Der neue Lyrikband von Xenia Hügel

 

 

 

Während ich eine Sprache in eine andere übersetze, vertiefe ich mich in jedes Wort und suche den Sinn zwischen den Zeilen zu erfassen, bevor ich ihn in die andere Sprache weitergebe.

 

Ich tauche ein in die Gefühlswelt der Künstlerin, in ihre Art und Weise, die Welt zu betrachten, die Liebe zu (er)leben, ihre Empfindungen mitzuteilen. Das gelingt Xenia Hügel besonders gut! Ihre Poesie ist mitunter auch eine zärtliche Herausforderung für den Leser. Diese Zeilen wollen eindringen, wollen ankommen, wollen aufwühlen!

 

 

 

Liebe in 1000 Farben

 

erscheint am 15. August im net-Verlag.

 

Alle Lyrikfreunde sollten sich diesen Tag in ihrem Kalender ankreuzen!

 

 

 

Jede Zeile ist eine Liebeserklärung! An die Seele. An das Herz. An eine Stimmung. An die Heimat. An die Freundschaft. An die Zeit. An die Kraft des Glaubens. An die Liebe selbst, mal versteckt, mal direkt angesprochen. Und, immer wieder, an die Familie. Diese tiefe Zusammengehörigkeit durchdringt ein wunderschönes Liebeslied, hallt in Unser Haus aus jeder Silbe und findet seinen Höhepunkt in der gleichnamigen Poesie Familie.

 

Wer Xenia Hügel kennt und ihre Lyrik liebt, wird sich auf eine weitere Überraschung freuen: 36 Poesien hat diese großartige Poetin in dem Band Liebe in 1000 Farben zusammengetragen und mit ebenso vielen Bildern der Künstlerin Irene von Müller-Liebig illustriert. Diese Bilder verbinden sich wunderbar mit der Poesie.

 

Hier meine Eindrücke, die zu einer Hommage an die Abstraktion geworden sind:

 

 

 

Ein Herz, das mit der Sonne verschmilzt

 

- farblich wie mit ihren Formen-

 

 

 

Ein Tropfen, dessen „Nicht-Farben“ an die Ewigkeit erinnern,

 

versteckt eine Figur, die sich kniend etwas ansieht

 

- so sehe ich dieses Bild -

 

 

 

Farbliche Strömungen, aus denen versteckte Augen

 

den Betrachter observieren

 

- oder war das nur (m)eine Impression -

 

 

 

Eine Poesie möchte ich noch besonders hervorheben,

 

weil sie mich emotional sehr stark berührt hat:

 

 

 

An einem einzigen Tag

 

 

 

Die letzte Zeile lautet:

 

 

 

Vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl will ich bei dir sein –

 

jeden einzelnen Tag.

 

 

 

Diese Zeile umarmt wunderbar meine Liebe, seit 38 Jahren!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Kommentare

Hiroyuki Masuyama in Würzburg

 

Vor gut zwanzig Jahren besuchte ich mit meinem Mann die Tate Gallery in London. Es ging mir dabei vor allem um die permanente Ausstellung der Gemälde William Turners. Seine verwaschenen Farben, die so gut wie jede Landschaft mit einem Hauch Nebel durchzogen, faszinierten mich. Mein Mann entdeckte zwischen vielen Meeren und Schiffen die Festung von Würzburg. Er liebt diese Stadt, nicht nur wegen dem überwältigenden, 600 qm großen, Tiepolo-Fresko in der Residenz. Entzückt betrachtete er dieses Bild inmitten von London, das ihn an eine nette, kleine Stadt in Deutschland erinnerte.

 

Heute wohnen wir in der Nähe dieser immer noch sehr attraktiven Stadt mit seinem regen Kulturleben. Wir schätzen ihre Kunstwerke und kennen ihre Museen.

 

In der lokalen Tageszeitung hatte ich einen interessanten Artikel gelesen, dass eben dieses Werk von Turner (und andere) von einem japanischen Künstler fotografisch überarbeitet worden ist. Neugierig fuhren wir ins Museum.

 

Schon bei dem Betreten des ersten Saales wurden wir von Hiroyuki Masuyama überwältigend empfangen. Eine nicht enden wollende Bildfolge, die eine wunderschöne Wiese mit ihren farbenprächtigen Blumen darstellte, auf der sich frische kleine Wasserfälle und Bäche fröhlich abwechselten, füllte die Wände dieses großen Saales mit ihrer vollen Pracht aus. Genau das richtige an einem heißen Sommertag! Die bunten Farben wirkten durch die Beleuchtung von innen noch intensiver. Diese Besonderheit charakterisierte auch die anderen Arbeiten von Hiroyuki Masuyama. Er hatte die Gemälde von William Turner, Caspar David Friedrich und weiteren Malern des 19. Jh. aufgenommen und am Computer auf seine ganz eigene Art und Weise überarbeitet. Dadurch entwickelten sich ihre Farben und Pinselstriche völlig neu. Dieser „Anstrich“ hauchte den antiken Gemälden eine neue Seele ein, mit der sie beschwingt ins 21. Jahrhundert herüberkamen, als wären sie erst gestern entworfen worden. Entzückt betrachteten wir die zahlreichen Werke mit den verschiedenen Ansichten von Venedig, Rom, den Schweizer Bergen und Seen, sowie natürlich zwei wunderschöne Darstellungen der Festung, die seit einigen Jahrhunderten über Würzburg ragt.

 

Ein paar Schritte weiter erwartete uns die nächste lange Sequenz mit unzähligen, aneinander gereihten, Fotografien. Doch vergebens suchte man die Schnittstellen. Auch hier gab es eine Unendlichkeit zu entdecken. Der Künstler hatte dazu eine 42stündige Weltreise unternommen. Mit dem Flugzeug war er einmal um den Erdball geflogen und hatte, nach eigenen Angaben, alle 20 Sekunden ein Foto geschossen. Zwischen Wolken und Erdboden war es hin und wieder sehr dunkel. Die Erde war in ihren Ballungszonen mit den bekannten Punkten beleuchtet, die man auch selbst beobachten kann, wenn man bei einem Nachtflug aus dem Fenster sieht. So wird dieses Werk nicht nur zu einer Reise um die Welt, sondern auch zu einer Reise in die Zeit.

 

Richtig erfrischend wurde es, als ich mich umdrehte und das gigantische Bild des Montblancs bewunderte. Diesen Berg hatte Hiroyuki Masuyama ebenfalls mit einem Flugzeug umkreist. Die daraus entstandenen Bilder, schön aneinander gereiht, damit es einem beinahe schwindlig werden konnte, waren neben dieser übergroßen Aufnahme des Gipfels ausgestellt. Ihre kolossale Wirkung auf den Betrachter wohl bewusst.

 

Wir waren begeistert von dieser Kraft und dem Genie, jahrhundertealte Gemälde mit der Hightech Fotografie des 21. Jahrhunderts neu zu gestalten. War noch die Wiese ein Farbenrausch und die Wasserpräsenz erfrischend, so übertrugen die Aufnahmen aus der Höhe einen berauschenden mentalen Flug über unsere Welt, unsere Erde.

 

Wer sich noch nicht genug aufgewühlt hatte, der konnte sich den ultimativen Kick in der begehbaren Holzkugel holen, die im großen Foyer aufgestellt ist. Einmal drinnen musste ich mich erst langsam an die völlige Dunkelheit gewöhnen. Dann aber gingen abschnittweise die Sterne auf. Über mir die nördliche Hemisphäre, unter mir die südliche Hemisphäre. 30.000 Löchlein und Löcher hatte Hiroyuki Masuyama, getreu nach den hierzu vorliegenden Sternkarten, in die Holzwände gebohrt und mit Lichtleiterkabeln verbunden. Sodass man an einem Ort etwas Einzigartiges sehen konnte, das in der Realität nicht möglich wäre. Mal schaute ich nach oben, mal staunte ich nach unten. Behutsam versuchte ich aufzustehen. Es war möglich. Die Kugel war groß genug. Doch die Dunkelheit, das ganz besondere Echo im Inneren, das bei jeder Bewegung leise Töne erzeugte, wie ein ferner Gong. All das hatte mir meine Orientierung genommen. Ich war gefangen im Sternenhimmel des Universums. Mit beiden Händen suchte ich vergebens die Luke zum Ausgang. Erst als mein Klopfen und mein Rufen von außen gehört wurden, sah ich den Lichtspalt der Realität. Ich war, fast einen Meter, zu weit rechts von der kleinen Öffnung gelandet. Diesen Ausflug ins universelle Firmament werde ich so schnell nicht vergessen.

 

Bis zum 4. November ist es möglich sich im Kulturspeicher in Würzburg ein Stündchen Zeit zu nehmen und sich diese unwiederbringlichen Emotionen zu gönnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich selbst noch einmal in den Genuss kommen werde...

 

Der Ekel ... der ersten Seite

 

Jean-Paul Sartre – Der Ekel

 

 

 

Dieses Buch hat sehr lange Jahre auf mich warten müssen. Es hat mich bei meinen zahlreichen Umzügen in den letzten drei Jahrzehnten begleitet! Bücher sind treue Freunde. Irgendwann ist ihre Zeit da. Dann freuen sie sich, wenn man ihre Seiten öffnet. Jeder Luftzug wird mit einem ganz besonderen Duft begrüßt. Der Duft einer anderen Epoche. In diesem Fall hat er mir geholfen, mich sofort um ein ganzes Jahrhundert und noch weiter vom Jetzt zu entfernen.

 

Wie so oft, waren die ersten Seiten keineswegs einladend. Ich kann niemanden verstehen, der Bücher nur kauft, wenn ihm die erste Seite gefällt. Das sind keine guten Leser. Sie werden sich sehr viele schöne Bücher entgehen lassen. Oder: es sind nur faule Leser, deren „Kopfkino“ sich nicht anstrengen will, die sofort in die Geschichte eintauchen wollen; dem Autor keine Zeit geben sich „einzuschreiben“.

 

Ich gebe einem Buch grundsätzlich 50 Seiten. Das ist mein Limit. Dann muss es mich überzeugt haben. Die ersten Seiten sind manchmal einfach holprig. Man muss sich erst an einen vielleicht etwas eigenwilligen Stil gewöhnen. So wie hier, bei Sartre.

 

Vor zig Jahren hatte ich Die Wörter gelesen und genossen. Nun war Der Ekel an der Reihe. Ein Roman mit minimaler Handlung, der langsam in eine Tiefe geht, aus der man nicht mehr auftauchen möchte. Zuweilen wird man wachgerüttelt durch knackig kurze Sätze, die mir vorkamen, als würde ich auf einer holprigen Straße fahren. Doch dann wurde ich wieder hineingezogen in die Denkweise des Ich-Erzählers. Ich begleitete ihn auf seinen mentalen Reisen in eine eigene Gedankenwelt. Ich wunderte mich zuweilen über seine „bunten“ Erinnerungen. Der größte Teil des Romans könnte in blassen, verwaschenen Farben eingetaucht sein. Ich teilte seine Sehnsucht, als er sich auf die Begegnung mit seiner wohl einzigen Liebe gefreut hatte.

 

Ich liebte vor allem seine Details, diese unglaublich schön geschilderten Nebensächlichkeiten, die man kaum aufnimmt im realen Leben. Und doch sind sie da, werden von uns oberflächlich registriert und sofort wieder verworfen. Kein Platz für das oft Unschöne in der nächsten Umgebung. Besonders auffallend war die Beschreibung der Menschen um ihn herum. Ich konnte diese Aufmerksamkeit des alleinlebenden Mannes sehr gut teilen. Diese Situationen waren vor dem Zeitalter des Smartphone eine der liebsten Beschäftigungen der Menschen gewesen: Andere zu beobachten, zu begutachten, zu kritisieren. Mit einem Lächeln erinnere ich mich daran. Die heutige Generation kennt diese Gegebenheiten überhaupt nicht mehr.

 

Dieses Buch wurde 1928 geschrieben. Seine mentale Tiefe bringt so viele Themen auf, die auch heute noch sehr aktuell sind. Ich habe das Buch in wenigen Tagen verschlungen. Nachdem ich einmal eingetaucht war, hatte mich jede Seite aufs Neue fasziniert. Manche Maxime habe ich mir herausgepickt, habe über sie nachgedacht, vielleicht auch den entsprechenden Absatz noch einmal gelesen. Am Ende wiederholte ich die letzten beiden Seiten zweimal. Wie eine Zugabe, wie ein Nachklingen, das doch bitte nicht so schnell verklingen sollte...

 

Wenn ich mich wirklich noch einmal in dieses Buch vertiefen möchte, dann werde ich wohl die Originalausgabe dazu erwerben. 

 

Xenia Hügel in Miltenberg

 

Miltenberg im Odenwald. Eine interessante Stadt, die ihre alten Fachwerkhäuser so gut pflegt, dass man den aufgemalten Jahreszahlen über den Türen kaum glauben mag. Man sieht ihnen ihr Alter einfach nicht an. Überraschend freundlich sind auch die Bewohner dieser netten Stadt. An Touristen sind sie nicht nur gewöhnt, die geben ihnen sofort den Eindruck, dass sie äußerst willkommen sind. Jedenfalls konnte ich mich keine Minute umsehen, ohne dass mich nicht schon jemand angesprochen hätte, ob ich etwas suche, ob er behilflich sein kann. So viel Freundlichkeit gibt es nicht überall.

 

In der Jakobuskirche war eine Matinée im Programm. Die Poetin Xenia Hügel las ihre einfühlsame Lyrik vor und Alexander Huhn improvisierte an der Orgel. Es war ein außergewöhnlicher Klangraum. Ein wunderschönes Wort und sehr treffend für diese Kunstdarbietung zum Aperitif.

 

Ich freute mich ungemein, als Xenia Hügel begann, ihre Poesie vorzutragen. Das tat sie mit einer feinfühligen Modulation, die durch sehr taktvolle Pausen unterstrichen wurde. Auch dies ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Für mich war es eine neue Erkenntnis.

 

Ich hatte in den letzten Wochen das Privileg gehabt, ihre neue Lyrik übersetzen zu dürfen. Eine wunderbare Herausforderung, der ich mich mit akribischer Leidenschaft gestellt habe.

 

Nun hörte ich diese gefühlsbetonten Zeilen mit einer klaren Stimme, deren Betonung mich noch mehr ins Schwärmen brachte. Die Wörter bekamen einen neuen Klang, den ich sehr zu schätzen wusste.

 

Mitunter trafen sich unsere Blicke und wurden begleitet von einem Lächeln, in dem sich freundschaftliche Komplizen begegneten, in dem die Sympathie sich mit der Harmonie verbunden hatte.

 

Nächsten Donnerstag gibt es wieder eine Begegnung mit Xenia Hügel. Wieder in einer suggestiven Location. Am See in Walldürn - Gottersdorf. Es wird wohl ein angenehm lauer Sommerabend werden...

 

 

Goethe und die Gespräche mit Eckermann

 

Fast drei Monate habe ich für die knapp 700 Seiten reiner Lesestoff der Gespräche Eckermanns mit Goethe benötigt. Einleitungen und endlose Fußnoten interessieren mich nur gezielt. In diesem Fall war die Einleitung hintenan gesetzt worden. Dennoch habe ich, keine drei Seiten davon gelesen. Ich wollte mir nicht meinen guten Eindruck von einer sehr kritischen bisweilen gar unschönen Opinion demolieren lassen.

 

Es war so schön und geistreich in der Gesellschaft von Goethe und seinem, zugegeben: sehr erhabenen, Eckermann! Ja, wie er genau zu Goethe gestanden haben mag kann ich nur vermuten. Ihre Beziehung war doch sehr verschwommen. Eckermann genoss die Stunden mit seinem “Idol“, wenn ich dieses, eigentlich moderne, Wort verwenden darf. Er vergötterte Goethe. Und Goethe, ja der alte Meister nutzte diese Begeisterung auf eine ganz clevere Art und Weise aus.

 

Es ist ein dickes Buch mit dünnen Seiten, wie ich es gerne habe. Eingebunden in schönem, rotem Leinen, bleiben die beinahe hauchdünnen Seiten über Jahrzehnte hinweg gleich und bekommen keinen gelben Schimmer. Der geflochtene Seidenfaden ist für mich immer noch das eleganteste Lesezeichen. Schließlich tragen diese, für manche vielleicht unbedeutenden, für mich jedoch überaus wichtigen Details sehr zu meinem Lesevergnügen bei.

 

Ich genoss jede Zeile. Es war ein wunderbarer Einblick in das alltägliche Leben der Zeit zwischen zwei Jahrhunderten. In diesem Fall ging es vom 18. ins 19. Ebenso konnte ich meine Geschichtskenntnisse auffrischen. Goethe hat mich überrascht mit seinen, bis ins hohe Alter gepflegten Sprachkenntnissen. Er diskutierte gerne die Tagesereignisse, die er sich aus einer englischen und einer französischen, sowie natürlich auch aus einer deutschen Zeitung in den Originalsprachen einholte. Ich war nicht wenig erstaunt über die damaligen Kuriere. Wenn Eckermann vom Piemont nach Genf knapp sechs Wochen mit der Kutsche benötigte, dann frage ich mich schon, wie alt die Zeitungen wohl gewesen sein werden, die Goethe aus Frankreich und aus England erhalten hatte.

 

Wie dem auch sei, Goethe war ein Mensch, den ich liebend gerne persönlich kennengelernt hätte. Wir haben unzählige Ansichten und Meinungen gemeinsam. Ebenso verbindet uns die konstruktive Neugierde über alles, was unser Verstand zu begreifen im Stande wäre. Nur eines trennt uns: die damalige Differenzierung zwischen Mann und Frau. 

