Die Launen der Zeit...

 

 

Man sollte möglichst immer guter Laune sein, Größe 0 tragen, täglich Sport treiben, und auch noch mindestens vegan essen.

 

Wow! Erst einmal tief durchatmen!

 

Ausreden sind ungültig! Welche Ausreden?

 

Weder das Wetter, noch der Alltag mit seinen (un)möglichen Problemen, noch die Wechseljahre dürfen dafür herhalten, dass es nicht so ist. Also habe ich diese vier, der beliebtesten und auch ziemlich verbreitetsten „Diktate“ näher betrachtet. Natürlich aus meiner ganz persönlichen Perspektive.

 

Die Laune ist an manchen Tagen schon morgens mies, auch wenn ich kein Morgenmuffel bin. Dann wälze ich die Stimmung auf das Wetter ab. Ausstehende Probleme sind auch gut für jegliche Demotivation. ABER: Eigentlich ist für mich gerade der frühe Morgen eine sehr schöne und positive Zeit. Mit ihm beginnt ein neuer Tag. Man kann mit frischer Energie Probleme angreifen und vielleicht endlich aus dem Weg schaffen. Die Luft ist noch so wunderbar klar und fühlt sich noch so herrlich sauber an. Wenigstens möchte ich mir das einreden. Wer frühmorgens, aus welchem Grund auch immer (Spaziergang oder Fahrt zur Arbeit), ein paar Schritte im Freien läuft, der bekommt ganz andere Düfte und Gerüche in die Nase als am Abend zuvor. Die Erde, aber auch die Stadt, riecht intensiver. Diese energetischen Kräfte können sich jedoch nach wenigen Stunden schon wieder verflüchtigen. Bis zur Mittagszeit ist man dann endgültig „mitten im Tag“ angekommen und voll mit dem Alltag konfrontiert.

 

Äußere Einflüsse, unerwartete Ereignisse, oder auch vergebenes Grübeln können unsere Stimmungen sehr stark ins Schwanken bringen. Da helfen kaum noch Ratschläge, wenn die Selbstkontrolle versagt, wenn wir uns nicht mehr „halten“ können. Wir wissen alle, Männer und Frauen, wie gut es tut, aus Wut oder Traurigkeit, den Tränen freien Lauf zu lassen. Oft strömen diese Tränenflüsse nicht leise aus unseren Augen, sondern werden von hässlichen Krämpfen begleitet. Bis eine plötzliche Müdigkeit aufkommt und eine, beinahe lähmende, Beruhigung einsetzt. Dann hat sich unser Kopf ausgetobt. Das Gehirn ist wieder etwas freier für die Logik, für die Realität, für den Verstand. Dann bleibt nur noch der Weg ans Waschbecken. Sobald die Hände und das Gesicht mit dem kalten Wasser in Berührung kommen, wird vieles wieder gut. Trifft dieses Gefühl nicht ein, dann ist die Situation ernst, sehr ernst. Dann brauchen wir Hilfe. Aber meist genügen ein paar Hände voller kaltem Wasser für das Gesicht, ein paar Taschentücher für die Nase und, besonders für die Damen, anschließend bitte wieder schön das Gesicht eincremen, damit die Falten sich nicht vertiefen!

 

Ab einem gewissen Alter (frau spricht nicht gerne in Zahlen), glauben viele Frauen, dass man Falten ausfüllen soll, muss. Die einen lassen sich Botox spritzen, die anderen nehmen ein paar Kilo zu. Beides entspricht nicht meinem Credo. Ich kämpfe tapfer Tag für Tag, dass die Null nicht aus meiner Größe verschwindet, dass ich folglich in der Größe 40 bleiben kann. Das beginnt schon mit einem täglichen Gang auf die Waage. Mag sehr ungesund klingen, gehört trotzdem zu meinem Morgenritual. So kann man sich schon vor dem Frühstück die Laune verderben. Na ja, ich bin realistisch und es ist mir bewusst, dass ich nach einem ausgiebigen Abendessen eben nicht am folgenden Morgen auf die Waage sollte. Ich tue es trotzdem! Sagen wir mal: aus statistischen Gründen. Denn, sportlich war ich noch nie. Aus gesundheitlichen Gründen muss ich mich (beinahe) täglich zu einer gezielten Gymnastik aufraffen. Mein Rücken verlangt es und dankt mir mit einer geschmeidigen Wahrnehmung, die mich sofort agiler werden lässt und daran erinnert, dass es sehr schmerzhaft werden kann, sollte diese Geschmeidigkeit fehlen.

 

Und in Bezug auf das Essen muss ich mich schlicht und einfach outen: ich bin ein Genussmensch! Wenn es mir schmeckt, kenne ich keine Grenzen! Lieber am nächsten Tag Intervallfasten oder Dinner canceln, sollte ich mal wieder (etwas) übertrieben haben. Wie oben erwähnt: die Größe 40 muss bleiben! Seit meiner Geburt vertrage ich keine Laktose. Deshalb bin ich jedoch nicht vegan geworden. Im Laufe meines Lebens habe ich sehr verschiedene Küchen ausprobiert. Auf meinen geschäftlichen wie privaten Reisen war ich immer neugierig auf die lokale Küche. Erst mal probieren, selbst in England kenne ich gute, einheimische Küche! Bei mir zu Hause gibt es beste mediterrane Küche: viel Pasta und Gemüse und Obst und Fisch und Meeresfrüchte. Fleisch und Wurst sind bei uns selten. Dafür kenne ich keine Hemmungen bei Hefegebäck! Das ist super gefährlich!

 

Da freue ich mich doch auf die saisonalen Abwechslungen! Und überlasse dem grauen Winter die schlechte Laune. Versuche mich schon im Frühling neu „aufzuladen“. Nutze die Sonne in den Sommermonaten, sofern sie es nicht zu gut meint. Denn, da habe ich leider auch schon einige unschöne Erfahrungen machen müssen. Vergesst nicht: seit fast drei Jahrzehnten gibt es keinen schützenden Filter zwischen Sonne und Erde. Wir müssen selbst darauf achten, nicht zu viel von den Strahlen abzubekommen. Schatten und Cremes sind unverzichtbar! Da wiederhole ich nicht die Vorgaben der aktuellen Apothekerumschau, sondern spreche aus eigener, ungesunder Erfahrung. Meine Augenkrankheit und eine unschöne Narbe an der rechten Schläfe erinnern mich tagtäglich, wie grausam die Sonne sein kann!

 

 

 

 

 

 

 

An der Börse...

 

„Wer eine Aktie kauft, spekuliert nicht an der Börse, sondern investiert in eine Firma.“

 

Diese Aussage von Stefan Riße ist völlig korrekt... gewesen. Er war mit André Kostolany freundschaftlich verbunden und ist ein bekennender Warren-Buffett-Fan geblieben. Seine Vorträge sind ebenso unterhaltsam wie interessant. Mit kurzweiliger Rhetorik erklärt er komplexe Vorgänge und entwirrt umfassende Abläufe mit entwaffnendem Naturell. So auch bei einem Blick auf die aktuelle Situation der Finanzmärkte, den er in der IHK Würzburg-Schweinfurt mit einem hochkonzentrierten Publikum teilte.

 

Dabei wurde ich an eine meiner intensivsten „Börsenzeiten“ erinnert...

 

Es waren die phänomenalen Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen. Das Internet startete gerade seinen fulminanten Aufstieg. Beinahe täglich schossen immer neue Firmen aus dem fertilen Parkettboden der Börse, die im brandneuen „world wide web“ überzeugen wollten. Diese unbekannten Neulinge hatten keinen Business-Plan. Sie hatten auch keine zuversichtlichen Bilanzen. Ihre wirtschaftlichen Ergebnisse schrieben permanent rote Zahlen. Und doch waren sie im Handumdrehen die Lieblinge an der Wall Street und verbreiteten sich in kürzester Zeit erfolgreich weltweit.

 

Ich kann mich noch sehr gut an das spektakuläre Jahr 1998 erinnern. Eigentlich hatte ich schon ein pralles Portfolio, zu 80% gefüllt mit diesen „Leckerbissen-Aktien“. Dort tummelte sich von AOL bis Oracle querbeet, wer gerade im rosaroten Online-Himmel angesagt war.

 

Ende August bekam ich von einem meiner Kunden, einem cleveren Börsenbroker, den Tipp, Yahoo zu kaufen. So viel ich könnte.

 

Yahoo? Das klang damals wie ein Freudenschrei von Fred Feuerstein. Mein Mann schüttelte den Kopf. Für ihn war das Ganze überhaupt nicht nachvollziehbar. Er liebte seine „soliden“ Aktien rund um die BMW und einigen Banken. Dieser neue Hype war ihm doch ein wenig zu schrill. Ich wollte auch nichts verkaufen, um in diese neue, noch völlig unbekannte Firma, zu ... investieren? Na ja, das war damals wirklich nur reine Spekulation.

 

Gegen Ende des Jahres gab es dann schon erste Anzeichen, dass das Fest vorüber war. Einige Aktien begannen leise zu bröckeln. Aus purer Neugierde warf ich einen Blick auf Yahoo. Hätte ich das doch nicht gemacht! Es gab ein großes Gewitter in meiner, eigentlich sehr glücklichen, Ehe. Natürlich hätte ich selbst die Initiative ergreifen können. Aber ich hatte es nicht ohne die Zustimmung meines Mannes tun wollen. Wie dem auch sei: hätte ich im August auch nur 10.000 DM eingesetzt, wäre ich im Dezember um satte 300.000 DM reicher gewesen. Dieser Scoop war mir völlig entgangen! Das wurmt mich heute noch, wenn ich daran denke!

 

Vielleicht war es auch der Riss in meiner Eitelkeit gewesen, jedenfalls sah ich nicht lange zu, als „meine“ Aktien zu sinken begannen. Zehn Prozent war ohnehin schon immer meine Schmerzensgrenze gewesen. Dann hatte ich verkauft, manchmal weiter verfolgt, und bin erst wieder eingestiegen, wenn und wann ich es für angebracht gehalten hatte.

 

Im spezifischen Fall des Dezembers 1998 ließ ich mich von niemandem beirren. Als ich in der Bank die Anweisung gab (damals gab es noch kein Online-Banking), alle Aktien an der Wall Street zu verkaufen, gab es einen heftigen Protest von dem netten Banker. Er meinte: „Bleiben Sie dabei, es ist bestimmt nur vorübergehend.“ Ich wehrte ihn lächelnd ab und bestand auf den Verkauf. Der Rest ist Geschichte. Im Januar 1999 ging es heftig bergab. Viele von den kleineren Firmen, selbst AOL, damals eines der vielversprechendsten Unternehmen in der Telekommunikation, erholten sich überhaupt nicht mehr.

 

Mein Mann erzählt heute noch stolz von meiner „Heldentat“. Wir hatten nicht nur unser Kapital gerettet, sondern sogar einige Gewinne mitgenommen. Das können nicht viele erzählen, auch oder gerade unter den Bankern, die damals nicht an die aufkommende Internetblase geglaubt hatten.

 

Warren Buffett ist einer der wenigen, die auf dem spiegelglatten Parkett der Börse so einige Stürze ohne gefährliche Einbrüche überlebt hat. Aber er investiert in Firmen. Er spekuliert nicht mit Aktien...

 

 

 

 

Utopia

 

 

 

Sehnsüchtig betrachtet sie die Sonne durch das große Fenster. Der strahlend blaue Himmel lockt, aber sie weiß nicht, wohin sie gehen soll. Nach ihrer langen Krankheit hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich wieder hinausgehen zu können. Die Welt steht ihr offen. Aber die Auswahl erdrückt sie beinahe. Der Horizont bleibt weit und grenzenlos. Es fällt ihr schwer, sich zu entscheiden. Alles auf einmal oder Schritt für Schritt? Sie kann überall hin. Niemand hält sie auf. Niemand mischt sich in ihre Pläne. Niemand ist mehr da. Sie ist allein. Frei. Das hatte sie sich immer gewünscht. Aber jetzt steht sie am Fenster und blickt hinaus in eine Welt, die keine Grenzen mehr kennt. Jedes Ziel ist nun möglich. Sie muss von niemandem mehr Abschied nehmen. Sie sind alle schon gegangen.

 

Die helle Sonne winkt. Auf einmal wünscht sie, dass es regnen würde. Wenigstens hätte sie dann die Ausrede, das Haus nicht verlassen zu müssen. Auf einmal wünscht sie ein Ereignis, ein Zeichen. Sie will sich noch nicht entscheiden. Oder nicht mehr. Das hatte sie so oft tun müssen. Für sich. Für andere. Immer wieder die Leitfigur darstellen müssen, an der sich alle richten. Jetzt will sie sich nicht einmal mehr an sich selbst orientieren.

 

Wo gehe ich zuerst hin? Wie wird es weitergehen? 

 

Die Sonne zieht sich beleidigt hinter den Wolken zurück. Nur ein kleiner, frecher Lichtstrahl lugt aus den weißen Knäueln hervor. Er zeigt nach Süden. Wie ein Pfeil, markiert er die Richtung. Sein Licht wird immer stärker. Die Umrisse werden immer blasser. Bald sieht sie in seinem Ende einen Ort. Eine Stadt, die sie erwartet. Freundliche Menschen lächeln ihr zu. Sie kennt dort niemanden. Und doch heißt sie jeder willkommen, dem sie begegnet. Wie in einer virtuellen Tour drehen sich die Straßen, werden immer breiter. Fröhliche Menschen tanzen im Sonnenschein. Ihr Lachen ist ansteckend. Ihre Heiterkeit ist so erfrischend. Hinter den Gesichtern versteckt sich kein Argwohn, keine Cleverness. Aufrichtig und offen begegnen ihr die Blicke der Anwesenden. Sie spürt erneut ein Vertrauen, das sie schon längst vergessen hatte.

 

Weiße, adrette Häuser ragen aus gepflegten, bunten Gärten hervor. Es ist eine Stärkung für ihre Seele, über diese Straßen zu laufen, die Menschen zu grüßen. Niemand hält sie auf. Sie läuft immer weiter bis hinunter an den Strand. Dort trifft sie auf das uferlose Meer, den unendlichen Horizont. Sie ist angekommen. Im Paradies ihrer Träume. Warme Sonnenstrahlen streicheln ihre Haut. Das ist das Land ihrer Sehnsucht. Es ist so wunderbar friedlich. Die Menschen hier kennen keinen Neid, keine Eifersucht, keine Gier und keine Gewalt. Sie respektieren sich. Sie helfen sich untereinander. Sie leben miteinander. Sie komplementieren sich.

 

Sie weiß nur zu gut, dass Utopia nicht existiert. Deshalb will sie die Augen nicht mehr öffnen.

 

Die Welt draußen ist grau und dunkel. Voller Misstrauen und Argwohn, voller Gewalt und Herrschsucht. Jeder muss sich vor dem anderen schützen, sorgen, verstecken. Keiner will sich mehr authentisch zeigen. Der Ehrgeiz treibt die Menschen an. Sie hetzen durch die Zeit, sie scrollen auf ihren Geräten. Keiner blickt mehr auf. Keiner hält mehr an.

 

Es ist an der Zeit, diese Epoche zu verlassen. Utopia ist nicht weit entfernt. Dieser Ort der Glückseligkeit, er liegt in unseren Köpfen. Wir müssen uns nur davon überzeugen. Liebe und Respekt, Toleranz und Freundlichkeit bringen uns weiter als der blanke Hass gegen alles Unbekannte, gegen jeden, der eine andere Hautfarbe hat.

 

Sie steht am Fenster und lässt sich von der Sonne inspirieren. Wärme im Herzen, Licht in der Seele zaubern ihr ein Lächeln auf die Lippen. Mit diesem Lächeln, das von innen kommt, kann sie den ersten kleinen Schritt wagen. Das Land, das nirgends existiert, wird es ihr danken.

 

Was hält die EU zusammen?

 

 

Ich frage mich das schon sehr lange. Der schwerfällige Beamtenapparat in Brüssel beschließt unzählige Gesetze, ohne die wir besser leben könnten.

 

Vereint sind in Europa die Grenzen und dadurch die Aufenthaltsgenehmigungen. Handel wie Schmuggel wurde es leichter gemacht. Doch dann folgen schon die großen Fragezeichen: Wer gehört zu Europa? Oder doch nur zur Europäischen Union? Das ist doch eine ganz eigene Vereinigung. Wenn ich mir da die UEFA (die Europäische Fußballunion) ansehe, wird es schnell exotisch und sehr orientalisch.

 

Bleiben wir zunächst einmal in der Europäischen Union. Für sie soll ja, Ende dieses Monats, gewählt werden. Hier ist aber auch nicht viel vereint.

 

Zölle, Preise, Steuern, Gesundheitssysteme, Renten regelt jedes Land wie es ihm gefällt. Religionen, Mentalitäten, Kulturen sind bunter als irgendwo sonst auf der Welt. Und dann die größte aller Hürden: zur wirklich guten Verständigung fehlt EINE Sprache!

 

Ich habe in sechs verschiedenen Ländern gelebt, die geographisch zu Europa gehören. Nicht als Tourist einfach mal vorbei geschaut, die schönen Sehenswürdigkeiten bewundert und dann wieder weiter gefahren. Nein, ich lebte das Land, die Leute, den Alltag. Nachdem ich in Deutschland aufgewachsen war, hatte ich ein Jahr an der französisch-schweizerischen Grenze gelebt und in Genf studiert. Hier bekam ich schon einen kleinen Vorgeschmack auf die komplizierten „europäischen“ Gesetze. Viele Jahre später, in den Neunzigern, organisierte meine Firma die Winter- und Sommersaison an der italienisch-französischen Grenze. Viele Kunden kamen aus Monaco. Aber auch von der Côte d’Azur kamen viele interessierte Käufe. In meiner Branche wurde die Kundenbetreuung sehr viel Bedeutung zugeteilt. Daher gehörten Hausbesuche und PR-Veranstaltungen in Kundennähe einfach dazu.

