem Laden? Ich bekomme Tobsuchtsanfälle, wenn ich bei der Kartenzahlung meine PIN eindrücken soll und im Nacken den Atem des Kunden spüre, der hinter mir steht und es eilig hat! Da kann ich schon mal mit leicht abgespreizten Ellenbogen und (un)absichtlich einen kräftigen Schritt rückwärts machen. Anstatt mich zu entschuldigen bekommt die betreffende Person einen feurigen Blick, der meist alle Aufregung über meine Tätlichkeit im Keim erstickt. Nur einmal wollte mich ein betagter Mann weiter drängen. Mit diesem einfachen Satz wurde er sofort mundtot: Haben Sie Angst zu sterben, bevor Sie Ihre Ware nach Hause bringen können?

 

 

 

Überall gibt man täglich seine persönlichen Daten weiter. In den meisten Fällen denkt man dabei überhaupt nicht an diese DSGVO. Es reicht ja schon der eigene Name oder die Telefonnummer! Wie oft höre ich die Adresse, die Telefonnummer oder gar das Geburtsdatum der Person, die vor mir irgendwo gerade diese Auskünfte erteilt. Ohne sich darüber Gedanken zu machen, wer hinter oder neben ihr steht.

 

Dann sind da noch die unzähligen Handygespräche in der Bahn, am Flughafen, in den Cafés, auf den Straßen, in den Parks. Einfach überall, wo sich Menschen aufhalten, gibt es immer jemanden, der telefoniert.

 

Und jetzt will mir jemand erzählen, welche Vorsichtsmaßnahmen ich ergreifen soll, wenn ich ein Profil in den sozialen Netzwerken habe. Insbesondere wurde bekanntlich Facebook ins Visier genommen. Jeder, ob Jugendlicher oder Erwachsener, der sich dort ein Profil einrichtet, sollte sich klar darüber sein, was er von sich erzählt und welche Bilder er hoch lädt. Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören! Wenn ich ein Foto, ein Gedicht, einen Text dort veröffentliche, bin ich mir voll bewusst, dass dies derselbe Effekt ist, als wenn ich mich auf den Marktplatz stelle und das gleiche tue. Ich bin in einem öffentlichen Raum, jeder, der vorbeikommt, kann mich sehen und hören, im Falle von Facebook: lesen.

 

Nun ist es oft wirklich grenzwertig und ich schüttele manchmal meinen Kopf, was wer so gerne von sich erzählt und zeigt. Alltagssituationen, momentane Empfindungen, Krankheiten und ihr Verlauf. Viele suchen gerade in den sozialen Netzwerken einen Ersatz für eine Psychotherapie. Es gibt ja immer jemanden, der kommentiert, mitfühlt, tröstet, beratet. Und das kostenlos!

 

Dieser ganze Hype um das neue Gesetz hat im Grunde nichts verändert, was vorher schon dagewesen. Es gab nur eine ziemlich scharfe Erinnerung daran. Die Folgen sind neuerdings dicke Balken, die mir einen guten Teil der Webseite versperren, die ich gerade geöffnet habe. Und um was geht es? Um die heiß gehassten Cookies! Nicht mehr und nicht weniger! Nur, dass ich sie jetzt auf einigen Webseiten auch ablehnen kann. Andere zeigen mir die Möglichkeit, netterweise sehr diskret, sie intensiver zu lesen. In dieser Hinsicht wird sich kaum etwas ändern. Im Netz wird weiter spioniert, was ich suche, kaufe, lese und es wird weiterhin die passende Werbung zugeschaltet, sobald ich eine kommerzielle Seite verlasse. Nun, was der Cookiestress angeht, in dieser Hinsicht bin ich nun wirklich zu einer überzeugten Ignorantin geworden. Ich sage nicht nein, ich sage nicht ja. Ich scrolle einfach drüber. So, wie ich es vorher auch getan hatte.

 

Und: ich lasse mich nicht erpressen. So weit geht meine Neugierde nicht! Als ich auf der Webseite von Forbes einen Artikel lesen wollte empfing mich ein grauer Hintergrund mit einem großen Fenster mittendrin. Dort stand klar und deutlich, wenn ich den Artikel lesen möchte, MUSS ich der neuen europäischen Datenverordnung folgen und die Cookies akzeptieren. Bis dato hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis mit diesem Finanzmagazin. Jedoch hatten sie einen wichtigen Fakt übersehen: Ich MUSS gar nichts. Ich DARF jetzt wählen. Deshalb verzichtete ich auf den Artikel und klickte nicht auf die einzige mir gegebene Option!

 

 

 

Somit bevorzuge ich, so manche Webseiten und natürlich auch die Cookie-Balken zu ignorieren.  Der Vortrag eines kompetenten Anwalts, der sich auf die IT-Rechte spezialisiert hat, war für mich aufschlussreich genug. Der Rest liegt jedem selbst in der Hand. Er braucht nur seinen gesunden Menschenverstand einzuschalten.

 

 

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Keine Angst vor der DSGVO

 

 

Der wichtigste Satz, den ich von meinem „E-Business Day“ mitbringen konnte ist folgender:

 

Die DSGVO (Datenschutzgesetzverordnung) enthält KEINE Rechtsgrundlage für Werbung!

 

Dieses neue Gesetz hält sich buchstäblich an seinen Namen:

 

DATENSCHUTZ.

 

Es schützt unsere Daten.

 

Es verstärkt die Rechenschaftspflicht.

 

Wir können verlangen, unsere Daten löschen zu lassen oder ändern zu lassen.

 

Wir können erfragen, wie lange sie wo gespeichert werden.

 

Das ist die eigentliche Quintessenz dieser neuen Paragraphen, die so viel Panik, ja nahezu Hysterie hervorgerufen haben.

 

Es geht im Grunde darum, dass die Unternehmen, wer immer sie auch sind, ob große Konzerne oder kleine Online-shops, keine Profildaten mehr unter sich austauschen können, ohne vorher die Einwilligung des Users oder des Kunden eingeholt zu haben. Was sie eigentlich schon immer ganz klein dazu geschrieben hatten. Aber wer liest schon die AGBs in der heutigen Zeit. Besonders, bei den so beliebten Gewinnspielen! Manchmal tut es jedoch sehr gut, wenigstens ein Auge drauf zu werfen. Ich habe das gelernt, als ich Verträge übersetzte und dazu ja jedes Wort lesen musste. Da bekommt man einige interessante Dinge mit, die man vor einer Unterschrift oder einem verbindlichen Klick gerne „überliest“.

 

Interessant ist auch die Antwort auf die momentane Email-Flut gewesen, die auch mein Postfach vollstopft: Der Newsletter hat nichts mit der DSGVO zu tun! Schließlich hat man die direkte Einwilligung, den Newsletter zu erhalten, schon vorher abgeklärt. Mit etwas Logik kommt man auch selbst drauf. Einen Newsletter bekommt man doch nur, wenn man ihn „abonniert“. Und das einzige Datum, das man dazu von sich gibt, ist die Email-Adresse.

 

(Eigen)Werbung von Büchern hat mit diesem Gesetz ÜBERHAUPT NICHTS zu tun. Ebenso Rezensionen. Die Weiterempfehlung eines Buches hängt nicht vom Datenschutz ab. Eher, wenn man das Buch zerreißt und vorher nicht den Autor fragt, ob man dazu seinen Namen verwenden darf. Spaß beiseite: die Meinungsfreiheit existiert noch in diesem Land.

