Frauentag für Frauenrechte

 

 

 

Wir leben im 21. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Wir sprechen mittlerweile über die Einführung eines dritten Geschlechts. Und doch müssen sich Frauen immer noch rechtfertigen, sind Frauen immer noch nicht gleichwertig honoriert und, vor allem, werden Frauen immer noch unterdrückt, misshandelt und gedemütigt. 

 

Viele Männer haben weiterhin Probleme mit Frauen und deren Multitasking-Talent. Die traditionelle Rollenverteilung hat in den heutigen unzähligen Singlehaushalten und Patchwork-Familien schon lange keine Wurzeln mehr. Dennoch bleibt vieles an den Frauen hängen, was Männer nicht tun wollen oder auch können. Zum herkömmlichen Multitasking der Frauen gehören die Schwangerschaft (unmöglich für Männer), der Haushalt (hier wollen sie oft nicht) und die Kindererziehung (da bestimmen sie gerne mit).

 

Der Mann, wenn man so will, hat das Vergnügen, die Frau muss alleine ihre Geburtsschmerzen aushalten. Händchenhalten hilft da nur bedingt. Der Haushalt lässt sich (eigentlich) sehr gut von beiden bewältigen. Ich kenne viele Männer, die gut kochen, und auch einige, die sehr gut bügeln. Dazu kommen weitere Hausarbeiten und kleinere Reparaturen, die von beiden ausgeführt werden könn(t)en. Die Kindererziehung war und ist immer noch der dritte Aspekt der traditionellen Rollenverteilung. Zwar wollte und will der Mann gerne mitbestimmen. Aber seine oft fehlende Präsenz erschwert die Durchsetzung.

 

Diese Multitasking-Force genügte der Frau schon lange nicht mehr. Sie erweiterte ihre Gebiete mit noch mehr Arbeit. Bildung und Beruf geben vielen Frauen eine Freiheit aus ihren überlieferten Aufgaben und Zwängen. Für diese Freiheit haben sie lange gekämpft. Sie gehört schon in vielen Ländern zum täglichen Leben.

 

Frauen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein und fachlicher Kompetenz bestätigen sich ebenso glänzend wie Männer mit denselben Charakteristiken und Voraussetzungen. Nur, es fehlt (noch) an der Anerkennung. Eine Frau muss sich doppelt anstrengen, von ihren Mitarbeitern oder Kollegen oder Geschäftsfreunden akzeptiert zu werden. Dabei ist eine Frau dem Mann um einiges voraus. Logik und Scharfsinn kombiniert sie geschickt mit einer taktvollen Empathie, die ihr bei Meetings und komplizierten Verhandlungen einen klaren Vorteil gibt. Nur bei den Gehältern kommt eine nicht nachvollziehbare Ungerechtigkeit zu Tage. Wenn wir ehrlich sein wollen, sind Frauen noch einen Tick mehr wert als Männer. Schließlich sorgen sie alleine für den Nachwuchs. Oft sind sie auch mit der Kindererziehung alleine gestellt. Und viele sind auf einen Beruf angewiesen.

 

Und doch leiden immer noch viele Frauen an Unterdrückung, erleiden sexuellen und psychischen Missbrauch, ertragen Demütigungen und suchen ein Leben lang ihre Selbstachtung und ihre Menschenwürde.

 

Fakt ist, dass es auf dieser Welt noch viel zu viele Frauen gibt, denen jedes zivile Recht verwehrt wird. Ich denke da nicht nur an die orientalischen Staaten, in denen Frauen nicht einmal Auto fahren oder an einer öffentlichen Veranstaltung teilnehmen dürfen, sondern vor allem an die inhumane weibliche Beschneidung, die keine religiösen Gründe rechtfertigen können. Ich fühle mit allen Frauen, denen es, aus welchen Gründen auch immer, verwehrt wird, selbst zu bestimmen, ob sie ein Kind austragen möchten, insbesondere, wenn es sich dabei um die Konsequenz einer Gewalttat handelt.

 

Irgendwann wird wohl auch die Männerwelt einsehen, dass Frauen ihren Job genauso gut machen und dafür den gleichen Lohn wert sind, den ihre männlichen Kollegen erhalten. Allein diese Ungerechtigkeit sollte in zivilisierten Ländern längst abgeschafft worden sein. Ist es aber nicht!

 

Ehemann, Kinder, Haushalt und Karriere. Das alles will durchorganisiert sein. Hier erkennt man das eigentliche Multitalent der Frauen. Da endet der Vergleich mit Männern. Nie und nimmer würden sie eine Ehefrau, ihre Kinder, den Haushalt und ihren Beruf gleichzeitig managen. Dazu fehlt ihnen der letzte Schliff und Wille. Diese Stärke haben nur Frauen! Von wegen „das schwache Geschlecht“! Doch eines sollten wir auch bei allem gerechtfertigten Kämpfergeist nicht vergessen: unsere feminine Seite!

 

Es ist so angenehm, mit einem freundlichen Lächeln viel mehr erreichen zu können als mit unangenehmen, nicht enden wollenden Diskussionen.

 

Denn, dieser Tag alleine genügt nie und nimmer, alle hilfsbedürftigen Frauen dieser Welt zu befreien. Das geht leider nur Schritt für Schritt.

 

Der italienische Innenminister hat heute zwei neue Gesetze vorgestellt, die Frauen mehr Schutz und, wie dem auch sei, mehr Gerechtigkeit zukommen lassen sollen. Es geht vor allem um das verkürzte Strafsystem bei Missbrauch und Mord. Der Zeitpunkt für dieses Gesetz ist sehr clever gewählt.

 

Der italienische Staatspräsident hat in seiner Rede heute auch sehr lange über die Menschenhändler gesprochen, die Frauen zur Prostitution zwingen. Jedoch war die unverblümte Kritik auch an die Männer gerichtet, die sich skrupellos daran bedienen. Ohne diese „Kunden“ gäbe es nicht diesen dunklen „Markt“!

 

Der heutige Tag wird nicht ausreichen, alle gravierenden Probleme anzusprechen oder gar definitiv zu lösen. Wenn ich aber nur einen Mann sehe, höre oder von ihm lese, dass er einen (kleinen) Schritt gewagt hat, um vorhandene negative Situationen zu verbessern, dann war der heutige Tag ein „Fest der Frau“.

 

 

 

 

 

Aschermittwoch

 

Aschermittwoch. Auch so ein Scheideweg im Kalender. Die Narren haben sich (hoffentlich) ausgetobt. Das Wetter hatte ihnen dieses Jahr ziemlich zugesetzt. Aber davon lässt sich ein überzeugter Karnevalsfanatiker nicht abhalten. So mancher Rausch steckt noch in ihren Gliedern. Auch etwas, das ich nicht verstehen kann. Warum immer dieser überzogene Alkoholkonsum? Wer sich gerade in diesem langgezogenen, närrischen Wochenende total gehen lässt, gehört bestimmt nicht zu denen, die ab heute auf Alkohol verzichten.