 

Mein Hauptsitz war jedoch drei Jahrzehnte lang in Italien gewesen. Auch wenn ich in dieser Zeit oft mehrere Wochen in England verbrachte. Geschäftlich und privat, mein Mann und ich liebten die britische Insel. Von Edinburgh bis Brighton oder Southampton. Nach London verweilte ich am liebsten in Winchester.

 

 Italien habe ich von Cortina d’Ampezzo bis hinunter an den Stiefelabsatz, bis Bari erlebt. Unser Hauptwohnsitz war überwiegend im Hinterland von Mailand. Doch der Schweizer Tessin gehörte einfach dazu. Eine natürliche Erweiterung. Die Sprache ist ja weiter italienisch, nur die Mentalität ändert sich ... ein wenig. Ich fuhr zwei Jahrzehnte lang zu meinem sehr geschätzten Zahnarzt nach Bellinzona. (Er fehlt mir heute sehr!) In Lugano gingen wir oft einkaufen und noch öfter spazieren. Der Stadtpark rund um den See ist in jeder Saison einladend. Und jahrelang wurde nur in der Schweiz getankt...

 

Mein Mann, ein gebürtiger Mailänder, wollte Deutschland noch besser kennenlernen. Er hatte dieses Land während seiner erholsamen Urlaube am Tegernsee und im Schwarzwald schätzen gelernt. Jedoch ist Urlaub nicht gleichzusetzen mit leben. Das musste auch er einsehen. Dennoch ist die Lage günstig. Da unsere jüngste Enkelin in Norwegen lebt und wir auch dort viele Monate verbracht haben.

 

Ob geschäftlich oder privat, sich ständig mit neuen Menschen, Mentalitäten, Kulturen, Gesetzen, Traditionen zu konfrontieren, das ist überaus spannend. Manchmal auch aufreibend, aber immer sehr konstruktiv. Doch Gemeinsamkeiten, irgendetwas, das an Solidarität erinnert, an Verbundenheit, konnte ich nicht feststellen. Im Gegenteil, die Franzosen sehen gerne auf ihre südlichen Nachbarn hochnäsig von oben herab. Die Engländer belächeln ohnehin jeden, der vom Kontinent kommt. Und die Norweger bleiben lieben unter sich. Über Deutsche und Italiener will ich mich nicht überhaupt nicht äußern. Zwischen diesen beiden Völkern ist eine Art Hassliebe deutlich fühlbar, die sich schwer erklären lässt und sehr kompliziert ist. Darüber könnte ich Bücher schreiben.

 

Der wichtigste Aspekt in diesen Jahren waren aber die Sprachen! Für meine verschiedenen Aufenthalte benötigte ich schon mal vier davon! Noch krasser war es im letzten Jahrhundert mit den diversen Währungen, dem ständigen Umrechnen. Als der Euro aufkam, war es anfangs angenehmer, von einem Land ins andere zu reisen und dieselben Banknoten benutzen zu können. Oder? Tja, Großbritannien, Norwegen, Schweiz, gehören nicht zur Eurozone. Da ist auch schon wieder so ein gravierender Unterschied. Deshalb frage ich mich wirklich, wer oder was ist eigentlich die Europäische Union? Ein Verein zwischen ... welchen Staaten... und wofür?

 

Mit diesen Fragen hatte ich mich auch schon früher beschäftigt. In den Neunziger Jahren hatte ich einige interessante Essays von Giuseppe Galasso gelesen. Da war es nur eine natürliche Konsequenz, seine Storia d’Europa zu erwerben. Natürlich in der Originalsprache! Ja, ich kaufe gerne Bücher, auch wenn ich sie nicht sofort lese. Dazu fehlte mir oft die Zeit. Diese dreibändige Herausforderung über die Geschichte Europas von der Antike bis zur Gegenwart haben jetzt und heute ihren (hoffentlich) richtigen Zeitpunkt gefunden. Ob ich die drei Bände bis zur Europawahl durchlesen kann, wird sich erweisen. Es ist jedoch eine gute Gelegenheit, sich gerade jetzt mit der Historie auseinanderzusetzen.

 

 Vielleicht ändere ich meine Ansicht, dass die Vereinigten Staaten von Europa eine reine Utopie darstellt und bleiben wird. Auf jeden Fall werde ich darüber berichten.

 

 

 

Das Pubertier kommt zurück!

 

 

 

 

Wann es so richtig los geht mit Zickigkeit und Rebellion bestimmen die Hormone. Bei den Mädchen manifestieren sie sich mit der Mens. Die ersten Monate können sich noch etwas ausbremsen. Diese, im Grunde ziemlich unangenehme, Neuheit muss erst noch ein wenig verdaut und angenommen werden. Doch sobald sich die Hormone im weiblichen Körper gemütlich eingenistet haben, treten auch schon die ersten Reaktionen auf. Abgesehen von unangenehmen Schmerzen im Kopf und im Lendenbereich geht es bald voll auf das Gemüt.

 

Heute euphorisch, morgen tiefste Depression, dazwischen immer wieder miese Stimmung, die sich keiner so ganz erklären mag. Der Blick in den Spiegel wird zum Horrorfilm! Nichts passt mehr in die eigenen Vorstellungen. Alles stört und irritiert. Da helfen keine Komplimente! Sie werden als schleimende Heuchelei verschrien. Ja, auch die Stimme hebt sich gerne und ganz von alleine. Antworten werden zu giftigen Ausbrüchen oder verstummen in verbockter Sturheit.

 

Das sind harte Jahre für die Eltern und das nächste Umfeld. Die Betroffenen selbst bemerken es in dieser Zeit so gut wie nicht. Sie bleiben in ihrer Hormonblase gefangen. Erst viel später, nach Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, lächeln sie (möglicherweise) darüber. Gerade in Situationen, wenn sie selbst Kinder im Teenageralter haben, erinnern sie sich vielleicht an die eigene Sturm-und-Drang-Zeit.

 

Doch der Zyklus der Hormone kreist unerbittlich weiter. Das Leben bringt seine Erlebnisse mit, sammelt seine Erfahrungen. Frau beobachtet intensiver ihren Körper. Manche hören gar die biologische Uhr ganz laut ticken. Bis der nächste Wecker schrillt. Die Mens setzt aus, die sogenannten Wechseljahre kommen auf frau zu.

 

Einige lässt diese neue Umstellung völlig kalt. Andere achten wieder oder noch intensiver auf ihr Gewicht. Der Körper benötigt jetzt weniger Kalorien, verarbeitet nicht mehr so schnell wie früher. Aber es schmeckt noch genauso gut und die Bewegung bleibt in der (angeblichen) Müdigkeit stecken. Doch es lauert noch ein weiterer, viel gefährlicherer Schweinehund. Der nistet sich erneut in die Hormone und löst Reaktionen aus, die so manchen pubertierenden Teenager erblassen lassen! Jetzt nennt frau es elegant Stimmungsschwankungen.

 

Von Himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt wird die gesamte Palette noch einmal kräftig durchlebt. Frau hat kaum eine Chance, diesem, der Natur entsprungenen, Schicksal zu entfliehen. Unzufriedenheit und Unentschlossenheit marschieren im Gleichschritt an. Mit Überzeugung durchgeführte Projekte werden im nächsten Augenblick tieftraurig bereut. Nichts ist mehr wie es sein soll. Alles und jeder irritiert und frau geht sich selbst gerne auf die Nerven.

 

Die Erinnerungen an die eigene Pubertät sehen aus der Ferne wie überstandene Bagatellen aus. JETZT ist es grausam! Der Zeitgeist lacht sich dabei ins Fäustchen. Aber das war doch alles schon dagewesen! Zickigkeit und Rebellion verwurzeln sich auf dem Memory Lane wie Unkraut auf dem gepflegten Rasen.

 

Sollte das fortgeschrittene Alter nicht die Weisheit bringen? Sagt man! Vielleicht heißt diese irritierende Periode des Lebens gerade deshalb Wechseljahre. Es ist ein Wandel im Gange. Der Körper ändert noch einmal seine Bedürfnisse. Nur, dass wir jetzt die reife Lebenserfahrung mitbringen, die uns hilft, die Menopause etwas vernünftiger anzugehen.

 

Mein Geist lacht mich aus! Vernunft? Die macht wohl auch eine Pause oder nimmt sich eine längere Auszeit. Gerade jetzt wollen wir es doch noch einmal wissen. Nichts passt uns! Kaum jemand hält uns aus! (Mein Mann ist bewundernswert!) Wenn die unschönen Tage kommen, dann schwelgen wir nur so in der eigenen Nörgelei oder gar im unnötigsten Selbstmitleid.

 

Aber wir Frauen sind doch eigentlich als Kämpfernaturen geboren. Sonst hätten wir auch die Mens mit ihren, mitunter unerträglichen, Schmerzen nicht überlebt. Von den Geburtswehen ganz zu schweigen.

 

Deshalb greife ich zu allen, möglichst natürlichen, Hilfsmitteln. Johanniskraut, Schafgarbe, Rotklee, hochdosierte B-Vitaminen und was es noch so alles gibt. Doch ich muss gestehen, das Johanniskraut war bisher das beste Kraut, das mir geholfen hat, mich einigermaßen in Balance zu halten...

 

... damit das Gemüt sich erneut in ruhigere Bahnen einlenkt...

 

... damit die Traurigkeit nicht zur Depression wird...

 

... damit das Lächeln auf den Lippen aus dem Herzen kommt...

 

... damit die Weisheit endlich ankommen darf...

 

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Das amüsante Ende einer Leseflaute

Ich war von einer viel zu lang anhaltenden Leseflaute betroffen. Keines meiner Klassiker wollte mich ansprechen. Rabelais war zu anstrengend, Chaucer langweilte mich bald, Virginia Woolf war mir zu sprunghaft. Ich wollte es ein wenig unterhaltsamer, mitreißender.

 

Zum Glück hat mich ein guter Freund gerettet!

 

Klaus Kurt Löffler schreibt unterhaltsame (Jugend)Bücher, die auch Erwachsene gerne lesen können. Für mich ist er schon lange kein unbekannter Autor mehr.

 

Dieses Mal las ich „Das Fürstengrab“.

 

Seine beiden Helden Max & Micha waren wieder einmal unterwegs für eine ihrer spannenden Detektivgeschichten. Die schöne große Schrift war angenehm für die Augen. Die etwas kuriosen Illustrationen unterstützten das Kopfkino.

 

Ich habe mich sehr gerne in meine Kindheit zurückversetzen lassen, als ich mit den Nachbarkindern unterwegs war und wir auch Abenteuerspiele suchten. Es gab damals kein Handy und keine Playstation. Das Fernsehen wurde streng gesteuert. Aber wir hatten unsere Fantasie und die Natur um uns herum. Daraus entstanden manchmal lustige, manchmal auch gruselige Sachen. Je nach Laune und Jahreszeit. Aber es war immer unterhaltsam und lehrreich. Und niemals banal oder langweilig.

 

Wie die Bücher von Klaus Kurt Löffler. Als ich meinem Patenkind das erste Abenteuer von Max & Micha geschenkt habe, war sie damals gerade mal 11 Jahre alt. Aber das ist genau das richtige Alter, um ernsthaft mit dem Buchlesen zu beginnen. Mit diesen anregenden Abenteuern können sich die Kids sehr gut identifizieren. Sie werden nicht als unmündige Kinder angesehen. Die Erwachsenen begegnen ihnen stets mit Respekt und augenzwinkerndem Humor.

 

Übrigens, Klaus Kurt Löffler hat auch etwas nur für Erwachsene publiziert: seine Gedichte und Gedanken, in denen er Alltägliches, Aktuelles, aber auch die eigene Gefühlswelt auf den Punkt genau analysiert. Jeder findet dort einen Gedanken, eine Anspielung, die man aufnehmen und darüber nachdenken kann.

 

Und wenn ein (Jugend)Buch euch amüsiert hat, könnt ihr es gerne auch an Jugendliche weitergeben.

 

Der Autor würde sich freuen.

 

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Karfreitag zwischen Religion und Glauben

MJ Todd
MJ Todd

 

 

 

 

Die Woche zwischen Palmsonntag und Ostersonntag wird von vielen Christen „Karwoche“ genannt. Einige katholische Länder erheben sie sogar zur „heiligen Woche“. Wie auch immer, diese Tage sollten dem Fasten und der Meditation gewidmet sein. Aber, wer tut das heute noch?

 

Die kontinuierlichen Verbindungen der verschiedensten Ethiken aus allen Ländern haben auch die Religionen erreicht. Irgendwann stellt man fest, dass Gott immer der gleiche ist. Nur seine Namen ändern sich. Die Regeln des Glaubens sind ursprünglich individuelle Richtlinien für die frommen Menschen gewesen. Je nach Ursprung und Mentalität wurde dies verboten und jenes vorgeschrieben. Das tat gut und wirkte auch.

 

Durch die Globalisierung der letzten Jahrzehnte vermischten sich die Völker und ihre Religionen erneut. Es war nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit! In der einen Glaubensrichtung wüten Fanatiker. In der anderen überzeugt die Weisheit. Und bei manchen wird alles etwas gleichgültiger gesehen.

 

Christen sind davon am häufigsten betroffen. Das sieht man bei jedem Feiertag und natürlich auch in der Fastenzeit. Eigentlich ist letztere von Aschermittwoch bis Ostersonntag angesetzt. Schnell reduzierte sie sich auf die Karwoche. Und auch in diesen wenigen Tagen wird kaum noch wirklich gefastet. Das letzte Mal, als ich bewusst das harte Fasten gesehen hatte, war im Film Chocolat gewesen. Ein ausgezeichneter (Film)Genuss mit einer großartigen Juliette Binoche und einem wunderbar charismatischen Johnny Depp.

 

Zielstrebiges Fasten für einen ersehnten Gewichtsverlust ist ein leidiges Thema, dem man sich das ganze Jahr über widmen kann. Das religiöse Fasten, bei dem auch der Geist mit einbezogen werden sollte, erreicht kaum noch einen größeren Anhang ... unter den Christen, wohlgemerkt!

 

Ich kann mich an fromme Frauen erinnern, die mich als Kind faszinierten, weil sie am Karfreitag während des Gottesdienstes aufrichtige Tränen geweint hatten. Sie fühlten mit einem Mann, der für sie extreme Schmerzen auf sich genommen hatte und daran gestorben war. So hatten sie es von ihren Pfarrern und vielleicht auch von ihren Eltern gehört und gelernt und in sich aufgenommen. Sie dankten diesem Mann, den sie Jesus Christus nennen.

 

Ich muss gestehen, dass ich schon seit langen Jahren keinen Gottesdienst mehr besuche. Der Karfreitag war in meinem Berufsleben stets ein normaler Arbeitstag gewesen. Ich lebte im tiefkatholischen Italien. Ein Land, das den Vatikan „beherbergt“. Und doch hatte die damalige, sozialistische Regierung, in den 1980er Jahren, sehr viele Feiertage abgeschafft, damit mehr gearbeitet wurde. Es gibt in Italien kein Christi Himmelfahrt, kein Pfingsten und eben keinen Karfreitag. In meiner protestantischen Erziehung war dies der höchste, religiöse Feiertag gewesen.

 

Meine weitere Lebenserfahrung hat mich immer mehr von der Kirche getrennt. Den Glauben an eine überirdische Macht habe ich nie verloren. Ich habe meine eigenen Rituale kreiert. Dazu gehörte ein Konzert zu Karfreitag, das jedes Jahr im Mailänder Auditorium aufgeführt wird.

 

Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach.

 

Dieses Werk ist ein Meisterstück. Seine wunderbare Musik, holt unsere Gefühle aus den verstecktesten Winkeln der Seele heraus. Sie erzählt auf wunderbare Weise die Leidensgeschichte Jesus’. Ihre durchdringenden Lieder erinnerten mich an die Gottesdienste meiner Kindheit. Sie lässt uns mitfühlen, mitleiden und ganz unbewusst nehmen wir Anteil am Schicksal der Hauptfigur, Jesus Christus.

 

Wenn die letzte Note verklungen ist, sinne ich immer noch über manches nach. Ich ziehe meine Schlüsse und schaue ganz tief in meine Seele. Die Musik ist der Katalysator gewesen. Verborgene Sünden werden bereut und vielleicht auch bereinigt.

 

Es ist nie zu spät, Fehltritte zu erkennen und wenigstens zu versuchen, sie wieder gut zu machen. Eine Entschuldigung, eine Umarmung, eine nette Geste gegenüber den Menschen, die wir verletzt oder beleidigt haben, denen wir etwas schuldig sind, kennt kein Verfalldatum.

 

Irgendwann wurde im Auditorium die Johannes-Passion von der Matthäus-Passion abgelöst. Dieses Werk liegt mir weniger. So blieb ich zu Hause und hörte eine CD am Karfreitag - morgens gegen neun Uhr oder nachmittags gegen drei Uhr.

 

Die letzten sieben Worte Jesus am Kreuz von Joseph Haydn.