 

Bei der DSGVO geht es um ganz andere Dinge: Daten dritter Personen darf man künftig nicht mehr bedenkenlos weitergeben. Wobei man oben gesehen hat, was alles den Begriff „Daten“ einbezieht. Hier geht es nicht nur um Adresse, Telefonnummern oder Bankdaten. Es geht auch z. B. um die Kleidergröße, Haarfarbe, Blutgruppe, Blutdruck, usw. Alles, was uns persönlich betrifft und identifiziert.

 

Eingeschlossen sind im Grunde auch die Behörden und Ämter und Krankenhäuser. Ich habe das soeben selbst erlebt, als ich für ein CT den Befund einer Operation einholen musste, der im selben Krankenhaus durchgeführt worden war. Die Radiologie hatte trotzdem keine Vernetzung mit der entsprechenden Abteilung! Für mich nicht nachvollziehbar. Aber es gibt auch durchaus verständliche Ausnahmen: wenn z.B. jemand bewusstlos an einer Unfallstelle liegt und nicht mehr in der Lage ist, seine Einwilligung zu geben, darf der Notarzt seinen Puls messen oder ihm Blut abnehmen. Ja, auch das sind „persönliche Daten“. In diesem Fall ist es aber von lebenswichtigem Interesse, dass diese Daten ohne unsere Einwilligung eingeholt werden können. Daran wird sich wohl niemand stören.

 

Also: Auch wenn wir irgendeiner Internet-Plattform die Einwilligung gegeben haben, unsere Daten zu speichern oder zu nutzen, so können wir das jetzt JEDERZEIT WIDERRUFEN. Ohne Angabe von irgendeinem Grund! Das gilt vor allem für die Nutzer von Onlineshops und Dienstleistern online.

 

Diese Daten wurden in den letzten Jahren (und eigentlich auch schon vor der Internet-Ära) viel zu oberflächlich behandelt und weitergeleitet, wenn nicht gar verkauft.

 

Und noch etwas ist in der DSGVO eingeschlossen:

 

Große und kleine Unternehmen dürfen nicht mehr vertuschen, wenn sie gehackt worden sind!

 

Auch ich hatte letztes Jahr ein Problem mit meiner Kreditkarte, wobei weder meine Bank noch ich herausfinden konnten, auf welcher Plattform die Daten meiner Karte gehackt worden waren. Diese Zeiten sind vorbei.

 

Das Unternehmen muss SOFORT ihre Kunden darüber informieren!

 

Folglich hilft dieser Datenschutz den Usern mehr als sie für möglich gehalten hätten.

 

 Was meine eigene Webseite angeht. Ich bin Autorin, Bloggerin und Übersetzerin. Daher findet ihr auf meiner Webseite fast ausschließlich Informationen über mich und meine Texte und Bücher usw. Wenn ihr mich mit einer Übersetzung beauftragt, dann erkläre ich schon bei der Annahme, dass ich die mir anvertrauten Daten innerhalb drei Monate nach der Abgabe definitiv lösche. Alle anderen Besucher auf meiner Webseite bitte ich nur um eine Email-Adresse, falls sie Kontakt mit mir aufnehmen möchten. Andere Daten werde ich wohl kaum von euch erfragen oder gar verlangen. Deshalb genügt mir auch mein von Google erweiterter Datenschutz, da ich mit diesem wunderbaren Unternehmen verknüpft bin. Schließlich muss ich mich im Netz bemerkbar machen. Und das werde ich auch weiterhin.

 

Noch etwas, ganz süßes: auf dem „E-Business Day“ gab es in den Pausen ein sehr leckeres Büfett. Darunter war ein Kuchen, der mich besonders beeindruckt hat. Ich werde morgen versuchen, ihn zu backen. Schmeckt er nur halbwegs so gut wie der vom Event, dann werde ich ihn als „Pfingstkuchen“ auf dem Genussblog an euch weitergeben.

 

Bis dahin hoffe ich, euch ein wenig Klarheit verschafft zu haben...

 

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Wenn Sätze aus dem Kontext herausgerissen werden...

 

Diese Spielchen verfolge ich gerne auf Facebook. Eigentlich ist es mehr eine Umfrage.

 

Was bringt ein Satz, wenn er einfach so dahin gestellt wird?

 

Es folgt die Aufforderung:

 

Schlagt Seite 28 in dem Buch das ihr gerade lest auf und schreibt den Satz hin.

 

Und wenn er unvollständig ist? Sein Anfang steht auf der Seite 27. Sollen wir dann den Satz nur bruchstückeweise hinschreiben? Oder lieber gleich den nächsten nehmen? Den ersten Satz, der vollständig auf Seite 28 erscheint?

 

Manche schreiben wirklich nur den halben Satz hin, mit dem die erste Zeile der geforderten Seite 28 gefüllt ist. Ich mag keine halben Sachen. Ich mag auch nicht rückwärtsgehen oder, in diesem Fall, eine Seite zurückblättern. Also wähle ich den ersten vollständigen Satz, den ich auf der Seite 28 antreffe.

 

Es ist später nur bei diesen Aufnahmen sichtbar.

 

Das ist völlig aus dem Kontext gezogen. Damit kommt sicherlich niemand auch nur annähernd auf das besprochene Thema. Nicht einmal, wenn in Klammern dahinter der Titel des Buches stehen würde.

 

Es ist jedoch insofern interessant, als dass man seine eigene Fantasie freien Lauf geben kann und sich eine eigene Geschichte dazu ausdenken könnte.

 

Es könnte jedermann oder irgendetwas sein.

 

Aufnahmen ermöglichen ebenfalls diverse Interpretationen.

 

Wann ist später?

 

Was wird dann sichtbar?

 

Was man alles aus so einem einfachen, unscheinbaren Satz herausholen kann!

 

Damit wenigstens diese Fragen nicht unbeantwortet bleiben, hier die Auflösung. Zur vollständigen Erkenntnis sind ein paar Sätze mehr nötig:

 

“Warum macht man Röntgenaufnahmen von Perlen?“ fragte die junge Studentin.

“Perlen sind organische Substanzen“, erklärte ihr Annalisa. “Durch die Röntgenaufnahmen sieht man sofort, ob es sich um natürliche oder gezüchtete Perlen handelt. Bei letzteren bekommt die Auster einen minutiösen Fremdkörper einverleibt, damit sie angeregt wird, ihr Perlmutt auszuschütten. Er ist später nur bei diesen Aufnahmen sichtbar.“

 

Auszug aus Die Edelsteinsammlung © Marina A. Zimmermann

www.amazon.de/dp/B00A0NAKJ8

 

Nächstes Beispiel:

 

Seine Gespielinnen sind für ihn anonyme Unterhaltungen gewesen.

Damit kann man schon etwas mehr anfangen, ohne den gesamten Abschnitt lesen zu müssen. Ein klarer Satz, der keine weiteren Erläuterungen benötigt.

 

Er kommt aus meinem kurzen, aber umso intensiveren Liebesthriller

 

Dein Spiel © Marina A. Zimmermann

https://www.amazon.de/dp/B01J4XZ6X4

 

Und zuletzt der erste vollständige Satz aus Seite 28 von meinem aktuellen Roman:

 

Sein Geist war schon lange in diese wunderbare Musik vertieft.

Hier fragt man sich sofort, um welche Art von Musik es sich handelt. Ich könnte das natürlich mit einem Wort beantworten und einfach den Namen des Komponisten angeben. Aber das wäre doch viel zu simpel.

 

Wir wollen doch etwas genießen, und das ... wunderbare ... vertiefen.