 

Aschermittwoch ist der traditionelle Beginn der Fastenzeit.

 

Und doch wird dieser Tag in dem tiefkatholischen Italien kaum beachtet. Vor einigen Jahren, als ich noch in Italien lebte und voll im Berufsleben stand, nutzte ich diese sieben, endlos langen, Wochen, um keine Süßigkeiten mehr zu essen und den Zucker radikal zu reduzieren. Diese Selbstkasteiung hat im Italienischen den netten Namen fioretto.

 

Ich tat es nicht aus religiösen Gründen, sondern nahm diese Fastenzeit eher als Alibi, wieder einmal etwas gesünder zu leben. Nach ein, zwei Wochen begann das Obst und Gemüse und alles, was ich sonst (noch) aß, einen neuen, intensiveren Geschmack zu bekommen. Natürlich gab es zunächst auch kurze Entzugserscheinungen. Der Körper reagiert ja sofort mit Kopfschmerzen, wenn ihm etwas von jetzt auf gleich, entzogen wird. Doch ein fester Wille, der Zwillingsbruder der Disziplin, kann sehr gut dabei helfen, diese physischen Schmerzen durchzustehen.

 

In der Karwoche hatte mein Mund oft einen bitteren Geschmack. Mein Gehirn lechzte nach einem Stück Schokolade. Ich freute mich auf den Ostersonntag. Da buk ich gerne den leckeren Schokoladenkuchen Vivianne aus dem Film Chocolat! Ein toller Film mit Juliette Binoche und Johnny Depp! Muss man gesehen haben! Doch nicht immer mundete er mir. Manchmal war ich so vom Zucker entwöhnt, dass ich überhaupt keinen Appetit mehr dazu hatte. Das war damals. Heute habe ich mich ohnehin umgestellt.

 

Weniger Zucker ist seit einiger Zeit voll im Trend.

 

Sportler erzählen stolz, seit wie vielen Jahren sie keinen Zucker mehr zu sich nehmen. Moderatorinnen schreiben Bücher über das Leben ohne Zucker. Ich habe mich etwas softer mit diesem Thema beschäftigt. Ich habe erst einmal den „raffinierten“ Zucker mit Rohrohrzucker ersetzt. Jedoch stimmt es schon. Mit weniger Zucker fühlt man sich fitter.

 

Demnach bleibt mir nicht mehr viel übrig: Alkohol trinke ich nur hin und wieder, Fleisch esse ich so gut wie selten, Süßigkeiten habe ich umgepolt und schon sehr von den unguten Zutaten „entschärft“.

 

Was bleibt, das wurde einmal Papst Benedikt vorgeschlagen, der die Italiener sehr gut kannte und wusste, dass sie kaum dazu bereit wären, sieben lange Wochen auf ihre ausgezeichnete Küche zu verzichten. Er riet damals, während der Fastenzeit seine Gedanken zu schonen, seine Sprache bewusster zu nutzen. Also: keine Schimpfwörter, nichts Negatives sagen oder denken. Ich fand es spannend, einmal sieben Wochen lang nur positiv Denken, niemanden (bei mir besonders im Straßenverkehr) zu beschimpfen oder gar beleidigen (wie geht das beim Fußball?).

 

Es ist eine Herausforderung, die man aber durchaus einmal überlegen könnte.

 

 

 

Ein Rückblick auf den Februar

 

 

 

 

Der Februar hat von allen Monaten die wenigsten Tage. Daher versucht er eifrig, jeden Tag so intensiv zu gestalten, damit wir die zwei, drei „fehlenden“ Tage überhaupt nicht bemerken.

 

Dieses Jahr begann er noch sehr winterlich mit eisigen Temperaturen, die sich im Laufe der Wochen in die Nächte zurückzogen. Tagsüber brachte er uns in den letzten Tagen überaus angenehme Frühlingsgefühle.

 

Ich erinnerte mich an meine Zeit in Mailand. Dort konnte man sich beinahe darauf verlassen. Der Winter zog mit Nebel und Regen und Kälte daher. Aber während der Modewoche stieg das Thermometer gerne und fast regelmäßig bis auf verlockende 20°C. Ich hatte noch nie ein Model mit Strümpfen auf der Straße erlebt.

 

Die Modewelt, und nicht nur sie, erlebten in den Modewochen ein trauriges Ambiente. Die Modeschauen wurden zu einer Hommage für den Designer, der sich nicht in den Ruhestand zurückziehen wollte. Wobei „Designer“ viel zu limitiert klingt, wenn man von Karl Lagerfeld spricht. Er war zeitlebens ein ... ja, eigentlich war er der Vorläufer der heutigen „Influencer“!

 

Sein geniales Stilvermögen hatte die Maison Chanel aus dem Dornröschenschlaf gerissen und wieder zu einer Weltmarke gebracht. Die Fendi-Schwestern haben ihm ebenfalls sehr viel zu verdanken. Aber damit nicht genug. Karl Lagerfeld fotografierte seine Models gerne selbst. Dabei zitierte er oft den Faust von Goethe. Den kannte er auswendig! Er besaß noch eine originale Gesamtausgabe der Werke dieses großen Dichters. Belesen war er auch. Seine immense Bibliothek konnte er selbst nicht mehr überschauen. Und in Bezug auf den „Influencer“ kann ich mich sehr gut an die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnern. Als seine Eltern starben, ließ er seine Wohnung in Paris mit ihren authentischen Biedermeiermöbeln einrichten. „Tout Paris“ wollte Biedermeier! Weit über die Stadtgrenzen hinaus löste sich eine hysterische Biedermeierwelle aus. Ich arbeitete damals schon auf dem internationalen Kunst- und Antiquitätenmarkt. Es waren überwältigende Jahre. Doch Lagerfeld lebte nur ein knappes Jahrzehnt in diesem Stil. Als sich viele mit dem biederen, deutsch-österreichischen Stil angefreundet hatten, wurden sie von ihrem „Influencer“ vor den Kopf gestoßen. Er gab sein gesamtes Mobiliar zur Auktion frei und richtete sich im kühlsten und klarsten Hightech-Design der Moderne ein.

 

Das war Karl Lagerfeld. Ich liebte ihn trotzdem. Sein hohes Alter rechtfertigt ein friedliches Ableben. Und Virginie Viard wird Chanel weiterleben lassen. Jedoch habe ich eine große Leere verspürt. Diese starken Persönlichkeiten gibt es nicht in jedem Jahrzehnt.