 

Kaum jemand wird diese Zitate auswendig kennen. Deshalb ist es gut, sie mitlesen zu können, während die Musik uns in eine andere Welt versetzt. Auch hier sind wir bald in einer ganz anderen Sphäre. Zu jedem Ausspruch von Jesus kann man eigene Parallelen finden. Man muss nur ein wenig in sich gehen. In seiner Seele graben. Das tut zuweilen unheimlich gut. Der Geist fühlt sich befreit und freut sich über die Erlösung von manchem Unrat, dessen Inhalt er viel zu lange mit sich herumtragen musste.

 

Ostern ist inzwischen wie Weihnachten.

 

Ein Fest des Konsums und des Verzehrs.

 

Gefüllte Osternester und üppige Festmahle oder auch Reiseziele an diesen Tagen sind den Menschen wichtiger geworden als das ursprüngliche Motiv, weswegen diese Feiertage überhaupt entstanden sind. Schließlich verdanken sie der christlichen Religion diese willkommene Auszeit von ihrem Alltag.

 

Ein bisschen Besinnung würde so manchem nicht schaden...

 

 

 

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Eine Welt ohne Bargeld?

 

 

 

 

Eigentlich unvorstellbar. Zukunftsträchtig? Utopisch? Ein Wirtschaftsdialog in der IHK Würzburg-Schweinfurt sollte das klären. Der kompetente Referent von der Deutschen Bundesbank in München und der charismatische Dozent von der Technischen Hochschule in Weiden hatten keine Mühe, das zahlreiche Publikum mit diesem spannenden Thema in ihren Bann zu ziehen.

 

Nicht nur die beiden Referenten jonglierten mit imponierenden Zahlen, auch die Begrüßungsrede des IHK-Präsidenten ließ mich schon ein wenig erstaunen.

 

Bargeld ist für uns alle selbstverständlich. Doch wann hat es damit begonnen? Nun, eigentlich könnte man es sich denken: Giro-Konto, Saldo, Agio, Debit-Karten. Das kommt einem doch schon ein wenig Italienisch vor. Ich musste sofort an die „uralte“ Bank Monte dei Paschi di Siena denken. Ihr Gründungsjahr liegt im Anno domini 1472. Da wunderte es mich nicht, dass es die Italiener gewesen sind, die das Bargeld eingeführt haben.

 

Nun soll das Bargeld in der nächsten oder übernächsten Zukunft abgeschafft werden? Dagegen werden sich wohl nicht nur die Italiener wehren. Nach den Angaben der Deutschen Bundesbank ist die Hälfte des gesamten Bargeldes der Eurozone in Deutschland im Umlauf! Das wären so an die 600 Milliarden Euro!

 

Weitere Statistiken und Umfragen erwiesen, wie sehr die Menschen doch das Bargeld lieben und horten. Das mag auch sehr vernünftig klingen. Ist es doch das sicherste Zahlungsmittel (über Falschgeld reden wir demnächst erst) und das anonymste! Und das verhandlungsfähigste!

 

Ich hatte einen Kunden, der kam gerne mit kleineren Banknoten (heute würde ich sagen 50-Euro-Scheinen), selbst wenn er einen fünfstelligen Betrag zahlen musste. Denn, er ging davon aus, dass die vielen Scheine, dicht gebündelt, den Händler noch zu einem größeren Rabatt verleiten würden. Jedoch hatte er nicht so oft damit Erfolg! Damals arbeitete ich noch auf dem Kunstmarkt zwischen Italien, Südfrankreich und England. Ein anderer Kunde hatte sich, mit einem mittleren, sechsstelligen Betrag, sein Haus neu eingerichtet. Ich musste zwei Einkaufstüten (!) voll wirklich kleiner Geldscheine zählen. Fünfer, Zehner und Zwanziger! Er hatte sie monatelang für sein Vorhaben zurückgelegt. Und arbeitete auf dem Gemüsemarkt!

 

Heute wäre das nicht mehr nachvollziehbar. Kreditkarten und Geldkarten in den verschiedensten Variationen gehören zum Alltag im Handel. Mittlerweile gibt es auch schon Apps, mit denen man auf dem Smartphone bezahlen kann. Das mag in vielen Branchen gut ankommen. Aber im täglichen Schnelleinkauf, hier ein Brötchen, dort ein Getränk, werden Karten nicht gerne gesehen. Vor allem Automaten und Bäcker, um haben sich noch überhaupt nicht mit Kartenzahlung befasst.

 

Zuerst waren es die Regierungen mit ihren Bemühungen, den Bargeldverkehr zu kontrollieren, damit sich davon nicht zu viel am Finanzamt vorbeiwirtschaftet. Doch, besonders der Vortrag des Dozenten vermittelte mir, zwischen den Zeilen, die Überlegung, dass sich nun auch die weltweiten Giganten wie Apple, Amazon, Google & Co. am unbaren Zahlungsverkehr beteiligen möchten.

 

Schließlich ist es doch zu bequem und daher äußerst verlockend, auch Kleinstbeträge mit Debitkarten zu begleichen. Dass dadurch gleich eine ganze Kette an Einnahmemöglichkeiten entsteht, daran denkt der Konsument wohl kaum. Jede Transaktion mit Geld- oder Kreditkarten ist nachweisbar. Erfahrungsgemäß benötigt man ja ein Girokonto dazu. Daraus ergeben sich unglaublich interessante Daten für die Mega-Multi-Konzerne. Wenn jeder von ihnen eine eigene Karte oder App anbieten würde, hätten sie bald ein sehr lukratives Nebengeschäft... mit den entsprechenden Daten. Was wurde gekauft? Wie wurde bezahlt? Welche Bank wurde benutzt? Und auch einige persönliche Angaben bekommen sie als erwünschten Nebeneffekt hinzu. Namen, Mailadressen, Geburtstage. Woraus man weiter ersehen kann, wie hoch der Konsument eingeschätzt werden könnte. Es entsteht ein unglaublich gläsernes Profil!

 

Doch selbst Amazon musste einen Rückschritt vollziehen. Der Traum vom völlig bargeldlosen Laden wurde kürzlich vom Staat New Jersey und von der Stadt Philadelphia abrupt gestoppt und Amazon sah sich gezwungen, bargeldfreundliche Kassen zu eröffnen! Denn, nicht jeder Bürger in den USA ist in der Lage, ein Bankkonto zu führen.

 

Bargeld ist und bleibt wichtig!

 

Ich denke dabei auch an die Tausenden von Migranten in Europa, die jede Woche oder jeden Monat Bargeld an ihre Familien transferieren. Alleine in Italien waren es Anfang des Jahrtausends über vier Milliarden Euro im Jahr!

 

Wer möchte schon seinen Kindern nur noch Prepaid-Karten als Taschengeld geben? Dadurch bekommen die Kids ein völlig verzerrtes Verhalten zu Geld und seinem Wert. Für ihre Erziehung ist das Fühlen einer Banknote oder gar von Münzen äußerst wichtig. Geld sollte sich nicht in Zahlen auf dem Display auflösen. Wir sollten weiterhin die Möglichkeit der Wahl haben. Darüber hatten auch die beiden Referenten eine wohltuende Übereinstimmung.

 

Bargeld gibt uns immer noch dieses unglaublich wohltuende Freiheitsgefühl, das wir uns auf keinen Fall so schnell nehmen lassen sollten. In einer demokratischen Volkswirtschaft, und darauf sollten wir bei jeder Wahl achten (!), dass dieser Status auch weiterhin bestehen bleibt, wird das wohl noch nicht so schnell durchzuführen sein.

 

 

 

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Parken ohne Münzen

 

 

Eine gute halbe Stunde fahre ich beinahe im Schritttempo durch die Stadt. Auf der Suche nach einem Parkplatz. Endlich finde ich ihn. In einer Seitenstraße. Mit drei Manövern hin und zurück dränge ich mich in die enge Lücke. Zufrieden steige ich aus. Für die nächsten zwei Stunden stehe ich gut.

 

Denkste!

 

Für den Parkschein benötige ich gelbe und silberfarbene Münzen! Keine Scheine, keine Geldkarten! Klingende (oft horrend dreckige) Münzen, die ich nicht gerne sammle.

 

Aus meinem zuständigen Fach in der Geldbörse lugen nur ein paar verlegen rote verkupferte Cents. Verärgert ziehe ich den Reißverschluss. Der kleinste Schein ist blau und mit zwanzig Euro bewertet! Damit kann ich keinen Passanten ansprechen!

 

Ich laufe in die Geschäftsstraße hinein. An der Ecke vorne entdecke ich eine Bank. Zielstrebig laufe ich auf sie zu. Im Vorbeigehen mustere ich auch die Geschäfte. Entschlossen gehe ich in die Bank. Die beiden Kassenschalter sind geschlossen. An den Schreibtischen sitzen Kunden im leisen Gespräch mit den Angestellten. Niemand grüßt. Vielleicht beobachten mich die Mitarbeiter aus den Augenwinkeln. Anmerken lassen sie sich das nicht. Ich sehe die offenen Türen und gehe weiter ins Innere der Bank. Der hinterste Schreibtisch ist nur von einem Angestellten besetzt. Sein PC war auf Augenhöhe platziert. Ich hätte nicht gedacht, dass er mich bemerkt.

 

Doch plötzlich höre ich seine Stimme: „Kann ich Ihnen helfen?“ Grüßen ist wohl nicht mehr angesagt. Zeitverschwendung. Sofort das Problem in Angriff nehmen.

 

„Guten Morgen“, erwidere ich freundlich lächelnd. „Sind alle Kassenschalter hier geschlossen?“

 

„Nur momentan. Was brauchen Sie denn?“

 

„Ich müsste nur schnell einen Schein wechseln.“

 

„Sind Sie Kunde?“

 

Diese Frage hasse ich! Sie sagt mir schon im Voraus, dass alle weiteren Bemühungen umsonst sein werden. Die Freundlichkeit ist ausgestorben.

 

„Nein, ich bin kein Kunde. Ich wollte nur parken.“

 

„Wir haben nur noch Geldautomaten. Und die funktionieren nur mit unserer bankeigenen Karte. Tut mir leid.“

 

Seine Stimme wurde mit jedem Wort leiser und verlegener. Wenigstens hatte der junge Mann noch einen Anflug an Empathie.

 

Verärgert drehe ich mich um und verlasse diese überflüssig gewordenen Bankschalter. Hektisch sehe ich mir die Umgebung an. Ich will nichts Unnötiges kaufen. Eine Blitzsekunde lang denke ich an die Uhrzeit, es war gegen Mittag, und an die eventuelle Möglichkeit, dass Politessen oder ihre Kollegen unterwegs sein könnten. Ich denke an eine Zeitschrift, sogar ein Buch hätte ich noch gekauft. Aber es war kein Kiosk oder Buchladen in der Nähe.

 

Ich stehe gegenüber dem Rathaus der Stadt. Am liebsten wäre ich dort eingetreten und hätte meinem Ärger Luft gemacht. Jedoch fand ich es, in diesem Moment, Zeitverschwendung, da ich wohl zu viele Büros abklappern hätte müssen und ob sie mir am Ende den Schein gewechselt hätten, kam mir nun doch utopisch vor.

 

Mein Blick fällt auf eine kleine Bäckerei. Ein kleiner Snack zwischendurch konnte nicht schaden. Das Mittagessen war ohnehin erst nach ein Uhr geplant. Ich suche mir schnell ein Gebäckstück aus. Selbstbewusst lege ich meinen 20-Euro-Schein auf die Theke. Der Mann dahinter sieht mich kurz an, öffnet seinen Mund, schliesst ihn wieder und gibt mir das Restgeld. Seine Gedanken werde ich wohl nie erfahren. Es war augenscheinlich, dass er mich nach Kleingeld fragen hat wollen. Bei einem Preis von 1,30 Euro. Dann hatte er es sich aber wohlweislich überlegt. Meine Augen waren ihm zu selbstbewusst aufgetreten. Ich hätte gerne gelächelt, aber ich hatte keine Zeit. Ich musste eilends zu meinem Auto und den verfluchten Parkschein lösen.

 

Ich werfe alle erhaltenen Münzen ein und beobachte die dafür erworbene Parkzeit. Während der Schein gedruckt wird, überkommt mich wieder meine nicht zu unterbindende Angewohnheit. Ich lese alles, was mein Auge erreichen kann. Dabei erfahre ich von einer APP, die man sich aufladen kann, um bargeldlos parken zu können. Mein Blutdruck steigt noch einmal.

 

APP! Ich spreche dieses kleine Wörtchen wie einen widerlichen Terminus aus: ÄPPPPP! Ein affiges A mit einer höhnischen Betonung auf die Ps. Das ist meine Ablehnung gegenüber dieser überzogenen und überbewerteten Applikationen, die nicht nur Smartphones überfüllen. Für alles (Un)nützige und vieles (Un)nötige gibt es ÄPPPPPs! Schon sehr früh bekam ich eine ganz natürliche Abneigung gegenüber diesen angeblichen Hilfen. Nicht immer erfüllen sie das, was sie eigentlich versprechen.

 

Mit Genuss aß ich das süße Gebäckstück. Es brachte mich wieder in Balance. Mein Programm in der Innenstadt konnte nun endlich starten.

 

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Neunzig Minuten ohne Strom

 

 

 

Die Led-Lampe über dem Esstisch zuckte kurz. Bevor ich einen Gedanken dazu fassen konnte, war sie erloschen. Kein Knacksen hatte sich bemerkbar gemacht. Wie es häufig der Fall ist, wenn die Sicherungen herausfallen. Ich ging in den Eingang. Das Licht blieb aus. Eigentlich wollte ich den Elektrokasten checken. Da fiel mir auf, dass ich auch nicht mehr das Radio aus dem Nachbarhaus hörte. Es war nicht zu laut gewesen. Aber jetzt war es plötzlich still. Die ersten Nachbarn gingen auf die Straße und fragten, ob bei den anderen auch der Strom ausgegangen war. Bald wurde bekannt, dass die ganze Stadt ohne Elektrizität war.

 

Es war Samstagmittag. Die Geschäfte voller Kunden. Licht aus. Türen zu!

 

Ich vollzog blitzschnell Inventar im Kühlschrank. An das volle Gefrierfach wollte ich überhaupt nicht denken. Aus dem dunklen Kühlschrank holte ich den Chicoréesalat, die restlichen Fleischpflanzerl von gestern Abend, die wir ohnehin bevorzugt kalt essen. Dazu legte ich noch so einiges, was im Kühlschrank vorhanden war.

 

„Das Abendessen zu Mittag“, resümierte meine Mutter, als sie den gedeckten Tisch betrachtete.

 

Ich lächelte amüsiert.

 

„Möchtet ihr auch ein weiches Kerzenlicht?“, fragte ich in die Runde. Mein Mann winkte ab. Die Sonne tat ihr Bestes.

 

Zum Obst holte ich etwas Eis dazu. Schließlich wusste ich noch nicht, wie lange der Strom wegbleiben würde. Vielleicht gab es einen derartigen Notstand, dass wir alles aus dem Gefrierfach nehmen mussten. Daran wollte ich noch nicht denken.

 

Unser Tischgespräch war dementsprechend tiefsinnig. Was fehlt uns nun?

 

Es gab keinen Kaffee. Die Heizung blieb aus. Das Telefon blieb still.

 

Wir konnten nichts auftauen. Weil das Brot nicht genügend vorhanden war, hatte ich einige Scheiben aus dem Gefrierfach genommen und in die Sonne gelegt. Funktioniert immer! Hier in Deutschland dauert es vielleicht etwas länger als damals in Italien.

 

In der fensterlosen Toilette hatte ich zwei Kerzen aufgestellt. Eine über der Toilette und eine am Spiegel. Damit man zielbewusster ... Hände waschen konnte.

 

Internet war nicht mehr angesagt. Lieber Akku sparen. Denn, Handys und Laptop konnten nicht mehr aufgeladen werden.

 

Das Essen war vorüber. Sollen wir sofort alles abspülen, oder doch erst einmal den Geschirrspüler einräumen? Irgendwann muss der Strom ja wieder zurückkommen! Wir können ohne ihn doch nicht mehr leben!

 

Noch bevor die Diskussion zu Ende philosophiert werden konnte, war die heißgeliebte, unersetzliche, lebens(dringend)notwendige Elektrizität wieder vorhanden!

 

Mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen widmeten wir uns erneut unserem ganz normalen, stromverzehrenden Alltag wieder. Der Schock war zu kurz, um sich ernsthaft Sorgen zu machen. Jedoch wäre es eine tiefsinnigere Überlegung wert. Wie sehr haben wir uns von dieser, durchaus nicht selbstverständlichen, Energiequelle abhängig gemacht?

 

 

 

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Plastik und seine Wertschätzung

 

 

 

Ich liebe schön gedeckte Tische. Meine Gäste schätzen das sehr! Auf dem Foto sieht man sehr gut, wie es bei meinem letzten Gartenfest ausgesehen hatte. Den großen Tisch für zehn Personen hatte ich mit einem kleinen „Nebentisch“ erweitern müssen. Aber an Keramiktellern, Edelstahlbesteck und Gläsern fehlte es nicht! Es gibt sehr seltene Momente, in denen ich mich in meinem bisherigen Leben dazu überwinden konnte, aus Plastikgeschirr zu essen. Mit Plastikbesteck schmeckt mir nichts, nicht einmal eine Currywurst.  Strohhalme fand ich schon als Kind ekelhaft. Heute gehe ich den Strohhalmen weiterhin aus dem Weg. Ich mag auch nichts, was in meinem Glas schwimmt. Ob Eis oder Früchte oder was auch immer. Cocktails und gute Aperitife kann man auch ohne Strohhalme trinken!