 

Zwischen Goethe und mir liegen die zwei bedeutendsten Jahrhunderte, in denen die Weltgeschichte ihre rasantesten Fortschritte vollzogen hat. Und doch bin ich überzeugt, dass dieser vielseitige Denker und überaus kultivierte Mann seine Freude an diesen Progressen gehabt hätte.

 

 

 

 

 

Mein Referat über Heinrich Böll

 

 

Vor 33 Jahren war Heinrich Böll gestorben.

 

 Diese Nachricht las ich gestern auf Twitter. Wie viele Erinnerungen kamen da in mir hoch. Ich konnte fast nicht mehr arbeiten. Dennoch musste ich mich konzentrieren.

 

Heute habe ich mir die Zeit genommen und ein paar uralte Blätter aus einem Ordner geholt, der so einiges aus meiner Vergangenheit aufbewahrt. Die Buchstaben verbleichen nach und nach auf dem Papier, das ebenso langsam einen gelblichen Ton von der Zeit bekommt.

 

Ich habe den Text abgeschrieben, in meinen Laptop. Die Sprache habe ich beibehalten, ebenso die Schreibweise. Es handelt sich um ein Referat, das ich 1976 für den Deutsch-Unterricht geschrieben hatte.

 

Zu Beginn des Schuljahres waren wir damals aufgefordert, einen bedeutenden Schriftsteller der deutschen Literatur auszuwählen und über sein Leben und sein Werk zu referieren.

 

Ich hatte mich für Heinrich Böll entschieden. Herausforderungen waren schon immer meine Leidenschaft gewesen.

 

 

Hier möchte ich heute das Referat veröffentlichen, als Hommage für seinen Todestag, aber auch als Aufruf, diesen überragenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts nicht zu vergessen.

 

 

Heinrich Böll: Leben und Werk

 

Inhalt und Deutung von “Ansichten eines Clowns“

 

 

Heinrich Böll ist im schlimmsten Hungerjahr des 1. Weltkrieges geboren, am 21. Dezember 1917 in Köln. Dort ist er aufgewachsen und hat nach 13 Schuljahren sein Abitur gemacht. Er ist streng katholisch erzogen worden und ist es bis heute auch geblieben. Das wohl schwerwiegendste Ereignis seiner Jugend war die Machtübernahme Hitlers als er 15 Jahre alt war. Böll sagte einmal, daraufhin angesprochen: „Komische Sache, es blieb mir erspart, Nazi zu werden, obwohl meine Jugend dafür prädestiniert war.“ Hitler hatte damals nämlich seine begeistertsten Anhänger unter den Jugendlichen gefunden.

 

Dann kam die Währungskrise: „Erinnerung an das erste Geld, das ich in die Hand bekam: es war ein Schein, der eine Ziffer trug, die Rockefellers Konto Ehre gemacht hätte: 1 Billion Mark; ich bekam dafür eine Zuckerstange...“

 

1938 wurde er in einer Buchhandlung Lehrling. Während seines Germanistikstudiums arbeitete er in der Werkstatt seines Bruders, dem eine Tischlerei gehörte. Böll studierte nur drei Monate Germanistik, dann kam der Krieg. Dem Wehrdienst konnte auch er nicht entfliehen, obwohl er ihn verabscheute, so wie er Faschismus, Nationalsozialismus und Kriegstreiberei verabscheute. Den 2. Weltkrieg erlebte er von Anfang bis Ende als Infanterist. Er lernte die Welt von Cap Gris-Nez bis Rußland kennen. Im Krieg wurde er viermal verwundet. Das Durcheinander des Krieges ekelte ihn an. (Später fand man dieses Gefühl sehr häufig in seinen Romanen, besonders in den ersten, wieder.) Nach sechs Jahren Krieg landete er zuerst in englischer, dann in amerikanischer Gefangenschaft. Doch schließlich kehrte auch er wieder nach Hause zurück. Nach Hause, daß hieß für ihn immer nach Köln, denn das war und blieb und ist auch heute noch seine Heimatstadt, an der er sehr hängt. Als er nach dem Krieg nach Köln kam, war seine geliebte Stadt völlig zerstört. In den Trümmern fand er trotzdem seine Frau wieder. Leider kann ich nicht sagen, wann die beiden geheiratet haben. Es muß irgendwann zwischen Studium und Kriegsanfang gewesen sein.

 

Zwei Jahre nach diesem Krieg begann er zu schreiben. Es waren am Anfang nur Kurzgeschichten, die er an mehrere literarische Zeitschriften verkaufte. Obwohl sein erster Roman schon 1949 erschien, gilt er erst seit 1951 als freier Schriftsteller. Im gleichen Jahr bekam er auch den Preis der Gruppe 47, ein Kreis avantgardistischer Schriftsteller, der von Werner Richter 1947 gegründet worden ist. Böll hat sich damals sehr darüber gefreut, denn er war noch am Anfang seiner Karriere, wenn man seinen bisherigen Lebenslauf einmal so bezeichnen darf, und hielt diese Auszeichnung für sehr hilfreich.

 

1954 bis 1959 wurden fünf von seinen Romanen ins Englische übersetzt. 1959 wurde ihm der Eduard-von-der-Heydt-Preis der Stadt Wuppertal überreicht. Anläßlich dieses Preises erschien im Verlag Kiepenhauer & Witsch ein Büchlein mit dem Titel “Der Schriftsteller Heinrich Böll“. In diesem Büchlein hat Wolfdietrich Rasch in seinem Beitrag “Lobrede und Deutung“ über Böll geschrieben: „Heinrich Böll ist weithin bekannt und hoch geschätzt, auch über unsere Sprachgrenzen hinaus; etwa in Frankreich, in England. Wenn bei uns oder in den Nachbarländern von der gegenwärtigen deutschen Literatur die Rede ist, wird Böll immer als einer der bedeutendsten Repräsentanten der Nachkriegsdichtung genannt.“

 

Im Jahre 1959, d.h. mit 42 Jahren, hatte Böll einen internationalen Ruf erreicht. Heute ist er 58 Jahre alt und schon fast zur Legende geworden.

 

In jedem seiner Werke spielt der Katholizismus eine bedeutende Rolle. Sie kann auch negativ sein, denn er kritisiert die katholische Kirche in Deutschland, wo er nur kann und hebt ihre Mißstände, für jedermann verständlich, deutlich hervor.

 

„Was Böll anfaßt wird zur Geschichte.“ Diesem Ausspruch kann ich nur zustimmen. Denn in all seinen Werken, die er je schrieb, ob Roman, Kurzgeschichte oder Buchkritik; der Leser spürt in jeder Zeile den gegenwärtigen Böll. Eine Fähigkeit, die heute selten geworden ist.

 

Er sieht im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg ein Versäumnis; das läßt er den Leser jederzeit spüren. Er hat schon einmal zwischen zwei Kriegen gelebt, und nichts beunruhigt ihn mehr, als der Gedanke, wir könnten wieder zwischen zwei Kriegen leben. Daher verpönt er Wohlstand und Erfolgssucht. Er hat Angst, daß das alles, was wir uns seit dem letzten Weltkrieg mühsam aufgebaut haben, eines Tages zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Dieser Angst begegnet er mit bösartiger Satire. Und auch hier erfindet er Geschichten, dies seinen Protest nicht klar hervorbringen, sondern ihn als Gleichnis darstellen. Seine Figuren sind auch nie erfolgreiche Staatsbürger, sie werden von ihm zu Buhmännern gemacht, sondern immer Außenseiter und Erfolglose.

 

Ein Beispiel dafür wäre sein großer Nachkriegsroman “... und sagte kein einziges Wort“, der 1954 erschienen ist. Hier schildert er einen Mann, namens Bogner, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern seit acht Jahren in einer Einzimmerwohnung lebt. Ständig nörgelt der Vermieter an ihm herum – ständig belästigt ihn der Verkehr der Innenstadt. Dieser Mann hat noch nicht die Grausamkeit des letzten Krieges überwunden, ebenso den Tod seiner Mutter, als er sieben Jahre alt war. Das alles deprimiert ihn dermaßen, daß er von zu Hause weggeht und zu trinken beginnt.

 

In diesem Roman kann man auch gut erkennen, wie genau Böll seine Umwelt aufnimmt, wie detailliert er Dinge beschreibt, die wir unter gegebenen Umständen nur unbewußt aufnehmen würden. Sehr deutlich sieht man es an der Stelle des Buches, wo Bogner in der Telefonzelle am Bahnhof ist, weil er sich von einem Bekannten Geld leihen will. Den ganzen Vorgang könnte man in einem Satz zusammenfassen, doch das tut Böll nicht. Er schildert alle Details, die irgendwie aufnehmbar sind: “Ich hatte sehr viele Groschen in der Tasche und zögerte noch einige Augenblicke, sah mir die uralten, dreckigen Tarife an, die an den Wänden der Zelle hingen, die völlig übermalte Gebrauchsanweisung, ließ zögernd die ersten beiden Groschen in den Schlitz fallen ... ich wählte den Namen dessen, von dem ich am ehesten erwarten konnte, daß er mir etwas geben würde ... ich ließ die beiden Groschen unten in der Tiefe des Automaten ruhen, drückte den Hebel noch einmal herunter und wartete etwas ... oben rollten die Züge dumpf aus und ein, ich hörte die Stimme des Ansagers sehr fern.“

 

Diese Schilderung von Details, die manchem überflüßig erscheinen mag, hat bei Böll einen ganz bestimmten Sinn. Dadurch, daß er uns klar macht, was wir nur noch im Unterbewußtsein aufnehmen, zeigt er uns, daß der Mensch und die Welt sich ständig entfremden. Er hält uns einen Spiegel vor und will uns damit zum Nachdenken anregen.

 

Heinrich Böll schrieb im Laufe seines bisherigen Lebens so viele Romane, Erzählungen, Reden und Kurzgeschichten, daß ich mich nur auf die wichtigsten beschränken möchte:

 

Sein erster großer Nachkriegsroman erschien 1949 mit dem Titel “Der Zug war pünktlich“. “Wanderer, kommst du nach Spa ...?“ war ein Band von Erzählungen, die 1950 erschienen sind. Ein weiterer Band erschien 1951 “Wo warst du Adam?“. “Haus ohne Hüter“, ein Roman aus dem Jahr 1954, könnte man ebenso als Familienroman bezeichnen, wie “Das Brot der frühen Jahre“, der ein Jahr später erschien. In beiden Romanen spielt die Familie die Hauptrolle. 1957 schrieb er dann die Erzählung “Tal der donnernden Hufe“ und 1958 kam das Band “Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ heraus, das man ebenso als gesammelte Satiren bezeichnen kann. “Billard um halbzehn“ ist für mich das größte Werk, das Böll je geschrieben hat, obwohl es vom Inhalt her etwas schwer zu lesen ist. Es erschien im Jahre 1959. Das erste Drama, das er geschrieben hat, war “Ein Schluck Erde“ aus dem Jahr 1962. Es bekam damals sehr schlechte Kritiken. Die Erzählung “Ende einer Dienstfahrt“ erschien 1966. Wie diese Erzählung entstand, schildert Böll in seinem Buch “Aufsätze – Kritiken – Reden“. So, kann ich mir vorstellen, daß auch einige andere Werke Bölls entstanden sind. Sein zweites Drama, schrieb er 1969: “Aussatz“. Anfang der 70er Jahre erschien sein großer Roman “Gruppenbild mit Dame“, der verfilmt worden ist. Die Titelrolle spielte Senta Berger. Ebenso verfilmt wurde “Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die er letztes Jahr geschrieben hat. Sie wurde von Volker Schlöndorff inszeniert.

 

Eine weitere Verfilmung eines Buches des Nobelpreisträgers Böll: “Ansichten eines Clowns“. Die Hauptrollen spielten Hanna Schygulla und Helmut Griem. Er spielt den Clown Hans Schnier, mit dem es, nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Marie, gespielt von Hanna Schygulla, beruflich immer weiter bergab ging.

 

Der ganze Roman spielt sich an einem einzigen Nachmittag ab. Schnier sitzt zu Hause in seiner Bonner Wohnung mit einer Knieverletzung, die er sich mehr oder weniger absichtlich zugezogen hat. Danach brach er seine Deutschlandtournee ab, um weiteren Absagen zuvor zu kommen.

 

Er sitzt also nun in Bonn und überlegt, wen er alles anrufen könnte, von wem er Geld erwarten könnte, denn sein ganzes Vermögen besteht nur noch aus einer einzigen Mark: „Ich suchte ich Telefonbuch die Nummern aller Leute zusammen, mit denen ich würde sprechen müssen; links schrieb ich untereinander die Namen derer, die ich anpumpen konnte: Karl Emonds, Heinrich Behlen, beides Schulkameraden, der eine ehemals Theologiestudent, jetzt Studienrat, der andere Kaplan, dann Bela Brosen, die Geliebte meines Vaters – rechts untereinander die übrigen, die ich nur im äußersten Fall um Geld bitten würde: meine Eltern, Leo (den ich um Geld bitten könnte, aber er hat nie welches, er gibt alles her), die Kreismitglieder: Kinkel, Fredebeul, Blothert, Sommerwild, zwischen diesen beiden Namensäulen: Monika Silvs, um deren Namen ich eine hübsche Schleife malte.“ Dann erinnert er sich jedoch an die Zeit mit Marie und wie er sie kennengelernt hatte. Schnier war nicht katholisch, ja nicht einmal religiös; Marie dagegen war streng katholisch und daher kam ein interessanter Gegensatz zustande. Beide waren nicht miteinander verheiratet. Sie heirateten auch nicht. Sie lebten einige Jahre zusammen. Marie begleitete ihn auf seinen Tourneen. Doch Schnier und Marie trennten sich nach einem Gespräch, das sie in einem hannoverschen Hotelzimmer führten: „Bei Marie fing ich schon an zu zweifeln ... wie sie es für richtig hielt.“ Die gemeinsame Erziehung der Kinder und ein dadurch entstandener Konfessionsstreit führten zur Trennung. Marie heiratet einen gewissen Züpfner, den sie aus einer katholischen Gemeinschaft her kennt. Schnier denkt sehr oft an diesem Nachmittag an die beiden, da er Marie nicht vergessen kann und will.

 

Gegen Abend kam dann sein Vater zu Besuch; ein reicher, aber auch entsprechend geiziger Mann. Er hätte seinem Sohn einen monatlichen Zuschuß gebilligt, wenn dieser nach seinen Vorstellungen trainieren würde. Doch damit ist Schnier nicht einverstanden und so bekommt er schließlich ncihts.

 

Er rief noch einige Leute an, die er entweder um Geld fragt oder freiweg mit Vorwürfen bombardiert. Diese Leute waren alle katholisch und er hatte sie durch Marie kenngelernt. In jedem Katholik sieht er Züpfner und deshalb wirft er ihnen Ehebruch vor, da er mit Marie zusammengelebt hatte, als wären sie verheiratet gewesen.

 

Spät abends machte er sich einige Gedanken, wie er wieder zu Geld kommen könnte.

 

In diesem Buch werden die Zweifel deutlich, die Böll gegen die katholische Kirche, als solche, hegte.

 

Er läßt die katholische Kirche durch Schnier sehr anzweifeln, besonders ihre Vorstellung, wie ein überzeugter Katholik zu leben hat. Davon kann man die Kernfrage des Romans ableiten: Kann die Konfessionsfrage zu einem unlösbaren Problem werden?

 

Böll läßt diese Frage absichtlich offen, damit wir uns einmal Gedanken darüber machen können. Diese Frage möchte ich unbeantwortet an euch weitergeben.

 

 

 

 

 

Quellennachweis:

 

“Der Schriftsteller Heinrich Böll“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1959

 

“Heinrich Böll, Romane“, Lizenzausgabe des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

 

 

„Der Kampf um die Seele der Deutschen“ Sigmar Gabriel

 

 

 

 

Sigmar Gabriel, ein Poet? Oder ein Philosoph? Weder noch! Er ist mit Leib und Seele ein Politiker und wird es bleiben. Auch wenn er kein wichtiges Amt mehr führt. Er bringt seine Erfahrungen in die Privatwirtschaft und, vor allem, in die Hörsäle der Universitäten in Deutschland und Amerika.

 

Ich habe ihm in der Neuen Uni in Würzburg zugehört. Über sechshundert Studenten und interessierte Zuhörer drängten sich an einem warmen Montagnachmittag in das Audimax der Neuen Uni.

 

Sigmar Gabriel referierte ausführlich über die Situation in Europa. Eben diesen „Kampf um die Seele der Deutschen“. Europas Grenzen öffnete er bald mit einem kritischen Blick auf das Weltgeschehen. Ohne dabei jedoch die interne Lage Deutschlands aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil: Gabriel ist besorgt um die deutsche Zukunft. So überzeugt er sich gerne als Europäist gibt, tief in seiner Seele ist er erst einmal Deutscher und fürchtet demzufolge, dass die hart errungene Hegemonie in Europa ein Ende haben könnte. Dass die Welt draußen an Deutschland vorbeisausen könnte.

 

Ich muss zugeben, dass sehr viele der Aussagen von Sigmar Gabriel mit meinen eigenen übereinstimmen. Zwar fühle ich mich dennoch nicht zu seiner Partei hingezogen, aber mit diesem Mann würde ich mich gerne einmal unterhalten. Wir sind beide überzeugte Europäisten. Ja, das ist ein schönes neues Wort für „überzeugte Europäer“. In dieser Hinsicht habe ich einen angemessenen Vorteil. Zwar war Gabriel durch seine Ämter auch fleißig in der Welt unterwegs. Jedoch immer nur auf Staatsbesuch oder mal im Urlaub. Ich habe in verschiedenen europäischen Ländern gelebt: Frankreich, Schweiz, Italien, England, Norwegen, Deutschland. Das ist ein großer Unterschied. Da bekommt man viel mehr die Mentalität der Bewohner zu spüren und wie es sich in den Ländern wirklich verhält. Besonders in sozialer Hinsicht. Da sind die Deutschen keineswegs Klassenbeste. Tut mir leid, Herr Gabriel! Das lebe ich momentan sehr bewusst!