 

Der Februar hat sich somit wieder bestätigt. Er gibt vielen kranken Menschen den Gnadenstoß. Das musste ich auch in meiner eigenen Familie erfahren.

 

Dieses Jahr brachte er am 19.02.2019 auch noch den stärksten Vollmond mit, der sich gefährlich nahe an die Erde heranwagte. Das gilt jedoch nur für die wissenden und fühlenden Menschen, die die äußerst wirksame Kraft dieses Planeten kennen, schätzen, aber auch fürchten. Erst in sieben Jahren wird der Mond wieder so nahe an die Erde herankommen. Ist für mich trotzdem keine Beruhigung.

 

Bei allen diesen Aufregungen ging der „Tag der Muttersprache“ am 22.2. im allgemeinen Gefühlschaos unter. Hat es heutzutage überhaupt noch Sinn, von einer „Muttersprache“ zu sprechen? Innerhalb meiner eigenen und angeheirateten Verwandtschaft habe ich genügend Beispiele, die das neudeutsche Wort „Native Speaker“ (ja klar, kommt wieder einmal aus dem Englischen!?!) rechtfertigen. Nur ein Beispiel: Mutter ist Italienerin, Vater ist Norweger, doch die Tochter lernt zuerst Englisch, weil die Eltern sich in dieser Sprache verständigen, seit sie sich kennen. Hierzulande werden Kinder von ausländischen Eltern geboren, wachsen aber mit der Landessprache auf. Somit wird es wohl auch bei diesem Begriff „Muttersprache“ eine einschneidende Veränderung geben ... müssen. Irgendwann. Oder doch schon bald.

 

Was sich in Deutschland unerschütterlich aufrechterhält ist der Karneval, je nach Region auch Fastnacht oder Fasching genannt. Dieses Jahr fällt er mal wieder nicht in den Februar, sondern tobt sich im ersten Wochenende des nächsten Monats aus.  

 

Persönlich konnte ich mit diesen Maskeraden noch nie etwas anfangen. Mich für einen bestimmten Anlass zu kleiden und zu schminken ist meine ganz private Maskerade, die sich tagtäglich wiederholt. Natürlich fehlt dabei die närrische Ausgelassenheit, die viele in den kommenden Tagen nutzen, um einmal aus sich herauszukommen. Das kann ich wiederum sehr gut, wenn ich mir ein Fußballspiel anschaue! Für Satire und Kabarett gibt es das ganze Jahr über nette Menschen, die uns als professionelle „Narren“ den Spiegel der Zeit vorhalten.

 

Das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung zu diesen Themen und die möchte sich keiner Verallgemeinerung unterziehen!

 

 

 

 

 

Wölfe sind friedliebender als Menschen

 

Eines Tages stand Diana im Eingangsbereich meiner Küche. Ihre Augen waren erfüllt von einer Bitte. Vorsichtig ging sie zur Seite. Sie hatte einen neuen Freund mitgebracht. Ich hielt die Luft an. Ein großer schwarzer Dobermann kam zögernd näher. Vor lauter Schreck bemerkte ich nicht, wie verlegen er war. Und wie verhungert. Diana sorgte für Ruhe. Ihre Augen hätten Bücher füllen können.

 

Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich verdoppelte ihre Mahlzeit und wurde zur besten Freundin von ... Vagabondo. So hieß ihr neuer Liebhaber. Er gehörte zu einer Dame, die im Chalet gegenüber wohnte, jedoch oft auf Reisen war. Vagabondo war nicht aggressiv, aber auch nicht zutraulich. Er führte nur sein eigenes Leben. Wie sein Namen treffend darauf hinwies.

 

Es war Paarungszeit. Deshalb hatten die beiden auch diesen Riesenhunger. Im Anwesen der Schlossanlage wohnten fast dreißig Familien. Über die Hälfte davon hatten Hunde. Der lockende Geruch füllte die Luft. Nicht für die Menschen, aber umso mehr für die Hunde.

 

Diana war irgendwann einfach dazu gekommen. Keiner konnte sie mit einer Schäferhündin verwechseln. Sie war eine reine Wölfin. Aus welchem Grund auch immer sie sich unter Menschen und Hunde gewagt hatte, blieb uns verschwiegen. Keiner wusste von wem sie wann ihren Namen bekommen hatte. Er schien ihr zu gefallen, denn sie reagierte auf ihn.

 

Eine Weile wohnte Diana bei mir. Es ist eine wunderbare Zeit gewesen. Ich hatte eine nette Zweizimmer-Wohnung im ersten Stock einer der zahlreichen Nebengebäude innerhalb der Schlossanlage. Diana lag gerne auf dem alten Steinboden vor dem Kamin. Aber wehe, jemand kam die Treppe hoch. Zuerst spitzte sie nur die Ohren und hob ein wenig ihren Kopf. Dabei beobachtete sie meine Reaktion. Näherten sich die Schritte meiner Eingangstür saß sie mit einem lautlosen Satz in Sekundenschnelle hinter der Tür in wacher Wartestellung. Ich habe sie nie bellen hören! Verliefen sich die Schritte in einer anderen Wohnung kam sie zurück zum Kamin und döste weiter. Ich glaube nicht, dass sie je einen Tiefschlaf genossen hat.

 

Diana war sehr klug, beinahe weise. Aber auch sehr sensibel und empfindsam. Nur eines war sie nicht: treu. Deshalb störte sich auch niemand daran, wenn sie ein paar Tage nicht auftauchte, oder die Wohnung wechselte. Sie holte sich eine warme Mahlzeit, ein bisschen Gesellschaft und verschwand wieder. Ich hatte wohl das Privileg, zu ihren engeren Freundschaften zu gehören. Bei mir hatte sie auch die längste Zeit verbracht.

 

Ich hatte sie schon wochenlang nicht mehr gesehen. Der Hausmeister hatte sie ab und zu mal im Schlosspark entdeckt. Aber auch er durfte ihr nicht folgen. Gegen ihre gewohnte Zuneigung ließ sie die Zähne fletschen, wenn er es auch nur versuchte. Als er mich dazu rief, sah auch ich Diana das erste Mal aggressiv mir gegenüber. Sie sprang nicht auf uns zu, aber sie gab uns deutlich zu verstehen, ihr nicht zu folgen. Ich respektierte das, denn ich hatte ihr schon in die Augen gesehen und dabei gesagt, dass ich mir denken könnte, sie war schwanger. Das wird sie wohl verstanden habe.

 

Eines Tages kratzte sie an meiner Eingangstür. Sie hatte ein kleines Knäuel zwischen den Zähnen, das leise wimmerte. Erst in meiner Wohnung ließ sie es los. Das kleine Welpchen verbreitete vor Aufregung eine gehörige Portion Flüssigkeit auf den flachen Korkboden im Eingang. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es selbst nicht glauben. Diana sprang sofort auf den Kleinen, stupste ihn auf seine Pfütze zu und gab ihm einen kräftigen Stoß mit der Schnauze, dass er leise aufheulte. Ich stand staunend daneben. Das war Diana. Keiner kann mir erzählen, dass Tiere nicht untereinander kommunizieren!