 

Wie ihr seht, brauche ich kein Plastik zum Essen! Deshalb tangiert mich das neue, diesbezügliche EU-Verbot überhaupt nicht. Jedoch kann ich den Plastik-Hype, der so manchen Mitbürger beinahe hysterisch werden lässt, einfach nicht nachvollziehen!

 

Wer daraus isst oder trinkt

 

sollte seinen Abfall anschließend dort entsorgen,

 

wo er hingehört!

 

Aber mittlerweile sind auch viele Straßenränder, Wälder und Wiesen in Deutschland voller Papier, Plastik, Flaschen und was man sonst noch im Auto oder auch outdoor konsumiert. Demnach liegt es wohl am Menschen selbst, wenn er sich die Welt als riesengroße Müllhalde vorstellt.

 

Gegen Ignoranz wird wohl kaum irgendwann ein Kraut wachsen

 

oder irgendein Wissenschaftler eine Pille oder ein Impfserum erfinden können.

 

Schade! Sehr schade! Kinder und Jugendliche zur Müllentsorgung einsetzen macht überhaupt keinen Sinn. Daraus lernen sie nur, dass immer jemand kommen und den Dreck abräumen wird.

 

Deshalb finde ich es noch dümmer und ignoranter, Plastik einfach per Gesetz verbieten zu wollen! Wir brauchen dieses hygienische Material! Es ist für uns genauso wichtig wie die elektrische Energie. Auf die will wohl auch niemand mehr verzichten. Wir müssen nur intelligenter mit dieser Materie umgehen. Das ist alles!

 

Ich habe dreißig Jahre im europäischen Ausland gelebt. Vorwiegend Italien und England, doch auch eine gewisse Zeit in Frankreich. Vor einigen Jahren bin ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

 

Wie schwer viel es mir zu Beginn, im Supermarkt Obst und Gemüse einzukaufen. Nirgendwo fand ich einen Plastikhandschuh! Dabei ist es doch scheußlich, mitansehen zu müssen, wie die Leute das offene Obst und Gemüse mit ihren Händen betasten. Woher soll ich wissen, welche Krankheit sie gerade überstanden haben? Vielleicht ist der Keim noch in ihnen? Wann haben sie zuletzt ihre Hände gewaschen? Was hatten sie vorher berührt? Aber der Clou kommt erst an der Kasse! Wenn ich den offenen Salat auf dem wirklich dreckigen Band rollen sehe! Geht’s noch? Bitte jetzt keine Ausländer-Ausreden! Es sind überwiegend Deutsche mit deutschem Hintergrund, die diese Unart an den Tag legen!

 

Hier ist Plastik wirklich angesagt! Genauso wie im medizinischen Bereich. Wer will denn schon die Spritze bekommen, die bei einem anderen Patienten benutzt worden ist! Hallo! So kann man auch Krankheiten verbreiten! Wie wollt ihr eure Tabletten erhalten? Offen in die Hand? Also bitte!

 

Glas ist ebenfalls sehr hygienisch. Hat aber leider den Nachteil, dass es nicht so robust ist wie Plastik. Plastik ist und bleibt die hygienischste Verpackung, die der Mensch erfunden hat. Das eigentliche Problem ist nicht die Plastik und ihre Nutzung, sondern wohl eher ihre inkompetente Entsorgung.

 

Ich sehe viele junge Menschen, die sich mehr Nachhaltigkeit wünschen. Das ist sehr erfreulich und gibt mir Hoffnung. Ich wünsche mir ebenso mehr Respekt für die Umwelt und für uns untereinander. Dann ergibt es sich auch die Diskussion über das wirklich hygienische Material Plastik.

 

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Das Leben im Standby

 

 

 

Geduld ist, wenn man trotzdem wartet. Es bleibt auch keine andere Alternative. Man ist zu schwach zum Laufen. Man ist zu wach zum Stillhalten. Der Rollstuhl bewegt sich nicht. Der Pfleger hatte wohl die Bremsvorrichtung eingelegt. Niemand ist weit und breit. Der kurze Flur ist spartanisch möbliert. Nur ein paar Stühle für wartende Patienten. Nur ein paar undefinierbare Drucke an der Wand. Durch ein internes Fenster sieht man eine Büroangestellte.

 

Klingende Geräusche öffnen den Fahrstuhl. Jemand steigt aus, sieht sich um, bleibt stumm, geht in die andere Richtung.

 

Der Patient hat Durst. Aber niemand kommt und bringt ihm ein Glas Wasser. Es ist warm und trocken. Bald spürt er die Temperatur nicht mehr. Draußen, vor dem großen Fenster, wütet ein stürmischer Wind.

 

Sein Körper ist betäubt, scheint keine Schmerzen mehr zu kennen. Die breite Tür vor ihm öffnet sich. Ein kleines, unscheinbares Mädchen ruft seinen Namen auf. Er reagiert. Doch, als sie sich wieder zur Türe umdrehen will, wird seine Stimme laut und kräftig: „Helfen Sie mir! Bitte! Wie bewege ich dieses Ding?“

 

Den Bruchteil einer Sekunde lang zögert sie. Letztendlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihm zu helfen. Man spürt, dass es nicht zu ihren Aufgaben gehört. Jedenfalls lässt sie es spüren. Sie ist kaum größer als der Patient im Rollstuhl. Letztendlich löst sie die Bremsvorrichtung und fährt ihn durch die große, breite Tür, hinein in ein Zimmer ohne Außenwelt. Die Vorhänge sind zugezogen. Sobald er sich auf der Liege befindet, geht auch noch das Licht aus. Nur die bunten Knöpfe des Ultraschallgerätes leuchten in ihren pastellenen Farben. Gelb, Orange, Hellgrün, Hellblau, Weiß.

 

Wirre Schwaden in verschiedenen Grautönen rasen über den kleinen Bildschirm. Das klebrige, eiskalte Gel auf dem Bauch dämmt die unangenehme Kraft nicht ab, mit der die zierliche Figur das Gerät auf die Organe drückt. Hin und wieder sieht man ein schwarzes Loch auf dem Monitor. Vielleicht ein Ausgang? Oder ein Eingang? Zu einem Tunnel? Zum Darm? Keine Ahnung! Die junge Frau schweigt, drückt weiter mit aller Kraft auf den Bauch des Patienten und schmiert ihn noch einmal voll mit dem eiskalten, glitschig-ekligen Gel. Sie spricht nur wenige Worte. Zu ihrem Vorgesetzten ist sie weitaus eloquenter. Der Chefarzt bemüht sich um vorsichtige Worte.

 

„Die wichtigen Organe im Bauch sind altersmäßig in Ordnung.“

 

„Was heißt „altersmäßig“? Entsprechen sie meinem Alter? Sind sie verbraucht? Wie lange werden sie mich wohl noch aushalten?“, denkt sich der Patient, während er scheinbar geduldig zuhört.

 

Der „innere Fahrdienst“ kommt und holt ihn ab. In einem rasend schnellen Tempo geht es wieder in den Aufzug, eine Etage höher, durch einen, zugegeben freundlich gestalteten, aber unglücklich langen Tunnel, der die beiden Hauptgebäude verbindet. Noch einmal in den Aufzug, eine Etage tiefer. Und wieder ins Zimmer, dessen offenes Fenster den Verkehr am Fuße des Hügels hochkommen lässt. Ein ständiges Geräusch, dass der Welt entnommen wird und mitteilen soll, dass der Patient irgendwie noch zu dieser Welt gehöre. Auch wenn sein Leben sich in einem Standby-Modus befindet.

 

Die Tage ziehen sich länger hin als draußen eine Woche. Die Uhr im Zimmer hat zwei große Zeiger, die sich im gefühlten Zeitlupentakt bewegen. Der kleine Zeiger (für die Sekunden) scheint nur irgendwie rastlos hinterher zu rasen. Nur der Tropfen aus dem Infusionsbeutel hat einen gleichmäßigen Rhythmus. Die Arme und Hände sind gelöchert von den vielen Einstichen. Mal auf dem Handrücken. Mal in der Armbeuge. Mal ist es der rechte Arm. Dann kommt der linke dran. Mag wohl dazu gut sein, am Ende eine gewisse Balance zu bekommen. Oder liegt es an den vielen Blutabnahmen, den unzähligen intravenösen Antibiosen, den mysteriösen Infusionen. Letztere tropfen eine transparente Flüssigkeit aus großen Plastikbeuteln, deren Inhalt keiner so recht erklären will. Oder kann? Oder soll?

 

Der Patient will aufstehen. Seine Waden sind weicher als Wackelpudding. Die Haut scheint einen Cellulitisanfall gehabt zu haben. Er will seine Muskeln stärken. Er will hier raus! Das Essen ist grauenhaft! Die Luft ist schwer! Die Unerträglichkeit schlägt sich mit der Geduld.

 

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Frauentag für Frauenrechte

 

 

 

Wir leben im 21. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Wir sprechen mittlerweile über die Einführung eines dritten Geschlechts. Und doch müssen sich Frauen immer noch rechtfertigen, sind Frauen immer noch nicht gleichwertig honoriert und, vor allem, werden Frauen immer noch unterdrückt, misshandelt und gedemütigt. 

 

Viele Männer haben weiterhin Probleme mit Frauen und deren Multitasking-Talent. Die traditionelle Rollenverteilung hat in den heutigen unzähligen Singlehaushalten und Patchwork-Familien schon lange keine Wurzeln mehr. Dennoch bleibt vieles an den Frauen hängen, was Männer nicht tun wollen oder auch können. Zum herkömmlichen Multitasking der Frauen gehören die Schwangerschaft (unmöglich für Männer), der Haushalt (hier wollen sie oft nicht) und die Kindererziehung (da bestimmen sie gerne mit).

 

Der Mann, wenn man so will, hat das Vergnügen, die Frau muss alleine ihre Geburtsschmerzen aushalten. Händchenhalten hilft da nur bedingt. Der Haushalt lässt sich (eigentlich) sehr gut von beiden bewältigen. Ich kenne viele Männer, die gut kochen, und auch einige, die sehr gut bügeln. Dazu kommen weitere Hausarbeiten und kleinere Reparaturen, die von beiden ausgeführt werden könn(t)en. Die Kindererziehung war und ist immer noch der dritte Aspekt der traditionellen Rollenverteilung. Zwar wollte und will der Mann gerne mitbestimmen. Aber seine oft fehlende Präsenz erschwert die Durchsetzung.

 

Diese Multitasking-Force genügte der Frau schon lange nicht mehr. Sie erweiterte ihre Gebiete mit noch mehr Arbeit. Bildung und Beruf geben vielen Frauen eine Freiheit aus ihren überlieferten Aufgaben und Zwängen. Für diese Freiheit haben sie lange gekämpft. Sie gehört schon in vielen Ländern zum täglichen Leben.

 

Frauen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein und fachlicher Kompetenz bestätigen sich ebenso glänzend wie Männer mit denselben Charakteristiken und Voraussetzungen. Nur, es fehlt (noch) an der Anerkennung. Eine Frau muss sich doppelt anstrengen, von ihren Mitarbeitern oder Kollegen oder Geschäftsfreunden akzeptiert zu werden. Dabei ist eine Frau dem Mann um einiges voraus. Logik und Scharfsinn kombiniert sie geschickt mit einer taktvollen Empathie, die ihr bei Meetings und komplizierten Verhandlungen einen klaren Vorteil gibt. Nur bei den Gehältern kommt eine nicht nachvollziehbare Ungerechtigkeit zu Tage. Wenn wir ehrlich sein wollen, sind Frauen noch einen Tick mehr wert als Männer. Schließlich sorgen sie alleine für den Nachwuchs. Oft sind sie auch mit der Kindererziehung alleine gestellt. Und viele sind auf einen Beruf angewiesen.

 

Und doch leiden immer noch viele Frauen an Unterdrückung, erleiden sexuellen und psychischen Missbrauch, ertragen Demütigungen und suchen ein Leben lang ihre Selbstachtung und ihre Menschenwürde.

 

Fakt ist, dass es auf dieser Welt noch viel zu viele Frauen gibt, denen jedes zivile Recht verwehrt wird. Ich denke da nicht nur an die orientalischen Staaten, in denen Frauen nicht einmal Auto fahren oder an einer öffentlichen Veranstaltung teilnehmen dürfen, sondern vor allem an die inhumane weibliche Beschneidung, die keine religiösen Gründe rechtfertigen können. Ich fühle mit allen Frauen, denen es, aus welchen Gründen auch immer, verwehrt wird, selbst zu bestimmen, ob sie ein Kind austragen möchten, insbesondere, wenn es sich dabei um die Konsequenz einer Gewalttat handelt.

 

Irgendwann wird wohl auch die Männerwelt einsehen, dass Frauen ihren Job genauso gut machen und dafür den gleichen Lohn wert sind, den ihre männlichen Kollegen erhalten. Allein diese Ungerechtigkeit sollte in zivilisierten Ländern längst abgeschafft worden sein. Ist es aber nicht!

 

Ehemann, Kinder, Haushalt und Karriere. Das alles will durchorganisiert sein. Hier erkennt man das eigentliche Multitalent der Frauen. Da endet der Vergleich mit Männern. Nie und nimmer würden sie eine Ehefrau, ihre Kinder, den Haushalt und ihren Beruf gleichzeitig managen. Dazu fehlt ihnen der letzte Schliff und Wille. Diese Stärke haben nur Frauen! Von wegen „das schwache Geschlecht“! Doch eines sollten wir auch bei allem gerechtfertigten Kämpfergeist nicht vergessen: unsere feminine Seite!

 

Es ist so angenehm, mit einem freundlichen Lächeln viel mehr erreichen zu können als mit unangenehmen, nicht enden wollenden Diskussionen.

 

Denn, dieser Tag alleine genügt nie und nimmer, alle hilfsbedürftigen Frauen dieser Welt zu befreien. Das geht leider nur Schritt für Schritt.

 

Der italienische Innenminister hat heute zwei neue Gesetze vorgestellt, die Frauen mehr Schutz und, wie dem auch sei, mehr Gerechtigkeit zukommen lassen sollen. Es geht vor allem um das verkürzte Strafsystem bei Missbrauch und Mord. Der Zeitpunkt für dieses Gesetz ist sehr clever gewählt.

 

Der italienische Staatspräsident hat in seiner Rede heute auch sehr lange über die Menschenhändler gesprochen, die Frauen zur Prostitution zwingen. Jedoch war die unverblümte Kritik auch an die Männer gerichtet, die sich skrupellos daran bedienen. Ohne diese „Kunden“ gäbe es nicht diesen dunklen „Markt“!

 

Der heutige Tag wird nicht ausreichen, alle gravierenden Probleme anzusprechen oder gar definitiv zu lösen. Wenn ich aber nur einen Mann sehe, höre oder von ihm lese, dass er einen (kleinen) Schritt gewagt hat, um vorhandene negative Situationen zu verbessern, dann war der heutige Tag ein „Fest der Frau“.

 

 

 

 

 

Aschermittwoch

 

Aschermittwoch. Auch so ein Scheideweg im Kalender. Die Narren haben sich (hoffentlich) ausgetobt. Das Wetter hatte ihnen dieses Jahr ziemlich zugesetzt. Aber davon lässt sich ein überzeugter Karnevalsfanatiker nicht abhalten. So mancher Rausch steckt noch in ihren Gliedern. Auch etwas, das ich nicht verstehen kann. Warum immer dieser überzogene Alkoholkonsum? Wer sich gerade in diesem langgezogenen, närrischen Wochenende total gehen lässt, gehört bestimmt nicht zu denen, die ab heute auf Alkohol verzichten.

 

Aschermittwoch ist der traditionelle Beginn der Fastenzeit.

 

Und doch wird dieser Tag in dem tiefkatholischen Italien kaum beachtet. Vor einigen Jahren, als ich noch in Italien lebte und voll im Berufsleben stand, nutzte ich diese sieben, endlos langen, Wochen, um keine Süßigkeiten mehr zu essen und den Zucker radikal zu reduzieren. Diese Selbstkasteiung hat im Italienischen den netten Namen fioretto.

 

Ich tat es nicht aus religiösen Gründen, sondern nahm diese Fastenzeit eher als Alibi, wieder einmal etwas gesünder zu leben. Nach ein, zwei Wochen begann das Obst und Gemüse und alles, was ich sonst (noch) aß, einen neuen, intensiveren Geschmack zu bekommen. Natürlich gab es zunächst auch kurze Entzugserscheinungen. Der Körper reagiert ja sofort mit Kopfschmerzen, wenn ihm etwas von jetzt auf gleich, entzogen wird. Doch ein fester Wille, der Zwillingsbruder der Disziplin, kann sehr gut dabei helfen, diese physischen Schmerzen durchzustehen.

 

In der Karwoche hatte mein Mund oft einen bitteren Geschmack. Mein Gehirn lechzte nach einem Stück Schokolade. Ich freute mich auf den Ostersonntag. Da buk ich gerne den leckeren Schokoladenkuchen Vivianne aus dem Film Chocolat! Ein toller Film mit Juliette Binoche und Johnny Depp! Muss man gesehen haben! Doch nicht immer mundete er mir. Manchmal war ich so vom Zucker entwöhnt, dass ich überhaupt keinen Appetit mehr dazu hatte. Das war damals. Heute habe ich mich ohnehin umgestellt.

 

Weniger Zucker ist seit einiger Zeit voll im Trend.