 

André liebte sein Instrument und er liebte Rachmaninow. Das wusste sie. Schweigend setzte er sich ans Klavier und begann, diese gewaltige russische Musik auf seine Art zu interpretieren. Céline hatte es sich in einem der großen Polstersessel bequem gemacht. Sie beobachtete sein harmonisch abgerundetes Profil, während seine feingliedrigen Hände auf den Tasten tanzten, seine kräftigen Arme sich streckten und kreuzten und seine Finger den Druck auf das Instrument zu verstärken schienen. Sein Geist war schon lange in diese wunderbare Musik vertieft.

 

Dein Weg © Marina A. Zimmermann

https://www.amazon.de/dp/B07954PCXZ/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der Vollmond ist wieder da

 

Ich stehe unter einem Baum. Hinter mir die Wüste der Vergangenheit. Vor mir das hoffnungsreiche Meer der Zukunft. Darüber scheint der Mond. Nicht die Sonne. Der Mond herrscht immer noch und immerzu über unseren Geist. Er nimmt mir einen Teil der Nacht.  Die Ruhe hält er irgendwo gefesselt. Sie will mir nicht helfen, sie kann es nicht. Der Körper fühlt sich unwohl und wälzt sich von einer Seite auf die andere, bleibt auf dem Rücken liegen. 

 

Die Gedanken quälen sich schleppend auf dem Memory Lane. Alles scheint in einem wütenden Chaos verworren zu sein. Keine Tür öffnet uns die Erinnerung. Stumm schreit mich die Verzweiflung an. Mein Kopf schmerzt. In meinem Gehirn hat sich ein Gewitter verirrt. Seine Blitze ziehen ihre Ströme mit sich. Sein unsichtbarer Hammer trifft immer neue Stellen. Mal ist es der Hinterkopf, mal wird die Stirn getroffen. Dann klopft es wieder auf dem Scheitel. Am Ende springt das dumpfe Werkzeug noch einmal wild um sich. Kein Gedanke wagt sich in die Vernunft. Es ist ihnen zu gefährlich. Scharfsinn und Klugheit haben sich Urlaub genommen. Der gesunde Menschenverstand wartet den panischen Sturm ab.

 

Der Mond lacht sich eins ins Fäustchen (obwohl er gar keines hat). Je mehr Unruhe er anstiftet, desto mehr bläst er sich auf. Dominierend frohlockt er aus seiner privilegierten Position. Er schüttelt sich vor Lachen und wird nicht einmal mehr rot dabei. Sein Umfang scheint langsam aus den Fugen zu geraten. Aufgedunsen nimmt er seinen Lauf. Die Unrast hat ihm seine Bahn geebnet. Der Himmel genügt ihm nicht mehr. Er nähert sich der Erde. Die Menschen drehen durch. Rastlosigkeit und Wahn treiben viele hilflos in unbegreifliche Unfälle, andere verbringen unerklärliche Missetaten. Keiner kann sich wehren.

 

Erst, wenn der Mond sich ausgetobt hat. Erst dann verlässt ihn seine ungesunde Energie. Sein Hof wird kleiner. Er verliert an Kraft. Sein Angesicht beginnt zu verblassen. Er zieht sich langsam wieder zurück. Die Menschen atmen auf. Die Vernunft kann wieder unsere Gedanken leiten.

 

Mit einem mutigen Sprung ins kühle Meer der Zukunft blüht die Hoffnung auf und bringt uns den Mut zurück.

 

 

 

 

 

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Meine erste Lesung

 

Vorlesen tue ich jeden Tag. Ich lese meinem Mann italienische Zeitungsartikel vor oder übersetze interessante deutsche Nachrichten. Dabei ist natürlich auch eine gewisse Betonung nötig. Aber ein Buch mit Dialogen vorzutragen, damit hatte ich mich noch nicht beschäftigt.

 

Also übte ich fleißig die von mir ausgewählten Seiten. Sie waren gefüllt von Empathie und mitreißenden Emotionen. Wird dieser Teil des Buches, einfach so aus dem Kontext herausgerissen ankommen? Und überhaupt, es war die vorletzte Lesung an diesem langen Messetag in einem gemütlichen Ort etwas nördlich von Frankfurt.

 

Natürlich hatte ich mich zuvor schon ein wenig zu den vorhergehenden Lesungen gesetzt. Dabei wurde ich überrascht bis schockiert, sodass ich mein Lampenfieber sehr schnell sank. Einfach meinen Stil authentisch vortragen und damit überzeugen oder durchfallen. Das wurde mir sehr schnell bewusst.

 

Ich war schon etwas überrascht, als ich mit meiner Verlagskollegin vor der Tür des Leseraums stand und auf unseren Termin wartete. Um uns herum warteten viel mehr Männer als Frauen! Ein Zuhörer fiel mir sofort auf. Ich hatte ihn vor gut eineinhalb Stunden an unserem Messestand beobachtet wie er meine Bücher fast quer gelesen hatte. Danach tauchte er immer wieder einmal auf und lief eine weitere Runde durch den kleinen Saal mit den übersichtlichen Messeständen. Nur, damit er jetzt bei meiner ersten Lesung dabei sein kann! WOW! Das fand ich schon mal mehr als interessiert.

 

Während ich noch über ihn nachdachte war es endlich so weit. Die Tür öffnete sich. Mein Verleger stellte mich sehr kurz vor und schon musste ich mir meine Worte zusammenreimen. Warum hatte ich auch frei sprechen wollen. Hätte ich mir nicht einen Text zusammenschreiben können? Schließlich kann ich besser schreiben als reden.

 

Wie dem auch sei, nach einer kurzen Begrüßung, an deren Worte ich mich nun überhaupt nicht mehr erinnern kann (!) versuchte ich eine kurze Zusammenfassung meines Romans. Die ersten beiden Sätze gefielen mir noch. Aber der Saal blieb etwas unruhig. Jedenfalls empfand ich es so. Mein Kopf wurde heiß und meine Stimme überschlug sich leicht. Die Wörter purzelten auf einmal durcheinander. Mein Rettungsring war die Ausrede, dass ich nicht zu viel erzählen wollte, damit es spannend blieb.

 

Und damit begann ich vorzulesen. Sofort beruhigte sich meine Stimme. Die wohlbekannten und von mir sehr geliebten Sätze fingen mich ein. Plötzlich war es mucksmäuschenstill im Saal. Ein angenehmes Gefühl. Ich kuschelte mich in die Seiten meines Buches, nahm die Emotionen mit und freute mich über die lauschende Stille. Beinahe hätte ich weiter gelesen. Jedoch wurde meine anhaltende Pause mit einem spontanen Applaus belohnt, über den ich mich sehr gefreut habe.

 

 

 

Eine Runde Ethik-Stammtisch

 

Ein Artikel in der Lokalzeitung hatte mich auf einen Ethik-Stammtisch aufmerksam gemacht. Das Thema des bevorstehenden Treffens behandelte die Ethik der Führungskräfte. Daraus konnte ein anregender Abend entstehen. Flugs meldete ich mich an.

 

Ein Stammtisch klang zwar etwas zünftig, aber die „Ethik“ veredelte doch jedes bestehende Vorurteil. Die Adresse war leicht zu finden. Der Raum, in dem das Treffen stattfand, versteckte sich in einem Neubau, dessen Beschilderung noch einige Verbesserungen erhalten sollte. Wie dem auch sei, ich schaffte es, pünktlich an mein Ziel zu kommen.

 

Ich betrat einen großen Konferenzraum. Fünfundzwanzig Stühle waren im Kreis aufgestellt. Ein Stammtisch ohne Tisch. Innerlich lächelte ich meine mentale Hürde weg. Die Begrüßung durch die beiden Organisatoren war freundlich, einladend und ließ sofort eine harmonische Sympathie überspringen.