 

 Wir beide haben noch eine kleine, große Gemeinsamkeit: wir sind uns altersmäßig sehr nahe. Wir können einige historische Zusammenhänge besser nachempfinden, weil wir sie erlebt haben. Da ist bei einigen der anwesenden Studenten so manches nicht ganz angekommen. Sie kennen Vieles nur aus ihrem Geschichtsunterricht. Daraus ergeben sich ganz andere Aspekte, die zu völlig differenzierten Standpunkten führen können. 

 

Gabriels Vortrag war für mich eine ausgezeichnet dargestellte Aktualisierung der heutigen Situation. Seine Rhetorik ist einnehmend. Mit klaren, jedoch sehr gut gewählten Worten stellte er mir Sachverhalte dar, die ich aus einer völlig anderen Perspektive betrachtet hatte. In manchem war ich auch in der Zeit hängen geblieben und hatte die Veränderung nicht so stark bemerkt, wie sie sich vollzogen hatte. Damit meine ich die verschiedenen Bündnisse und ihre Umgestaltungen.

 

Eine Studentin hatte mich mit einer Aussage zum Nachdenken angeregt:

 

„Wir sind eine Generation, die alles hat und deshalb nur über Geld redet, nicht über das (Über)leben.“ Sehr beunruhigt wurde ich, als sie ihre Frage an Gabriel formulierte: „Wer gibt uns Motivationen?“ Die lapidare Antwort von Gabriel fand ich umwerfend und zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen: „Der Verstand.“

 

Gabriel hat die Gabe, sehr gut druckreif sprechen zu können. Seine beiden Blätter Papier standen wohl nur seinen Händen zur Verfügung, damit er sie nicht zu sehr gestikulieren ließ. Mehr als ein paar Stichpunkte werden dort auch nicht notiert gewesen sein.

 

Um ihn herum gab es zwischendurch einige Störungen. Der Kameramann holte sich, hinter der rechten Schulter von Gabriel stehend, eine Nahaufnahme des Fragestellers im Publikum. Vor dem Redner klickten die Fotokameras der Reporter. Mal abgesehen vom Publikum, das sehr nahe neben ihm auf der Bühne und vor ihm im Saal saß. Trotz der lauschenden Stille blieb es sehr unruhig auf der Bühne.

 

Jedoch ließ sich Gabriel einfach nicht aus seiner bewundernswerten Ruhe bringen. Bemerkenswert war auch seine Reaktion, als durch die offenen Türen laute Rufe von draußen kamen. Vermutlich wusste er sofort, dass es sich um eine beabsichtigte Störaktion handelte. Der Rentner, der ihn für seine Altersarmut verantwortlich machen wollte, bekam eine schlagfertige Antwort, die das Publikum mit einem tosenden Applaus lobte, sodass der gute Mann sofort mundtot blieb. Einige Minuten später brachte jener seine Schriftzüge in den Saal. Gabriel las sie, korrigierte die angegebenen Zahlen und kommentierte so kurz und aufrichtig, dass der eigentlich Störenwollende bis zum Ende des Vortrags aufmerksam lauschend dabei blieb. Vielleicht hatte er sich ja nur einen guten Platz im überfüllten Saal suchen wollen. Letztendlich bekam er noch ein paar versöhnende Worte, als Gabriel dem Ausgang zuging und natürlich nicht an diesem Herrn vorbeikam.

 

Sigmar Gabriel kann die Altersarmut in Deutschland auch nicht stoppen. Wenigstens nicht alleine. Zudem hatte er nie das dafür zuständige Amt inne. Deshalb werden solche Störer auch nicht ernst genommen. Was hatte ich mich vor dem Vortrag aufgeregt. Über zwei Dinge: Zuerst verstand ich nicht, warum der Parkschein-Automat kein Restgeld herauswarf und meine Münzen nicht nur geschluckt, sondern sogar auf dem Beleg bestätigte, dass ich zu viel gezahlt hatte. Und zweitens war ich sehr beeindruckt, als ich 40 Minuten vor dem Beginn schon einen bestens gefüllten Saal vorfand. Jedoch gab es KEINEN der jungen Studenten, die aufstanden und einem älteren Zuschauer ihren Sitzplatz überlassen hätten. So viel zum Benehmen der nächsten Generation!

 

Jedoch war das für mich nur ein Fakt, den ich nebenbei mitbekam. Die Hauptperson hatte mich schon lange überzeugt und ich hatte mich sehr gefreut, dass ich letztendlich doch noch einen Sitzplatz ergattern hatte können! Es war ein gelungener Nachmittag und kein bisschen zu lange!

 

 

 

 

 

0 Kommentare

Meine definitive Stellungnahme zur DSGVO

 

Nach dem Frühstück werfe ich gerne einen Blick in die lokale Tageszeitung. Heute blieb er an einem Foto hängen. Ein Mann saß auf einem umgekippten Boot. Es sah aus wie ein Strand an einem See, irgendwo im Süden Deutschlands. Doch es war ein trockener See. Der Grund dafür ist zweitrangig. Ich streifte nur kurz den Titel. Viel mehr hat mich der Mann angezogen. Er mag irgendwann die Sechzig überschritten haben. Die Bildunterzeile erzählte, dass er seit vierzig Jahren im Sommer seine Boote auf diesem See vermietete. Doch ich sah nur ihn. Wird er wohl ein Smartphone besitzen? Genau dieser Gedanke ging mir durch den Kopf. Er war so erfrischend weltfremd in dieser ungewohnten Umgebung. Ich glaube kaum, dass er einen Computer bedienen würde, geschweige denn sich mit Internet und DSGVO auskennt. In dem Moment fand ich diesen Gedanken unglaublich entspannend.

 

 

 

Seit dem 25. Mai gibt es in den Arztpraxen neue Info-Ausdrucke in Bezug auf die aktualisierte DSGVO. Bei dem einen Arzt wird man nur höflich aufgefordert, die drei (!) Seiten zu lesen. Bei dem anderen Arzt muss ich am Ende der Lektüre auch noch unterschreiben. Lästig, aber unvermeidlich. Wie damals, Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als ich von meiner Bank (in Italien!) ein ganz ähnliches Dokument zur Unterschrift vorgelegt bekam. Damals war noch eine kleine Erpressung miteingebaut: Unterschreibst du die neue Privacy-Klausel nicht, dann bekommst du keinen Dispo mehr.

 

Ein anderes Umfeld, ebenso bekannt: man steht am Postschalter in der Warteschlange. Zwar zeigt ein dicker, gelber Strich am Fußboden: bis hier und nicht weiter. Doch trennt dieser Streifen keine zwei Meter zwischen dem Schalter und dem Wartenden. Fazit: man ist nicht außer Hörweite und bekommt ALLES mit, was am Schalter besprochen wird.

 

Und wie steht es mit irgendeiner Kasse, sei es im Supermarkt, an der Tankstelle oder in sonst irgendeinem Laden? Ich bekomme Tobsuchtsanfälle, wenn ich bei der Kartenzahlung meine PIN eindrücken soll und im Nacken den Atem des Kunden spüre, der hinter mir steht und es eilig hat! Da kann ich schon mal mit leicht abgespreizten Ellenbogen und (un)absichtlich einen kräftigen Schritt rückwärts machen. Anstatt mich zu entschuldigen bekommt die betreffende Person einen feurigen Blick, der meist alle Aufregung über meine Tätlichkeit im Keim erstickt. Nur einmal wollte mich ein betagter Mann weiter drängen. Mit diesem einfachen Satz wurde er sofort mundtot: Haben Sie Angst zu sterben, bevor Sie Ihre Ware nach Hause bringen können?

 

 

 

Überall gibt man täglich seine persönlichen Daten weiter. In den meisten Fällen denkt man dabei überhaupt nicht an diese DSGVO. Es reicht ja schon der eigene Name oder die Telefonnummer! Wie oft höre ich die Adresse, die Telefonnummer oder gar das Geburtsdatum der Person, die vor mir irgendwo gerade diese Auskünfte erteilt. Ohne sich darüber Gedanken zu machen, wer hinter oder neben ihr steht.

 

Dann sind da noch die unzähligen Handygespräche in der Bahn, am Flughafen, in den Cafés, auf den Straßen, in den Parks. Einfach überall, wo sich Menschen aufhalten, gibt es immer jemanden, der telefoniert.

 

Und jetzt will mir jemand erzählen, welche Vorsichtsmaßnahmen ich ergreifen soll, wenn ich ein Profil in den sozialen Netzwerken habe. Insbesondere wurde bekanntlich Facebook ins Visier genommen. Jeder, ob Jugendlicher oder Erwachsener, der sich dort ein Profil einrichtet, sollte sich klar darüber sein, was er von sich erzählt und welche Bilder er hoch lädt. Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören! Wenn ich ein Foto, ein Gedicht, einen Text dort veröffentliche, bin ich mir voll bewusst, dass dies derselbe Effekt ist, als wenn ich mich auf den Marktplatz stelle und das gleiche tue. Ich bin in einem öffentlichen Raum, jeder, der vorbeikommt, kann mich sehen und hören, im Falle von Facebook: lesen.

 

Nun ist es oft wirklich grenzwertig und ich schüttele manchmal meinen Kopf, was wer so gerne von sich erzählt und zeigt. Alltagssituationen, momentane Empfindungen, Krankheiten und ihr Verlauf. Viele suchen gerade in den sozialen Netzwerken einen Ersatz für eine Psychotherapie. Es gibt ja immer jemanden, der kommentiert, mitfühlt, tröstet, beratet. Und das kostenlos!

 

Dieser ganze Hype um das neue Gesetz hat im Grunde nichts verändert, was vorher schon dagewesen. Es gab nur eine ziemlich scharfe Erinnerung daran. Die Folgen sind neuerdings dicke Balken, die mir einen guten Teil der Webseite versperren, die ich gerade geöffnet habe. Und um was geht es? Um die heiß gehassten Cookies! Nicht mehr und nicht weniger! Nur, dass ich sie jetzt auf einigen Webseiten auch ablehnen kann. Andere zeigen mir die Möglichkeit, netterweise sehr diskret, sie intensiver zu lesen. In dieser Hinsicht wird sich kaum etwas ändern. Im Netz wird weiter spioniert, was ich suche, kaufe, lese und es wird weiterhin die passende Werbung zugeschaltet, sobald ich eine kommerzielle Seite verlasse. Nun, was der Cookiestress angeht, in dieser Hinsicht bin ich nun wirklich zu einer überzeugten Ignorantin geworden. Ich sage nicht nein, ich sage nicht ja. Ich scrolle einfach drüber. So, wie ich es vorher auch getan hatte.

 

Und: ich lasse mich nicht erpressen. So weit geht meine Neugierde nicht! Als ich auf der Webseite von Forbes einen Artikel lesen wollte empfing mich ein grauer Hintergrund mit einem großen Fenster mittendrin. Dort stand klar und deutlich, wenn ich den Artikel lesen möchte, MUSS ich der neuen europäischen Datenverordnung folgen und die Cookies akzeptieren. Bis dato hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis mit diesem Finanzmagazin. Jedoch hatten sie einen wichtigen Fakt übersehen: Ich MUSS gar nichts. Ich DARF jetzt wählen. Deshalb verzichtete ich auf den Artikel und klickte nicht auf die einzige mir gegebene Option!

 

 

 

Somit bevorzuge ich, so manche Webseiten und natürlich auch die Cookie-Balken zu ignorieren.  Der Vortrag eines kompetenten Anwalts, der sich auf die IT-Rechte spezialisiert hat, war für mich aufschlussreich genug. Der Rest liegt jedem selbst in der Hand. Er braucht nur seinen gesunden Menschenverstand einzuschalten.

 

 

0 Kommentare

Keine Angst vor der DSGVO

 

 

Der wichtigste Satz, den ich von meinem „E-Business Day“ mitbringen konnte ist folgender:

 

Die DSGVO (Datenschutzgesetzverordnung) enthält KEINE Rechtsgrundlage für Werbung!

 

Dieses neue Gesetz hält sich buchstäblich an seinen Namen:

 

DATENSCHUTZ.

 

Es schützt unsere Daten.

 

Es verstärkt die Rechenschaftspflicht.

 

Wir können verlangen, unsere Daten löschen zu lassen oder ändern zu lassen.

 

Wir können erfragen, wie lange sie wo gespeichert werden.

 

Das ist die eigentliche Quintessenz dieser neuen Paragraphen, die so viel Panik, ja nahezu Hysterie hervorgerufen haben.

 

Es geht im Grunde darum, dass die Unternehmen, wer immer sie auch sind, ob große Konzerne oder kleine Online-shops, keine Profildaten mehr unter sich austauschen können, ohne vorher die Einwilligung des Users oder des Kunden eingeholt zu haben. Was sie eigentlich schon immer ganz klein dazu geschrieben hatten. Aber wer liest schon die AGBs in der heutigen Zeit. Besonders, bei den so beliebten Gewinnspielen! Manchmal tut es jedoch sehr gut, wenigstens ein Auge drauf zu werfen. Ich habe das gelernt, als ich Verträge übersetzte und dazu ja jedes Wort lesen musste. Da bekommt man einige interessante Dinge mit, die man vor einer Unterschrift oder einem verbindlichen Klick gerne „überliest“.

 

Interessant ist auch die Antwort auf die momentane Email-Flut gewesen, die auch mein Postfach vollstopft: Der Newsletter hat nichts mit der DSGVO zu tun! Schließlich hat man die direkte Einwilligung, den Newsletter zu erhalten, schon vorher abgeklärt. Mit etwas Logik kommt man auch selbst drauf. Einen Newsletter bekommt man doch nur, wenn man ihn „abonniert“. Und das einzige Datum, das man dazu von sich gibt, ist die Email-Adresse.

 

(Eigen)Werbung von Büchern hat mit diesem Gesetz ÜBERHAUPT NICHTS zu tun. Ebenso Rezensionen. Die Weiterempfehlung eines Buches hängt nicht vom Datenschutz ab. Eher, wenn man das Buch zerreißt und vorher nicht den Autor fragt, ob man dazu seinen Namen verwenden darf. Spaß beiseite: die Meinungsfreiheit existiert noch in diesem Land.

 

Bei der DSGVO geht es um ganz andere Dinge: Daten dritter Personen darf man künftig nicht mehr bedenkenlos weitergeben. Wobei man oben gesehen hat, was alles den Begriff „Daten“ einbezieht. Hier geht es nicht nur um Adresse, Telefonnummern oder Bankdaten. Es geht auch z. B. um die Kleidergröße, Haarfarbe, Blutgruppe, Blutdruck, usw. Alles, was uns persönlich betrifft und identifiziert.

 

Eingeschlossen sind im Grunde auch die Behörden und Ämter und Krankenhäuser. Ich habe das soeben selbst erlebt, als ich für ein CT den Befund einer Operation einholen musste, der im selben Krankenhaus durchgeführt worden war. Die Radiologie hatte trotzdem keine Vernetzung mit der entsprechenden Abteilung! Für mich nicht nachvollziehbar. Aber es gibt auch durchaus verständliche Ausnahmen: wenn z.B. jemand bewusstlos an einer Unfallstelle liegt und nicht mehr in der Lage ist, seine Einwilligung zu geben, darf der Notarzt seinen Puls messen oder ihm Blut abnehmen. Ja, auch das sind „persönliche Daten“. In diesem Fall ist es aber von lebenswichtigem Interesse, dass diese Daten ohne unsere Einwilligung eingeholt werden können. Daran wird sich wohl niemand stören.

 

Also: Auch wenn wir irgendeiner Internet-Plattform die Einwilligung gegeben haben, unsere Daten zu speichern oder zu nutzen, so können wir das jetzt JEDERZEIT WIDERRUFEN. Ohne Angabe von irgendeinem Grund! Das gilt vor allem für die Nutzer von Onlineshops und Dienstleistern online.

 

Diese Daten wurden in den letzten Jahren (und eigentlich auch schon vor der Internet-Ära) viel zu oberflächlich behandelt und weitergeleitet, wenn nicht gar verkauft.

 

Und noch etwas ist in der DSGVO eingeschlossen:

 

Große und kleine Unternehmen dürfen nicht mehr vertuschen, wenn sie gehackt worden sind!

 

Auch ich hatte letztes Jahr ein Problem mit meiner Kreditkarte, wobei weder meine Bank noch ich herausfinden konnten, auf welcher Plattform die Daten meiner Karte gehackt worden waren. Diese Zeiten sind vorbei.

 

Das Unternehmen muss SOFORT ihre Kunden darüber informieren!

 

Folglich hilft dieser Datenschutz den Usern mehr als sie für möglich gehalten hätten.

 

 Was meine eigene Webseite angeht. Ich bin Autorin, Bloggerin und Übersetzerin. Daher findet ihr auf meiner Webseite fast ausschließlich Informationen über mich und meine Texte und Bücher usw. Wenn ihr mich mit einer Übersetzung beauftragt, dann erkläre ich schon bei der Annahme, dass ich die mir anvertrauten Daten innerhalb drei Monate nach der Abgabe definitiv lösche. Alle anderen Besucher auf meiner Webseite bitte ich nur um eine Email-Adresse, falls sie Kontakt mit mir aufnehmen möchten. Andere Daten werde ich wohl kaum von euch erfragen oder gar verlangen. Deshalb genügt mir auch mein von Google erweiterter Datenschutz, da ich mit diesem wunderbaren Unternehmen verknüpft bin. Schließlich muss ich mich im Netz bemerkbar machen. Und das werde ich auch weiterhin.