 

Sportler erzählen stolz, seit wie vielen Jahren sie keinen Zucker mehr zu sich nehmen. Moderatorinnen schreiben Bücher über das Leben ohne Zucker. Ich habe mich etwas softer mit diesem Thema beschäftigt. Ich habe erst einmal den „raffinierten“ Zucker mit Rohrohrzucker ersetzt. Jedoch stimmt es schon. Mit weniger Zucker fühlt man sich fitter.

 

Demnach bleibt mir nicht mehr viel übrig: Alkohol trinke ich nur hin und wieder, Fleisch esse ich so gut wie selten, Süßigkeiten habe ich umgepolt und schon sehr von den unguten Zutaten „entschärft“.

 

Was bleibt, das wurde einmal Papst Benedikt vorgeschlagen, der die Italiener sehr gut kannte und wusste, dass sie kaum dazu bereit wären, sieben lange Wochen auf ihre ausgezeichnete Küche zu verzichten. Er riet damals, während der Fastenzeit seine Gedanken zu schonen, seine Sprache bewusster zu nutzen. Also: keine Schimpfwörter, nichts Negatives sagen oder denken. Ich fand es spannend, einmal sieben Wochen lang nur positiv Denken, niemanden (bei mir besonders im Straßenverkehr) zu beschimpfen oder gar beleidigen (wie geht das beim Fußball?).

 

Es ist eine Herausforderung, die man aber durchaus einmal überlegen könnte.

 

 

 

Ein Rückblick auf den Februar

 

 

 

 

Der Februar hat von allen Monaten die wenigsten Tage. Daher versucht er eifrig, jeden Tag so intensiv zu gestalten, damit wir die zwei, drei „fehlenden“ Tage überhaupt nicht bemerken.

 

Dieses Jahr begann er noch sehr winterlich mit eisigen Temperaturen, die sich im Laufe der Wochen in die Nächte zurückzogen. Tagsüber brachte er uns in den letzten Tagen überaus angenehme Frühlingsgefühle.

 

Ich erinnerte mich an meine Zeit in Mailand. Dort konnte man sich beinahe darauf verlassen. Der Winter zog mit Nebel und Regen und Kälte daher. Aber während der Modewoche stieg das Thermometer gerne und fast regelmäßig bis auf verlockende 20°C. Ich hatte noch nie ein Model mit Strümpfen auf der Straße erlebt.

 

Die Modewelt, und nicht nur sie, erlebten in den Modewochen ein trauriges Ambiente. Die Modeschauen wurden zu einer Hommage für den Designer, der sich nicht in den Ruhestand zurückziehen wollte. Wobei „Designer“ viel zu limitiert klingt, wenn man von Karl Lagerfeld spricht. Er war zeitlebens ein ... ja, eigentlich war er der Vorläufer der heutigen „Influencer“!

 

Sein geniales Stilvermögen hatte die Maison Chanel aus dem Dornröschenschlaf gerissen und wieder zu einer Weltmarke gebracht. Die Fendi-Schwestern haben ihm ebenfalls sehr viel zu verdanken. Aber damit nicht genug. Karl Lagerfeld fotografierte seine Models gerne selbst. Dabei zitierte er oft den Faust von Goethe. Den kannte er auswendig! Er besaß noch eine originale Gesamtausgabe der Werke dieses großen Dichters. Belesen war er auch. Seine immense Bibliothek konnte er selbst nicht mehr überschauen. Und in Bezug auf den „Influencer“ kann ich mich sehr gut an die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnern. Als seine Eltern starben, ließ er seine Wohnung in Paris mit ihren authentischen Biedermeiermöbeln einrichten. „Tout Paris“ wollte Biedermeier! Weit über die Stadtgrenzen hinaus löste sich eine hysterische Biedermeierwelle aus. Ich arbeitete damals schon auf dem internationalen Kunst- und Antiquitätenmarkt. Es waren überwältigende Jahre. Doch Lagerfeld lebte nur ein knappes Jahrzehnt in diesem Stil. Als sich viele mit dem biederen, deutsch-österreichischen Stil angefreundet hatten, wurden sie von ihrem „Influencer“ vor den Kopf gestoßen. Er gab sein gesamtes Mobiliar zur Auktion frei und richtete sich im kühlsten und klarsten Hightech-Design der Moderne ein.

 

Das war Karl Lagerfeld. Ich liebte ihn trotzdem. Sein hohes Alter rechtfertigt ein friedliches Ableben. Und Virginie Viard wird Chanel weiterleben lassen. Jedoch habe ich eine große Leere verspürt. Diese starken Persönlichkeiten gibt es nicht in jedem Jahrzehnt.

 

Der Februar hat sich somit wieder bestätigt. Er gibt vielen kranken Menschen den Gnadenstoß. Das musste ich auch in meiner eigenen Familie erfahren.

 

Dieses Jahr brachte er am 19.02.2019 auch noch den stärksten Vollmond mit, der sich gefährlich nahe an die Erde heranwagte. Das gilt jedoch nur für die wissenden und fühlenden Menschen, die die äußerst wirksame Kraft dieses Planeten kennen, schätzen, aber auch fürchten. Erst in sieben Jahren wird der Mond wieder so nahe an die Erde herankommen. Ist für mich trotzdem keine Beruhigung.

 

Bei allen diesen Aufregungen ging der „Tag der Muttersprache“ am 22.2. im allgemeinen Gefühlschaos unter. Hat es heutzutage überhaupt noch Sinn, von einer „Muttersprache“ zu sprechen? Innerhalb meiner eigenen und angeheirateten Verwandtschaft habe ich genügend Beispiele, die das neudeutsche Wort „Native Speaker“ (ja klar, kommt wieder einmal aus dem Englischen!?!) rechtfertigen. Nur ein Beispiel: Mutter ist Italienerin, Vater ist Norweger, doch die Tochter lernt zuerst Englisch, weil die Eltern sich in dieser Sprache verständigen, seit sie sich kennen. Hierzulande werden Kinder von ausländischen Eltern geboren, wachsen aber mit der Landessprache auf. Somit wird es wohl auch bei diesem Begriff „Muttersprache“ eine einschneidende Veränderung geben ... müssen. Irgendwann. Oder doch schon bald.

 

Was sich in Deutschland unerschütterlich aufrechterhält ist der Karneval, je nach Region auch Fastnacht oder Fasching genannt. Dieses Jahr fällt er mal wieder nicht in den Februar, sondern tobt sich im ersten Wochenende des nächsten Monats aus.  

 

Persönlich konnte ich mit diesen Maskeraden noch nie etwas anfangen. Mich für einen bestimmten Anlass zu kleiden und zu schminken ist meine ganz private Maskerade, die sich tagtäglich wiederholt. Natürlich fehlt dabei die närrische Ausgelassenheit, die viele in den kommenden Tagen nutzen, um einmal aus sich herauszukommen. Das kann ich wiederum sehr gut, wenn ich mir ein Fußballspiel anschaue! Für Satire und Kabarett gibt es das ganze Jahr über nette Menschen, die uns als professionelle „Narren“ den Spiegel der Zeit vorhalten.

 

Das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung zu diesen Themen und die möchte sich keiner Verallgemeinerung unterziehen!

 

 

 

 

 

Wölfe sind friedliebender als Menschen

 

Eines Tages stand Diana im Eingangsbereich meiner Küche. Ihre Augen waren erfüllt von einer Bitte. Vorsichtig ging sie zur Seite. Sie hatte einen neuen Freund mitgebracht. Ich hielt die Luft an. Ein großer schwarzer Dobermann kam zögernd näher. Vor lauter Schreck bemerkte ich nicht, wie verlegen er war. Und wie verhungert. Diana sorgte für Ruhe. Ihre Augen hätten Bücher füllen können.

 

Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich verdoppelte ihre Mahlzeit und wurde zur besten Freundin von ... Vagabondo. So hieß ihr neuer Liebhaber. Er gehörte zu einer Dame, die im Chalet gegenüber wohnte, jedoch oft auf Reisen war. Vagabondo war nicht aggressiv, aber auch nicht zutraulich. Er führte nur sein eigenes Leben. Wie sein Namen treffend darauf hinwies.

 

Es war Paarungszeit. Deshalb hatten die beiden auch diesen Riesenhunger. Im Anwesen der Schlossanlage wohnten fast dreißig Familien. Über die Hälfte davon hatten Hunde. Der lockende Geruch füllte die Luft. Nicht für die Menschen, aber umso mehr für die Hunde.

 

Diana war irgendwann einfach dazu gekommen. Keiner konnte sie mit einer Schäferhündin verwechseln. Sie war eine reine Wölfin. Aus welchem Grund auch immer sie sich unter Menschen und Hunde gewagt hatte, blieb uns verschwiegen. Keiner wusste von wem sie wann ihren Namen bekommen hatte. Er schien ihr zu gefallen, denn sie reagierte auf ihn.

 

Eine Weile wohnte Diana bei mir. Es ist eine wunderbare Zeit gewesen. Ich hatte eine nette Zweizimmer-Wohnung im ersten Stock einer der zahlreichen Nebengebäude innerhalb der Schlossanlage. Diana lag gerne auf dem alten Steinboden vor dem Kamin. Aber wehe, jemand kam die Treppe hoch. Zuerst spitzte sie nur die Ohren und hob ein wenig ihren Kopf. Dabei beobachtete sie meine Reaktion. Näherten sich die Schritte meiner Eingangstür saß sie mit einem lautlosen Satz in Sekundenschnelle hinter der Tür in wacher Wartestellung. Ich habe sie nie bellen hören! Verliefen sich die Schritte in einer anderen Wohnung kam sie zurück zum Kamin und döste weiter. Ich glaube nicht, dass sie je einen Tiefschlaf genossen hat.

 

Diana war sehr klug, beinahe weise. Aber auch sehr sensibel und empfindsam. Nur eines war sie nicht: treu. Deshalb störte sich auch niemand daran, wenn sie ein paar Tage nicht auftauchte, oder die Wohnung wechselte. Sie holte sich eine warme Mahlzeit, ein bisschen Gesellschaft und verschwand wieder. Ich hatte wohl das Privileg, zu ihren engeren Freundschaften zu gehören. Bei mir hatte sie auch die längste Zeit verbracht.

 

Ich hatte sie schon wochenlang nicht mehr gesehen. Der Hausmeister hatte sie ab und zu mal im Schlosspark entdeckt. Aber auch er durfte ihr nicht folgen. Gegen ihre gewohnte Zuneigung ließ sie die Zähne fletschen, wenn er es auch nur versuchte. Als er mich dazu rief, sah auch ich Diana das erste Mal aggressiv mir gegenüber. Sie sprang nicht auf uns zu, aber sie gab uns deutlich zu verstehen, ihr nicht zu folgen. Ich respektierte das, denn ich hatte ihr schon in die Augen gesehen und dabei gesagt, dass ich mir denken könnte, sie war schwanger. Das wird sie wohl verstanden habe.

 

Eines Tages kratzte sie an meiner Eingangstür. Sie hatte ein kleines Knäuel zwischen den Zähnen, das leise wimmerte. Erst in meiner Wohnung ließ sie es los. Das kleine Welpchen verbreitete vor Aufregung eine gehörige Portion Flüssigkeit auf den flachen Korkboden im Eingang. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es selbst nicht glauben. Diana sprang sofort auf den Kleinen, stupste ihn auf seine Pfütze zu und gab ihm einen kräftigen Stoß mit der Schnauze, dass er leise aufheulte. Ich stand staunend daneben. Das war Diana. Keiner kann mir erzählen, dass Tiere nicht untereinander kommunizieren!

 

Sie hatte den Kleinen wochenlang im Park versteckt. Das hatte einen sehr traurigen Grund gehabt. Ihr erster Wurf mit dem Dobermann, sechs kleine Welpen, waren von einem grausamen Tierarzt auf der Stelle getötet worden. Und das vor ihr, der schwachen, hilflosen Wölfin, die gerade ihre sechs Babys auf die Welt gebracht hatte! Sechs Zeugen ihrer glücklichen Vereinigung, denn auch Hunde verlieben sich! Nicht nur in den Geruch, der sie dazu bewegt. Diana und Vagabondo waren wochenlang unzertrennlich gewesen. Doch die Herrin von Vagabondo hatte keine gekreuzten Mischlingshunde gewollt.

 

Nach dieser gemeinen Demütigung hatte Diana beim zweiten Wurf nur ein einziges Welpchen zur Welt gebracht. Und natürlich vor den Menschen versteckt bis es soweit war, dass es auf eigenen Füßen stehen konnte. Dann erst hatte sie es zu mir gebracht. In mir hatte sie großes Vertrauen gehabt. Sie wusste ihren Sohn in guten Händen. Es war für mich ein sehr bewegender Augenblick gewesen. Für Diana waren damit ihre Mutterpflichten erfüllt.  Wenige Tage später war sie verschwunden, aber diesmal kam sie nicht wieder zurück.

 

 

 

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Rassismus ist kein Alibi

 

 

 

Es war ein Tag wie viele andere. Irgendwann zu Beginn dieses Jahrtausends. Wir waren in Mailand unterwegs, mein Mann und ich. Die Gehsteige sind eng in der Innenstadt. Die Fußgänger drängen sich aneinander vorbei, stets bedacht, nicht auf die Fahrbahn zu gelangen. Wer stehen bleibt wird mit einem kritischen Blick bestraft. Manchmal stehen Angehörige der Zeugen Jehovas herum und bieten stumm ihre Schriften an.

 

Dieses Mal war es kein Mitglied einer religiösen Sekte, sondern ein junger, schwarzer Mann mit cleveren Augen. Ich fand es trotzdem kurios, dass er kleine Büchlein anbot, die über Afrikas Notlage aufklären sollten. Oder ähnliches. So schnell konnte ich nicht alles im Vorbeigehen erfassen.

 

Meine Augen lesen (unbewusst) alles, was sie irgendwie wahrnehmen. Diese Angewohnheit begleitet mich schon mein Leben lang und wird mich kaum mehr verlassen. Egal, ob Werbeplakate, Straßenschilder oder sonstige Tafeln auf denen Buchstaben vorkommen. Ich lasse nichts aus, auch wenn mein Gehirn es, in den meisten Fällen, sogleich wieder aussortiert.

 

Vielleicht war mein Blick etwas zu lange auf dem Cover des kleinen Buches hängengeblieben, obwohl wir eigentlich zügig vorübergingen. Wie dem auch sei, der junge Mann witterte eine imaginäre Neugierde und ging auf mich zu. Sein holpriges Italienisch wollte ich gar nicht verstehen. Ich lehnte höflich dankend ab. Er versuchte es noch einmal. Ich wiederholte meine Ablehnung mit einem schnellen Lächeln, drehte mich um und wollte das Gespräch mit meinem Mann wieder aufnehmen. Da hörte ich eilige Schritte, die mir folgten, und den bösen Ruf: „Du bist ein Rassist!“

 

Das konnte ich nun doch nicht dulden lassen. Die vorbeieilenden Passanten drehten die Köpfe in die Richtung des improvisierten Straßenverkäufers. Die ersten Neugierigen blieben stehen. Ich auch. Abrupt drehte ich mich nach dem jungen Afrikaner um und sah ihm tief in seine pechschwarzen Augen. Ohne die Stimme zu heben, antwortete ich ruhig, aber mit einem strengen Unterton: „Da liegen Sie völlig falsch! Ich bin kein Rassist! Mir ist es komplett egal, ob Sie weiß, schwarz oder gelb sind. Ich mag es nur nicht, wenn man mich auf der Straße bedrängt!“

 

Schon bei meinen ersten Worten war der junge Mann ein paar Schritte zurückgewichen. Sein Blick war nicht mehr aggressiv, sondern beinahe verwirrt. Er hatte jedes meiner Worte verstanden. Vor allem wird ihn überrascht haben, dass ich ihn mit „Sie“ angesprochen hatte. Das war ihm wohl noch nicht oft vorgekommen. Es liegt aber in meiner Natur. Man sollte jedem Menschen erst einmal mit Respekt entgegenkommen.

 

Ein guter Freund unserer Familie hatte mich einmal darauf aufmerksam gemacht, dass „man sich wunderbar freundlich siezen kann, sich aber andererseits auch distanziert und kühl duzen kann.“

 

Mein Mann und ich gingen weiter und ließen große Augen und einen offenen Mund zurück. Die paar Neugierigen nahmen ebenfalls ihren Weg wieder auf. Aus meinen Augenwinkeln konnte ich sehen, dass einige lächelten, andere ebenso verwunderte Blicke hatten wie der junge Afrikaner. Ich hoffte in meinem Inneren, dass er sich wenigstens ein paar Gedanken machen würde.  

 

Dieser empfindsamen Aggressivität bin ich öfters begegnet. In Italien, aber auch hier in Deutschland. Sie zeugt von Hilflosigkeit und Angst. Lieber gleich angreifen, anstatt sich immer nur verteidigen müssen. Aber manche nehmen den Rassismus auch als Alibi für ihre Ignoranz. Das ist nicht gut.

 

Heute wird Rassismus gerne auf die Hautfarbe, Religion oder gar das Geschlecht erweitert. Jedoch liegt sein Ursprung in der Vielfalt der Völker, die sich auf diesem Planeten tummeln. Die daraus entstehenden Mentalitäten bestimm(t)en eine Rasse. Zwischen den verschiedenen Rassen gab es immer wieder welche, die es sich herausnahmen, den anderen überlegen sein zu wollen. Ein grober Fehler! Inmitten der heutigen Globalisierung und Völkervermischung muss man sich schon bemühen, um die „typischen“ Charakteristiken einer Volksgruppe noch herauszufinden. Deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, wenn der Begriff „Rassismus“ mit „Diskriminierung“ gleichgesetzt wird. Das ist eine völlig falsche Einschätzung.