 

Die Teilnehmer kamen langsam dazu. Eine hochgewachsene Frau mit einer undefinierbaren aschgrauen Blondfarbe im Haar fiel mir sofort durch ihre eigentlich abweisende Haltung auf. Später, als ich ihren Namen hörte, erinnerte ich mich sofort an einige Zeitungsartikel, die ich von ihr gelesen hatte. Und wieder wurde ich in meinem Credo bestätigt:

 

Lerne nie einen Autor näher kennen, dessen Werke du gerne liest. 

 

Damit sich das Stimmengewirr beruhigen konnte, erklang aus einem Smartphone eine leicht esoterische Melodie. Sie bewirkte ihre Absicht und war ein guter Vorbote des Abends, auch wenn man das zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte erahnen können: ihre Töne erklangen einen Tick zu lange.

 

Die Initiatorin des Abends begann ihre Moderation. Daraus entstand eine Diskussion, die nicht unbedingt der Definition dieses Begriffes entsprach. Die Atmosphäre blieb beinahe aseptisch. Nur zäh kamen Wortmeldungen. Dennoch fand ich selbst nicht die Gelegenheit, mich zu melden. Irgendwie plätscherten die Beiträge etwas holperig dahin. Dabei tauschten sich nur die Worte aus, der Sinn ähnelte sich. Es gab keinen Widerspruch, keine Lacheffekte. Ich fühlte mich bald distanziert, fremd, weil sehr oft anderer Meinung.

 

Für mich sollte eine gute Führungskraft nicht „Menschen mögen“ (O-Ton eines Teilnehmers), sondern Menschen erkennen. Eine gute Menschenkenntnis ist ebenso fundamental wie die Empathie gegenüber Mitarbeitern. Das ist für mich die Ethik der Führung. Und die beginnt schon bei der Auswahl des Personals. Da ich jedoch durch die Vorstellungen erkennen konnte, dass gut zwei Drittel der Teilnehmer studiert hatten, wollte ich nicht auf diesen Nerv drücken. Und doch habe ich in meiner Erfahrung erleben können, dass Zeugnisse nie und nimmer ausschlaggebend sein dürfen. Aber leider wird diese Art von Dokumentationen in Deutschland viel zu ernst genommen, wenn nicht explizit verlangt.

 

Ich hatte mir vorgestellt, mit meiner vielfältigen Lebenserfahrung in drei europäischen Ländern etwas beitragen zu können. Doch die Stereotypisierung, die sich in diesem keineswegs harmonischen Kreis entwickelte, war einfach nicht mein Ding. Ich bin neugierig. Ich kenne keine Berührungsängste. Aber ich gehe heute vorsichtiger auf die Menschen zu. Das habe ich von meiner früheren Spontaneität gelernt.

 

Am Ende fühlte ich mich wie ein Exot unter Gleichgesinnten. Nur die Ausstrahlung der Gastgeber war bei mir voll angekommen.

 

 

https://www.marinazimmermann.de/2018/04/11/eine-runde-ethik-stammtisch/

https://www.marinazimmermann.de/2018/04/11/eine-runde-ethik-stammtisch/

Der Vollmond und seine Gefährten

 

Eine absolute Stille weitete sich aus. Der Vollmond strahlte immer noch grauenhaft blendend am nächtlichen Himmel. Die Wolken hatten keine Chance, ihn zu verstecken. Sein grelles Licht stieß jedes Hindernis weg. Laserstrahlen hätten nicht effizienter sein können.

 

Die idealen Bedingungen für den Geist Böse, sein Unwesen zu treiben. Lechzend sah er sich um. An diesem späten Abend waren die Straßen leergefegt von seinem Cousin, dem  eisigen Wind. Die Menschen blieben in ihren Häusern. Lodernde Kamine verbreiteten ihre Wärme zwischen den schützenden Mauern. Kuschelige Geborgenheit strahlte aus allen Ecken. Geist Böse fand kein Opfer für seinen Gaumen.

 

Verärgert huschte er in ein kleines Häuschen mit zwei niedrigen Zimmern. Die beiden Hausbewohner saßen an einem kleinen Tisch aus rohem Holz. Für einen Teller Suppe hatte es gerade noch gereicht.

 

Grinsend umschwärmte der Geist Böse die beiden alten Leute. Ihre Tage waren gezählt. Er würde sie heute Abend davon überzeugen, dass dies ihre letzte Suppe gewesen sein sollte.

 

Der guten Frau tat schon der Magen weh. Dabei hatte sie doch die gleichen Zutaten verwendet wie immer. Ihre Zunge verbreitete einen metallenen Nachgeschmack. Plötzlich spürte sie einen drückenden Schmerz in der Nähe ihres Herzens.

 

Geist Böse grinste.

 

Die alte Frau bekam Angst. Noch wollte sie ihrem Mann keine unnötigen Sorgen machen. Der Schmerz nagte an ihrem Herzen. Sie wusste nicht, dass es die boshafte Hand von Geist Böse war, die den Muskel zusammendrückte. Langsam bekam sie keine Luft mehr. Jetzt schien es ihr zu spät, um Hilfe zu bitten.

 

Ihr Mann war noch mit seiner Suppe beschäftigt. Nichts schien ihn davon ablenken zu können. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er hob die Augen und sah seine Frau an. Geist Böse fühlte sich gestört und lockerte den Griff seiner Hand. Die Frau bekam wieder Luft und so schnell wie er kam, war der Schmerz auch wieder verschwunden. Erleichtert lächelte sie ihren Mann an. Er hatte nichts mitbekommen und das war auch gut so.

 

„Heute ist Vollmond“, sagte der Mann.

 

„Ja“, erwiderte seine Frau, wie aus einer Erleuchtung heraus.

 

Das ist die böse Seite des Mondes. Der bringt immer Unheil mit sich.

 

Der Geist Böse hinter ihr grunzte. Er wusste, hier gab es keine Chance mehr für ihn. Man hatte ihn erkannt. Also musste er weiterziehen. Ein neues Opfer suchen. Der Wind wollte ihn nicht tragen. Gereizt flog er gegen einen ... Autsch! Das ist doch ein Engel!

 

„Hey! Was soll das?“, schrie Geist Böse.

 

„Mach, dass du weiterkommst, und lass’ die Leute in Frieden“, mahnte der Engel.

 

Geist Böse verzog sein Gesicht zu einer hämischen Grimasse.

 

„Seit wann lass’ ich mir von dir vorschreiben, was ich tun soll?“

 

Da segelte der rechte Flügel des Engels so stark auf ihn ein, dass sein knorpeliger, dünner Körper so hoch flog bis er sich in einem Satelliten verwickelte und so starke Verbrennungen bekam, dass seine abartige Seele aufschrie. In der Hölle konnte man ihn aber aus dieser Entfernung nicht hören. Das Weltall war mächtig genug, seinen durchaus winderprobten, Geisterkörper in Stücke zu reißen und weltallweit zu zerstreuen.

 

Der daraus entstandene Effekt ließ auf der Erde nicht lange auf sich warten. Die bösen Triebe suchten Schutz vor den neuen Gefühlen. Keiner wollte den anderen mehr verletzen. Streicheleinheiten ersetzten Hiebe. Küsse liebkosten die Fäuste. Worte wurden nur noch verwendet, wenn sie helfen konnten. Jeder fühlte sich auf einmal so richtig wohl in seiner Haut. Jung und Alt lachten zusammen, respektierten sich gegenseitig und lebten in fröhlicher Gemeinsamkeit. Die Arbeit wurde leichter. Der graue Alltag verlor seine Beschwerlichkeit. Ein allgemeines Wohlbefinden herrschte über der Erde...