 

Noch etwas, ganz süßes: auf dem „E-Business Day“ gab es in den Pausen ein sehr leckeres Büfett. Darunter war ein Kuchen, der mich besonders beeindruckt hat. Ich werde morgen versuchen, ihn zu backen. Schmeckt er nur halbwegs so gut wie der vom Event, dann werde ich ihn als „Pfingstkuchen“ auf dem Genussblog an euch weitergeben.

 

Bis dahin hoffe ich, euch ein wenig Klarheit verschafft zu haben...

 

1 Kommentare

Wenn Sätze aus dem Kontext herausgerissen werden...

 

Diese Spielchen verfolge ich gerne auf Facebook. Eigentlich ist es mehr eine Umfrage.

 

Was bringt ein Satz, wenn er einfach so dahin gestellt wird?

 

Es folgt die Aufforderung:

 

Schlagt Seite 28 in dem Buch das ihr gerade lest auf und schreibt den Satz hin.

 

Und wenn er unvollständig ist? Sein Anfang steht auf der Seite 27. Sollen wir dann den Satz nur bruchstückeweise hinschreiben? Oder lieber gleich den nächsten nehmen? Den ersten Satz, der vollständig auf Seite 28 erscheint?

 

Manche schreiben wirklich nur den halben Satz hin, mit dem die erste Zeile der geforderten Seite 28 gefüllt ist. Ich mag keine halben Sachen. Ich mag auch nicht rückwärtsgehen oder, in diesem Fall, eine Seite zurückblättern. Also wähle ich den ersten vollständigen Satz, den ich auf der Seite 28 antreffe.

 

Es ist später nur bei diesen Aufnahmen sichtbar.

 

Das ist völlig aus dem Kontext gezogen. Damit kommt sicherlich niemand auch nur annähernd auf das besprochene Thema. Nicht einmal, wenn in Klammern dahinter der Titel des Buches stehen würde.

 

Es ist jedoch insofern interessant, als dass man seine eigene Fantasie freien Lauf geben kann und sich eine eigene Geschichte dazu ausdenken könnte.

 

Es könnte jedermann oder irgendetwas sein.

 

Aufnahmen ermöglichen ebenfalls diverse Interpretationen.

 

Wann ist später?

 

Was wird dann sichtbar?

 

Was man alles aus so einem einfachen, unscheinbaren Satz herausholen kann!

 

Damit wenigstens diese Fragen nicht unbeantwortet bleiben, hier die Auflösung. Zur vollständigen Erkenntnis sind ein paar Sätze mehr nötig:

 

“Warum macht man Röntgenaufnahmen von Perlen?“ fragte die junge Studentin.

“Perlen sind organische Substanzen“, erklärte ihr Annalisa. “Durch die Röntgenaufnahmen sieht man sofort, ob es sich um natürliche oder gezüchtete Perlen handelt. Bei letzteren bekommt die Auster einen minutiösen Fremdkörper einverleibt, damit sie angeregt wird, ihr Perlmutt auszuschütten. Er ist später nur bei diesen Aufnahmen sichtbar.“

 

Auszug aus Die Edelsteinsammlung © Marina A. Zimmermann

www.amazon.de/dp/B00A0NAKJ8

 

Nächstes Beispiel:

 

Seine Gespielinnen sind für ihn anonyme Unterhaltungen gewesen.

Damit kann man schon etwas mehr anfangen, ohne den gesamten Abschnitt lesen zu müssen. Ein klarer Satz, der keine weiteren Erläuterungen benötigt.

 

Er kommt aus meinem kurzen, aber umso intensiveren Liebesthriller

 

Dein Spiel © Marina A. Zimmermann

https://www.amazon.de/dp/B01J4XZ6X4

 

Und zuletzt der erste vollständige Satz aus Seite 28 von meinem aktuellen Roman:

 

Sein Geist war schon lange in diese wunderbare Musik vertieft.

Hier fragt man sich sofort, um welche Art von Musik es sich handelt. Ich könnte das natürlich mit einem Wort beantworten und einfach den Namen des Komponisten angeben. Aber das wäre doch viel zu simpel.

 

Wir wollen doch etwas genießen, und das ... wunderbare ... vertiefen.

 

André liebte sein Instrument und er liebte Rachmaninow. Das wusste sie. Schweigend setzte er sich ans Klavier und begann, diese gewaltige russische Musik auf seine Art zu interpretieren. Céline hatte es sich in einem der großen Polstersessel bequem gemacht. Sie beobachtete sein harmonisch abgerundetes Profil, während seine feingliedrigen Hände auf den Tasten tanzten, seine kräftigen Arme sich streckten und kreuzten und seine Finger den Druck auf das Instrument zu verstärken schienen. Sein Geist war schon lange in diese wunderbare Musik vertieft.

 

Dein Weg © Marina A. Zimmermann

https://www.amazon.de/dp/B07954PCXZ/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

0 Kommentare

Der Vollmond ist wieder da

 

Ich stehe unter einem Baum. Hinter mir die Wüste der Vergangenheit. Vor mir das hoffnungsreiche Meer der Zukunft. Darüber scheint der Mond. Nicht die Sonne. Der Mond herrscht immer noch und immerzu über unseren Geist. Er nimmt mir einen Teil der Nacht.  Die Ruhe hält er irgendwo gefesselt. Sie will mir nicht helfen, sie kann es nicht. Der Körper fühlt sich unwohl und wälzt sich von einer Seite auf die andere, bleibt auf dem Rücken liegen. 

 

Die Gedanken quälen sich schleppend auf dem Memory Lane. Alles scheint in einem wütenden Chaos verworren zu sein. Keine Tür öffnet uns die Erinnerung. Stumm schreit mich die Verzweiflung an. Mein Kopf schmerzt. In meinem Gehirn hat sich ein Gewitter verirrt. Seine Blitze ziehen ihre Ströme mit sich. Sein unsichtbarer Hammer trifft immer neue Stellen. Mal ist es der Hinterkopf, mal wird die Stirn getroffen. Dann klopft es wieder auf dem Scheitel. Am Ende springt das dumpfe Werkzeug noch einmal wild um sich. Kein Gedanke wagt sich in die Vernunft. Es ist ihnen zu gefährlich. Scharfsinn und Klugheit haben sich Urlaub genommen. Der gesunde Menschenverstand wartet den panischen Sturm ab.

 

Der Mond lacht sich eins ins Fäustchen (obwohl er gar keines hat). Je mehr Unruhe er anstiftet, desto mehr bläst er sich auf. Dominierend frohlockt er aus seiner privilegierten Position. Er schüttelt sich vor Lachen und wird nicht einmal mehr rot dabei. Sein Umfang scheint langsam aus den Fugen zu geraten. Aufgedunsen nimmt er seinen Lauf. Die Unrast hat ihm seine Bahn geebnet. Der Himmel genügt ihm nicht mehr. Er nähert sich der Erde. Die Menschen drehen durch. Rastlosigkeit und Wahn treiben viele hilflos in unbegreifliche Unfälle, andere verbringen unerklärliche Missetaten. Keiner kann sich wehren.

 

Erst, wenn der Mond sich ausgetobt hat. Erst dann verlässt ihn seine ungesunde Energie. Sein Hof wird kleiner. Er verliert an Kraft. Sein Angesicht beginnt zu verblassen. Er zieht sich langsam wieder zurück. Die Menschen atmen auf. Die Vernunft kann wieder unsere Gedanken leiten.

 

Mit einem mutigen Sprung ins kühle Meer der Zukunft blüht die Hoffnung auf und bringt uns den Mut zurück.

 

 

 

 

 

1 Kommentare

Meine erste Lesung

 

Vorlesen tue ich jeden Tag. Ich lese meinem Mann italienische Zeitungsartikel vor oder übersetze interessante deutsche Nachrichten. Dabei ist natürlich auch eine gewisse Betonung nötig. Aber ein Buch mit Dialogen vorzutragen, damit hatte ich mich noch nicht beschäftigt.

 

Also übte ich fleißig die von mir ausgewählten Seiten. Sie waren gefüllt von Empathie und mitreißenden Emotionen. Wird dieser Teil des Buches, einfach so aus dem Kontext herausgerissen ankommen? Und überhaupt, es war die vorletzte Lesung an diesem langen Messetag in einem gemütlichen Ort etwas nördlich von Frankfurt.

 

Natürlich hatte ich mich zuvor schon ein wenig zu den vorhergehenden Lesungen gesetzt. Dabei wurde ich überrascht bis schockiert, sodass ich mein Lampenfieber sehr schnell sank. Einfach meinen Stil authentisch vortragen und damit überzeugen oder durchfallen. Das wurde mir sehr schnell bewusst.

 

Ich war schon etwas überrascht, als ich mit meiner Verlagskollegin vor der Tür des Leseraums stand und auf unseren Termin wartete. Um uns herum warteten viel mehr Männer als Frauen! Ein Zuhörer fiel mir sofort auf. Ich hatte ihn vor gut eineinhalb Stunden an unserem Messestand beobachtet wie er meine Bücher fast quer gelesen hatte. Danach tauchte er immer wieder einmal auf und lief eine weitere Runde durch den kleinen Saal mit den übersichtlichen Messeständen. Nur, damit er jetzt bei meiner ersten Lesung dabei sein kann! WOW! Das fand ich schon mal mehr als interessiert.

 

Während ich noch über ihn nachdachte war es endlich so weit. Die Tür öffnete sich. Mein Verleger stellte mich sehr kurz vor und schon musste ich mir meine Worte zusammenreimen. Warum hatte ich auch frei sprechen wollen. Hätte ich mir nicht einen Text zusammenschreiben können? Schließlich kann ich besser schreiben als reden.

 

Wie dem auch sei, nach einer kurzen Begrüßung, an deren Worte ich mich nun überhaupt nicht mehr erinnern kann (!) versuchte ich eine kurze Zusammenfassung meines Romans. Die ersten beiden Sätze gefielen mir noch. Aber der Saal blieb etwas unruhig. Jedenfalls empfand ich es so. Mein Kopf wurde heiß und meine Stimme überschlug sich leicht. Die Wörter purzelten auf einmal durcheinander. Mein Rettungsring war die Ausrede, dass ich nicht zu viel erzählen wollte, damit es spannend blieb.

 

Und damit begann ich vorzulesen. Sofort beruhigte sich meine Stimme. Die wohlbekannten und von mir sehr geliebten Sätze fingen mich ein. Plötzlich war es mucksmäuschenstill im Saal. Ein angenehmes Gefühl. Ich kuschelte mich in die Seiten meines Buches, nahm die Emotionen mit und freute mich über die lauschende Stille. Beinahe hätte ich weiter gelesen. Jedoch wurde meine anhaltende Pause mit einem spontanen Applaus belohnt, über den ich mich sehr gefreut habe.

 

 

 

Eine Runde Ethik-Stammtisch

 

Ein Artikel in der Lokalzeitung hatte mich auf einen Ethik-Stammtisch aufmerksam gemacht. Das Thema des bevorstehenden Treffens behandelte die Ethik der Führungskräfte. Daraus konnte ein anregender Abend entstehen. Flugs meldete ich mich an.

 

Ein Stammtisch klang zwar etwas zünftig, aber die „Ethik“ veredelte doch jedes bestehende Vorurteil. Die Adresse war leicht zu finden. Der Raum, in dem das Treffen stattfand, versteckte sich in einem Neubau, dessen Beschilderung noch einige Verbesserungen erhalten sollte. Wie dem auch sei, ich schaffte es, pünktlich an mein Ziel zu kommen.

 

Ich betrat einen großen Konferenzraum. Fünfundzwanzig Stühle waren im Kreis aufgestellt. Ein Stammtisch ohne Tisch. Innerlich lächelte ich meine mentale Hürde weg. Die Begrüßung durch die beiden Organisatoren war freundlich, einladend und ließ sofort eine harmonische Sympathie überspringen.

 

Die Teilnehmer kamen langsam dazu. Eine hochgewachsene Frau mit einer undefinierbaren aschgrauen Blondfarbe im Haar fiel mir sofort durch ihre eigentlich abweisende Haltung auf. Später, als ich ihren Namen hörte, erinnerte ich mich sofort an einige Zeitungsartikel, die ich von ihr gelesen hatte. Und wieder wurde ich in meinem Credo bestätigt:

 

Lerne nie einen Autor näher kennen, dessen Werke du gerne liest. 

 

Damit sich das Stimmengewirr beruhigen konnte, erklang aus einem Smartphone eine leicht esoterische Melodie. Sie bewirkte ihre Absicht und war ein guter Vorbote des Abends, auch wenn man das zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte erahnen können: ihre Töne erklangen einen Tick zu lange.

 

Die Initiatorin des Abends begann ihre Moderation. Daraus entstand eine Diskussion, die nicht unbedingt der Definition dieses Begriffes entsprach. Die Atmosphäre blieb beinahe aseptisch. Nur zäh kamen Wortmeldungen. Dennoch fand ich selbst nicht die Gelegenheit, mich zu melden. Irgendwie plätscherten die Beiträge etwas holperig dahin. Dabei tauschten sich nur die Worte aus, der Sinn ähnelte sich. Es gab keinen Widerspruch, keine Lacheffekte. Ich fühlte mich bald distanziert, fremd, weil sehr oft anderer Meinung.

 

Für mich sollte eine gute Führungskraft nicht „Menschen mögen“ (O-Ton eines Teilnehmers), sondern Menschen erkennen. Eine gute Menschenkenntnis ist ebenso fundamental wie die Empathie gegenüber Mitarbeitern. Das ist für mich die Ethik der Führung. Und die beginnt schon bei der Auswahl des Personals. Da ich jedoch durch die Vorstellungen erkennen konnte, dass gut zwei Drittel der Teilnehmer studiert hatten, wollte ich nicht auf diesen Nerv drücken. Und doch habe ich in meiner Erfahrung erleben können, dass Zeugnisse nie und nimmer ausschlaggebend sein dürfen. Aber leider wird diese Art von Dokumentationen in Deutschland viel zu ernst genommen, wenn nicht explizit verlangt.

 

Ich hatte mir vorgestellt, mit meiner vielfältigen Lebenserfahrung in drei europäischen Ländern etwas beitragen zu können. Doch die Stereotypisierung, die sich in diesem keineswegs harmonischen Kreis entwickelte, war einfach nicht mein Ding. Ich bin neugierig. Ich kenne keine Berührungsängste. Aber ich gehe heute vorsichtiger auf die Menschen zu. Das habe ich von meiner früheren Spontaneität gelernt.

 

Am Ende fühlte ich mich wie ein Exot unter Gleichgesinnten. Nur die Ausstrahlung der Gastgeber war bei mir voll angekommen.

 

 

https://www.marinazimmermann.de/2018/04/11/eine-runde-ethik-stammtisch/

https://www.marinazimmermann.de/2018/04/11/eine-runde-ethik-stammtisch/

Der Vollmond und seine Gefährten

 

Eine absolute Stille weitete sich aus. Der Vollmond strahlte immer noch grauenhaft blendend am nächtlichen Himmel. Die Wolken hatten keine Chance, ihn zu verstecken. Sein grelles Licht stieß jedes Hindernis weg. Laserstrahlen hätten nicht effizienter sein können.

 

Die idealen Bedingungen für den Geist Böse, sein Unwesen zu treiben. Lechzend sah er sich um. An diesem späten Abend waren die Straßen leergefegt von seinem Cousin, dem  eisigen Wind. Die Menschen blieben in ihren Häusern. Lodernde Kamine verbreiteten ihre Wärme zwischen den schützenden Mauern. Kuschelige Geborgenheit strahlte aus allen Ecken. Geist Böse fand kein Opfer für seinen Gaumen.

 

Verärgert huschte er in ein kleines Häuschen mit zwei niedrigen Zimmern. Die beiden Hausbewohner saßen an einem kleinen Tisch aus rohem Holz. Für einen Teller Suppe hatte es gerade noch gereicht.

 

Grinsend umschwärmte der Geist Böse die beiden alten Leute. Ihre Tage waren gezählt. Er würde sie heute Abend davon überzeugen, dass dies ihre letzte Suppe gewesen sein sollte.

 

Der guten Frau tat schon der Magen weh. Dabei hatte sie doch die gleichen Zutaten verwendet wie immer. Ihre Zunge verbreitete einen metallenen Nachgeschmack. Plötzlich spürte sie einen drückenden Schmerz in der Nähe ihres Herzens.

 

Geist Böse grinste.

 

Die alte Frau bekam Angst. Noch wollte sie ihrem Mann keine unnötigen Sorgen machen. Der Schmerz nagte an ihrem Herzen. Sie wusste nicht, dass es die boshafte Hand von Geist Böse war, die den Muskel zusammendrückte. Langsam bekam sie keine Luft mehr. Jetzt schien es ihr zu spät, um Hilfe zu bitten.

 

Ihr Mann war noch mit seiner Suppe beschäftigt. Nichts schien ihn davon ablenken zu können. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er hob die Augen und sah seine Frau an. Geist Böse fühlte sich gestört und lockerte den Griff seiner Hand. Die Frau bekam wieder Luft und so schnell wie er kam, war der Schmerz auch wieder verschwunden. Erleichtert lächelte sie ihren Mann an. Er hatte nichts mitbekommen und das war auch gut so.

 

„Heute ist Vollmond“, sagte der Mann.

 

„Ja“, erwiderte seine Frau, wie aus einer Erleuchtung heraus.

 

Das ist die böse Seite des Mondes. Der bringt immer Unheil mit sich.

 

Der Geist Böse hinter ihr grunzte. Er wusste, hier gab es keine Chance mehr für ihn. Man hatte ihn erkannt. Also musste er weiterziehen. Ein neues Opfer suchen. Der Wind wollte ihn nicht tragen. Gereizt flog er gegen einen ... Autsch! Das ist doch ein Engel!

 

„Hey! Was soll das?“, schrie Geist Böse.