 

Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern und Großeltern waren Deutsche. Aber mit 18 Jahren bin ich ausgewandert. Zunächst ging es an die französisch-schweizerische Grenze. Drei Jahrzehnte lang habe ich in Italien gelebt. Zwischendurch auch in Frankreich und England. Diese beiden Länder wurden zu einem roten Leitfaden, der mein Leben mit zahlreichen Reisen und mehr oder weniger längeren Aufenthalten prägte.

 

Im Laufe der Zeit konnte ich sehr viele Mentalitäten kennenlernen. Vieles habe ich in mir aufgesogen, sodass ich mich heute nicht mehr als „typische“ Deutsche (was immer das noch sein soll?) identifizieren kann. Verheiratet bin ich mit einem Italiener.

 

Beruflich wie privat lernte ich eine Vielfalt an „Rassen“ kennen: Franzosen, Schweizer, Italiener, Marokkaner, Ägypter, Iraner, Afghanen, Türken, Amerikaner, Briten, Iren, Russen, Norweger. Dazu kamen die verschiedensten Religionen mit ihren diversen Variationen: Christen, Adventisten, Orthodoxen, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten. Die Mehrzahl von dieser Aufzählung waren Mitarbeiter, Geschäftsfreunde, Kunden gewesen.

 

Während meiner ehrenamtlichen „Schularbeit“ hier in Deutschland betreute ich Schüler und Schülerinnen aus Syrien, Afghanistan, Griechenland, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Polen und der Türkei.

 

Es war nicht immer einfach, mit so unterschiedlichen Menschen zu arbeiten. Doch das hat in mir nur dazu beigetragen, meine Toleranz zu erweitern und Tabus zu beseitigen, noch bevor sie sich entfalten können. Ich bin jeder Kultur, jeder Rasse, jeder Mentalität dankbar für die Lehren, die sie mir gebracht hat. Wenngleich einige davon sehr negativ gewesen sind. Sie gehören dazu. Auch wenn sie oft von einer Richtung kommen, aus der man sie nie erwartet hätte.

 

Toleranz und Respekt würden die einzig wertvolle Emulsion bilden, die uns gut zusammenhalten könnte. Leider muss ich den Konditional benutzen. Denn, die Realität sieht anders aus...

 

 

 

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Mein Januar mit Dickens

 

 

 

 

Januar ist der eigentliche Monat der Besinnung.

Wenn die rauschenden Feiern vorüber sind. Wenn der Konsumstress und die anstehenden Verpflichtungen (die meisten Versicherungen fallen stets in diesem Monat an) die Konten geleert haben. Dann spüren so manche eine harte Bremse.

 

Schnee und Eis decken ohnehin viele Gegenden zu. Der unruhige Alltag bleibt in der eisigen Luft hängen. Frostige Kälte und leere Geldbeutel bestimmen den spärlichen Verkehr auf den Straßen, erklären die wenigen Kunden in den Läden. Selbst die Wochenmärkte bleiben auf ein Minimum reduziert.

 

Dieses Jahr kuschelte ich mich bewusst in diese nahezu lautlose Atmosphäre. Ich musste mich wieder etwas beruhigen. Mein Dezember ist sehr hektisch und voller Adrenalinschübe gewesen. Ich hatte große Sorgen innerhalb der Familie gehabt, die mich voll in Anspruch genommen hatten. Draußen war es nicht viel besser gewesen. In den Wochen vor Weihnachten dreht nicht nur der Verkehr, sondern auch so mancher Mensch durch. Die Adventszeit ist seit Jahrzehnten die stressigste Konsumzeit des Jahres.

 

Wobei ich mich überhaupt noch nie davon involvieren ließ. Mein Mann und ich haben eine sehr pragmatische, aber auch reizvolle Abmachung. Geschenke gibt es bei uns nicht zu bestimmten Kalendertagen. Viel zu anstrengend! Nein, wenn wir etwas entdecken, was dem anderen eine Freude bringen könnte, oder was er schon lange gesucht hatte, dann gibt es bei uns die schönsten Überraschungen. Das passt viel besser als ein hastig gekaufter Blumenstrauß zu einem der konventionellen Jahrestage!

 

Dennoch war ich sehr überrascht, wie ruhig sich der Januar angehen ließ. Ich habe in diesem Monat ein Buch gelesen, das für mich zu einer Herausforderung wurde. Es handelte sich um die italienische Übersetzung des

Pickwick Club von Charles Dickens.

Heute ein Klassiker. Ich liebe die Sprache des 19. Jh. Den Autor kannte ich bereits sehr gut. Seine großen Werke hatte ich alle schon gelesen. Nun war mir dieses dicke Buch in die Hand gekommen. 937 Seiten! Auf Seite 17 bekam ich die ersten Zweifel.

The posthumous papers of the Pickwick Club

war das erste Buch, das Charles Dickens veröffentlicht hatte. Es ist nicht unbedingt ein Roman im herkömmlichen Stil. Vielmehr war es die Zusammenfassung der periodischen Geschichten, die Dickens für eine Zeitung verfasst hatte. Nicht immer ist das erste Werk eines Schriftstellers sein bestes. So hatte ich einige Mühe, mich in diese dicht beschriebenen Seiten einzulesen. Ich konsultierte sogar eine Facebook-Gruppe, die sich auf klassische Literatur konzentriert. Einige wenige waren meiner Meinung. Doch die Mehrheit feuerte mich an, weiter zu lesen. Bis zur Seite 50 gebe ich ohnehin jedem Buch eine Chance. Ich tat es auch mit diesem. Und ich habe es nicht bereut. Natürlich findet man einige Passagen, die man am liebsten „scrollen“ möchte. Aber ich blieb hart und las auch die weniger schönen Absätze. Besonders die Zeit, in der Mr. Pickwick, die Hauptfigur, in einem Gefängnis verbrachte. Eine sehr skurrile Angelegenheit. Natürlich war ich bald eingefangen von dem trockenen, englischen Humor, den ich über alles liebe. Ebenso die detailgetreue Beschreibung des täglichen Lebens. Kleidung, Essen, Getränke, Manieren. Unzählige Figuren tummelten sich auf den neunhundert Seiten. Jedes Mal, wenn ich dachte, eine gewisse Gruppe von Personen wäre nun entfernt worden, wurde ich einige Kapitel später eines besseren belehrt. So abrupt wie sie verschwunden waren, so plötzlich und unerwartet tauchten sie auch wieder auf. Genauso wie bei Agatha Christie, muss man auch hier sehr gut aufpassen, will man die Übersicht über die einzelnen Individuen nicht verlieren. Sehr angenehm fand ich am Ende die Resümees der diversen Figuren und was aus ihnen geworden ist. Keine Angst, es gibt keine Spoiler-Gefahr. Am Ende hatte ich beinahe das Gefühl, die einzelnen Geschichten wären „wahren Begebenheiten“ zugrunde gelegt gewesen. Das kennt man doch vom Abspann der Filme, deren Inhalt wirklich stattgefunden hatte.  

 

So schloss ich das Buch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und der Gewissheit, dass auch die großen Klassiker einmal ein erstes Buch geschrieben hatten, das vielleicht nicht unbedingt schon der Grandezza ihrer Meisterwerke entsprach.

 

Eines muss ich noch gestehen. Gegen Ende des Buches mehrten sich auch hier immer öfter kleine Druckfehler. Hier fehlten Buchstaben, dort tauschten sie die Plätze. Bei einem Klassiker hätte ich so viele kleine Fehler nicht erwartet!

 

 

 

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Versteckspiel oder Spießrutenlauf

 

 

 

Es gibt ein Phänomen in Deutschland, das mich schon seit einiger Zeit verärgert. Perverse Pädophile, grausame Mörder oder sonstige gemeine Verbrecher dürfen sich das Gesicht verstecken, wenn sie den Gerichtssaal betreten. Warum diese Geste?  Das hat bei den wenigsten mit Schamgefühl oder Reue zu tun. Kommt mir bitte niemand mit dem DSGVO! Das Recht auf Privacy ist in diesem Fall völlig daneben! Zudem sitzt auch im Gerichtssaal ein Publikum.

 

Gemeine Betrüger und noch schlimmer, die ekelhaften Pädophile, denen ist es gestattet ihr Gesicht zu verdecken. Damit sie weitermachen können, wenn sie aus dem Gefängnis herauskommen? Lange bleiben sie ja leider nicht weggeschlossen.

 

In dieser medialen Welt, in der jeder Smartphonebesitzer mit Selfies prahlt und jedes Unglück, dessen er Zeuge wird, per Video aufnimmt und im Internet hoch lädt, in dieser verrückten Welt sollen sich die, bis dato unbekannten, Angeklagten vor den neugierigen Kameras verbergen können? Das ist ein totaler Irrsinn!

 

Aber wenn es um Prominente geht, dann soll ein richtig deftiger Spießrutenlauf stattfinden! Die sollen durch den Haupteingang, sich der Menschenmenge stellen. Egal, ob sie schon schuldig gesprochen sind oder nicht. Sie haben ihr Geld mit der Öffentlichkeit verdient, also dürfen sie sich auch nicht verstecken.

 

Ich kann Cristiano Ronaldo nur bewundern, wie er sein vom Richter erzwungenes Spießrutenlaufen in eine für ihn positive Show umgewandelt hat.

 

Hier ging es um einen prominenten Fußballspieler, der sich vor Gericht stellen musste, obwohl seine Anwälte schon einen Vergleich ausgehandelt hatten. So etwas wird normalerweise im Büro des Staatsanwaltes durchgeführt. Hier sollte es zu einer Show kommen. So hatte es der zuständige Richter angeordnet.

 

Ronaldos Leben ist eine Show. Er selbst inszeniert sich tagtäglich. Daher tapfer lächeln, Autogramme schreiben, Selfies knipsen lassen und schon wird der Gang in das Gerichtsgebäude gefühlt kürzer.

 

Natürlich muss er persönlich dafür büßen, auch wenn seine diversen Berater ihre Aufgaben schlecht durchgeführt hatten.

 

Das versteht leider nur, wer selbst schon mit groben Fehlern seines (Ex)Steuerberaters kämpfen musste.

 

Nicht nur in unserer komplexen heutigen Zeit, es war schon immer so, dass man für gewisse Sachlagen, mit denen man im Laufe des Lebens konfrontiert wird, einen Experten konsultieren muss. Man sucht sich einen Spezialisten, der das größtmögliche Vertrauen erweckt. Da man selbst mit der Materie nicht vertraut ist oder sein kann. Schließlich sind wir alle keine Universalgenies. Die gibt es schon lange nicht mehr. Wenn es sie je gegeben hat.

 

Steuerhinterziehung ist ein heikles Thema. Besonders hier in Deutschland. Es wird mit viel Hypokrisie angegangen. Und es wird viel härter bestraft als beispielsweise Pädophilie. Sehr seltsam, für mich keineswegs nachvollziehbar.

 

 

 

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Die Gedanken begleiten uns ein Leben lang

 

 

 

Sobald unsere winzigen Hände etwas fassen können, bekommen wir Spielsachen in die Hand gedrückt. Und bald entscheiden wir selbst, welche Gegenstände wir lieber in der Hand halten. Dabei geht es nicht um die übliche Frage: ein Buch oder ein Smartphone? Viele Menschen übertragen ihre Gefühle gerne auf Objekte, die sie sammeln oder denen sie die Aufgabe zukommen lassen, sie in der Zukunft an etwas zu erinnern. Jedoch haben Gegenstände einen kleinen Nachteil: sie verschwinden gerne, ohne sich zu verabschieden.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Ringe fließen leicht den Abfluss hinunter. Auch Einbrecher und Straßendiebe haben sich schon mehrmals bei mir sehr gut bedient. Meine zahlreichen Umzüge (ich habe schon lange aufgehört zu zählen) brachten mich immer wieder vor wichtige Entscheidungen: Brauche ich das noch? Will ich das in die nächste Wohnung mitnehmen? Und so manches verlieren wir einfach auch.

 

Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, vielleicht Freud oder ein anderer Psychoanalyst:

 

Wenn du etwas verlierst, war es dir nicht besonders wichtig.

 

Dazu benötige ich keinen unbedachten Moment. Es ist schon unglaublich, wie viele Regenschirme ich einfach stehen ließ, weil es draußen nicht mehr regnete und ich diese Dinger ohnehin sehr lästig finde. Und wie viele habe ich gekauft, weil ich vom Regen überrascht wurde?

 

Ja, Gegenstände können Sammlerherzen höher schlagen lassen. Aber sie können auch einfach kaputt gehen. Und man wirft das unnütz gewordene Ding einfach weg. Oder man verkauft etwas, dass man nicht mehr braucht, dessen Zeit vorübergegangen ist und man es mit einem modernen Modell austauschen möchte.

 

Gegenstände kommen und gehen.

 

 

 

Auch Menschen begleiten uns oft nur für eine Weile.

 

Wer kann sich wohl noch an seine „Sandkastenfreunde“ im Kindergarten erinnern? Aber auch die ersten Banknachbarn in der Grundschule sind wohl kaum im Gedächtnis geblieben.

 

Dann schon eher die Abschlussklasse, die alle runden Jahrzehnte mit Einladungen lockt oder nervt. Ich war nur einmal dabei. Nein, danke. Geht ruhig euren eigenen Weg.

 

Nach den Kommilitonen sind es die Arbeitskollegen. Oder Mitarbeiter, sobald man sich selbstständig macht. Auch sie kommen und gehen aus den verschiedensten Gründen. Selbst Geschäftspartner begleiten uns nur auf einer mehr oder weniger langen Strecke unseres Lebens.

 

Ich hatte nicht das Glück, langjährige Freunde zu finden. Mein Berufsleben war voller Neid und Eifersucht gewesen. Auch damit lernte ich schnell, zurechtzukommen.

 

Lieber beneidet als bemitleidet!

 

 

 

Da schaue ich mir lieber meine schon fast antiken Erinnerungsbücher an. Damit meine ich das Hochzeitsalbum mit den professionellen Fotografien in Großformat und unseren Fotos aus dem Flitterwochenende. Für mehr hatten wir keine Zeit gehabt und auch haben wollen. Natürlich habe ich noch ein Album mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus meiner Kindheit. Später kamen weitere Alben dazu. Bis 2006 hatte ich mein Leben mit gedruckten Bildern in großformatigen und aufwendigen Fotoalben dokumentiert. Dann erst kam ich zu einer Digitalkamera.

 

Diese Fotos sollen angeblich nicht verblassen. Vielleicht „verpixeln“ sie sich irgendwann in einem Computer, der die alten Pixel nicht mehr erkennen kann. Ich muss jedoch zugeben, dass ich so viele „Ordner“ öffnen kann wie ich will. Und auch jedes Foto mit einem Titel versehen kann. Aber, diese digitale Registrierung meiner Fotografien ähnelt immer mehr einem Chaos, in dessen Labyrinth, trotz Jahresdaten, ich kaum noch bestimmtes Foto finde, wenn ich nach ihm suche.

 

 

 

Nur Erinnerungen bleiben in unserem Geist erhalten. Unser Gehirn hat so viele unzählige Zellen, die enorm viele Szenen und Erlebnisse und Gesichter und Gegenstände und Orte und Namen und Daten aus unserem Leben festhalten und speichern. Irgendwann können wir sie abrufen oder aber sie überraschen uns. Manchmal auch in Situationen, in denen wir das gar nicht möchten. Besonders, wenn es sich um negatives Material handelt.

 

Je älter man wird, desto besser funktioniert dieses Langzeitgedächtnis. Ich kann mich heute an so manches erinnern, dass in meinen dreißiger Jahren überhaupt nicht präsent gewesen ist. Diese Erinnerungen, die wir abrufen können, wenn wir sie brauchen, die bleiben. Der Volksmund will sie „im Herzen tragen“, aber ich suche sie lieber eingepflanzt auf meinem Memory Lane. Ich habe sehr starke Bilder in meinem Kopf, die ich nicht mehr missen möchte.

 

Nur zwei Beispiele: Die seltenen Momente, in denen ich mit meinem Vater als ganz kleines Mädchen spielen durfte. Und die einzigen beiden Fotografien, die ich von meinem Großvater immer in meiner Geldbörse mit mir trug, bis mir diese, zusammen mit der Handtasche, entrissen worden ist.

 

In meinem Leben musste ich auf so viele Sachen verzichten, weil gestohlen, weil verloren, weil nicht mehr möglich, weil...

 

Deshalb habe ich gelernt, meinen Memory Lane zu pflegen, ihn stets gut mit Wasser und Sauerstoff und den wichtigsten Vitaminen zu versorgen. Denn nur bei guter Gesundheit kann mein Gedächtnis dort spazieren gehen, wenn ich traurig bin, wenn ich eine schöne Erinnerung noch einmal aufleben lasse, wenn ich eine Inspiration für meine Romane benötige und etwas einfließen lassen möchte, dass ich kenne. Es ist immer besser, man schreibt von Dingen und Situationen, die man gut kennt.

 

Kennt ihr die verzweigten Wege auf eurem Memory Lane?

 

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Mein Blog über Norwegen

 

 

Das vergangene Jahr brachte überraschende Ergebnisse auf meinen Blog.