 

Sie hatte den Kleinen wochenlang im Park versteckt. Das hatte einen sehr traurigen Grund gehabt. Ihr erster Wurf mit dem Dobermann, sechs kleine Welpen, waren von einem grausamen Tierarzt auf der Stelle getötet worden. Und das vor ihr, der schwachen, hilflosen Wölfin, die gerade ihre sechs Babys auf die Welt gebracht hatte! Sechs Zeugen ihrer glücklichen Vereinigung, denn auch Hunde verlieben sich! Nicht nur in den Geruch, der sie dazu bewegt. Diana und Vagabondo waren wochenlang unzertrennlich gewesen. Doch die Herrin von Vagabondo hatte keine gekreuzten Mischlingshunde gewollt.

 

Nach dieser gemeinen Demütigung hatte Diana beim zweiten Wurf nur ein einziges Welpchen zur Welt gebracht. Und natürlich vor den Menschen versteckt bis es soweit war, dass es auf eigenen Füßen stehen konnte. Dann erst hatte sie es zu mir gebracht. In mir hatte sie großes Vertrauen gehabt. Sie wusste ihren Sohn in guten Händen. Es war für mich ein sehr bewegender Augenblick gewesen. Für Diana waren damit ihre Mutterpflichten erfüllt.  Wenige Tage später war sie verschwunden, aber diesmal kam sie nicht wieder zurück.

 

 

 

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Rassismus ist kein Alibi

 

 

 

Es war ein Tag wie viele andere. Irgendwann zu Beginn dieses Jahrtausends. Wir waren in Mailand unterwegs, mein Mann und ich. Die Gehsteige sind eng in der Innenstadt. Die Fußgänger drängen sich aneinander vorbei, stets bedacht, nicht auf die Fahrbahn zu gelangen. Wer stehen bleibt wird mit einem kritischen Blick bestraft. Manchmal stehen Angehörige der Zeugen Jehovas herum und bieten stumm ihre Schriften an.

 

Dieses Mal war es kein Mitglied einer religiösen Sekte, sondern ein junger, schwarzer Mann mit cleveren Augen. Ich fand es trotzdem kurios, dass er kleine Büchlein anbot, die über Afrikas Notlage aufklären sollten. Oder ähnliches. So schnell konnte ich nicht alles im Vorbeigehen erfassen.

 

Meine Augen lesen (unbewusst) alles, was sie irgendwie wahrnehmen. Diese Angewohnheit begleitet mich schon mein Leben lang und wird mich kaum mehr verlassen. Egal, ob Werbeplakate, Straßenschilder oder sonstige Tafeln auf denen Buchstaben vorkommen. Ich lasse nichts aus, auch wenn mein Gehirn es, in den meisten Fällen, sogleich wieder aussortiert.

 

Vielleicht war mein Blick etwas zu lange auf dem Cover des kleinen Buches hängengeblieben, obwohl wir eigentlich zügig vorübergingen. Wie dem auch sei, der junge Mann witterte eine imaginäre Neugierde und ging auf mich zu. Sein holpriges Italienisch wollte ich gar nicht verstehen. Ich lehnte höflich dankend ab. Er versuchte es noch einmal. Ich wiederholte meine Ablehnung mit einem schnellen Lächeln, drehte mich um und wollte das Gespräch mit meinem Mann wieder aufnehmen. Da hörte ich eilige Schritte, die mir folgten, und den bösen Ruf: „Du bist ein Rassist!“

 

Das konnte ich nun doch nicht dulden lassen. Die vorbeieilenden Passanten drehten die Köpfe in die Richtung des improvisierten Straßenverkäufers. Die ersten Neugierigen blieben stehen. Ich auch. Abrupt drehte ich mich nach dem jungen Afrikaner um und sah ihm tief in seine pechschwarzen Augen. Ohne die Stimme zu heben, antwortete ich ruhig, aber mit einem strengen Unterton: „Da liegen Sie völlig falsch! Ich bin kein Rassist! Mir ist es komplett egal, ob Sie weiß, schwarz oder gelb sind. Ich mag es nur nicht, wenn man mich auf der Straße bedrängt!“

 

Schon bei meinen ersten Worten war der junge Mann ein paar Schritte zurückgewichen. Sein Blick war nicht mehr aggressiv, sondern beinahe verwirrt. Er hatte jedes meiner Worte verstanden. Vor allem wird ihn überrascht haben, dass ich ihn mit „Sie“ angesprochen hatte. Das war ihm wohl noch nicht oft vorgekommen. Es liegt aber in meiner Natur. Man sollte jedem Menschen erst einmal mit Respekt entgegenkommen.

 

Ein guter Freund unserer Familie hatte mich einmal darauf aufmerksam gemacht, dass „man sich wunderbar freundlich siezen kann, sich aber andererseits auch distanziert und kühl duzen kann.“

 

Mein Mann und ich gingen weiter und ließen große Augen und einen offenen Mund zurück. Die paar Neugierigen nahmen ebenfalls ihren Weg wieder auf. Aus meinen Augenwinkeln konnte ich sehen, dass einige lächelten, andere ebenso verwunderte Blicke hatten wie der junge Afrikaner. Ich hoffte in meinem Inneren, dass er sich wenigstens ein paar Gedanken machen würde.  

 

Dieser empfindsamen Aggressivität bin ich öfters begegnet. In Italien, aber auch hier in Deutschland. Sie zeugt von Hilflosigkeit und Angst. Lieber gleich angreifen, anstatt sich immer nur verteidigen müssen. Aber manche nehmen den Rassismus auch als Alibi für ihre Ignoranz. Das ist nicht gut.

 

Heute wird Rassismus gerne auf die Hautfarbe, Religion oder gar das Geschlecht erweitert. Jedoch liegt sein Ursprung in der Vielfalt der Völker, die sich auf diesem Planeten tummeln. Die daraus entstehenden Mentalitäten bestimm(t)en eine Rasse. Zwischen den verschiedenen Rassen gab es immer wieder welche, die es sich herausnahmen, den anderen überlegen sein zu wollen. Ein grober Fehler! Inmitten der heutigen Globalisierung und Völkervermischung muss man sich schon bemühen, um die „typischen“ Charakteristiken einer Volksgruppe noch herauszufinden. Deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, wenn der Begriff „Rassismus“ mit „Diskriminierung“ gleichgesetzt wird. Das ist eine völlig falsche Einschätzung.