 

 

 

 

 

Warum ich so gerne lese

Foto: Jungho Lee
Foto: Jungho Lee

 

 

 

Lesen ist für mich eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben.

 

Mein Großvater hatte mir das Lesen beigebracht, noch bevor ich in die Schule gekommen bin. Ich hatte den armen Mann zu sehr genervt mit meinem ständigen Bitten und Betteln, immer wieder dieselben Märchen der Gebrüder Grimm vorzulesen. Irgendwann war es ihm dann doch zu viel geworden. Mit einer Engelsgeduld führte er mich in die Welt der Buchstaben ein.

 

Ich bin meinem Großvater ewig dankbar!

 

Viele lesen, damit sie die Welt um sich herum vergessen, oder gar ignorieren können. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich gehe bewusst auf eine Entdeckungsreise. Ich freue mich auf alles Neue, das ich kennenlernen und erforschen werde. Mein Gehirn wird zu einem Schwamm, der zunächst einmal alles aufsaugt, was ihm vorgesetzt wird, um es später nach seinen Vorlieben zu filtern und nach Anwendungsgebieten zu ordnen.

 

Wenn ich ein Buch öffne, dann tauche ich gerne in eine völlig andere Welt ein. Ein besonderes Vergnügen bereitet mir stets, abzuheben und mich auf eine Zeitreise zu begeben. Auf diesen Ausflügen in eine andere Epoche lernt man unglaublich viel und entdeckt stets neue Mentalitäten, Konventionen, Brauchtümer und, vor allem, unterschiedliche Philosophien. Aber ich staune auch oft, wie aktuell manche Schriften sind, die eigentlich der fernsten Vergangenheit angehören. Das sind für mich immer die reizvollsten Entdeckungen gewesen. Wir leben im 21. Jh. der abendländischen Zeitrechnung. Dennoch begegne ich oft nur zu gut Bekanntem. Letztendlich wurden schon viel früher dieselben Empfindungen gelebt, die gleichen Worte gesagt. Das überrascht mich andauernd.

 

Es ist nicht immer leicht für mich, ein Buch zu unterbrechen, es quasi beiseite legen zu müssen. Wenn ich gezwungen werde, in die alltägliche Realität zurückzukehren, und auf die nächste Gelegenheit warten muss, bis ich es wieder öffnen kann, spüre ich zuweilen physische Schmerzen. Es zwickt im Magen und juckt in den Fingern. Bis ich endlich das Buch wieder aufschlagen kann. Sofort klickt es in meinem Kopf und ich weiß genau, wo ich es abgebrochen hatte. Schnell nehme ich den Faden erneut auf, lese weiter, bin bald wieder eingetaucht in der Thematik oder der Geschichte. Meine Emotionen lassen sich nicht mehr ablenken. Sie wollen weiter empfinden, dabei bleiben, bis zum letzten Wort. Egal, wie es sein wird, die aufgewühlten Gemütsbewegungen wollen ausgelebt werden.

 

Starke Emotionen empfinde ich nicht nur bei entsprechenden Romanen. Auch Sachbücher können mich beeindrucken, enthusiasmieren und schließlich beglücken, weil sich mein Wissen abermals bereichert hat.

 

Während ich etwas lese, ob es sich dabei nun um ein Buch, um eine Zeitschrift oder einen Artikel online handelt spielt kaum eine Rolle, kann ich mich so intensiv mit der Thematik vereinbaren, dass ich zuweilen ganz eigenartige Emotionen erlebe. Letzteres liegt natürlich am Autor.

 

Mein beeindruckendstes Erlebnis hatte ich bei der Lektüre von 1984, das wohl bekannteste Buch von George Orwell. Er schrieb es im Jahr 1948. Damals war die Zeitangabe im Titel eine weit entfernte Zukunft. Jedoch keine Science-Fiction-Fantasy, wie es heute genannt werden würde. Orwell nahm „nur“ seine Gegenwart unter die Lupe, weitete sie entsprechend aus und verpasste ihr ein paar technische Raffinessen, die damals noch nicht aktuell waren. (Heute sind sie beinahe schon alle vorhanden.) Ich hatte das Buch so um das Jahr 1984 gelesen. Orwells betörender Schreibstil drang tief in meinen Kopf. Ich werde es nie vergessen. Es war ein warmer Sommernachmittag und ich saß auf der schattigen Terrasse einer Ferienwohnung am Meer. Irgendwann konnte ich nicht mehr widerstehen. Ich musste tatsächlich die Lektüre unterbrechen und mich duschen, so dreckig fühlte ich mich nach Orwells Beschreibung der Lebensbedingungen in seiner fiktiven Zukunftswelt.

 

Wie dem auch sei, ich lese so gut wie alles, was mir vor die Augen kommt, oft auch unbewusst. Deshalb nerven mich zu viele Werbeplakate oder Straßenschilder. Ich komme nicht an ihnen vorbei, ohne sie zu lesen. Einerseits ganz nützlich, jedoch oft auch ziemlich ermüdend. Ich lasse einfach zu viele Informationen auf mich ein und muss kräftig filtern.

 

Doch alles, was in meinen unzähligen mentalen Schubladen Platz findet, bereichert nicht nur mein Wissen, sondern prägt auch meine Erkenntnisse. Das ist für mich der größte Schatz, den wir horten können. So, wie ich Bücher sammle, seit ich lesen kann.

 

Und, je mehr ich lese, desto mehr möchte ich lesen...

 

 

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Schaurig schön...

... sind die Abgründe von Lina Mortensen

 

Ich liebe gute Kriminalromane. Meine Favoritinnen sind Agatha Christie und Patricia Highsmith. Aber letztes Jahr habe ich eine zeitgenössische Autorin kennengelernt, die mich mit ihren spannenden Erzählungen sofort begeistert hatte.

 

Ihre Kurzgeschichten sind genauso bestürzend und fatal wie der Titel des Buches. Jedoch bleibt der fesselnde Schreibstil der Autorin stets elegant. Ihre Liebe zum Detail bringen den Leser gerne in eine verworrene Geschichte, aus der es keinen anderen Ausweg gibt als mit angehaltenem Atem das Ende herbeizulesen. Und das entspricht oft wirklich dem Titel dieser Sammlung. Man rauscht durch die Erzählung bis man abrupt an einen dieser Abgründe kommt und anhalten muss. Es geht nicht mehr weiter. Ups ... das Finale wird zur Ohrfeige, zum Paukenschlag, zu einer hochgradigen Überraschung. Und noch einmal liest man die letzte Seite, die letzten Abschnitte... aber es geht nicht weiter. Das war das Ende! Mal ironisch, mal brutal, aber meist unvorhergesehen. Nur einmal konnte ich es vorausahnen, konnte ich mich psychisch darauf vorbereiten.

 

Ich warne alle Leser dieses Buches:

Es macht süchtig!

Man will mehr!

 

Deshalb habe ich es schon zweimal gelesen!

 

Für das Jahr 2018

 

wünsche ich

Lina Mortensen

viel Zeit zum Schreiben,

damit der Lesegenuss bald weitergehen kann...

 

 

Der Monat Januar und seine Besonderheiten

 

In meinem bisherigen Leben war der Monat Januar stets voller negativer Überraschungen gewesen.

 

Ich hatte meine jährliche Mandelentzündung (bis ich mir die Weisheitszähne ziehen ließ). In diesen ersten Wochen des Jahres wurden meine Allergien entdeckt. Überhaupt war ich häufig krank.