 

Zunächst einmal vielen, herzlichen Dank an alle meine Leser! Monat für Monat kommt ihr in einem enthusiastischen, dreistelligen Bereich auf meine Blogseite! Nicht einmal im August gab es eine Flaute! Im Gegenteil! Es war der zweitbeste Monat für meine Besucher und ihre Seitenaufrufe! Der Spitzenmonat ist sogleich im Januar gewesen. Gerührt war ich vom Dezember, als ich keinen Blog schreiben konnte, weil ich sehr große, familiäre Probleme hatte. Auch in diesem Monat habt ihr mich nicht alleine gelassen und seid im dreistelligen Bereich geblieben.

 

Überaus erstaunt war ich jedoch, welche Blogbeiträge (immer noch) am liebsten gelesen werden:

 

Der Ansturm auf meine persönliche Meinung über den DSGVO war eigentlich vorprogrammiert.

 

https://www.marinazimmermann.de/2018/05/18/keine-angst-vor-dem-dsgvo/

 

Ein heißes Thema, das natürlich alle interessiert, die sich im Netz aufhalten. Jedoch liegt dieser Blog „nur“ auf Platz drei!

 

Die ersten beiden Plätze werden weiterhin von zwei Beiträgen besetzt, die eigentlich schon etwas älter sind.

 

Platz zwei wird von Oscar Wilde beherrscht, den ich im Februar 2015 zitierte: Nichts ist so aufreizend wie die Gelassenheit.

 

 https://www.marinazimmermann.de/2015/02/25/nichts-ist-so-aufreizend-wie-die-gelassenheit-oscar-wilde/

 

 

Absoluter „Bestseller“ bleibt aber Norwegen. (Auch in den ersten Wochen dieses Jahres ist er immer noch oder schon wieder voll im Rennen!) Meine Eindrücke und Vorurteile vom Juni 2016.

 

 https://www.marinazimmermann.de/2016/06/16/norwegen-eindr%C3%BCcke-und-vorurteile/

 

 

 

 

Deshalb habe ich mir fest vorgenommen, in diesem Jahr wieder mehr zu bloggen. Es gibt jeden Tag so vieles, über das ich schreiben möchte. Manchmal fehlt mir die Zeit, manchmal aber auch der Mut. Den habe ich von euch wieder bekommen! Und dafür bin ich euch allen dankbar!

 

 

 

Meinen Genussblog musste ich leider einstellen, trotz sehr guter Besucherzahlen. Die Seite war zu restriktiv. Man konnte sich nicht auf ein bestimmtes Rezept einklicken. Deshalb wird ein Kochbuch daraus entstehen.

 

 

Der italienische Blog hat dasselbe Schicksal eingeholt. Vielleicht integriere ich ihn auf der deutschen Blogseite. Mal hin und wieder einen italienischen Text dazwischen. Was meint ihr?

 

https://www.marinazimmermann.de/2018/05/18/keine-angst-vor-dem-dsgvo/

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Die Metamorphosen von Ovid

Gestern habe ich die Metamorphosen von Ovid zu Ende gelesen. Etwas wehmütig nahm ich Abschied von der poetischen Melodie seiner Prosa. Vielleicht lag es auch an der ausgezeichneten Übersetzung. Piero Bernardini Marzolla hat Ovid aus dem von mir überhaupt nicht geliebten Latein in meine Lieblingssprache Italienisch übertragen. Selbstverständlich trägt der Übersetzer sehr viel dazu bei, den Inhalt zu formen und oft auch verständlicher in die moderne Sprache herüberzubringen. Jedenfalls habe ich diese Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Gegen meine Gewohnheiten las ich auch die Einführung. In dieser wunderschönen Ausgabe der Klassikerbuchreihe I Millenni aus dem Einaudi Verlag fand ich einen sehr interessanten Essay von keinem geringeren als Italo Calvino. Ein großer italienischer Schriftsteller des 20. Jh. Nur einige Passagen des Trojanischen Krieges, die nun doch etwas zu detailversessen den makabren Horror beschrieben hatten, wurden von mir elegant übersprungen.

 

Obwohl ich den Inhalt vieler Erzählungen schon aus der Griechischen Mythologie und aus den Werken Homers sehr gut kannte, war ich hin und wieder dennoch überrascht und hielt nachdenklich an. Besonders ein Monolog gegen Ende des Buches hat mich sehr berührt.

 

Pitagoras kannte ich vorwiegend aus dem Mathematikunterricht. Hier wurde ihm von Ovid ein leidenschaftlicher Appell in den Mund gelegt, aus welchen vielfältigen Gründen man doch bitteschön Abstand vom Verzehr des Fleisches halten sollte. Ich bewunderte zunächst die Zeitepoche. Dann aber brachte er mich schnell zum Nachdenken: Welche Tiere fressen rohes Fleisch? Das sind überwiegend wilde Artgenossen, aber nicht die intelligenten wie Pferde und Elefanten! Daraus könnte man nun wirklich eine interessante Diskussion gestalten, die dem Philosophen Pitagoras gebührt. Selbst unter den Tieren gibt es sehr viele Vegetarier. Beim genauen Hinsehen sind es zumeist die weniger gefährlichen Arten. Blutrünstig scheinen nur die wilden Kreaturen zu sein. Sollte auch der Homo sapiens demzufolge wilder sein als er sich geben möchte?

 

Pitagoras (oder Ovid) geht sogar so weit und warnt davor, die eigenen Hilfskräfte zu essen. Wenn man bedenkt wie sehr damals noch die Rinder und Ochsen auf dem Feld dem Bauern bei der Arbeit geholfen hatten. Oder wie großzügig doch die Schafe sind, indem sie uns großzügig mit ihrer Wolle wärmen und auch sonst viel Milch abgeben, aus der man auch vorzüglichen Käse zubereiten kann. Und überhaupt hätte die Mutter aller Mütter, unsere Erde, doch so viel anzubieten an Cerealien, Gemüse und Obst und Kräutern, sodass man es getrost unterlassen könnte, Fleisch von Tieren zu essen.

 

Ich war sehr beeindruckt von dieser langen Ausführung. In meinem Leben habe ich schon viel gekostet. Bin in einer deutschen Familie aufgewachsen, in der tagtäglich tierische Produkte auf den Tisch kamen. Erst, als ich in Italien lebte und meinen Mann kennenlernte, verringerte sich mein Fleischkonsum drastisch. Pasta und Gemüse und Kräuter und, ja mehr Fisch, waren angesagt. Natürlich gibt es auch in Italien vielfältige Fleisch- und Fischgerichte, jedoch ist es auch dort sehr individuell.

 

Mit dem Fortschreiten der Jahre nahm unser Fleisch- und Wurstkonsum immer mehr ab. Fisch wurde wichtiger, weil Omega-3 den Augen eine sehr wichtige Hilfe bietet. Doch unsere liebste Hauptmahlzeit ist schon immer die Pasta mit ihren unendlichen Variationen gewesen. Nur die „nördlichen“ Kohlgemüse entziehen sich ihrem Charisma. Von A wie Auberginen über M wie Mangold bis hin zu Z wie Zucchini kann man so gut wie alle Gemüsesorten mit Pasta anrichten.

 

Zugegeben, ein völlig eingefleischter Vegetarier bin ich trotzdem nicht.

 

 

 

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Neujahr, Neumond, Neuanfang...

 

 

 

Meine persönliche Erfahrung hat mir bewiesen, dass der Januar kein guter Monat für Anfänge jeglicher Art ist. Immer wieder musste ich feststellen, dass ein Projekt oder ein Vorhaben oder sogar eine neue Arbeit, nie und nimmer im Januar starten sollte.

 

Vielleicht sind deshalb die vielen, guten Vorsätze für das Neue Jahr schon bald verworfen und können nicht eingehalten werden. Nach dem Neujahr will man sich erst einmal von den üppigen Festmahlen, süßen Versuchungen und feuchtfröhlichen Feiern erholen. Aber doch nicht sofort mit einer rigiden Diät und einem strengen Fitnessplan! Zeitschriften und Magazine sind in diesem Monat voll damit! Der Körper ist aber noch viel zu berauscht von all dem Überfluss der letzten Tage und Wochen, als das er sich dazu hinreißen lassen würde!

 

Für viele Zeitgenossen sind noch ein paar Ferientage möglich gewesen. Urlaub bedeutet doch, gleichzeitig Körper und Geist zu verwöhnen. Die einen fliegen zum Abtauchen in sonnige Gebiete. Die anderen fahren zum Skifahren in die Berge. Dabei denkt niemand daran, sich zu kontrollieren. Spaß und gute Laune sollen die Tage noch beherrschen. Auch wenn der brutale Wintereinbruch in den Alpen vielen Urlaubern die Heimfahrt oder die Landung im heimatlichen Flughafen erschwerte.

 

Erst am siebten Tag des Monats Januar holt uns definitiv der Alltag wieder ein. Sollte man jetzt mit den Vorsätzen beginnen? Diät? Fitness? Das sind doch zwei Argumente, die eigentlich in jede Jahreszeit passen. Warum sich unbedingt jetzt damit plagen? Es ist noch kalt und verregnet und der Schnee soll auch noch (weiter) kommen. Alles gute Gründe, nicht auf die gemütlichen Kalorien zu verzichten.

 

Und überhaupt: ich muss zugeben, dass ich heute dasselbe Gewicht aufweisen kann, dass ich am Heiligen Abend auf der Waage gesehen hatte. Schließlich muss man diese Tage nicht nur zum Essen verwenden. Aber aus dem Feiern komme ich auch immer erst einen Tag später heraus! Meine Mutter hat noch schnell am 7. Januar Geburtstag!

 

Doch, was den Neustart angeht, da hat mich dieser Monat in der Vergangenheit zu oft enttäuscht! Immer wieder musste ich einsehen, dass meine Projekte erfolglos blieben. Einmal wurde mir in diesem Monat ein lukrativer Job angeboten. Wenigstens hatte er sich anfangs so angefühlt, doch sehr bald hatte er sich als miese Falle entpuppt.

 

Dieses Jahr will ich meine Erfahrungen endlich beherzigen und den Januar „nur“ zum Planen und Vorbereiten nutzen. Natürlich kann ich an so manchem weiterarbeiten, das ich im letzten Jahr begonnen hatte. Aber ich werde mich nicht dazu hinreißen lassen, neue Wege zu betreten. Sobald das Jahr aus seinen Kinderschuhen herausgereift sein wird, werde ich mehr Zuversicht hegen können.

 

Jeder Tag ist doch im Grunde ein Neuanfang. Das beobachte ich oft nach einem anstrengenden Tag, der mir vor allem seelische Kraft gekostet hat. Dann dusche ich gerne abends, weil ich mit dem Wasser, das von oben über meinen Körper nach unten abfließt, nicht nur die Duschseife abwasche, sondern auch gerne alle unschönen Erlebnisse des Tages mit hinunter in den Abfluss spüle. Das funktioniert wirklich! Es ist ein unglaublich wohliges Gefühl, wenn ich aus der Dusche steige und mich etwas leichter fühle. Probiert es mal aus!

 

 

 

 

 

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Epiphania und ihre Wirkung

 

 

 

 

L’epifania

 

 tutte le feste porta via

 

Im Italienischen gibt es dieses schöne Sprichwort, dass sich so melodisch reimen lässt. Übersetzt heißt das: Die Epiphania nimmt alle Feste weg. Das reimt sich nicht mehr so schön, bringt aber das Thema auf den Punkt. Mit dem 6. Januar sind die vielen Fest- und Feiertage erst einmal vorbei. Ein ernüchternder Alltag fängt uns wieder ein. Weihnachten liegt schon eine gefühlte Ewigkeit zurück. Der ganze Hype während der Adventszeit ertrinkt im letzten Glas Glühwein.

 

Der Silvesterkater ist ebenfalls überwunden. Wobei dieses Wort mich zu einem Gedankenspiel verleitet. Wer kennt nicht Sylvester? Der Kater aus der „Disney-Dynastie“, der dem süßen Tweety-Vögelchen das Leben schwer macht. Was wohl Walt Disney gedacht hatte, als er den „bösen Kater“ Sylvester nannte? Oder ist dieser Tag wirklich nur sein Namenstag und meine Fantasie geht mit mir durch? 

 

Auf meinem Laptop ist ein „ewiger“ Kalender eingebaut, der automatisch weiterläuft. So wie die Zeit. Sie verweilt nicht. Sie ist in ständiger Bewegung. Jeder Atemzug gehört sogleich der Vergangenheit an. Die Gegenwart, wer kennt sie? Ich kann sie nicht mehr fassen. Sie entreißt mir jeden Gedanken an die Zukunft. Und doch wollte ich mich in diesen Tagen „zwischen den Jahren“ ein wenig mit ihr beschäftigen. Jedoch wurde ich in Situationen involviert, die es nicht zuließen.

 

Nun scheint der graue Januar mit seinem griesgrämigen Alltag wieder voll auf uns einzudringen. So manche Vorsätze für das neue Jahr sind schon wieder verworfen. Die Geschenke sind angekommen oder auch gleich umgetauscht worden. Das Weihnachtsgeld wurde in Kurzreisen und Shoppingschnäppchen investiert. Ab morgen heißt es wieder: rein ins Leben, raus aus dem Feiern. Besonnen haben sich wohl die Wenigsten. Und doch wäre es eine gute Zeit dazu gewesen.

 

Ich hatte einige familiäre Probleme zu bewältigen. Doch mein Hinterkopf versuchte eifrig, sich mit meiner Zukunft zu beschäftigen. Was daraus wird, werde ich wohl erst in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten erfahren. Ideen habe ich genug, nur zur Umsetzung fehlt mir oft der „klare Kopf“.

 

Es ist nicht die Zeit, die man sich nimmt. Man braucht auch den Kuss der richtigen Muse dazu. Solange der Geist verstopft ist kann er sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Denn, wenn der Geist sich langsam davonschleicht, ist nichts mehr wie vorher. Vieles muss anders gesehen werden. Jeder Tag bringt neue Eindrücke, holt manchmal auch schöne Erinnerungen zurück. Fordert mich zuweilen mit einer zehrenden Verzweiflung heraus. Bringt meine Selbstkontrolle an bebende Grenzen. Doch ich lächle und, wenn ich könnte, würde ich den Honig aus dem Kopf meines Mannes schlürfen und ihm wieder gesunde Gehirnzellen einpflanzen. Soweit ist unsere heutige Wissenschaft leider noch nicht.

 

Deshalb würde ich mich freuen, wenn die Epiphania nicht nur die Feste und Feiern, sondern auch einige Probleme mit sich nehmen könnte.

 

Die Zuversicht für gute Tage ist das größte Geschenk, das ich von diesem Jahr erwarten kann. Ich habe gelernt, die Schönheit des Augenblicks zu erkennen. Ihn zu genießen, ohne mich dem Teufel zu übergeben.

 

Carpe Diem!

 

Einfach genießen, bevor dieser schöne Augenblick schon wieder zu den Erinnerungen gelegt wird.  

 

 

 

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In einem Wartezimmer bei einem Arzt

 

 

 

Irgendwo. Irgendwann. Die Stille ist hörbar. Keiner spricht. Jeder behält seine Krankheit, seine Probleme für sich. Eine Frau sitzt in einer Ecke und blättert unbekümmert in einer Zeitschrift. Sie begleitet eine Patientin. Ihre Sorglosigkeit ist beinahe störend. Alle anderen beobachten sie mit leidenden Gesichtern. Wie sie schnell und geräuschvoll die Seiten umblättert. Wie sie neugierig und augenscheinlich interessiert einen Artikel liest. Ihre Entspanntheit kann tatsächlich irritieren. Die anderen haben alle ein Problem, vorwiegend in ihrem Körper. Sie haben mit einer Unstimmigkeit zu kämpfen, die ihnen Schmerzen bereitet, die ihre Anspannung verursacht.

 

Plötzlich summt ein Handy im wohl bekannten „Vibrier-Ton“. Man stellt es stumm, aber es bleibt nicht stumm. Ein kurzes Umblicken im Wartezimmer. Die gleichgültigen oder suchenden Gesichter verrieten sofort, wer ein Handy bei sich trug. Das brummende Geräusch wollte nicht aufhören. Endlich griff die „Begleiterin“ in ihre Handtasche. Und antwortete in die Stille hinein. Kurz und knapp, aber laut und deutlich. Jeder konnte sich den Dialog zusammenreimen. Die Fragen aus den Antworten erkennen. Treffpunkt und Zeit wurden bestätigt.

 

Ein weiteres Handy erklang im Normalton. Es wurde sofort still gedrückt. Die Besitzerin wartete geduldig bis der Signalton sie informierte, dass der Anrufer auf die Mailbox gesprochen hatte. Zufrieden schloss sie ihre Handtasche. Später kann sie die Nachricht abhören. Irgendwann. Nach dem Besuch beim Arzt. Irgendwo. Draußen.

 

 

 

 

 

 

 

Das winzige Detail für den täglichen Ärger

 

 

 

Bin ich wirklich in einer anderen Welt? Ich will mich nicht auf meine grauen Haare beziehen, und schon gar nicht auf mein Alter. Diese Bemerkung habe ich früher bei älteren Menschen auch nicht ausstehen können. Aber ich komme mir langsam vor wie auf dem falschen Planeten. Ist es möglich, dass die Höflichkeit in Vergessenheit geraten ist? Kann es sein, dass die Respektlosigkeit keine Ausnahme mehr darstellt?

 

Freundlichkeit und Dienstleistungen paaren sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Was mich dabei so sehr ärgert: ich fühle mich steinalt, weil ich noch andere Zeiten erleben durfte.