 

Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern und Großeltern waren Deutsche. Aber mit 18 Jahren bin ich ausgewandert. Zunächst ging es an die französisch-schweizerische Grenze. Drei Jahrzehnte lang habe ich in Italien gelebt. Zwischendurch auch in Frankreich und England. Diese beiden Länder wurden zu einem roten Leitfaden, der mein Leben mit zahlreichen Reisen und mehr oder weniger längeren Aufenthalten prägte.

 

Im Laufe der Zeit konnte ich sehr viele Mentalitäten kennenlernen. Vieles habe ich in mir aufgesogen, sodass ich mich heute nicht mehr als „typische“ Deutsche (was immer das noch sein soll?) identifizieren kann. Verheiratet bin ich mit einem Italiener.

 

Beruflich wie privat lernte ich eine Vielfalt an „Rassen“ kennen: Franzosen, Schweizer, Italiener, Marokkaner, Ägypter, Iraner, Afghanen, Türken, Amerikaner, Briten, Iren, Russen, Norweger. Dazu kamen die verschiedensten Religionen mit ihren diversen Variationen: Christen, Adventisten, Orthodoxen, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten. Die Mehrzahl von dieser Aufzählung waren Mitarbeiter, Geschäftsfreunde, Kunden gewesen.

 

Während meiner ehrenamtlichen „Schularbeit“ hier in Deutschland betreute ich Schüler und Schülerinnen aus Syrien, Afghanistan, Griechenland, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Polen und der Türkei.

 

Es war nicht immer einfach, mit so unterschiedlichen Menschen zu arbeiten. Doch das hat in mir nur dazu beigetragen, meine Toleranz zu erweitern und Tabus zu beseitigen, noch bevor sie sich entfalten können. Ich bin jeder Kultur, jeder Rasse, jeder Mentalität dankbar für die Lehren, die sie mir gebracht hat. Wenngleich einige davon sehr negativ gewesen sind. Sie gehören dazu. Auch wenn sie oft von einer Richtung kommen, aus der man sie nie erwartet hätte.

 

Toleranz und Respekt würden die einzig wertvolle Emulsion bilden, die uns gut zusammenhalten könnte. Leider muss ich den Konditional benutzen. Denn, die Realität sieht anders aus...

 

 

 

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Mein Januar mit Dickens

 

 

 

 

Januar ist der eigentliche Monat der Besinnung.

Wenn die rauschenden Feiern vorüber sind. Wenn der Konsumstress und die anstehenden Verpflichtungen (die meisten Versicherungen fallen stets in diesem Monat an) die Konten geleert haben. Dann spüren so manche eine harte Bremse.

 

Schnee und Eis decken ohnehin viele Gegenden zu. Der unruhige Alltag bleibt in der eisigen Luft hängen. Frostige Kälte und leere Geldbeutel bestimmen den spärlichen Verkehr auf den Straßen, erklären die wenigen Kunden in den Läden. Selbst die Wochenmärkte bleiben auf ein Minimum reduziert.

 

Dieses Jahr kuschelte ich mich bewusst in diese nahezu lautlose Atmosphäre. Ich musste mich wieder etwas beruhigen. Mein Dezember ist sehr hektisch und voller Adrenalinschübe gewesen. Ich hatte große Sorgen innerhalb der Familie gehabt, die mich voll in Anspruch genommen hatten. Draußen war es nicht viel besser gewesen. In den Wochen vor Weihnachten dreht nicht nur der Verkehr, sondern auch so mancher Mensch durch. Die Adventszeit ist seit Jahrzehnten die stressigste Konsumzeit des Jahres.

 

Wobei ich mich überhaupt noch nie davon involvieren ließ. Mein Mann und ich haben eine sehr pragmatische, aber auch reizvolle Abmachung. Geschenke gibt es bei uns nicht zu bestimmten Kalendertagen. Viel zu anstrengend! Nein, wenn wir etwas entdecken, was dem anderen eine Freude bringen könnte, oder was er schon lange gesucht hatte, dann gibt es bei uns die schönsten Überraschungen. Das passt viel besser als ein hastig gekaufter Blumenstrauß zu einem der konventionellen Jahrestage!

 

Dennoch war ich sehr überrascht, wie ruhig sich der Januar angehen ließ. Ich habe in diesem Monat ein Buch gelesen, das für mich zu einer Herausforderung wurde. Es handelte sich um die italienische Übersetzung des

Pickwick Club von Charles Dickens.

Heute ein Klassiker. Ich liebe die Sprache des 19. Jh. Den Autor kannte ich bereits sehr gut. Seine großen Werke hatte ich alle schon gelesen. Nun war mir dieses dicke Buch in die Hand gekommen. 937 Seiten! Auf Seite 17 bekam ich die ersten Zweifel.

The posthumous papers of the Pickwick Club

war das erste Buch, das Charles Dickens veröffentlicht hatte. Es ist nicht unbedingt ein Roman im herkömmlichen Stil. Vielmehr war es die Zusammenfassung der periodischen Geschichten, die Dickens für eine Zeitung verfasst hatte. Nicht immer ist das erste Werk eines Schriftstellers sein bestes. So hatte ich einige Mühe, mich in diese dicht beschriebenen Seiten einzulesen. Ich konsultierte sogar eine Facebook-Gruppe, die sich auf klassische Literatur konzentriert. Einige wenige waren meiner Meinung. Doch die Mehrheit feuerte mich an, weiter zu lesen. Bis zur Seite 50 gebe ich ohnehin jedem Buch eine Chance. Ich tat es auch mit diesem. Und ich habe es nicht bereut. Natürlich findet man einige Passagen, die man am liebsten „scrollen“ möchte. Aber ich blieb hart und las auch die weniger schönen Absätze. Besonders die Zeit, in der Mr. Pickwick, die Hauptfigur, in einem Gefängnis verbrachte. Eine sehr skurrile Angelegenheit. Natürlich war ich bald eingefangen von dem trockenen, englischen Humor, den ich über alles liebe. Ebenso die detailgetreue Beschreibung des täglichen Lebens. Kleidung, Essen, Getränke, Manieren. Unzählige Figuren tummelten sich auf den neunhundert Seiten. Jedes Mal, wenn ich dachte, eine gewisse Gruppe von Personen wäre nun entfernt worden, wurde ich einige Kapitel später eines besseren belehrt. So abrupt wie sie verschwunden waren, so plötzlich und unerwartet tauchten sie auch wieder auf. Genauso wie bei Agatha Christie, muss man auch hier sehr gut aufpassen, will man die Übersicht über die einzelnen Individuen nicht verlieren. Sehr angenehm fand ich am Ende die Resümees der diversen Figuren und was aus ihnen geworden ist. Keine Angst, es gibt keine Spoiler-Gefahr. Am Ende hatte ich beinahe das Gefühl, die einzelnen Geschichten wären „wahren Begebenheiten“ zugrunde gelegt gewesen. Das kennt man doch vom Abspann der Filme, deren Inhalt wirklich stattgefunden hatte.  