 

Als ich noch unser Auktionshaus führte, war dieser Monat der ruhigste im Jahr. Der 6. Januar und das darauffolgende Wochenende beendeten stets unsere zweiwöchigen Ausstellungen und Auktionen in interessanten Winterorten. Gerne erholten wir uns irgendwo einige Tage, bevor wir Bilanzen zogen und neue Programme für das Jahr aufstellten. Beruflich hatte ich auch die größten Niederlagen in diesem Monat. Kündigungen, Projekt-Abbrüche, Prozesse...

 

 

 

Deshalb nutze ich ihn heute bewusst zum

 

AUFRÄUMEN.

 

Das kann ich wirklich groß schreiben.

 

Altes wird entsorgt.

 

Noch Brauchbares wird neu geordnet.

 

Motivierte Listen für Neues verlängern sich.

 

 

 

Seit einigen Jahren ist mein Schreibtisch in meinem Laptop drin. Auch hier kann man viele „Notizen“ aufhäufen, Ordner füllen, Bilder sammeln. Dementsprechend ist es nicht zu vermeiden, dass sich auch auf dem virtuellen Schreibtisch eine gewisse Unordnung breit macht. Fotos bekommen von mir ohnehin sofort einen Titel, wenn nicht gleich auch ein Datum. Und doch hüpfen sie gerne von einem Ordner in den anderen. Mal sind sie in meinem Archiv, mal schlüpfen sie zu meinem Mann oder sie bleiben in der Mappe „Zum Ausdrucken“ hängen.

 

Kleine Texte, flüchtig aufgezeichnete Notizen, sind kaum zu bändigen. Sie befinden sich in vielen Ordnern und warten geduldig auf ihren Moment, wenn ich die kurzen Infos zu Rate ziehe oder die kleinen Texteingaben zu Blogs vervollständige.

 

Jedoch kann man bei dem Versuch, eine systematische Ordnung herzustellen, auch einiges finden, das in den Zwischenräumen der Vergangenheit steckengeblieben war.

 

So erging es mir mit der Rezension für ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und das ich sehr schätze. Unbegreiflich ist mir nur, wie es möglich war, dass ich meinen Blog dazu übersehen konnte. Wie dem auch sei, es ist nie zu spät für eine Buchbesprechung.

 

 

 

Also, dann, bis morgen...

 

 

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Eine etwas andere Lyriksammlung

 

Vor einigen Tagen hatte ich eine sehr nette Begegnung in meiner virtuellen Welt. Xenia Hügel besuchte meine Webseite. Nicht jeder stellt sich vor, wenn er sich dort ein wenig umsieht. Manche hinterlassen nette Worte im Gästebuch. Andere schreiben ihre Kommentare direkt unter den Blog, über den sie gerne sprechen möchten.

 

Xenia Hügel hat mir ein überraschendes Geschenk zukommen lassen: ihre kleine Lyriksammlung „Bruchstücke des Glücks“.

 

Schon allein der Titel machte mich neugierig. Sind es „abgebrochene“ Gedanken? Ich liebe es, mit Worten zu spielen, den Sinn zu abstrahieren, das Kopfkino anzuregen.  Deshalb überwand ich gerne die anfänglichen Schwierigkeiten beim Lesen dieser, oft nur wenige Zeilen in Anspruch nehmenden, Poesien. Der fehlende Rhythmus lässt den Leser nur stockend vorwärts kommen. Doch dann sah ich diese Gedankenspiele als Fragmente an, die von der Autorin, ohne erkennbaren Zusammenhang, auf die knapp 32 Seiten ihres Büchleins geworfen worden waren. Hin und wieder stolperte ich sogar über diesen eigenwilligen Stil, der die grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache zu sprengen versucht. Gerade dieser Aspekt hatte mich anfangs etwas gestört, jedoch habe ich zu verschiedenen Zeiten, wechselnde Stimmungen, die meine Empfindungen sehr stark beeinflussen.

 

Vielleicht geht das auch anderen Lesern so: Manchmal muss man sich selbst von etwas überzeugen. Gelernt habe ich diesen „Lesestil“ bei dem Meisterstück von Gabriel Garcia Marquez und seinem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“. Zunächst wollte ich das Buch ablehnen. Es blieb einige Jahre in meinem Bücherschrank. Hartnäckig oder geduldig, wartete es auf den richtigen Moment. Als ich es wieder aufgeschlagen hatte, war ich aufnahmebereit für die wunderbare Poesie, die sich in diesen Seiten verbirgt.

 

In der Lyrik suche ich nach Tiefe, die mich zum Nachdenken animiert. Hier bei Xenia Hügel fand ich dazu diesen einzigartigen Satz: Ein Land das viele Füße betritt. Wie bitte? Ist es nicht das Gegenteil? Kann ein Land meine Füße betreten, wenn es doch eigentlich gerade diese sind, die mich in ein Land bringen sollen? Wie geht das? Will ein Land mich also so sehr faszinieren, dass es in meine Füße eindringt und sie dazu bringt, mich dorthin zu führen? Ich ließ diese Zeile wie eine süße Delikatesse auf meiner Zunge zergehen bis ihre Wirkung meinen Kopf erreicht hatte.

 

Ich liebe diese bisweilen skurril klingenden Wortspielereien. Sie lassen meine Seele atmen. Mit ihnen kann ich die Welt um mich vergessen, als wenn mein Kopfkino sich in einem spannenden Roman befinden würde. Dann lass ich mich mitreißen und genieße diese Momentaufnahmen. Es sind nicht mehr als Zeugen eines kurzen Augenblicks und doch stecken tiefe Gefühle in ihnen.

 

Man sollte dieses Büchlein nicht einfach durchlesen. Man sollte diese „Bruchstücke“ einfach genießen, wie süße Bonmots und in ihnen schwelgen. Die Wirkung wird nicht auf sich warten lassen.

 

Nachdem man hier gerade noch wunderlich gestaunt hat, spürt man dort eine prickelnde Erregung und wird anderswo schon wieder vor den Kopf gestoßen und zum Nachdenken angeregt.

 

Mein großer Favorit könnte Die Zauberformel sein. Wäre da nicht Die Reise, Mein Wasser, Samt, Selbstliebe...

 

 

 

 

 

Erinnerungen im Regen

Foto: Antonella Bonora, Mailand
Foto: Antonella Bonora, Mailand

 

Warum regnet es in Deutschland so viel?

 

Dachte ich damals, als ich noch in Italien lebte und nur tageweise hierher fuhr. Natürlich war es warm und sonnig als ich aus Mailand abgefahren bin. Aber auch in München war der Himmel weiß-blau und die Sonne versuchte, ihr Bestes zu geben.

 

Das war gestern. Heute stehe ich in der Brienner Straße. Mein Auto parkt in der Residenzgarage und der Himmel hat beschlossen, sich sintflutartig ergeben müssen.

 

Entsetzt stehe ich unter dem schmalen Dachrand einer Luxusboutique. Viel Schutz bietet di schmale Leiste am oberen Ende des Gebäudes nicht. Es wird zunehmend feuchter und kühler. Die Luft füllt sich mit dem herunterprasselnden Wasser. Es wird immer ungemütlicher.

 

Mein Blick beginnt zu schweifen. Antiquitäten, feines Porzellan, ausgesuchte Gemälde, Designermode – aber weit und breit kein Regenschirm. Solch ein wichtiges Accessoire sollte man einfach nicht unterschätzen.

 

Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Wo bekomme ich hier einen Regenschirm, ohne dass ich noch nässer werde? Links von mir geht es in den Palmengarten (heute bekannt als Luitpoldblock). Dort könnte es wenigstens wärmer sein. Ich ziehe den Kopf tief in die Schultern und renne auf die Eingangstür zu, damit dieser ungnädige Wolkenbruch nicht noch mehr von meinen hübschen Schuhen kaputt macht.