 

Dazu ein kleines Erlebnis vom heutigen Einkauf in einem Supermarkt: ich hatte nur drei Päckchen Nudeln gekauft. Unsere Lieblingsmarke war gerade in diesem Supermarkt im Angebot gewesen. Ich stehe also an der Kasse, hole meine Münzen heraus und bezahle den kleinen Betrag. Anschließend bin ich dabei, meine restlichen Münzen und den Kassenbeleg in meine Geldbörse zu verstauen und diese zu schließen. In der Zwischenzeit öffnet mein Mann eine mitgebrachte Einkaufstasche, um die drei Päckchen dort zu verstauen. Das alles sind eigentlich ganz normale Vorgänge. Wäre da nicht die hastige Kassiererin gewesen. Sie hätte sich keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie meinem Mann die drei Päckchen über den schmalen Tisch gereicht hätte. Aber was tat sie? Sie stand ruckartig von ihrem Stuhl auf und schob ihre niedrige Eingangstür gegen meinen Mann mit den warnenden Worten: „Vorsicht!“ Schlüpfte durch die enge Öffnung, die gleichzeitig für die Waren diente und verschwand grußlos. Wir beide sahen uns an und schüttelten nur den Kopf.

 

Es mag für einige Haarspalterei bedeuten. Für mich ist es ein kleines Detail, das mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hätte, wenn sie meinem Mann behilflich gewesen wäre, oder, wie in diesem Fall, ein Ärgernis auslöste, das mich bis zum Auto begleitet hatte.

 

Leider füllt sich unser Leben tagtäglich mit solchen winzigen Details. Manchmal registrieren wir sie kaum noch. An anderen Tagen beschäftigten sie uns viel zu lange.

 

Es wäre schön, wenn wir uns wieder etwas besinnen würden und ein wenig empathischer miteinander umgehen könnten. Ein nettes Wort, eine höfliche Geste, ein freundliches Lächeln kostet nichts. Dafür ernten wir dankbare Blicke, wenn nicht gar staunende Gesichter. Sofort wird die Welt ein klein wenig lebenswerter, harmonischer...

 

 

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November - der Monat der Sinnlichkeit oder der Besinnung

 

 

 

Unsere Sinnesorgane lassen uns sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen. Da stellte ich mir die Frage: Wenn es drauf ankommen würde, man aber die Wahl hätte, auf welchen Sinn würde ich leichter verzichten können?

 

Vor blinden Menschen habe ich den größten Respekt! Nichts zu sehen und sich doch in der Welt zurechtfinden. Das ist für mich eine meisterhafte Leistung. Das denke ich jedes Mal, wenn ich mich in der vollkommenen Dunkelheit befinde und die Orientierung verliere. So geschehen, in einer Kugel im Museum. Oder, ganz einfach, wenn ich mich morgens leise aus dem Schlafzimmer schleichen will und meinen Mann nicht wecken möchte. Wie oft würde ich die Schranktür anstatt die Zimmertür öffnen. Dementsprechend ist dieser Sinn für mich äußerst wichtig.

 

Ich liebe die Stille. Ich will völlige Ruhe um mich, wenn ich schreibe. Aber deshalb ganz auf das Hören zu verzichten? Nein, da gibt es so einige Momente, die ich nun wirklich nicht missen möchte: dazu gehört, vor allem, gute Musik! Und jedes kleine Geräusch, dass ich wahrnehme, sagt mir doch viel über mein Umfeld aus. Es kann mich warnen. Es kann mich beruhigen.

 

Und wie steht es mit dem Tastsinn? Da kommt mir sofort in den Sinn, wie schön es sich anfühlt, wenn man einen geliebten Menschen umarmt! Oder, wenn die Hände ein neues Kleidungsstück prüfen: wie weich ist dieser Pullover, wie seidig glatt fühlt sich diese Bluse an. Fühlen ist demzufolge ungemein wichtig.

 

Während einer Erkältung kann man kurzfristig erleben, wie es ist, wenn Zunge und Gaumen nichts mehr unterscheiden. Wenn alles, was man in den Mund schiebt, keinen Geschmack mehr verbreitet. Ein Jammer für mich! Oder, positiv gesehen, die beste Gelegenheit für eine Diät! Da komme ich schon ins Zaudern. Wie würde das langfristig sein, nichts mehr zu schmecken? Vielleicht...

 

Dann bleibt also nur noch das Riechen. Wenn ich es mir so richtig überlege, komme ich auf eine längere Liste von unangenehmen Gerüchen als wenn ich angenehme Düfte aufzähle. Da bin ich sehr sensibel. Ich rieche schon von weitem, wenn etwas nicht passt.

 

 Das meine ich jetzt nicht im übertragenen Sinn! Es geht hier um unseren Geruchssinn und nicht um den fühlbaren Spürsinn. Der entspringt dem sogenannten sechsten Sinn, unserem Instinkt. Manche nennen es auch gerne Bauchgefühl. Und damit sind wir schon mitten in der eigentlichen Sinnlichkeit. Sie entspringt dem Komplex unserer fünf Sinne: Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen, Riechen lassen zusammen etwas Sinnliches wirken. Auf was würdet ihr, nur im Extremfall, verzichten wollen?

 

Viel Spaß beim ... (Be)Sinnen darüber...

 

 

 

Dieses Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen. ;-)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie kommt so viel Plastik ins Meer?

 

 

 

 

Mikroplastik in der Nahrungskette!

 

Zu viel Dreck in den Weltmeeren!

 

Unzählige Flaschen und Beutel und Gegenstände aus Plastik schwimmen im Wasser. Diese ekligen Bilder bekamen wir in den letzten Tagen überall serviert. Schluss damit! Den EU-Parlamentariern fiel nichts Besseres ein als ein Verbot einzuläuten. Keine Einweg-Plastiksachen mehr. Na toll!

 

Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Plastikgeschirr. Im Gegenteil. Aber ich kann gut verstehen, wenn es bei Kindergeburtstagen gerne benutzt wird. Da geht es nicht nur um den Abwasch danach, sondern auch um die Gefahr, sich mit Besteck zu verletzen. In Wartesälen oder Großraumbüros schätze ich den Wasserbehälter mit seinen Plastikbechern sehr. Das ist viel hygienischer als ein – vielleicht nur oberflächlich ausgespültes – Glas.

 

So könnte die Liste weiterwachsen. Plastik ist nun mal superpraktisch, resistent und oft hygienischer, weil es eben nur einmal benutzt und dann entsorgt werden kann. Und da sind wir schon bei der Ursache des Unglücks! Die Entsorgung von unserem Abfall! Hier geht es nicht mehr nur um das leidige Plastik. Hier geht es um alles, was irgendwann und LEIDER irgendwo weggeworfen wird!

 

Ganze Schulklassen werden dazu aufgefordert, den Dreck der Dreckigen aus der Welt zu schaffen. Egal, ob Strand oder Wald und Wiese. Kinder und Jugendliche sollen diese „soziale Arbeit“ übernehmen, werden dafür gelobt, fotografiert und in den Medien gezeigt.

 

Schämt euch!

 

Das ist genau die falsche Erziehung!

 

Ich muss den Dreck der anderen wegbringen, also kann ich auch meinen Dreck einfach dort hinschmeißen. Kommt ja bald die nächste Schulklasse.

 

Dieser Gedanke könnte so manchem Teenager durch den Kopf gehen.

 

Umgekehrt: damit wir das nicht machen müssen, sollten wir besser unseren Dreck richtig entsorgen.

 

Dieser Gedanke, hingegen, kommt selten an.

 

Die Kinder kann man aber noch dazu erziehen, sauberer und respektvoller mit der Natur umzugehen. Dazu brauchen sie, vor allem, das Beispiel der Erwachsenen. Da liegt das ganze Problem.

 

Wenn man mir dann drecküberladene Strände und Meere zeigt bekomme ich Gänsehaut vor Wut. Denn dort spielt eine ganz bestimmte Gattung der Menschen eine große Rolle: man nennt sie seit einigen Jahrzehnten TOURISTEN. Diese Gattung hat nichts mit Reisenden zu tun. Es gibt immer noch Menschen, die sich vernünftig benehmen können, auch wenn sie viel unterwegs sind, egal ob beruflich oder privat. Touristen reisen auch, möglichst billig, mit Flugzeug und Schiffen, aber gesellschaftsfähige Manieren kennen sie nicht. Anstand und Respekt, wenn sie diese Begriffe überhaupt kennen, lassen sie zuhause. Im Urlaub ist alles erlaubt. Da gibt es für viele keine Regeln mehr. Sie bleiben ja nicht an diesem Ort. Das ist hier Mantra im Hinterkopf.

 

Es ist nicht nötig, Plastik per se zu verbieten. Es ist dringend nötig, den Menschen eine gewaltige Gehirnwäsche zu verpassen. Wir sind mittlerweile viel zu viele hier auf diesem Erdball. Dementsprechend sollten wir uns einfach an der eigenen Nase fassen und ... sauberer werden!

 

Das hat nichts mit fanatischen Naturschützern zu tun!

 

Das bedeutet einfach:

 

ganz normalen Respekt für einander und für unseren Lebensraum an den Tag zu legen.

 

Noch mal:

 

Respekt und Toleranz wieder in Mode bringen,

 

damit das gegenseitige Vertrauen nicht ganz verschüttet wird.

 

 

 

 

 

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Gedanken beim Spazierengehen

 

Ich verlasse den separaten Gehweg und mache es mir auf der linken Seite der engen Straße bequem. Das hat mir schon meine Großmutter im jüngsten Kindesalter beigebracht. Immer gegen die Fahrtrichtung laufen, damit die ankommenden Autofahrer mich sehen können.

 

In diesen engen norwegischen Straßen wird mit sehr großem Respekt gefahren. Hin und wieder gibt es in der Nähe einer kleinen Ansiedlung ein Schild, das auf Kinder und Hunde hinweist.

 

Die Stille der Natur lässt jedes Auto schon von weitem ankündigen. Die Fahrzeuge kommen einzeln. Bisher sind mir noch keine zwei Autos hintereinander begegnet. Der Verkehr entspricht den weitläufigen Ansiedelungen. Mal ein Bauernhaus hier, dann wieder einfachere Wohnhäuser bis hin zu supermodernen Ferienbungalows. Zwischendurch ein paar sehr alte Häuser, teils unbewohnt, wenigstens lässt sich das auf die vom dichten Gras überwachsene Anfahrt hindeuten.

 

Im Wald plätschert das Wasser des Baches, der den See mit dem Fjord verbindet. Aber sehen lässt er sich nicht. Das wilde Gebüsch bietet ihm einen natürlichen Tunnel. Irgendwo da unten hatte jemand eine breite Holzbrücke gebaut. Der Weg zu ihr wurde in den Jahren von dichtem Gehölz und eifrigen Waldpflanzen überwachsen.

 

Neugierig laufe ich auf die dunkle Kurve zu. Sie scheint in einen dunklen Wald zu führen. Unerschrocken laufe ich hinein in das finstere Gehölz. Sobald ich jedoch die Kurve erreiche und ihre Richtung beibehalte wird es sofort hell und freundlich. Wieder tauchen Häuser aus dem Nichts auf. Die Straße führt zwischen ihnen hindurch bis hinunter zum Fjord.

 

Es ist still, unglaublich still. Kein Vogelgezwitscher, kein Grillengezirpe, nur hin und wieder der ferne Motor eines Autos. Die Landstraße hatte ich schon seit ein paar Minuten verlassen. Dieser enge Weg wurde im Grunde nur von den Anliegern benutzt. Oder von neugierigen Spaziergängern wie mich. Begegnet bin ich niemandem. Nur ein intelligenter kleiner Hund kommt hinter einem Haus hervor, bleibt jedoch auf seinem Rasen stehen, bellt nicht, wedelt nur mit dem Schwanz. Ich grüße ihn freundlich und gehe weiter.

 

Die Häuser zeigen mir den Baustil verschiedener Generationen. Dennoch werde ich überraschend daran erinnert, dass ich mich, trotz der ungewohnten Wildnis, im 21. Jahrhundert befinde. Plötzlich kommt mir am ansteigenden Wegrand etwas Dunkles entgegen. Ich musste schmunzeln, als ich den Roboter erkannte. In vielen Gärten ist er hier tätig. Ein paar Augenblicke sehe ich ihm bei seiner Arbeit zu. Es ist wirklich bewundernswert, wie toll er den Rand seines Gebietes erkennt und ebenso intelligent in die einzig freie Richtung weiterfährt.

 

 

 

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Meine zeitlosen Lieblingsstücke

Es gibt Tage, an denen kommt es mir vor, als wenn ich nur ein Seidentuch besitzen würde. Weil ich immer dasselbe trage. Schnell um den Hals gelegt. Locker über das Dekolleté drapiert.

 

Ich liebe dieses Tuch. Es passt auch sehr gut zu vielen Outfits. Und es berührt mich immer wieder, weil es seine ganz eigene Geschichte hat.

 

Vor unglaublich vielen Jahren, Anfang der Achtziger des letzten Jahrhunderts, wohnte ich in einem Nebengebäude eines alten Schlosses. Das Hauptgebäude hatten wir für unseren Firmensitz gemietet. 1300 historische Quadratmeter. Giuseppe Garibaldi soll dort einmal fast geheiratet haben. Auch eine tolle Geschichte.

 

Die angrenzenden Nebengebäude, früher wahrscheinlich für die Stallungen und ähnliches benutzt, waren schon vor über zwei Jahrzehnten in schicke Wohnungen im Landhausstil umgestaltet worden. Zwischen Mailand und Como sehr günstig mit der Autobahn verbunden, lockte diese ausgefallene Wohnanlage bald Künstler, Regisseure, Designer und Unternehmer in diese ungewöhnlichen Wohnstätten mit sehr eigenwilligen Zimmeraufteilungen.

 

Ich hatte zwei Zimmer mit Bad und offener Küche im ersten Stock gemietet. Neben mir befand sich eine Wohnung auf zwei Ebenen verteilt. Sie war von einer Designerin  gemietet worden. Eine nette Dame mit drei verrückten Hunden, darunter einem Dobermann, dem jeder aus dem Weg ging. Sie kreierte bunte Tücher für eine Seidenfabrik. Eines Tages kam sie auf mich zu.

 

„Marina, ich habe eine kreative Flaute. Du bist jung und ziehst dich immer gut an. Gib mir doch eine Inspiration. Was würde dir auf einem Tuch gefallen?“

 

Nun, da ich Löwen sammelte und überaus liebte, war es für mich ganz natürlich, ihr einen Löwen zu suggerieren. Einige Zeit später schenkte sie mir dieses Tuch aus reiner Seide. Als kleines Dankeschön für meine „Hilfe“. Denn, das Tuch war von Krizia übernommen worden, damals eines der großen neuen Erfolgslabels der gerade aufstrebenden Modedesigner in Mailand.

 

Ich pflegte mein gutes Stück immer sehr respektvoll. Viele Jahre lang hatte ich es auch nur in der Schublade. Doch jetzt bin ich ja voll im Alter der Seidentücher. Jetzt habe ich gerne etwas um meinen Hals, wenn die Falten zu stark hervortreten, wenn der Wind daran zerren möchte. In den letzten Jahren ist es mir sehr lieb geworden.

 

Und die Seide aus dieser Zeit ist qualitativ viel besser gewesen. Das kann ich auch von einem weiteren Lieblingsstück sagen, das wohl kaum einmal von mir aussortiert werden wird. Auch dieses Stück verbindet eine Geschichte voller emotionaler Erinnerungen.

 

Ich war schon immer sehr modebegeistert gewesen. Seit meiner frühen Jugend las ich die großen Modemagazine. Ein Designer hatte mich von Anfang an begeistert: Valentino. Sein Vorname genügte damals noch. Später benannte er die Accessoires-Kollektion mit seinem vollen Namen: Valentino Garavani.

 

Aber zurück in die Achtziger. Ich brauchte einen neuen Wintermantel und fand ihn in einer Boutique in Como. Der Mantel war schnell gefunden und gekauft. Ein weißer Wollmantel von ... na klar: Valentino. Ich konnte mir seine junge, etwas günstigere Kollektion schon leisten. Doch blieb es nicht bei einem Mantel. In einer Boutique stehen und hängen ja immer wieder Kleidungsstücke irgendwo im Blickfeld der Kundin. Das ist ein ganz natürlicher Marketingtrick. Mein Auge fiel auf eine Bluse aus schwarzer Seidenspitze. Hauchzart und verführerisch lockte sie mich näher. Die clevere Verkäuferin erkannte sofort meinen schmachtenden Blick und drängte mich sanft zu einer Anprobe. Huch, das war ein prickelndes Gefühl. Ich wollte mich bremsen, da die Bluse fast so viel wie der Mantel kostete. Aber das war sie es wert.

 

Dieses Stück hat mich mein Leben lang begleitet. In die Oper, ins Theater. Bei festlichen Abendessen und sogar unter einem Pullover fügte sie einen eleganten Touch hinzu.

 

 Natürlich hat auch diese Bluse viele Monate im Schrank gehangen und stets geduldig auf ihren Moment gewartet. Natürlich ist es auch sehr wichtig, dass die Konfektionsgröße noch passt. Aber ihre Eleganz und ihr Flair hat diese Bluse in all diesen Jahren nicht eingebüßt.

 

Das ist wahrlich zeitlose Klasse. Valentino Garavani hatte sie. Mein Seidentuch hat sie auch. Wir werden wohl noch einige Zeit miteinander verbringen...