 

So schloss ich das Buch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und der Gewissheit, dass auch die großen Klassiker einmal ein erstes Buch geschrieben hatten, das vielleicht nicht unbedingt schon der Grandezza ihrer Meisterwerke entsprach.

 

Eines muss ich noch gestehen. Gegen Ende des Buches mehrten sich auch hier immer öfter kleine Druckfehler. Hier fehlten Buchstaben, dort tauschten sie die Plätze. Bei einem Klassiker hätte ich so viele kleine Fehler nicht erwartet!

 

 

 

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Versteckspiel oder Spießrutenlauf

 

 

 

Es gibt ein Phänomen in Deutschland, das mich schon seit einiger Zeit verärgert. Perverse Pädophile, grausame Mörder oder sonstige gemeine Verbrecher dürfen sich das Gesicht verstecken, wenn sie den Gerichtssaal betreten. Warum diese Geste?  Das hat bei den wenigsten mit Schamgefühl oder Reue zu tun. Kommt mir bitte niemand mit dem DSGVO! Das Recht auf Privacy ist in diesem Fall völlig daneben! Zudem sitzt auch im Gerichtssaal ein Publikum.

 

Gemeine Betrüger und noch schlimmer, die ekelhaften Pädophile, denen ist es gestattet ihr Gesicht zu verdecken. Damit sie weitermachen können, wenn sie aus dem Gefängnis herauskommen? Lange bleiben sie ja leider nicht weggeschlossen.

 

In dieser medialen Welt, in der jeder Smartphonebesitzer mit Selfies prahlt und jedes Unglück, dessen er Zeuge wird, per Video aufnimmt und im Internet hoch lädt, in dieser verrückten Welt sollen sich die, bis dato unbekannten, Angeklagten vor den neugierigen Kameras verbergen können? Das ist ein totaler Irrsinn!

 

Aber wenn es um Prominente geht, dann soll ein richtig deftiger Spießrutenlauf stattfinden! Die sollen durch den Haupteingang, sich der Menschenmenge stellen. Egal, ob sie schon schuldig gesprochen sind oder nicht. Sie haben ihr Geld mit der Öffentlichkeit verdient, also dürfen sie sich auch nicht verstecken.

 

Ich kann Cristiano Ronaldo nur bewundern, wie er sein vom Richter erzwungenes Spießrutenlaufen in eine für ihn positive Show umgewandelt hat.

 

Hier ging es um einen prominenten Fußballspieler, der sich vor Gericht stellen musste, obwohl seine Anwälte schon einen Vergleich ausgehandelt hatten. So etwas wird normalerweise im Büro des Staatsanwaltes durchgeführt. Hier sollte es zu einer Show kommen. So hatte es der zuständige Richter angeordnet.

 

Ronaldos Leben ist eine Show. Er selbst inszeniert sich tagtäglich. Daher tapfer lächeln, Autogramme schreiben, Selfies knipsen lassen und schon wird der Gang in das Gerichtsgebäude gefühlt kürzer.

 

Natürlich muss er persönlich dafür büßen, auch wenn seine diversen Berater ihre Aufgaben schlecht durchgeführt hatten.

 

Das versteht leider nur, wer selbst schon mit groben Fehlern seines (Ex)Steuerberaters kämpfen musste.

 

Nicht nur in unserer komplexen heutigen Zeit, es war schon immer so, dass man für gewisse Sachlagen, mit denen man im Laufe des Lebens konfrontiert wird, einen Experten konsultieren muss. Man sucht sich einen Spezialisten, der das größtmögliche Vertrauen erweckt. Da man selbst mit der Materie nicht vertraut ist oder sein kann. Schließlich sind wir alle keine Universalgenies. Die gibt es schon lange nicht mehr. Wenn es sie je gegeben hat.

 

Steuerhinterziehung ist ein heikles Thema. Besonders hier in Deutschland. Es wird mit viel Hypokrisie angegangen. Und es wird viel härter bestraft als beispielsweise Pädophilie. Sehr seltsam, für mich keineswegs nachvollziehbar.

 

 

 

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Die Gedanken begleiten uns ein Leben lang

 

 

 

Sobald unsere winzigen Hände etwas fassen können, bekommen wir Spielsachen in die Hand gedrückt. Und bald entscheiden wir selbst, welche Gegenstände wir lieber in der Hand halten. Dabei geht es nicht um die übliche Frage: ein Buch oder ein Smartphone? Viele Menschen übertragen ihre Gefühle gerne auf Objekte, die sie sammeln oder denen sie die Aufgabe zukommen lassen, sie in der Zukunft an etwas zu erinnern. Jedoch haben Gegenstände einen kleinen Nachteil: sie verschwinden gerne, ohne sich zu verabschieden.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Ringe fließen leicht den Abfluss hinunter. Auch Einbrecher und Straßendiebe haben sich schon mehrmals bei mir sehr gut bedient. Meine zahlreichen Umzüge (ich habe schon lange aufgehört zu zählen) brachten mich immer wieder vor wichtige Entscheidungen: Brauche ich das noch? Will ich das in die nächste Wohnung mitnehmen? Und so manches verlieren wir einfach auch.

 

Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, vielleicht Freud oder ein anderer Psychoanalyst:

 

Wenn du etwas verlierst, war es dir nicht besonders wichtig.

 

Dazu benötige ich keinen unbedachten Moment. Es ist schon unglaublich, wie viele Regenschirme ich einfach stehen ließ, weil es draußen nicht mehr regnete und ich diese Dinger ohnehin sehr lästig finde. Und wie viele habe ich gekauft, weil ich vom Regen überrascht wurde?

 

Ja, Gegenstände können Sammlerherzen höher schlagen lassen. Aber sie können auch einfach kaputt gehen. Und man wirft das unnütz gewordene Ding einfach weg. Oder man verkauft etwas, dass man nicht mehr braucht, dessen Zeit vorübergegangen ist und man es mit einem modernen Modell austauschen möchte.

 

Gegenstände kommen und gehen.

 

 

 

Auch Menschen begleiten uns oft nur für eine Weile.

 

Wer kann sich wohl noch an seine „Sandkastenfreunde“ im Kindergarten erinnern? Aber auch die ersten Banknachbarn in der Grundschule sind wohl kaum im Gedächtnis geblieben.

 

Dann schon eher die Abschlussklasse, die alle runden Jahrzehnte mit Einladungen lockt oder nervt. Ich war nur einmal dabei. Nein, danke. Geht ruhig euren eigenen Weg.