 

„Mach, dass du weiterkommst, und lass’ die Leute in Frieden“, mahnte der Engel.

 

Geist Böse verzog sein Gesicht zu einer hämischen Grimasse.

 

„Seit wann lass’ ich mir von dir vorschreiben, was ich tun soll?“

 

Da segelte der rechte Flügel des Engels so stark auf ihn ein, dass sein knorpeliger, dünner Körper so hoch flog bis er sich in einem Satelliten verwickelte und so starke Verbrennungen bekam, dass seine abartige Seele aufschrie. In der Hölle konnte man ihn aber aus dieser Entfernung nicht hören. Das Weltall war mächtig genug, seinen durchaus winderprobten, Geisterkörper in Stücke zu reißen und weltallweit zu zerstreuen.

 

Der daraus entstandene Effekt ließ auf der Erde nicht lange auf sich warten. Die bösen Triebe suchten Schutz vor den neuen Gefühlen. Keiner wollte den anderen mehr verletzen. Streicheleinheiten ersetzten Hiebe. Küsse liebkosten die Fäuste. Worte wurden nur noch verwendet, wenn sie helfen konnten. Jeder fühlte sich auf einmal so richtig wohl in seiner Haut. Jung und Alt lachten zusammen, respektierten sich gegenseitig und lebten in fröhlicher Gemeinsamkeit. Die Arbeit wurde leichter. Der graue Alltag verlor seine Beschwerlichkeit. Ein allgemeines Wohlbefinden herrschte über der Erde...

 

 

 

 

 

Warum ich so gerne lese

Foto: Jungho Lee
Foto: Jungho Lee

 

 

 

Lesen ist für mich eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben.

 

Mein Großvater hatte mir das Lesen beigebracht, noch bevor ich in die Schule gekommen bin. Ich hatte den armen Mann zu sehr genervt mit meinem ständigen Bitten und Betteln, immer wieder dieselben Märchen der Gebrüder Grimm vorzulesen. Irgendwann war es ihm dann doch zu viel geworden. Mit einer Engelsgeduld führte er mich in die Welt der Buchstaben ein.

 

Ich bin meinem Großvater ewig dankbar!

 

Viele lesen, damit sie die Welt um sich herum vergessen, oder gar ignorieren können. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich gehe bewusst auf eine Entdeckungsreise. Ich freue mich auf alles Neue, das ich kennenlernen und erforschen werde. Mein Gehirn wird zu einem Schwamm, der zunächst einmal alles aufsaugt, was ihm vorgesetzt wird, um es später nach seinen Vorlieben zu filtern und nach Anwendungsgebieten zu ordnen.

 

Wenn ich ein Buch öffne, dann tauche ich gerne in eine völlig andere Welt ein. Ein besonderes Vergnügen bereitet mir stets, abzuheben und mich auf eine Zeitreise zu begeben. Auf diesen Ausflügen in eine andere Epoche lernt man unglaublich viel und entdeckt stets neue Mentalitäten, Konventionen, Brauchtümer und, vor allem, unterschiedliche Philosophien. Aber ich staune auch oft, wie aktuell manche Schriften sind, die eigentlich der fernsten Vergangenheit angehören. Das sind für mich immer die reizvollsten Entdeckungen gewesen. Wir leben im 21. Jh. der abendländischen Zeitrechnung. Dennoch begegne ich oft nur zu gut Bekanntem. Letztendlich wurden schon viel früher dieselben Empfindungen gelebt, die gleichen Worte gesagt. Das überrascht mich andauernd.

 

Es ist nicht immer leicht für mich, ein Buch zu unterbrechen, es quasi beiseite legen zu müssen. Wenn ich gezwungen werde, in die alltägliche Realität zurückzukehren, und auf die nächste Gelegenheit warten muss, bis ich es wieder öffnen kann, spüre ich zuweilen physische Schmerzen. Es zwickt im Magen und juckt in den Fingern. Bis ich endlich das Buch wieder aufschlagen kann. Sofort klickt es in meinem Kopf und ich weiß genau, wo ich es abgebrochen hatte. Schnell nehme ich den Faden erneut auf, lese weiter, bin bald wieder eingetaucht in der Thematik oder der Geschichte. Meine Emotionen lassen sich nicht mehr ablenken. Sie wollen weiter empfinden, dabei bleiben, bis zum letzten Wort. Egal, wie es sein wird, die aufgewühlten Gemütsbewegungen wollen ausgelebt werden.

 

Starke Emotionen empfinde ich nicht nur bei entsprechenden Romanen. Auch Sachbücher können mich beeindrucken, enthusiasmieren und schließlich beglücken, weil sich mein Wissen abermals bereichert hat.

 

Während ich etwas lese, ob es sich dabei nun um ein Buch, um eine Zeitschrift oder einen Artikel online handelt spielt kaum eine Rolle, kann ich mich so intensiv mit der Thematik vereinbaren, dass ich zuweilen ganz eigenartige Emotionen erlebe. Letzteres liegt natürlich am Autor.

 

Mein beeindruckendstes Erlebnis hatte ich bei der Lektüre von 1984, das wohl bekannteste Buch von George Orwell. Er schrieb es im Jahr 1948. Damals war die Zeitangabe im Titel eine weit entfernte Zukunft. Jedoch keine Science-Fiction-Fantasy, wie es heute genannt werden würde. Orwell nahm „nur“ seine Gegenwart unter die Lupe, weitete sie entsprechend aus und verpasste ihr ein paar technische Raffinessen, die damals noch nicht aktuell waren. (Heute sind sie beinahe schon alle vorhanden.) Ich hatte das Buch so um das Jahr 1984 gelesen. Orwells betörender Schreibstil drang tief in meinen Kopf. Ich werde es nie vergessen. Es war ein warmer Sommernachmittag und ich saß auf der schattigen Terrasse einer Ferienwohnung am Meer. Irgendwann konnte ich nicht mehr widerstehen. Ich musste tatsächlich die Lektüre unterbrechen und mich duschen, so dreckig fühlte ich mich nach Orwells Beschreibung der Lebensbedingungen in seiner fiktiven Zukunftswelt.

 

Wie dem auch sei, ich lese so gut wie alles, was mir vor die Augen kommt, oft auch unbewusst. Deshalb nerven mich zu viele Werbeplakate oder Straßenschilder. Ich komme nicht an ihnen vorbei, ohne sie zu lesen. Einerseits ganz nützlich, jedoch oft auch ziemlich ermüdend. Ich lasse einfach zu viele Informationen auf mich ein und muss kräftig filtern.

 

Doch alles, was in meinen unzähligen mentalen Schubladen Platz findet, bereichert nicht nur mein Wissen, sondern prägt auch meine Erkenntnisse. Das ist für mich der größte Schatz, den wir horten können. So, wie ich Bücher sammle, seit ich lesen kann.

 

Und, je mehr ich lese, desto mehr möchte ich lesen...

 

 

0 Kommentare

Schaurig schön...

... sind die Abgründe von Lina Mortensen

 

Ich liebe gute Kriminalromane. Meine Favoritinnen sind Agatha Christie und Patricia Highsmith. Aber letztes Jahr habe ich eine zeitgenössische Autorin kennengelernt, die mich mit ihren spannenden Erzählungen sofort begeistert hatte.

 

Ihre Kurzgeschichten sind genauso bestürzend und fatal wie der Titel des Buches. Jedoch bleibt der fesselnde Schreibstil der Autorin stets elegant. Ihre Liebe zum Detail bringen den Leser gerne in eine verworrene Geschichte, aus der es keinen anderen Ausweg gibt als mit angehaltenem Atem das Ende herbeizulesen. Und das entspricht oft wirklich dem Titel dieser Sammlung. Man rauscht durch die Erzählung bis man abrupt an einen dieser Abgründe kommt und anhalten muss. Es geht nicht mehr weiter. Ups ... das Finale wird zur Ohrfeige, zum Paukenschlag, zu einer hochgradigen Überraschung. Und noch einmal liest man die letzte Seite, die letzten Abschnitte... aber es geht nicht weiter. Das war das Ende! Mal ironisch, mal brutal, aber meist unvorhergesehen. Nur einmal konnte ich es vorausahnen, konnte ich mich psychisch darauf vorbereiten.

 

Ich warne alle Leser dieses Buches:

Es macht süchtig!

Man will mehr!

 

Deshalb habe ich es schon zweimal gelesen!

 

Für das Jahr 2018

 

wünsche ich

Lina Mortensen

viel Zeit zum Schreiben,

damit der Lesegenuss bald weitergehen kann...

 

 

Der Monat Januar und seine Besonderheiten

 

In meinem bisherigen Leben war der Monat Januar stets voller negativer Überraschungen gewesen.

 

Ich hatte meine jährliche Mandelentzündung (bis ich mir die Weisheitszähne ziehen ließ). In diesen ersten Wochen des Jahres wurden meine Allergien entdeckt. Überhaupt war ich häufig krank.

 

Als ich noch unser Auktionshaus führte, war dieser Monat der ruhigste im Jahr. Der 6. Januar und das darauffolgende Wochenende beendeten stets unsere zweiwöchigen Ausstellungen und Auktionen in interessanten Winterorten. Gerne erholten wir uns irgendwo einige Tage, bevor wir Bilanzen zogen und neue Programme für das Jahr aufstellten. Beruflich hatte ich auch die größten Niederlagen in diesem Monat. Kündigungen, Projekt-Abbrüche, Prozesse...

 

 

 

Deshalb nutze ich ihn heute bewusst zum

 

AUFRÄUMEN.

 

Das kann ich wirklich groß schreiben.

 

Altes wird entsorgt.

 

Noch Brauchbares wird neu geordnet.

 

Motivierte Listen für Neues verlängern sich.

 

 

 

Seit einigen Jahren ist mein Schreibtisch in meinem Laptop drin. Auch hier kann man viele „Notizen“ aufhäufen, Ordner füllen, Bilder sammeln. Dementsprechend ist es nicht zu vermeiden, dass sich auch auf dem virtuellen Schreibtisch eine gewisse Unordnung breit macht. Fotos bekommen von mir ohnehin sofort einen Titel, wenn nicht gleich auch ein Datum. Und doch hüpfen sie gerne von einem Ordner in den anderen. Mal sind sie in meinem Archiv, mal schlüpfen sie zu meinem Mann oder sie bleiben in der Mappe „Zum Ausdrucken“ hängen.

 

Kleine Texte, flüchtig aufgezeichnete Notizen, sind kaum zu bändigen. Sie befinden sich in vielen Ordnern und warten geduldig auf ihren Moment, wenn ich die kurzen Infos zu Rate ziehe oder die kleinen Texteingaben zu Blogs vervollständige.

 

Jedoch kann man bei dem Versuch, eine systematische Ordnung herzustellen, auch einiges finden, das in den Zwischenräumen der Vergangenheit steckengeblieben war.

 

So erging es mir mit der Rezension für ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und das ich sehr schätze. Unbegreiflich ist mir nur, wie es möglich war, dass ich meinen Blog dazu übersehen konnte. Wie dem auch sei, es ist nie zu spät für eine Buchbesprechung.

 

 

 

Also, dann, bis morgen...

 

 

0 Kommentare

Eine etwas andere Lyriksammlung

 

Vor einigen Tagen hatte ich eine sehr nette Begegnung in meiner virtuellen Welt. Xenia Hügel besuchte meine Webseite. Nicht jeder stellt sich vor, wenn er sich dort ein wenig umsieht. Manche hinterlassen nette Worte im Gästebuch. Andere schreiben ihre Kommentare direkt unter den Blog, über den sie gerne sprechen möchten.

 

Xenia Hügel hat mir ein überraschendes Geschenk zukommen lassen: ihre kleine Lyriksammlung „Bruchstücke des Glücks“.

 

Schon allein der Titel machte mich neugierig. Sind es „abgebrochene“ Gedanken? Ich liebe es, mit Worten zu spielen, den Sinn zu abstrahieren, das Kopfkino anzuregen.  Deshalb überwand ich gerne die anfänglichen Schwierigkeiten beim Lesen dieser, oft nur wenige Zeilen in Anspruch nehmenden, Poesien. Der fehlende Rhythmus lässt den Leser nur stockend vorwärts kommen. Doch dann sah ich diese Gedankenspiele als Fragmente an, die von der Autorin, ohne erkennbaren Zusammenhang, auf die knapp 32 Seiten ihres Büchleins geworfen worden waren. Hin und wieder stolperte ich sogar über diesen eigenwilligen Stil, der die grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache zu sprengen versucht. Gerade dieser Aspekt hatte mich anfangs etwas gestört, jedoch habe ich zu verschiedenen Zeiten, wechselnde Stimmungen, die meine Empfindungen sehr stark beeinflussen.

 

Vielleicht geht das auch anderen Lesern so: Manchmal muss man sich selbst von etwas überzeugen. Gelernt habe ich diesen „Lesestil“ bei dem Meisterstück von Gabriel Garcia Marquez und seinem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“. Zunächst wollte ich das Buch ablehnen. Es blieb einige Jahre in meinem Bücherschrank. Hartnäckig oder geduldig, wartete es auf den richtigen Moment. Als ich es wieder aufgeschlagen hatte, war ich aufnahmebereit für die wunderbare Poesie, die sich in diesen Seiten verbirgt.

 

In der Lyrik suche ich nach Tiefe, die mich zum Nachdenken animiert. Hier bei Xenia Hügel fand ich dazu diesen einzigartigen Satz: Ein Land das viele Füße betritt. Wie bitte? Ist es nicht das Gegenteil? Kann ein Land meine Füße betreten, wenn es doch eigentlich gerade diese sind, die mich in ein Land bringen sollen? Wie geht das? Will ein Land mich also so sehr faszinieren, dass es in meine Füße eindringt und sie dazu bringt, mich dorthin zu führen? Ich ließ diese Zeile wie eine süße Delikatesse auf meiner Zunge zergehen bis ihre Wirkung meinen Kopf erreicht hatte.

 

Ich liebe diese bisweilen skurril klingenden Wortspielereien. Sie lassen meine Seele atmen. Mit ihnen kann ich die Welt um mich vergessen, als wenn mein Kopfkino sich in einem spannenden Roman befinden würde. Dann lass ich mich mitreißen und genieße diese Momentaufnahmen. Es sind nicht mehr als Zeugen eines kurzen Augenblicks und doch stecken tiefe Gefühle in ihnen.

 

Man sollte dieses Büchlein nicht einfach durchlesen. Man sollte diese „Bruchstücke“ einfach genießen, wie süße Bonmots und in ihnen schwelgen. Die Wirkung wird nicht auf sich warten lassen.

 

Nachdem man hier gerade noch wunderlich gestaunt hat, spürt man dort eine prickelnde Erregung und wird anderswo schon wieder vor den Kopf gestoßen und zum Nachdenken angeregt.

 

Mein großer Favorit könnte Die Zauberformel sein. Wäre da nicht Die Reise, Mein Wasser, Samt, Selbstliebe...

 

 

 

 

 

Erinnerungen im Regen

Foto: Antonella Bonora, Mailand
Foto: Antonella Bonora, Mailand

 

Warum regnet es in Deutschland so viel?

 

Dachte ich damals, als ich noch in Italien lebte und nur tageweise hierher fuhr. Natürlich war es warm und sonnig als ich aus Mailand abgefahren bin. Aber auch in München war der Himmel weiß-blau und die Sonne versuchte, ihr Bestes zu geben.

 

Das war gestern. Heute stehe ich in der Brienner Straße. Mein Auto parkt in der Residenzgarage und der Himmel hat beschlossen, sich sintflutartig ergeben müssen.

 

Entsetzt stehe ich unter dem schmalen Dachrand einer Luxusboutique. Viel Schutz bietet di schmale Leiste am oberen Ende des Gebäudes nicht. Es wird zunehmend feuchter und kühler. Die Luft füllt sich mit dem herunterprasselnden Wasser. Es wird immer ungemütlicher.

 

Mein Blick beginnt zu schweifen. Antiquitäten, feines Porzellan, ausgesuchte Gemälde, Designermode – aber weit und breit kein Regenschirm. Solch ein wichtiges Accessoire sollte man einfach nicht unterschätzen.

 

Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Wo bekomme ich hier einen Regenschirm, ohne dass ich noch nässer werde? Links von mir geht es in den Palmengarten (heute bekannt als Luitpoldblock). Dort könnte es wenigstens wärmer sein. Ich ziehe den Kopf tief in die Schultern und renne auf die Eingangstür zu, damit dieser ungnädige Wolkenbruch nicht noch mehr von meinen hübschen Schuhen kaputt macht.

 

Schon im Eingangsbereich ist die Luft um gefühlte zehn Grad wärmer. Langsam bringe ich meinen Körper wieder in eine elegante vertikale Haltung. Ich konzentriere mich auf jedes Schaufenster. Kosmetik, Schmuck, Platin. Am Ende des Durchgangs sehe ich schon wieder die herunterstürzenden Wassermassen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Wie komme ich zu meinem Auto?

 

Letzter Laden vor der Ausgangstür. Es werden Dirndl und Kleidung im Landhausstil angeboten. Da muss es auch Regenschirme geben. Natürlich! Stilsicher suche ich ein klassisches Modell aus, das auch später zu meiner Garderobe passen wird. An der Kasse schlucke ich meine Überraschung hinunter, zücke eine Kreditkarte und lasse sie an meiner Stelle glühen. Der hohe Preis ist zerknirschend, aber es ist mir voll bewusst, wo ich mich befinde.

 

Also beschwere dich nicht, sondern lass dich das nächste Mal in der Kaufingerstraße von einem überraschenden Wolkenbruch heimsuchen.