 

Schon im Eingangsbereich ist die Luft um gefühlte zehn Grad wärmer. Langsam bringe ich meinen Körper wieder in eine elegante vertikale Haltung. Ich konzentriere mich auf jedes Schaufenster. Kosmetik, Schmuck, Platin. Am Ende des Durchgangs sehe ich schon wieder die herunterstürzenden Wassermassen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Wie komme ich zu meinem Auto?

 

Letzter Laden vor der Ausgangstür. Es werden Dirndl und Kleidung im Landhausstil angeboten. Da muss es auch Regenschirme geben. Natürlich! Stilsicher suche ich ein klassisches Modell aus, das auch später zu meiner Garderobe passen wird. An der Kasse schlucke ich meine Überraschung hinunter, zücke eine Kreditkarte und lasse sie an meiner Stelle glühen. Der hohe Preis ist zerknirschend, aber es ist mir voll bewusst, wo ich mich befinde.

 

Also beschwere dich nicht, sondern lass dich das nächste Mal in der Kaufingerstraße von einem überraschenden Wolkenbruch heimsuchen.

 

Und wie es so ist, zwischen mir und einem Regenschirm: Betrete ich ein Lokal mit ihm, stelle ich das nützliche Accessoire höflich in dem dafür vorgesehenen Ständer an der Garderobe ab. Verlasse ich das Lokal wieder und es regnet nicht mehr, dann kann er so viel gekostet haben wie er will, er hat keine Chance bei mir, ich vergesse ihn bestimmt!

 

 

 

Novembergedanken zu Allerheiligen

Im November befinden sich die kontemplativsten Feiertage im Kalender. Alle haben mit dem Tod zu tun. Alle wollen den Respekt und die Erinnerung an Menschen, die von uns gegangen sind, die für uns gestorben sind.

 

Luther wird nicht umsonst seinen Reformationstag so nahe an diese „Gedenktage“ gestellt haben. Einst gab es, neben Allerheiligen, auch noch Allerseelen. Irgendwann wurde dies dann doch etwas zu viel des Guten. Gleich zwei, drei Tage zum Besinnen? Das grenzte schon beinahe an eine klösterliche Klausur. Wobei die meisten Menschen diese Tage ohnehin nicht (mehr) sehr religiös nehmen, sondern eher pragmatisch. Es sind arbeitsfreie Tage, gerne mitten in der Woche, da kann man doch einen kleinen Urlaub herausholen.

 

Eigentlich hätte man Allerheiligen ausfallen lassen und Allerseelen beibehalten können. Der erste ist ein überaus katholischer Feiertag. Heilige zu würdigen, das ist nicht jedermanns Sache. Gerade in der heutigen Zeit, sehe ich ihn auch nicht mehr als bundesweiten Feiertag. Der zweite würde da schon eher passen. Schließlich sollte er Alle Seelen würdigen, denen unser Erinnerungsvermögen mächtig ist.

 

Also, nicht nur Eltern, Verwandte, Freunde, Bekannte. Es gibt bestimmt auch Menschen, die wir nicht persönlich kennengelernt, die jedoch für unsere Bildung, unsere Sicherheit, unseren Fortschritt sehr viel getan haben. Auf ihre Gräber legen wir keine Blumen, zünden wir keine Kerzen an, weil es ihre “letzten Ruhestätten“ vielleicht gar nicht mehr gibt. Dennoch sollten wir uns an diese Menschen erinnern, auch wenn wir nicht einmal ihren Namen kennen.

 

 

 

Viele Seelen der Vergangenheit gehörten genau den Pionieren,

 

ohne deren Entdeckungen und Erfindungen

 

wir heute nicht mehr leben möchten!

 

 

 

Eine kurze Besinnung in diese Richtung, ein kleiner Anflug der Dankbarkeit für jene oftmals Unbekannten, würde diesem Tag einen neuen, einzigartigen Aspekt erteilen.

 

 Selbstverständlich respektiere ich nur die “Guten“. Es ist mir völlig bewusst, dass es auch “Böse“ gegeben hat, die ich gerne ignoriere, auch wenn die Ergebnisse ihrer teuflischen Errungenschaften nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken sind.

 

Der November ist, wenigstens in diesen Breitengraden, der klassische Monat (gewesen?), der uns endgültig das warme Wetter mit Nebel und Sturm wegbläst und den kalten Winter einläutet. Vielleicht auch daher ein passender Besinnungsmonat. Damit wir langsam eingehen auf die festliche Weihnachtsstimmung. Damit wir in Spenden- und Schenken-Laune kommen. Damit es uns wärmer ums Herz wird ... werden soll.

 

Als ob die heutige Menschheit sich nicht selbst sehr gut “einstimmen“ lässt. Viele sind schon dem Kaufwahn(sinn) verfallen. Der Konsumteufel beginnt ja bereits im September, die Menschen darauf einzustimmen.

 

Und doch würde es unserer Seele sehr gut tun, in diesem kalten, garstigen Novembermonat mal kurz anzuhalten, sich vielleicht mit einem Heißgetränk auf das Sofa kuscheln, und:

 

 

über sich selbst nachdenken!

 

 

 

Bei dieser intensiven Bemühung, sich selbst näher zu kommen, werdet ihr überrascht sein, wie vielen Menschen ihr auf diesem Gedankenspaziergang begegnen werdet. Das wird äußerst spannend und sehr interessant! Vielleicht kommt euch dann zugleich in den Sinn, an wen ihr euch erinnern solltet, solange er oder sie noch leben.

 

 

 

Es ist leichter als ihr denkt, einfach  zu sagen:

 

Ich habe dich nicht vergessen!

 

Ich will mich bei dir bedanken!

 

Ich will mich bei dir entschuldigen!

 

Oder,

 

aus irgendeinem ganz persönlichen Grund:

 

Ich will dich wiedersehen, wieder hören...

 

wieder lesen...

 

 

 

 

 

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Sind wir wirklich noch das Volk?

 

Sonntagnachmittag habe ich an einer etwas anderen Vernissage teilgenommen. Die Location war schon sehenswert an sich. Einfallsreiche Architekten konnten den Charme des alten Fachwerks mit neuen Glasimpressionen wunderbar vereinen. Es gab nicht, wie so oft, einen Stehempfang inmitten der Ausstellung. Die geladenen Gäste saßen auf gemütlichen Stühlen mit weichen Kissen, versorgt mit edlem Müller-Thurgau aus dem Bocksbeutel und leckerem Kürbiskerngebäck. Vor ihnen eine Leinwand, auf der Videos mit Interviews abgespielt wurden, die leider etwas einseitig gestaltet waren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es auch andere Antworten zu den provokanten Fragen des Moderators gegeben hat.

 

Wie dem auch sei, das Thema der Ausstellung lautete

 

Wir sind das Volk

 

Die Georg-von Vollmar-Akademie hatte den Münchner Fotografen Stefan Loeber beauftragt, bekannte Persönlichkeiten und unbekannte Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zu fotografieren und   spannende Fragen zu diesem Thema zu stellen.

 

Zwischen den Videos wollten die Organisatoren eine kleine Diskussion unter den Gästen anregen. Leider blieb diese sehr zäh bis still. Ich habe auch nicht nach dem Mikrofon gegriffen, weil mein Beitrag sich zu stark gedehnt hätte.

Bevorzugt schreibe ich mir lieber die Gedanken von der Seele...