 

Nach den Kommilitonen sind es die Arbeitskollegen. Oder Mitarbeiter, sobald man sich selbstständig macht. Auch sie kommen und gehen aus den verschiedensten Gründen. Selbst Geschäftspartner begleiten uns nur auf einer mehr oder weniger langen Strecke unseres Lebens.

 

Ich hatte nicht das Glück, langjährige Freunde zu finden. Mein Berufsleben war voller Neid und Eifersucht gewesen. Auch damit lernte ich schnell, zurechtzukommen.

 

Lieber beneidet als bemitleidet!

 

 

 

Da schaue ich mir lieber meine schon fast antiken Erinnerungsbücher an. Damit meine ich das Hochzeitsalbum mit den professionellen Fotografien in Großformat und unseren Fotos aus dem Flitterwochenende. Für mehr hatten wir keine Zeit gehabt und auch haben wollen. Natürlich habe ich noch ein Album mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus meiner Kindheit. Später kamen weitere Alben dazu. Bis 2006 hatte ich mein Leben mit gedruckten Bildern in großformatigen und aufwendigen Fotoalben dokumentiert. Dann erst kam ich zu einer Digitalkamera.

 

Diese Fotos sollen angeblich nicht verblassen. Vielleicht „verpixeln“ sie sich irgendwann in einem Computer, der die alten Pixel nicht mehr erkennen kann. Ich muss jedoch zugeben, dass ich so viele „Ordner“ öffnen kann wie ich will. Und auch jedes Foto mit einem Titel versehen kann. Aber, diese digitale Registrierung meiner Fotografien ähnelt immer mehr einem Chaos, in dessen Labyrinth, trotz Jahresdaten, ich kaum noch bestimmtes Foto finde, wenn ich nach ihm suche.

 

 

 

Nur Erinnerungen bleiben in unserem Geist erhalten. Unser Gehirn hat so viele unzählige Zellen, die enorm viele Szenen und Erlebnisse und Gesichter und Gegenstände und Orte und Namen und Daten aus unserem Leben festhalten und speichern. Irgendwann können wir sie abrufen oder aber sie überraschen uns. Manchmal auch in Situationen, in denen wir das gar nicht möchten. Besonders, wenn es sich um negatives Material handelt.

 

Je älter man wird, desto besser funktioniert dieses Langzeitgedächtnis. Ich kann mich heute an so manches erinnern, dass in meinen dreißiger Jahren überhaupt nicht präsent gewesen ist. Diese Erinnerungen, die wir abrufen können, wenn wir sie brauchen, die bleiben. Der Volksmund will sie „im Herzen tragen“, aber ich suche sie lieber eingepflanzt auf meinem Memory Lane. Ich habe sehr starke Bilder in meinem Kopf, die ich nicht mehr missen möchte.

 

Nur zwei Beispiele: Die seltenen Momente, in denen ich mit meinem Vater als ganz kleines Mädchen spielen durfte. Und die einzigen beiden Fotografien, die ich von meinem Großvater immer in meiner Geldbörse mit mir trug, bis mir diese, zusammen mit der Handtasche, entrissen worden ist.

 

In meinem Leben musste ich auf so viele Sachen verzichten, weil gestohlen, weil verloren, weil nicht mehr möglich, weil...

 

Deshalb habe ich gelernt, meinen Memory Lane zu pflegen, ihn stets gut mit Wasser und Sauerstoff und den wichtigsten Vitaminen zu versorgen. Denn nur bei guter Gesundheit kann mein Gedächtnis dort spazieren gehen, wenn ich traurig bin, wenn ich eine schöne Erinnerung noch einmal aufleben lasse, wenn ich eine Inspiration für meine Romane benötige und etwas einfließen lassen möchte, dass ich kenne. Es ist immer besser, man schreibt von Dingen und Situationen, die man gut kennt.

 

Kennt ihr die verzweigten Wege auf eurem Memory Lane?

 

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Mein Blog über Norwegen

 

 

Das vergangene Jahr brachte überraschende Ergebnisse auf meinen Blog.

 

Zunächst einmal vielen, herzlichen Dank an alle meine Leser! Monat für Monat kommt ihr in einem enthusiastischen, dreistelligen Bereich auf meine Blogseite! Nicht einmal im August gab es eine Flaute! Im Gegenteil! Es war der zweitbeste Monat für meine Besucher und ihre Seitenaufrufe! Der Spitzenmonat ist sogleich im Januar gewesen. Gerührt war ich vom Dezember, als ich keinen Blog schreiben konnte, weil ich sehr große, familiäre Probleme hatte. Auch in diesem Monat habt ihr mich nicht alleine gelassen und seid im dreistelligen Bereich geblieben.

 

Überaus erstaunt war ich jedoch, welche Blogbeiträge (immer noch) am liebsten gelesen werden:

 

Der Ansturm auf meine persönliche Meinung über den DSGVO war eigentlich vorprogrammiert.

 

https://www.marinazimmermann.de/2018/05/18/keine-angst-vor-dem-dsgvo/

 

Ein heißes Thema, das natürlich alle interessiert, die sich im Netz aufhalten. Jedoch liegt dieser Blog „nur“ auf Platz drei!

 

Die ersten beiden Plätze werden weiterhin von zwei Beiträgen besetzt, die eigentlich schon etwas älter sind.

 

Platz zwei wird von Oscar Wilde beherrscht, den ich im Februar 2015 zitierte: Nichts ist so aufreizend wie die Gelassenheit.

 

 https://www.marinazimmermann.de/2015/02/25/nichts-ist-so-aufreizend-wie-die-gelassenheit-oscar-wilde/

 

 

Absoluter „Bestseller“ bleibt aber Norwegen. (Auch in den ersten Wochen dieses Jahres ist er immer noch oder schon wieder voll im Rennen!) Meine Eindrücke und Vorurteile vom Juni 2016.

 

 https://www.marinazimmermann.de/2016/06/16/norwegen-eindr%C3%BCcke-und-vorurteile/

 

 

 

 

Deshalb habe ich mir fest vorgenommen, in diesem Jahr wieder mehr zu bloggen. Es gibt jeden Tag so vieles, über das ich schreiben möchte. Manchmal fehlt mir die Zeit, manchmal aber auch der Mut. Den habe ich von euch wieder bekommen! Und dafür bin ich euch allen dankbar!

 

 

 

Meinen Genussblog musste ich leider einstellen, trotz sehr guter Besucherzahlen. Die Seite war zu restriktiv. Man konnte sich nicht auf ein bestimmtes Rezept einklicken. Deshalb wird ein Kochbuch daraus entstehen.

 

 

Der italienische Blog hat dasselbe Schicksal eingeholt. Vielleicht integriere ich ihn auf der deutschen Blogseite. Mal hin und wieder einen italienischen Text dazwischen. Was meint ihr?