 

Und wie es so ist, zwischen mir und einem Regenschirm: Betrete ich ein Lokal mit ihm, stelle ich das nützliche Accessoire höflich in dem dafür vorgesehenen Ständer an der Garderobe ab. Verlasse ich das Lokal wieder und es regnet nicht mehr, dann kann er so viel gekostet haben wie er will, er hat keine Chance bei mir, ich vergesse ihn bestimmt!

 

 

 

Novembergedanken zu Allerheiligen

Im November befinden sich die kontemplativsten Feiertage im Kalender. Alle haben mit dem Tod zu tun. Alle wollen den Respekt und die Erinnerung an Menschen, die von uns gegangen sind, die für uns gestorben sind.

 

Luther wird nicht umsonst seinen Reformationstag so nahe an diese „Gedenktage“ gestellt haben. Einst gab es, neben Allerheiligen, auch noch Allerseelen. Irgendwann wurde dies dann doch etwas zu viel des Guten. Gleich zwei, drei Tage zum Besinnen? Das grenzte schon beinahe an eine klösterliche Klausur. Wobei die meisten Menschen diese Tage ohnehin nicht (mehr) sehr religiös nehmen, sondern eher pragmatisch. Es sind arbeitsfreie Tage, gerne mitten in der Woche, da kann man doch einen kleinen Urlaub herausholen.

 

Eigentlich hätte man Allerheiligen ausfallen lassen und Allerseelen beibehalten können. Der erste ist ein überaus katholischer Feiertag. Heilige zu würdigen, das ist nicht jedermanns Sache. Gerade in der heutigen Zeit, sehe ich ihn auch nicht mehr als bundesweiten Feiertag. Der zweite würde da schon eher passen. Schließlich sollte er Alle Seelen würdigen, denen unser Erinnerungsvermögen mächtig ist.

 

Also, nicht nur Eltern, Verwandte, Freunde, Bekannte. Es gibt bestimmt auch Menschen, die wir nicht persönlich kennengelernt, die jedoch für unsere Bildung, unsere Sicherheit, unseren Fortschritt sehr viel getan haben. Auf ihre Gräber legen wir keine Blumen, zünden wir keine Kerzen an, weil es ihre “letzten Ruhestätten“ vielleicht gar nicht mehr gibt. Dennoch sollten wir uns an diese Menschen erinnern, auch wenn wir nicht einmal ihren Namen kennen.

 

 

 

Viele Seelen der Vergangenheit gehörten genau den Pionieren,

 

ohne deren Entdeckungen und Erfindungen

 

wir heute nicht mehr leben möchten!

 

 

 

Eine kurze Besinnung in diese Richtung, ein kleiner Anflug der Dankbarkeit für jene oftmals Unbekannten, würde diesem Tag einen neuen, einzigartigen Aspekt erteilen.

 

 Selbstverständlich respektiere ich nur die “Guten“. Es ist mir völlig bewusst, dass es auch “Böse“ gegeben hat, die ich gerne ignoriere, auch wenn die Ergebnisse ihrer teuflischen Errungenschaften nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken sind.

 

Der November ist, wenigstens in diesen Breitengraden, der klassische Monat (gewesen?), der uns endgültig das warme Wetter mit Nebel und Sturm wegbläst und den kalten Winter einläutet. Vielleicht auch daher ein passender Besinnungsmonat. Damit wir langsam eingehen auf die festliche Weihnachtsstimmung. Damit wir in Spenden- und Schenken-Laune kommen. Damit es uns wärmer ums Herz wird ... werden soll.

 

Als ob die heutige Menschheit sich nicht selbst sehr gut “einstimmen“ lässt. Viele sind schon dem Kaufwahn(sinn) verfallen. Der Konsumteufel beginnt ja bereits im September, die Menschen darauf einzustimmen.

 

Und doch würde es unserer Seele sehr gut tun, in diesem kalten, garstigen Novembermonat mal kurz anzuhalten, sich vielleicht mit einem Heißgetränk auf das Sofa kuscheln, und:

 

 

über sich selbst nachdenken!

 

 

 

Bei dieser intensiven Bemühung, sich selbst näher zu kommen, werdet ihr überrascht sein, wie vielen Menschen ihr auf diesem Gedankenspaziergang begegnen werdet. Das wird äußerst spannend und sehr interessant! Vielleicht kommt euch dann zugleich in den Sinn, an wen ihr euch erinnern solltet, solange er oder sie noch leben.

 

 

 

Es ist leichter als ihr denkt, einfach  zu sagen:

 

Ich habe dich nicht vergessen!

 

Ich will mich bei dir bedanken!

 

Ich will mich bei dir entschuldigen!

 

Oder,

 

aus irgendeinem ganz persönlichen Grund:

 

Ich will dich wiedersehen, wieder hören...

 

wieder lesen...

 

 

 

 

 

0 Kommentare

Sind wir wirklich noch das Volk?

 

Sonntagnachmittag habe ich an einer etwas anderen Vernissage teilgenommen. Die Location war schon sehenswert an sich. Einfallsreiche Architekten konnten den Charme des alten Fachwerks mit neuen Glasimpressionen wunderbar vereinen. Es gab nicht, wie so oft, einen Stehempfang inmitten der Ausstellung. Die geladenen Gäste saßen auf gemütlichen Stühlen mit weichen Kissen, versorgt mit edlem Müller-Thurgau aus dem Bocksbeutel und leckerem Kürbiskerngebäck. Vor ihnen eine Leinwand, auf der Videos mit Interviews abgespielt wurden, die leider etwas einseitig gestaltet waren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es auch andere Antworten zu den provokanten Fragen des Moderators gegeben hat.

 

Wie dem auch sei, das Thema der Ausstellung lautete

 

Wir sind das Volk

 

Die Georg-von Vollmar-Akademie hatte den Münchner Fotografen Stefan Loeber beauftragt, bekannte Persönlichkeiten und unbekannte Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zu fotografieren und   spannende Fragen zu diesem Thema zu stellen.

 

Zwischen den Videos wollten die Organisatoren eine kleine Diskussion unter den Gästen anregen. Leider blieb diese sehr zäh bis still. Ich habe auch nicht nach dem Mikrofon gegriffen, weil mein Beitrag sich zu stark gedehnt hätte.

Bevorzugt schreibe ich mir lieber die Gedanken von der Seele...

 

 Ehrlich gesagt hatte mir dieser Satz Wir sind das Volk schon auf der Einladung Gänsehaut provoziert. Wir sind das Volk. Als diese Worte in Deutschland geprägt wurden, lebte ich im Ausland. Den Mauerfall habe ich deshalb nicht hautnah erlebt, sondern nur darüber gelesen, im Fernsehen gesehen und aus Erzählungen gehört. Aber ich sah bald die Konsequenzen. Es ging damals nicht nur um den deutschen Mauerfall, es ging um den gesamten Eisernen Vorhang zwischen Ost und West.

 

Diese Ausstellung hat das Motto von damals übernehmen wollen. Wir sind das Volk sollte das aktuelle Flüchtlingsproblem ansprechen. Wie die Menschen in Deutschland damit umgehen. Warum plötzlich so viele Wähler rechtsradikalen Parteien ihre Stimme geben. Wieder! Und schon bekomme ich erneut Gänsehaut. Weil alles so verdreht wird und so vieles keinen Platz in der Erinnerung bekommt.

 

Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Mauerfall gab es auch Historie in Deutschland. Sehr wichtige Seiten der deutschen Geschichte wurden geschrieben. Zwar beherrschten amerikanische und französische Soldaten den Alltag in der damaligen BRD, infolgedessen „das deutsche Volk“ keinen Krieg mehr beginnen konnte. Jedoch wurde in dieser Zeit auch das Wirtschaftswachstum gefeiert. Ein neues Bewusstsein ging durch das Land: wir haben es geschafft! Wirklich?

 

Es gab einen so dringenden Bedarf an Arbeitern und Handwerkern, dass die deutsche Regierung bald keinen anderen Ausweg mehr fand als GASTARBEITER ins Land zu holen! Südeuropa war die geeignetste Zielgruppe dafür. Es kamen sehr viele Slawen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Griechen, Italiener und Spanier. Aber der größte Teil kam aus der Türkei.

 

Diese Ausländer wurden explizit eingeladen, hier zu arbeiten, zu leben und gutes Geld zu verdienen. Keiner hatte sie jedoch zur Integration gezwungen. In Köln steht die größte Moschee Europas! Nicht für die syrischen Flüchtlinge erbaut, sondern für die türkischen Gastarbeiter! Bald gab es einen türkischen Fernsehsender, türkische Tageszeitungen. Die türkische „Minderheit“ wurde stark und blieb ihrer Tradition treu. In der zweiten und dritten Generation sprechen sie überwiegend akzentfrei Deutsch, haben die deutsche Staatsangehörigkeit, singen aber nicht die deutsche Nationalhymne. Wenn es darauf ankommt, gehen viele von ihnen noch immer für den türkischen Präsidenten auf die Straße.

 

Soweit die Türken. Griechen, Italiener und Spanier haben eine völlig andere Mentalität und so manche integrieren sich lieber. Viele von ihnen kamen als Gastarbeiter und gingen als Rentner wieder zurück in ihre Heimat. Andere sind geblieben, haben sich selbstständig gemacht, eine Familie gegründet und würden um keinen Preis mehr in ihr Heimatland zurückkehren.

 

Damals dringend erwünschte Gastarbeiter, heute verschmähte „Wirtschaftsflüchtlinge“. Herr Seehofer spricht gerne von den „Wirtschaftsflüchtlingen“ aus dem Balkan, insbesondere Bulgaren und Rumänen. Dabei vergisst er wohl, dass schon seit über zwanzig Jahren „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus dem Osten Europas und der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen und geblieben sind. Er sollte mal auf die Äcker und Weinberge und sehen, wer sich den Rücken kaputt macht beim Ernten und Lesen.

 

Deshalb verstehe ich heute diese oft unschöne, bis ins Gehässige gehende Diskussion um Flüchtlinge überhaupt nicht. Es hat sie immer gegeben. Man ändert nur ihre Bezeichnungen. Bei dieser jüngsten Flüchtlingswelle werden sie nur noch als „Asylbewerber“ benannt. Im Grunde suchen sie nichts anderes als alle anderen, die Ende des letzten Jahrhunderts aus den östlichen und südöstlichen Nachbarländern strömten und mit denselben Problemen zu kämpfen hatten.

 

Eines möchte ich noch hinzufügen, weil es mir besonders am Herzen liegt: Deutschland war und ist nicht das einzige Land, das in den letzten dreißig (!) Jahren Flüchtlinge aufgenommen hat! Das würde ich am liebsten immer sehr laut anbringen bei diesen hirnverbrannten, einseitigen und völlig unangebrachten Flüchtlingsdiskussionen der heutigen Tage.

 

 In Italien zählt keiner mehr die Menschen, die beinahe täglich aus dem Wasser gefischt werden. Die Leichen bekommen eine Bestattung! Für die Lebendenden sucht man eine Lösung. Einfach ist es für niemanden!

 

Schwarzafrikaner arbeiten in den Fabriken Norditaliens schon seit über dreißig Jahren. Ich persönlich hatte in den Achtziger Jahren Männern aus Ägypten und der Elfenbeinküste Arbeit gegeben. In den Neunzigern waren es dann Marokkaner. Alles sehr gute Leute! Ich hatte nie ein Problem mit ihnen, sondern fand ihre Arbeitsmoral bewundernswert und oft ehrgeiziger als die eines Europäers.

 

Mit ihnen konnte ich auch meinen Horizont erweitern. Sobald es eine gemeinsame Sprache zuließ, unterhielten wir uns selbstverständlich über die verschiedenen Kulturen. Erst nach Monaten fand ich heraus, dass z.B. der ägyptische Handlanger eigentlich Elektroingenieur studiert hatte. Diese Erfahrungen prägen und lassen Vorurteile gar nicht erst aufkommen.

 

Vor einigen Jahren, als ich wieder nach Deutschland gekommen bin, habe ich ein Jahr lang in München gearbeitet. Meine Kollegen kamen aus der Ukraine, aus Kasachstan und aus Kolumbien. Die Managerin war eine Düsseldorferin. Nur eine Angestellte war eine gebürtige Münchnerin. Wir waren ein tolles Team, wir hatten eine gemeinsame Sprache.

 

Das ist die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit und ein gemeinsames, harmonisches Leben. Nur, wenn wir uns verstehen, können wir uns auch (weiter)bilden. Deshalb helfe ich in einer lokalen Schule ausländischen Jugendlichen, die deutsche Sprache schneller zu erlernen. Es schreit zum Himmel, dass sie sofort in die Schule sollen, auch wenn sie noch nicht einmal die Sprache annähernd beherrschen! Wie soll das gehen? Gerade Kinder und Jugendliche sind sehr lernbegierig und kommen schneller voran als Erwachsene, aber, um Himmelswillen, gebt ihnen doch erst einmal die Zeit, sich wenigstens eine Basis zuzulegen. Ich hatte Schüler aus den verschiedensten Ländern bisher: Afghanistan, Albanien, Griechenland, Italien, Polen, Rumänien, Russland. Die meisten von ihnen waren unglaublich lernbegierig, obwohl die deutsche Sprache keineswegs einfach zu lernen ist. Viele möchten sich weiterbilden, studieren, einen guten Beruf erlernen. Es ist eine Freude für mich, diesen Enthusiasmus unterstützen zu können.

 

Ich bin für den Individualismus. Es gibt schon lange keine Völker mehr. Die Globalisierung hat uns schneller eingeholt, als wir es bemerkt haben.  Mein Horizont will weit bleiben und sich nicht einengen lassen. Von keiner Partei und von keinem Dogma. Meine Freiheit ist für mich, dort eine Heimat zu finden, wo Menschen mich respektieren und schätzen. Dieser Ort muss nicht unbedingt mit dem Geburtsort übereinstimmen.

 

 

 

 

 

0 Kommentare

Die Ignoranz und meine Auslegungen

 

Manchmal wünscht man sich

ein wenig Zustimmung, ein positives Erlebnis, eine kleine Bestätigung, ein freundliches Lächeln.

 

 

Man hofft, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Man ersehnt ein paar Worte, einen kleinen Satz, die bekräftigten, wie gut man gearbeitet hat. Man freut sich über jedes fremde, aber besonders über die bekannten Gesichter, wenn sie uns mit einem Lächeln begegnen.

 

Anerkennung, Lob und Freundlichkeit

kann man nicht kaufen.

 

Leider kann man sie sich auch oft nicht verdienen.

 

Das verhindert der Neid, die Einfältigkeit, die Eifersucht.

 

 

Ein gefährliches Trio, das überall lauert und unseren Enthusiasmus vertreibt. Es ist nicht leicht, diese Drei einfach abblitzen zu lassen. Nicht jeden Tag hat man die Kraft dazu.

 

 

Am Ende unserer Zeit muss jedoch die Balance stimmen.

 

 

Ideal wäre ein klitzekleiner Vorsprung für die schönen Momente. In denen das glückliche Lachen den Dämonen keine Chance gelassen hatte. In denen die Bewunderer zahlreicher gewesen sind als die Neider. In denen die Freundlichkeit über den Argwohn siegen konnte.

 

Genau deshalb müssen wir uns zeitig wappnen. Mit Geduld und einer robusten Ausdauer und mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft. Wir dürfen uns nicht immer wieder herunterziehen lassen von Menschen, die nur Negatives sehen, in allem und jedem, der ihnen begegnet.

 

Diese Menschen sind Gift für die Seele, sie haben selbst kaum noch Gefühle im Herzen. Bitterkeit und Gram fressen ihren Verstand. Da sie mit sich selbst im Unreinen sind, keine Erfolge aufweisen können, nie das bekommen haben, was sie sich gewünscht hatten, toben sie sich gerne bei anderen aus. Sie finden in jeder guten Tat das berühmte „Haar in der Suppe“. Sie verwerfen unsere Wörter und Sätze, geben den harmonischen Zwischentönen eine abstoßende Interpretation.

 

Sie schleichen sich gerne mit doppelzüngigen Aussagen heran. Jedoch beabsichtigen sie nur, uns weh zu tun.

 

Manchmal scheint es mir, dass sie ihre bösartige Provokation nicht einmal wahrnehmen. Auf jeden Fall leugnen sie gerne, wenn man sie direkt darauf anspricht.

 

Ihre Unsicherheit, ihre Minderwertigkeitskomplexe, ihre eigene Sucht nach Anerkennung treiben sie in den charakterlosen Neid, lassen sie in der grundlosen Eifersucht irren.

 

 

Bleibt auf der Hut vor diesen arglistigen Menschen.

Zeigt ihnen die kalte Schulter.

Klickt sie aus, im Internet wie auch im realen Wesen.

 

 

Ich versuche, jeden mit Ignoranz zu strafen, der mich verletzen will. Denn, gerade diese Menschen vertragen es überhaupt nicht, ignoriert zu werden.

 

Ja, so interpretiere ich dieses gefährliche Wort

Ignoranz.

 

 

Viele empfinden sofort eine Beleidigung, noch bevor diese Buchstaben alle ausgesprochen sind. Sie hören nicht auf die jeweilige Interpretation. Sie schmeißen sich nur auf die eine, weit verbreitete Auslegung. In diesem gewaltigen Begriff steckt jedoch noch viel mehr. Zum besseren Verständnis will ich eine kleine Begebenheit erzählen, die vor vielen Jahren in meinem Leben stattgefunden hat. Ihr wunderbarer Kern hat sich auf meinem Memory Lane tief verwurzelt. Jedes Mal, wenn ich daran denke, schwebt ein zufriedenes Lächeln um meine Seele.

 

 

 

In den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts lebte ich in Italien. Dort gab es schon unzählige Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern. Sehr viele hatten eine gute Arbeit gefunden, lebten absichtlich in spartanischen Verhältnissen und sendeten den größten Teil ihres Einkommens ihrer Familie nach Afrika.