 

 Ehrlich gesagt hatte mir dieser Satz Wir sind das Volk schon auf der Einladung Gänsehaut provoziert. Wir sind das Volk. Als diese Worte in Deutschland geprägt wurden, lebte ich im Ausland. Den Mauerfall habe ich deshalb nicht hautnah erlebt, sondern nur darüber gelesen, im Fernsehen gesehen und aus Erzählungen gehört. Aber ich sah bald die Konsequenzen. Es ging damals nicht nur um den deutschen Mauerfall, es ging um den gesamten Eisernen Vorhang zwischen Ost und West.

 

Diese Ausstellung hat das Motto von damals übernehmen wollen. Wir sind das Volk sollte das aktuelle Flüchtlingsproblem ansprechen. Wie die Menschen in Deutschland damit umgehen. Warum plötzlich so viele Wähler rechtsradikalen Parteien ihre Stimme geben. Wieder! Und schon bekomme ich erneut Gänsehaut. Weil alles so verdreht wird und so vieles keinen Platz in der Erinnerung bekommt.

 

Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Mauerfall gab es auch Historie in Deutschland. Sehr wichtige Seiten der deutschen Geschichte wurden geschrieben. Zwar beherrschten amerikanische und französische Soldaten den Alltag in der damaligen BRD, infolgedessen „das deutsche Volk“ keinen Krieg mehr beginnen konnte. Jedoch wurde in dieser Zeit auch das Wirtschaftswachstum gefeiert. Ein neues Bewusstsein ging durch das Land: wir haben es geschafft! Wirklich?

 

Es gab einen so dringenden Bedarf an Arbeitern und Handwerkern, dass die deutsche Regierung bald keinen anderen Ausweg mehr fand als GASTARBEITER ins Land zu holen! Südeuropa war die geeignetste Zielgruppe dafür. Es kamen sehr viele Slawen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Griechen, Italiener und Spanier. Aber der größte Teil kam aus der Türkei.

 

Diese Ausländer wurden explizit eingeladen, hier zu arbeiten, zu leben und gutes Geld zu verdienen. Keiner hatte sie jedoch zur Integration gezwungen. In Köln steht die größte Moschee Europas! Nicht für die syrischen Flüchtlinge erbaut, sondern für die türkischen Gastarbeiter! Bald gab es einen türkischen Fernsehsender, türkische Tageszeitungen. Die türkische „Minderheit“ wurde stark und blieb ihrer Tradition treu. In der zweiten und dritten Generation sprechen sie überwiegend akzentfrei Deutsch, haben die deutsche Staatsangehörigkeit, singen aber nicht die deutsche Nationalhymne. Wenn es darauf ankommt, gehen viele von ihnen noch immer für den türkischen Präsidenten auf die Straße.

 

Soweit die Türken. Griechen, Italiener und Spanier haben eine völlig andere Mentalität und so manche integrieren sich lieber. Viele von ihnen kamen als Gastarbeiter und gingen als Rentner wieder zurück in ihre Heimat. Andere sind geblieben, haben sich selbstständig gemacht, eine Familie gegründet und würden um keinen Preis mehr in ihr Heimatland zurückkehren.

 

Damals dringend erwünschte Gastarbeiter, heute verschmähte „Wirtschaftsflüchtlinge“. Herr Seehofer spricht gerne von den „Wirtschaftsflüchtlingen“ aus dem Balkan, insbesondere Bulgaren und Rumänen. Dabei vergisst er wohl, dass schon seit über zwanzig Jahren „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus dem Osten Europas und der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen und geblieben sind. Er sollte mal auf die Äcker und Weinberge und sehen, wer sich den Rücken kaputt macht beim Ernten und Lesen.

 

Deshalb verstehe ich heute diese oft unschöne, bis ins Gehässige gehende Diskussion um Flüchtlinge überhaupt nicht. Es hat sie immer gegeben. Man ändert nur ihre Bezeichnungen. Bei dieser jüngsten Flüchtlingswelle werden sie nur noch als „Asylbewerber“ benannt. Im Grunde suchen sie nichts anderes als alle anderen, die Ende des letzten Jahrhunderts aus den östlichen und südöstlichen Nachbarländern strömten und mit denselben Problemen zu kämpfen hatten.

 

Eines möchte ich noch hinzufügen, weil es mir besonders am Herzen liegt: Deutschland war und ist nicht das einzige Land, das in den letzten dreißig (!) Jahren Flüchtlinge aufgenommen hat! Das würde ich am liebsten immer sehr laut anbringen bei diesen hirnverbrannten, einseitigen und völlig unangebrachten Flüchtlingsdiskussionen der heutigen Tage.

 

 In Italien zählt keiner mehr die Menschen, die beinahe täglich aus dem Wasser gefischt werden. Die Leichen bekommen eine Bestattung! Für die Lebendenden sucht man eine Lösung. Einfach ist es für niemanden!

 

Schwarzafrikaner arbeiten in den Fabriken Norditaliens schon seit über dreißig Jahren. Ich persönlich hatte in den Achtziger Jahren Männern aus Ägypten und der Elfenbeinküste Arbeit gegeben. In den Neunzigern waren es dann Marokkaner. Alles sehr gute Leute! Ich hatte nie ein Problem mit ihnen, sondern fand ihre Arbeitsmoral bewundernswert und oft ehrgeiziger als die eines Europäers.

 

Mit ihnen konnte ich auch meinen Horizont erweitern. Sobald es eine gemeinsame Sprache zuließ, unterhielten wir uns selbstverständlich über die verschiedenen Kulturen. Erst nach Monaten fand ich heraus, dass z.B. der ägyptische Handlanger eigentlich Elektroingenieur studiert hatte. Diese Erfahrungen prägen und lassen Vorurteile gar nicht erst aufkommen.

 

Vor einigen Jahren, als ich wieder nach Deutschland gekommen bin, habe ich ein Jahr lang in München gearbeitet. Meine Kollegen kamen aus der Ukraine, aus Kasachstan und aus Kolumbien. Die Managerin war eine Düsseldorferin. Nur eine Angestellte war eine gebürtige Münchnerin. Wir waren ein tolles Team, wir hatten eine gemeinsame Sprache.

 

Das ist die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit und ein gemeinsames, harmonisches Leben. Nur, wenn wir uns verstehen, können wir uns auch (weiter)bilden. Deshalb helfe ich in einer lokalen Schule ausländischen Jugendlichen, die deutsche Sprache schneller zu erlernen. Es schreit zum Himmel, dass sie sofort in die Schule sollen, auch wenn sie noch nicht einmal die Sprache annähernd beherrschen! Wie soll das gehen? Gerade Kinder und Jugendliche sind sehr lernbegierig und kommen schneller voran als Erwachsene, aber, um Himmelswillen, gebt ihnen doch erst einmal die Zeit, sich wenigstens eine Basis zuzulegen. Ich hatte Schüler aus den verschiedensten Ländern bisher: Afghanistan, Albanien, Griechenland, Italien, Polen, Rumänien, Russland. Die meisten von ihnen waren unglaublich lernbegierig, obwohl die deutsche Sprache keineswegs einfach zu lernen ist. Viele möchten sich weiterbilden, studieren, einen guten Beruf erlernen. Es ist eine Freude für mich, diesen Enthusiasmus unterstützen zu können.

 

Ich bin für den Individualismus. Es gibt schon lange keine Völker mehr. Die Globalisierung hat uns schneller eingeholt, als wir es bemerkt haben.  Mein Horizont will weit bleiben und sich nicht einengen lassen. Von keiner Partei und von keinem Dogma. Meine Freiheit ist für mich, dort eine Heimat zu finden, wo Menschen mich respektieren und schätzen. Dieser Ort muss nicht unbedingt mit dem Geburtsort übereinstimmen.

 

 

 

 

 

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