 

Jedoch gab es immer wieder ein paar Clevere, die sich bei den entsprechenden Großhändlern Billigware aus den asiatischen Ländern besorgten und versuchten, diese auf der Straße zu verkaufen. Das waren keine Almosen, aber nur wenige wussten das.

 

Ich war gerade dabei, den Inhalt eines Einkaufswagens in den Kofferraum meines Autos zu verstauen. Da kam ein sehr groß gewachsener, schwarzer Mann auf mich zu. Um den Hals hing sein Holzkasten, bestückt mit dem verschiedensten Billig-Kram, den ich bereits gut kannte. Einer meiner Großhändler hatte einen Nebenraum, in dem ich auf Ware und „Händler“ einmal, zufällig und ungewollt, einen Blick werfen konnte.

 

Ich streifte den Typen mit meinem Blick, gerade so weit, dass ich einschätzen konnte, wie nahe er mir kam und welche Absichten er hatte. Es waren sehr clevere Männer, zwar blieben sie auf meist auf höflichem Abstand, aber sie waren hartnäckig und unangenehm.

 

In seinem hart gebrochenen Italienisch bot er mir zuerst seine Ware freundlich feil. Ich ging nicht darauf ein, d. h. ich ignorierte ihn. Dann fragte er mich, ob er den Einkaufswagen zurückbringen dürfte. Darin steckte damals noch ein Geldstück. Ich antwortete mit einem knappen Nein. Also, versuchte er es mit der Mitleids-Tour. Leider war die schon voll in den Achtziger Jahren aus- und abgenutzt. Zudem kannte ich ja den „Händler-Typ“. Folglich ignorierte ich ihn weiter.

 

Endlich hatte ich meinen Einkaufswagen völlig geleert. Leicht genervt schloss ich den Kofferraum und auch das Auto. Als ich den Wagen zurück an seinen Platz bringen wollte, zischte der Typ: Du bist IGNORANT! Der Ton war gefährlich leise. Die Worte sollten jedoch extrem beleidigend rüberkommen.

 

 Ich hielt kurz an, sah in seine dunklen Augen, die nicht einmal von dem strahlend weißen Augapfel erhellt wurden, und lächelte ihn triumphierend an. „Bravo! Endlich hast du kapiert, dass ich dich IGNORIERE!“

 

Vielleicht steht dieser Typ heute noch auf dem Parkplatz des Supermarktes und kann seinen erstaunten Mund noch nicht schließen! 

 

 

 

 

 

 

 

1 Kommentare

Herbstanfang

 

Es geht los! Schon seit einer Weile laden die verschiedensten Magazine, Zeitschriften und die Feuilletons der Zeitungen ein, es sich drinnen kuschelig schön zu machen. Da werden Wellnessprogramme für das Bad angeboten. Es gibt seitenweise praktische Ratschläge wie man mit wenig und günstigem Material die Innendekoration farblich aufpeppen kann. Draußen wird es grau und dunkel. (Wer sagt das denn?) Folglich brauchen wir drinnen heimelige Kerzen, warme Farben und entspannende Düfte.

 

Der Traumsommer ist vorbei. Das Leben soll drinnen weitergehen. Nun, darüber kann ich persönlich nur lächeln. Ich habe den Sommer in Norwegen verbracht. Dort war es überwiegend kalt, die Sonne versteckte sich hinter einer dichten Wolkendecke und die Landschaft bleibt ohnehin etwas farblos. Wenn der Himmel sich zu einem einzigen Grau entschließt wird auch das Grün der Wälder noch dunkler und die Farbe des Wassers ist ohnehin nur so intensiv, wie die Welt, die sich in ihm spiegelt. Ein eisiger Wind tobte oft über das Land und brachte starken Regen mit sich. Kein Wetter für einen Bootsausflug auf den, ach so romantischen und von den vorbeiziehenden Touristen so geliebten, Fjorden. Ein Spaziergang wurde zur Herausforderung des eigenen Gleichgewichts. Ich habe öfters die Heizung eingeschaltet, als dass wir draußen auf der Terrasse essen konnten.

 

Aber ich muss gestehen: für mich war es das beste Wetter zum Schreiben. Auch wenn ich am Nachmittag gerne gelaufen wäre. So habe ich die seltenen Tage ohne Regen und Wind dazu genutzt. Wobei es am Strand immer windig gewesen ist. Mal stärker, mal schwächer, aber immer ungemütlich kalt.

 

Ich habe es trotzdem knapp drei Monate dort oben ausgehalten. Mein Plan ist wunderbar aufgegangen. Deshalb freute ich mich auf die letzten schönen Sommertage in Deutschland. Zwar hat es hier auch geregnet und die Tage werden auch langsam dunkler. Aber es ist definitiv wärmer. Und es soll noch einmal schon warm werden. Altweibersommer nennt man das hier.

 

Nach dem gefühlten Herbstanfang am 1. September beginnt heute der offizielle. Auch wenn sich das Klima schon lange nicht mehr daran hält. Schon gestern war es wunderbar warm und wir konnten noch sehr schöne Spaziergänge unternehmen.

 

Wir freuen uns auf die interessanten Herbstmärkte in den Dörfern der Region mit ihren fantasiereichen, handwerklichen Kreationen. Wir freuen uns auf die Farbenpracht der Wälder, die sich langsam darauf vorbereiten und uns die schönsten Paletten der Gelb- und Braun- und Rottöne zeigen.

 

Und, besonders mein Mann, freut sich auf meine Begeisterung, mit der ich den Wohnraum mit einem verführerischen Backduft ganz langsam auf die kältere Jahreszeiten einstimme und genießt das leckere Gebäck und die herbstlichen Kuchen mit den saisonalen Früchten. Dieses Jahr werde ich fleißig mitschreiben. Und natürlich fotografieren.

 

Dann könnte ich euch im nächsten Sommer schon mit meinen „kuscheligen“ Rezepten auf den nächsten Herbst einstimmen...

 

 

 

 

 

 

0 Kommentare

Meine Rezension für Rolf Vollmann "Die wunderbaren Falschmünzer"

Auf Seite 1081 hatte selbst der Verleger genug und zählte nicht weiter. Die aufwendigen vier Register waren fast beendet. Es gab noch ein paar Seiten hübsche Werbung für weitere Bücher aus diesem Verlag.

 

Ich hatte schon viel früher aufgehört, ordentlich zu lesen. Normalerweise gönne ich jedem Buch, das ich ernsthaft und interessiert lese, Wort für Wort. Nur, wenn es mich total nervt, ich es trotzdem zu Ende bringen möchte, beginne ich quer zu lesen.

 

Allein der Schreibstil von Rolf Vollmann ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Er schreibt seine Gedanken nieder, wie sie ihm einfallen, ohne zu beachten, welchen Satz er gerade begonnen hat. Sein Lektor wird wohl genauso überfordert gewesen sein. Jedenfalls gibt es immer wieder Sätze, die man unendlich wiederholen kann, ohne sie besser oder überhaupt zu verstehen! Falls man sich, auf der Suche nach einem Punkt, nicht im Labyrinth seiner zahllosen Satzzeichen schon frühzeitig verliert.

 

Oft kam ich an einem Punkt an und wusste wirklich nicht mehr, welcher Sinn seit wann in diesem endlosen Satz verfolgt werden sollte. Immerhin war der Anfang irgendwo auf der letzten Seite. Ganz schlimm waren die krassen Gegensätze: Telegraphisch kurze Beschreibungen (Vollmann würde nun eine Fußnote einfügen und den Leser fragen, ob er den Begriff „telegraphisch“ überhaupt noch kennt), also extrem wortkarge Exposés, jedoch mit Kommas aneinandergereiht, oft bis zum Ende der Zusammenfassung!

 

Da ich gerade seine Fußnoten angesprochen habe. Es war das erste Mal, dass ich mich durch das Meer, an mehr oder weniger interessanten und oft überhaupt nicht themenverbundenen, Bemerkungen hindurch gearbeitet habe. Auch diese konnte man, wie ich es normalerweise pflege, gerne und unbesorgt ignorieren. Diese verschachtelten Sätze wollten viel zu oft mehrmals gelesen werden und dann verstand ich sie immer noch nicht!

 

Der Inhalt dieses Buches, das immerhin die Romane von 1800 bis 1930 vorstellen wollte, ist für mich ungemein interessant gewesen, da ich die klassische Literatur und natürlich auch Romane sehr gerne lese. Aber Vollmanns chaotischer Stil verminderte sehr das Lesevergnügen. Ich blieb dabei, weil ich auf die sehr vielen Informationen über die angebotene literarische Epoche neugierig war. Mehrere Schriftsteller waren mir bekannt, jedoch gab es auch sehr viele, die im Meer des Gewöhnlichen untergegangen sein mögen. Erschreckend fand ich oft die Zitate und Auszüge aus Büchern, die keineswegs lesenswert waren.

 

So manche Neue konnte ich annehmen, bei einigen Schriftstellern waren wir hin und wieder der gleichen Meinung. Aber seine Aversion gegen Hermann Hesse war mir doch unverständlich. Vollmann hatte auch nicht alle Romane der von ihm gewählten Zeit besprochen. Nicht einmal die wichtigsten oder größten Werke. Ich definiere gerne „groß“ ohne Fußnote: ein großes Werk wird von mehreren Generationen gelesen und bestimmt nicht nur seine Epoche, sondern fügt sich in die klassische Literatur ein. Zwei Drittel der von Vollmann besprochenen Werke gehören wohl nicht dazu.

 

Jedoch fand ich auch in dieser schwierigen Lektüre etwas ungemein Positives. Nachdem ich mich durch das Buch von Rolf Vollmann bis zur letzten Seite gequält habe, wird es mir nicht mehr schwer fallen, je wieder ein Exposé zu schreiben. Ich habe so viele Zusammenfassungen, mit und ohne Auszüge gelesen, dass ich gerne zugebe, alleine diese Übung hat es gelohnt, sich durch das ganze Buch zu kämpfen.

 

Hin und wieder überraschte mich Vollmann mit sehr guten Sätzen. Sie sind leider die Ausnahme gewesen in einem Meer der überflüssigen Wörter über längst vergessene Bücher, die schon lange nicht mehr gedruckt werden...

 

0 Kommentare

Meine Eindrücke aus Norwegen

Ich liebe es, hin und wieder anzuhalten. Ich liebe die einsamen Stunden, in denen ich mich sammeln kann. Diese kostbaren Augenblicke, die dazu beitragen, meinen Kopf wieder frei zu bekommen. Das fühlt sich oft an wie eine Reset-Taste.

 

Wenn ich, ganz früh am Morgen, die Stille draußen spüre, die menschenleere Straße betrachte und auf mich wirken lasse, dann habe ich dabei gerne das Gefühl, als ob die Welt gerade eine Pause macht. Die Zeit läuft irgendwo, aber nicht in mir. Ich halte an.

 

In dieser beinahe geisterhaft fantastischen Lautlosigkeit kann ich Vergangenes wunderbar analysieren. Ohne störende Einflüsse von außen, im Einklang mit meiner inneren Ruhe finde ich Lösungen für aufgeschobene Probleme. Die Wörter kommen passender herüber. Deshalb schreibe ich auch bevorzugt in dieser nahezu übersinnlichen Stille. Weitab vom Lärm des Alltags.

 

Seit zwei Monaten lebe ich mit meinem Mann in Norwegen. Wir hatten uns vorgenommen, den Sommer in diesem Land zu verbringen. Dafür haben wir drei gute Gründe: Zum einen lebt hier unsere jüngste Enkelin im schönsten Kindesalter. Sie ist gerade mal zwei Jahre und drei Monate alt. Der zweite Grund ist auch nicht zu unterschätzen: hier im Norden ist es zumeist zehn Grad kühler als auf dem mittlerweile viel zu heißen Kontinent. Dass es dieses Jahr hier extrem kühl sein würde, verwundert selbst die Norweger. Aber Wind und Wetter und viel Regen hilft mir nur bei meinem dritten Motiv: ich möchte meinen neuen Roman fertigschreiben. Hier habe ich die nötige Ruhe dazu.

 

In diesem Land sind die Ansiedlungen ziemlich verstreut. Wir leben in einem kleinen Haus an einem, für norwegische Verhältnisse, relativ kleinen See. (Immerhin ist er gute zwei Kilometer lang.) Die Landstraße ist nur gegen Abend etwas stärker befahren. Das Grundstück ist ziemlich weiträumig und hält die Straße, sowie die nächsten Häuser auf angenehme Distanz. Vor uns liegt der See, auf dem nur gerudert wird, wenn nicht gerade ein Biber vorbeischwimmt. Hinter uns dämmt ein schmales Waldstück auf einer sanften Anhöhe die vom Meer kommenden Winde.

 

Ganz früh am Morgen, so gegen vier bis fünf Uhr, danach wird es zu hell, kommen zuweilen Rehe und junge Elche vom Wald herüber. Entweder durchqueren sie die große Wiese und gehen geradewegs hinunter zum See, oder sie machen einen Zwischenstopp auf unserer kleineren Wiese und fressen ein paar junge zarte Zweige von den kleinen Bäumchen, die eigentlich wachsen sollten und somit die Lust daran verlieren und schnell eingehen.

 

Einmal habe ich einem Reh in die Augen gesehen. Es ist keineswegs scheu. Der Blick war eine einzige Herausforderung: Ich weiß, dass ich über dein Grundstück laufe, aber das stört mich nicht.

 

So habe ich ihn lächelnd interpretiert. Ich blieb zunächst ruhig am Eingang stehen. Auch das Reh rührte sich nicht. Es starrte mich nur neugierig an. Schließlich ging ich doch auf mein Auto zu. Ohne das Reh auf der dichten großen Wiese aus den Augen zu lassen. Mittlerweile beobachtete es mich ganz ruhig. Kein sprunghaftes Weglaufen, nur ein neugieriger, beinahe trotziger Blick. Schließlich hatte es mich genug betrachtet und erkannt, dass ich keine Gefahr darstellen würde. Gemächlich zog es Richtung Wasser, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Das Tier mag wohl gespürt haben, dass ich es respektiere. Ja, ich freute mich sogar über unsere „Begegnung“.

 

Neben der Landstraße gibt es eine kurze, aber bequeme, weil asphaltierte, Strecke zum Gehen und Radfahren. Dort gehe ich gerne spazieren. Gen Westen steigt der Gehweg sanft hinauf zu einem kleinen Ort. Die Autostraßen werden immer enger bis sie schließlich auch auf Asphalt verzichten und nur noch Schrotterkies als Belag genügen muss. Meinem Auto hatte diese Straße nicht gefallen, als wir sie einmal fahren wollten. Ich umkreiste zwar den großen Fjord, aber mein rechter Vorderreifen hatte sich „geschnitten“ und musste repariert werden. Gen Osten führt der Gehweg am Wald entlang bis hinunter zum Fjord. Diese Spaziergänge weite ich gerne aus. Sie sind für mich die angenehme Balance, wenn ich ein paar Stunden geschrieben habe.

 

Draußen bleibt es grau in grau und entsprechend kühl. Auch heute wird es wohl wieder regnen. Nur die angenehme Stille füllt mein Herz mit heiterer Zufriedenheit.

 

 

 

 

 

 

 

Die Gefahren in den sozialen Netzwerken

Foto: MJ Todd
Foto: MJ Todd

 

 

 

 

Gestern war ich bei einem Vortrag über „Facebook, Twitter & Co.“ Der Referent war im richtigen Alter, hatte Informatik studiert und sein Berufsleben dem Computerzeitalter angepasst. Seine Aufzählung der Vorteile war nachvollziehbar. Die gegenüberstehende Liste der Nachteile etwas weniger. Ein Argument wird immer wieder in den Vordergrund gezogen, jedoch kann ich dem einfach nicht zustimmen.

 

Ich arbeite und beschäftige mich mit den sozialen Netzwerken seit mehr als zehn Jahren. Zuerst war es Neugierde, dann machte es Spaß, letztendlich fand ich aber auch die nützliche Seite sehr ansprechend. Nur eines kann ich einfach nicht verstehen: die Angst der Menschen, ihre Privacy könnte verletzt werden, der Datenschutz soll sicherer werden.

 

Erst einmal sollte man sich doch voll im Klaren sein, was man im Netz von sich preisgibt. Jeden Tag scrolle ich über sehr viel Unsinn. Viele nehmen die sozialen Netzwerke als Ventil für ihre Gefühle und ihre ganz persönlichen Meinungen.

 

Was esse, trinke, fühle, denke ich gerade. Was ist meine Meinung zu diesem Post.

 

Besonders in öffentlichen Profilen, die Nachrichten verbreiten, werden oft Kommentare gepostet, die mich an die Stammtische von früher erinnern. Da wurde doch auch alles Mögliche und Unmögliche gesagt. Da gab es doch auch gerne verbale Reibereien. Dafür ging man doch dorthin.

 

Dasselbe gilt für die oft nicht ganz jugend- und gewaltfreien Kommentare in Gruppen und Foren von Sportvereinen. Das hat ebenfalls nichts damit zu tun, dass man in den sozialen Netzwerken unter falschem Namen auftreten kann. Jedes Stadion und jeder Platz, wo Sport stattfindet, kennt dieselben Kommentare. Da hilft es nichts, wenn man etwas mehr Geld ausgibt und auf der Haupttribüne einen ruhigeren Platz sucht. Viele gehen in ein Stadion, nicht nur zum Anfeuern, sondern auch, um sich selbst abzureagieren. Dadurch werden die Bemerkungen schärfer und vor allem ungeschliffener. Keiner verlangt jedoch den Datenschutz seiner soeben verbreiteten Wörter, die er dem Schiedsrichter oder dem Spieler zugeschrien hat.

 

Darüber denken auch diejenigen nicht nach, wenn sie sich auf der Straße, im Café, auf einem öffentlichen Platz befinden und diskutieren. Das gehört zum „realen“ Leben. Die Umstehenden oder Passanten im Vorbeigehen sind Fremde, die doch eigentlich gar nicht zuhören. Wirklich? Wenn jemand lautstark, oder auch ganz normal, in der Öffentlichkeit telefoniert, dann bekommt seine Umgebung das Gespräch mit, ob sie das will oder nicht. Besonders in Bussen und Bahnen ist es unvermeidbar. Wie viele Gespräche habe ich mitanhören müssen, ohne daran im Geringsten interessiert zu sein. Da fragt derjenige nicht nach seiner Privacy.

 

Und denkt jetzt bitte nicht, das sind Ausnahmen. Im „realen“ Leben sind diese Menschen keineswegs mehr selten. Im Gegenteil. Die Menschen mutieren genauso schnell wie die Technologie. Zu Beginn der Handy-Ära - ja ich kenne die Welt auch noch ohne! -  war es doch offensichtlich, wie sehr die stolzen Besitzer dieser neuen mobilen Telefone damit angeben wollten. Kein öffentlicher Ort war vor ihnen sicher. Ist es auch heute nicht. Nur, dass die Smartphones jetzt das Internet mit einbeziehen und deshalb die linke Hand „stumm surfen“ kann, während die rechte Hand versucht, das Essen vom Teller zielgerecht in den Mund zu befördern.

 

Aber zurück zum Internet und seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Ich kann dort sehr viel finden, wenn ich etwas recherchiere. Und dabei habe ich die Gelegenheit, sehr nette Leute kennenzulernen. Das Netz gibt mir die Möglichkeit, Menschen zu kontaktieren, die ich im „realen“ Leben kaum so schnell und gut erreichen könnte. Das ging mir so, als ich einen Zeitungsartikel über Nanoplaneten, die sich in gigantische Diamanten verwandeln, gelesen habe. Sofort fand ich über Google den im Artikel zitierten amerikanischen Professor. Ich kontaktierte ihn mühelos und wir hatten einen sehr interessanten Austausch. So etwas wäre im „realen“ Leben überaus komplizierter bis unmöglich gewesen.

 

Und noch ein großer Vorteil, der mir persönlich sehr gelegen kommt: In den sozialen Netzen kann ich mich viel besser verteidigen. In dieser Hinsicht sollte man sich doch bei Facebook einmal bedanken. Ungebetene Kontakte können sehr effektiv eliminiert werden.

 

Folglich sollte sich jeder bewusst sein, was er von sich preis gibt und wie er das Internet benutzt. Es ist ein wunderbares Instrument, unsere Welt ein wenig kleiner zu gestalten, unseren Horizont etwas weiter zu öffnen. Wir haben unzählige Möglichkeiten. Wir sollten sie nutzen und nicht immer nur kritisieren. Das liegt auch viel an der Natur der Einzelnen. Datenschutz und Privacy gibt es auch im Großraumbüro nicht. Jeder ist für seine Taten und seine Worte selbst verantwortlich. Also gebt nicht Facebook und Twitter die Schuld, sondern euch allein.

 

Das solltet ihr berücksichtigen, wenn ihr wieder einmal Bilder ins Netz stellt. Das funktioniert genau so, als ob ihr das Foto auf irgendeinen öffentlichen Platz legt, wo es jeder sehen und auflesen und mitnehmen kann.

 

Noch ein Wort zum Datenverkehr im Internet. Wenn ihr in Online-Shops irgendwo ein Produkt sucht und anschließend findet ihr die entsprechende, zielgenaue Werbung neben euren Mails oder auf euren sozialen Netzwerken und sie nervt euch. Nun, in den ersten Zeiten hat es mich auch genervt, laufend die kurz mal angeklickten Produkte zu sehen. Bald fand ich aber heraus, dass ich, besonders auf Facebook, diese Werbung kostenlos für meine eigene nutzen kann.

 

Bitte beschwert euch auch nicht über die lieben „Cookies“, die dazu verhelfen, diese Daten über eure Vorlieben zu sammeln und auszuwerten. Schon vor zwanzig Jahren gab es die Treuekarten der großen Einkaufsketten. Damit wurden eure Kassenbons gesammelt und ausgewertet. Aber das schien euch damals nicht zu stören. Oder habt ihr es nur nicht gewusst?

 

Ebenso geht es mit den Adressen. Die beliebten Gewinnspiele verlangen alle eine Adresse, wenn nicht sogar eine Telefonnummer. Da macht ihr doch gerne mit. Im Telefonbuch wollt ihr doch auch noch stehen. Das ist öffentlich und sagt viel über euch aus. Über Namen kann man sogar das Alter schätzen. Dort ist eure Adresse jedem erhältlich. Und was den Verkauf von Adressen angeht, den gab es auch vor dem Internet. Durch das Internet sind die Gefahren nicht größer geworden, sie kommen nur von einer anderen Seite. Aber geändert hat sich nur unser Benehmen, keineswegs die Gefährlichkeit an sich.

 

Ich versuche, im Internet genauso vorsichtig zu sein wie im realen Leben. Ein gesundes Misstrauen hilft mir dabei. Wobei ich die Betonung auf das Wort „gesund“ legen möchte. Denn, ich bleibe ebenso offen für alle mir nützlichen Informationen und positiven Gelegenheiten und schönen Begegnungen, die mir das „Welt Weite Netz“ bietet.

 

 

0 Kommentare

Lotte R. Wöss, eine Buchvorstellung

 

 

Per Handschlag für immer von Lotte R. Wöss ist alles andere als ein romantischer Liebesroman. Die Autorin lädt den Leser zu einer rasanten Fahrt auf der Achterbahn der Gefühle ein. Man muss aber einiges aushalten können. Der Schreibstil entspricht den Knalleffekten. Ich habe dieses tolle Buch in zwei Abenden verschlungen. Die letzten vier Stunden waren grausam ... gut.

 

Eine taffe Unternehmerin, die in dritter Generation außergewöhnliche Pralinen herstellt und ein adliger Keksfabrikant sollen einen Joint Venture eingehen. Beide leiden unter stark ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, wenn es um ihre physischen Mängel geht. Der Graf kann nicht die Narben eines Wolfrachens in seinem Gesicht sehen. Die Unternehmerin fühlt sich in ihrem molligen Körper nicht wohl. Noch dazu werden sie von ihrem Umfeld ständig darauf hingewiesen. Falls jemand glaubt, dies wäre nicht nachvollziehbar, dann muss ich ihn enttäuschen. Es ist nerv tötend, aber es gibt solche Menschen. Jedoch, denkt bitte nicht, dass diese stressigen, immer wiederkehrenden, Anspielungen der einzige Grund für meine Magenkrämpfe waren. Oh nein!

 

Ich las das E-Book. Auf der Kindle-Software sehe ich nicht die Seitenzahl, sondern eine, für mich (noch) gewöhnungsbedürftige, vierstellige Prozentzahl. Bei jedem Knalleffekt der Geschichte sah ich ängstlich auf die Zahlen unterhalb der Seite. Wann wird es wohl zu enden gehen? Was müssen die beiden noch alles durchmachen? Reicht es nicht langsam?

 

Ich will keineswegs alles vorwegnehmen. Die letzte Seite musste ich trotz allem zweimal lesen. Vielleicht wollte ich nicht ganz verstehen, dass die Geschichte doch ihr Ende gefunden hatte. Auf jeden Fall könnt ihr euch mit diesem Buch nicht entspannt zurücklehnen, ohne hin und wieder aufzuschrecken. Die Autorin hat ein Feuerwerk entworfen, das lange nach dem letzten Satz noch in euch klingen wird. Jedenfalls ging es mir so.

 

 

 

0 Kommentare

Die Trägheit des Winters wird vom Frühling vertrieben

Augen auf und ran an den Frühjahrsputz! Was hat sich da alles in den Ecken und versteckten Winkeln angesammelt! Verstaubte Bequemlichkeit lebloser Tage!

 

Heute ist Frühlingsanfang! Er ist offiziell im Kalender angekommen! In den Gärten sprießen seit Tagen Krokusse und Schneeglöckchen um die Wette. Vögel zwitschern überall. Die Welt will wieder bunter werden. Der graue Winter ist vorüber.

 

Jetzt kommt die Zeit, in der wir gerne Haus und Garten oder Wohnung und Balkon neu entdecken. Jeder Winkel wird von der neugierigen Sonne beleuchtet. Sie zeigt uns, wo Hand angelegt werden muss. Ausräumen, reinigen, entrümpeln. So etwas Ähnliches hatten wir uns doch schon zu Beginn des Jahres vorgenommen. Der eigene Körper sollte gleich nach den üppigen Festtagen wieder straffer werden. Dann kam Fasching, Karneval oder Fastnacht dazwischen. Aber jetzt gibt es keine Ausreden mehr! Raus in die Natur! Das Gehirn mit frischem Sauerstoff versorgen. Den Körper entschlacken und entgiften. Den Geist wieder aufnahmefähig machen.

 

Ich hatte Aschermittwoch mit einer Detox-Kur begonnen. Sie sollte gerade mal zehn Tage dauern und wurde von mir auch von einer sehr einladenden Retox-Gymnastik begleitet. Schon nach drei Tagen fühlte ich mich wohler. Ich beobachtete meinen Körper. Der Bauch wurde flacher, Blähungen verschwanden und kamen nicht wieder. Das gab mir zu bedenken. Ohne große Einschränkungen mache ich weiter und erfreue mich der abnehmenden Nebenwirkungen. Dabei lasse ich nur die Butter zum Frühstück weg und esse kein Joghurt und keinen Quark mehr. Beim Kochen vermeide ich Crème fraîche und nehme Olivenöl anstatt Butter wo immer es geht. Ich bin so weit, dass mein hin und wieder auftretender Appetit nach Schokolade schon nach einem Rippchen gestillt ist und es nicht mehr, wie vorher, die ganze Tafel sein muss. Weizenmehl wird zur Ausnahme. Im Kaffee habe ich meinen Löffel Zucker zu einem Drittel reduziert.

 

Aber der effizienteste Trick an dieser Umstellung ist der Verzehr von Zitrusfrüchten zu jeder Mahlzeit: Morgens trinke ich einen Grapefruit- oder Orangensaft. Mittags und abends gibt es als Dessert gerne Obst. Mal begleitet ein Kiwi irgendeine passende Frucht (wobei die grüne Zitrusfrucht sich beinahe  allen anderen Obstsorten kombinieren lässt) mal gibt es eine Orange. Dadurch wird der Stoffwechsel angeregt!

 

Mit dieser wunderbaren Leichtigkeit freue ich mich über den Frühling und seine „aufregenden“ Gefühle. Er lockt nicht nur die bunte Vielfalt von Blumen und Pflanzen, Sträuchern und Bäumen heraus. Alle recken sich nach dem Licht. Überall sprießen die Triebe. Bald duftet es allerorts nach den süßen Blüten. Frische Schnittblumen bereichern jeden noch so kleinen Tisch. Und im Bauch beginnen die Schmetterlinge zu kribbeln.

 

Die Welt wird unter einem ganz neuen Aspekt wahrgenommen. Der Geist setzt eine unschlagbare, unglaublich starke Energie frei. Damit ist der träge Winterschlaf endgültig  beendet. Nach dem Frühjahrsputz in den eigenen Räumen wird die Garderobe durchgecheckt. Was passt wieder oder noch? Der Enthusiasmus schickt uns hinaus in die frische Luft. Die wiederentdeckte bewusste Bewegung strafft unsere Haut und befreit unzählige Glückshormone. Unsere Lebensfreude wird angekurbelt und das Glas ist  schneller halb voll.

 

Projekte werden konkreter betrachtet. Pläne werden gezielter durchgesetzt. Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen triumphieren über den inneren Schweinehund. Den wollen wir erst einmal den stürmischen Winden übergeben, damit sie mitnehmen und im Nirgendwo absetzen...

 

Die Natur erneuert sich und wir wollen dabei sein und mithalten!  

 

 

 

0 Kommentare

Die Seelenmuse von Heike Hoffmann

Die Seelenmuse – ein wunderschöner Titel für einen Gedichtband. Seit der Antike ist die Muse verantwortlich für die Inspiration, gehört zur Kreativität. In diesem Fall sollen die Gedichte unsere Seele erleuchten, unsere Gedanken streicheln.

 

Ich lese Bücher stets von der ersten bis zur letzten Seite. Zumindest das erste Mal. Danach schlage ich schon mal gerne bestimmte Seiten auf, suche mir gezielte Passagen oder, wie im Falle von Heike Hoffmann, schlage Gedichte nach, die mich auf ganz besondere Weise angesprochen oder berührt haben. Deshalb bin ich der Autorin sehr dankbar für ihr sinnvolles Inhaltsverzeichnis. Ebenso habe ich die große Schrift genossen. Dadurch wurde die Lektüre angenehmer und fließender.

 

Diese Selenmuse lässt uns lachend beginnen. Versucht sogleich eine leise Verführung. Allerdings wartet sie schon im dritten Kapitel mit Tränen und den mannigfaltigen Gefühlen auf, die von ihnen ausgelöst werden. Nach solch rauschenden Emotionen geht es erst richtig stürmisch los. Die Gedichte reizen und erregen wie ein Orkan im offenen Ozean. Erst, wenn sich die Muse wieder etwas beruhigt hat, entschließt sie sich, ihre Sinne und Empfindungen tanzen zu lassen. Leicht und beschwingt, sinnlich und fühlbar. Sie zieht uns mit sich bis tief hinein in ihre Seele, in unsere Seele. Und endet mit einer zärtlichen Umarmung, deren Worte sehr magisch klingen, auch wenn ihnen der von mir so sehr geliebte Rhythmus fehlt. Wohl bemerkt, bedeutet das keineswegs ein Reim in jedem Vers. Es ist die einzigartige Betonung der Wörter, deren Schwingungen beim Lesen durchdringen und außergewöhnliche Takte bilden. Es ist die Melodie der Poesie, mit der die lyrischen Inhalte unsere Seele erreichen und sich in unserem Geist verwurzeln.

 

Meine Favoriten aus Heike Hoffmanns Gedichtband Die Seelenmuse sind das heitere Phil und Sophie sowie die unterhaltsame Augenblicksbeschreibung Der Pianist. Bei über 80 Gedichten ist die Themenvielfalt bemerkenswert. Deshalb ist man gut beraten, das Buch nicht ins Regal zu stellen, sondern sichtbar auf einem Tischchen liegen zu lassen. Denn, hin und wieder will man sich an den einen oder anderen Vers erinnern. Oder sich gerne ein wenig entspannen und bei einem zufälligen Aufschlagen des immerhin 200 Seiten starken Buches die Seele baumeln lassen, den Geist regenerieren, den Alltag vergessen.

 

 

 

0 Kommentare

Lesen ist ein Lebenselixier

 

 

Für mich war das schon immer so. Lesen hat mein Leben erfüllt, seit ich die Magie der Buchstaben kennenlernen durfte. Zuvor war es mein Großvater, der mir mit Engelsgeduld immer wieder meine Lieblingsbücher vorgelesen hatte.

 

Die großen Klassiker haben uns gewiss gesunde Ratschläge mitgegeben, von denen wir in jeder Zeitepoche noch etwas lernen können. Von Seneca bis heute findet man immer wieder einen Absatz, ein Zitat, einen Ratschlag, der auch in unsere Gegenwart hineinpasst.

 

Begeistert verschlingen wir einen unterhaltsamen Roman, erregen unsere Gefühle mit einer Liebesgeschichte, zittern bei einem spannenden Krimi oder Thriller, reizen unsere Angst in horrenden Fantasy-Geschichten aus. Hauptsache, wir sind für ein paar lange Minuten oder gerne auch Stunden, abgeschirmt von der Umwelt, eingetaucht in unser Kopfkino. Wir wollen mit den Protagonisten fühlen, uns identifizieren, am Ende (be)urteilen.

 

Wir lesen aus Leidenschaft, aus Langeweile, aus Neugierde. Nun haben wir aber auch die Bestätigung, dass diese doch so unauffällige Nebenbeschäftigung unserer Gesundheit äußerst gut tut, auch wenn wir uns dabei kaum bewegen. Dafür tun es unsere Gehirnzellen!

 

Die renommierte Elite-Universität in Yale hat eine Studie herausgebracht, die unser Hobby zu einem effizienten Lebenselixier nobilitiert: Wer mehr als eine halbe Stunde am Tag liest verlängert sein Leben um mindestens zwei Jahre! Denn, so ergab die langjährige Untersuchung, beim Lesen bewegen wir unser Gehirn. Durch das Kopfkino kommen alle unsere grauen Zellen in Bewegung, Die Gefühle können ruhig mal auf der Achterbahn fahren, das ist wie eine Kneippkur für das Gehirn. Es wird aufgefrischt, bleibt fit und entwickelt einen ausgeprägten Anti-Stress-Effekt. Kennt ihr das Glücksgefühl nach einem phantastischen Buch?

 

Die Studie bringt jedoch noch mehr Fakten hervor: Schon bei Kleinkindern soll sich alleine vom Vorlesen der Geschichten ein sozialeres Verhalten entwickeln. Toleranz und Mitgefühl prägen die Kids, deren Erziehung die Schönheit der Bücher und die daraus entstehende Lektüre schon von Anfang an miteinbezieht.

 

Also kann man nicht früh genug damit beginnen! Deshalb holt euch doch gleich diese wohltuende, wissenschaftlich bewiesene Medizin in eurer Bibliothek oder bei eurem Lieblings-Buchhändler. Ach ja, es geht um Bücher, nicht um Zeitschriften oder Zeitungen. Letztere sind voller Infos und aktivieren nicht so sehr das Kopfkino, sondern zerren eher an den Nerven.

 

0 Kommentare