 

https://www.marinazimmermann.de/2018/05/18/keine-angst-vor-dem-dsgvo/

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Die Metamorphosen von Ovid

Gestern habe ich die Metamorphosen von Ovid zu Ende gelesen. Etwas wehmütig nahm ich Abschied von der poetischen Melodie seiner Prosa. Vielleicht lag es auch an der ausgezeichneten Übersetzung. Piero Bernardini Marzolla hat Ovid aus dem von mir überhaupt nicht geliebten Latein in meine Lieblingssprache Italienisch übertragen. Selbstverständlich trägt der Übersetzer sehr viel dazu bei, den Inhalt zu formen und oft auch verständlicher in die moderne Sprache herüberzubringen. Jedenfalls habe ich diese Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Gegen meine Gewohnheiten las ich auch die Einführung. In dieser wunderschönen Ausgabe der Klassikerbuchreihe I Millenni aus dem Einaudi Verlag fand ich einen sehr interessanten Essay von keinem geringeren als Italo Calvino. Ein großer italienischer Schriftsteller des 20. Jh. Nur einige Passagen des Trojanischen Krieges, die nun doch etwas zu detailversessen den makabren Horror beschrieben hatten, wurden von mir elegant übersprungen.

 

Obwohl ich den Inhalt vieler Erzählungen schon aus der Griechischen Mythologie und aus den Werken Homers sehr gut kannte, war ich hin und wieder dennoch überrascht und hielt nachdenklich an. Besonders ein Monolog gegen Ende des Buches hat mich sehr berührt.

 

Pitagoras kannte ich vorwiegend aus dem Mathematikunterricht. Hier wurde ihm von Ovid ein leidenschaftlicher Appell in den Mund gelegt, aus welchen vielfältigen Gründen man doch bitteschön Abstand vom Verzehr des Fleisches halten sollte. Ich bewunderte zunächst die Zeitepoche. Dann aber brachte er mich schnell zum Nachdenken: Welche Tiere fressen rohes Fleisch? Das sind überwiegend wilde Artgenossen, aber nicht die intelligenten wie Pferde und Elefanten! Daraus könnte man nun wirklich eine interessante Diskussion gestalten, die dem Philosophen Pitagoras gebührt. Selbst unter den Tieren gibt es sehr viele Vegetarier. Beim genauen Hinsehen sind es zumeist die weniger gefährlichen Arten. Blutrünstig scheinen nur die wilden Kreaturen zu sein. Sollte auch der Homo sapiens demzufolge wilder sein als er sich geben möchte?

 

Pitagoras (oder Ovid) geht sogar so weit und warnt davor, die eigenen Hilfskräfte zu essen. Wenn man bedenkt wie sehr damals noch die Rinder und Ochsen auf dem Feld dem Bauern bei der Arbeit geholfen hatten. Oder wie großzügig doch die Schafe sind, indem sie uns großzügig mit ihrer Wolle wärmen und auch sonst viel Milch abgeben, aus der man auch vorzüglichen Käse zubereiten kann. Und überhaupt hätte die Mutter aller Mütter, unsere Erde, doch so viel anzubieten an Cerealien, Gemüse und Obst und Kräutern, sodass man es getrost unterlassen könnte, Fleisch von Tieren zu essen.

 

Ich war sehr beeindruckt von dieser langen Ausführung. In meinem Leben habe ich schon viel gekostet. Bin in einer deutschen Familie aufgewachsen, in der tagtäglich tierische Produkte auf den Tisch kamen. Erst, als ich in Italien lebte und meinen Mann kennenlernte, verringerte sich mein Fleischkonsum drastisch. Pasta und Gemüse und Kräuter und, ja mehr Fisch, waren angesagt. Natürlich gibt es auch in Italien vielfältige Fleisch- und Fischgerichte, jedoch ist es auch dort sehr individuell.

 

Mit dem Fortschreiten der Jahre nahm unser Fleisch- und Wurstkonsum immer mehr ab. Fisch wurde wichtiger, weil Omega-3 den Augen eine sehr wichtige Hilfe bietet. Doch unsere liebste Hauptmahlzeit ist schon immer die Pasta mit ihren unendlichen Variationen gewesen. Nur die „nördlichen“ Kohlgemüse entziehen sich ihrem Charisma. Von A wie Auberginen über M wie Mangold bis hin zu Z wie Zucchini kann man so gut wie alle Gemüsesorten mit Pasta anrichten.

 

Zugegeben, ein völlig eingefleischter Vegetarier bin ich trotzdem nicht.

 

 

 

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Neujahr, Neumond, Neuanfang...

 

 

 

Meine persönliche Erfahrung hat mir bewiesen, dass der Januar kein guter Monat für Anfänge jeglicher Art ist. Immer wieder musste ich feststellen, dass ein Projekt oder ein Vorhaben oder sogar eine neue Arbeit, nie und nimmer im Januar starten sollte.

 

Vielleicht sind deshalb die vielen, guten Vorsätze für das Neue Jahr schon bald verworfen und können nicht eingehalten werden. Nach dem Neujahr will man sich erst einmal von den üppigen Festmahlen, süßen Versuchungen und feuchtfröhlichen Feiern erholen. Aber doch nicht sofort mit einer rigiden Diät und einem strengen Fitnessplan! Zeitschriften und Magazine sind in diesem Monat voll damit! Der Körper ist aber noch viel zu berauscht von all dem Überfluss der letzten Tage und Wochen, als das er sich dazu hinreißen lassen würde!

 

Für viele Zeitgenossen sind noch ein paar Ferientage möglich gewesen. Urlaub bedeutet doch, gleichzeitig Körper und Geist zu verwöhnen. Die einen fliegen zum Abtauchen in sonnige Gebiete. Die anderen fahren zum Skifahren in die Berge. Dabei denkt niemand daran, sich zu kontrollieren. Spaß und gute Laune sollen die Tage noch beherrschen. Auch wenn der brutale Wintereinbruch in den Alpen vielen Urlaubern die Heimfahrt oder die Landung im heimatlichen Flughafen erschwerte.

 

Erst am siebten Tag des Monats Januar holt uns definitiv der Alltag wieder ein. Sollte man jetzt mit den Vorsätzen beginnen? Diät? Fitness? Das sind doch zwei Argumente, die eigentlich in jede Jahreszeit passen. Warum sich unbedingt jetzt damit plagen? Es ist noch kalt und verregnet und der Schnee soll auch noch (weiter) kommen. Alles gute Gründe, nicht auf die gemütlichen Kalorien zu verzichten.

 

Und überhaupt: ich muss zugeben, dass ich heute dasselbe Gewicht aufweisen kann, dass ich am Heiligen Abend auf der Waage gesehen hatte. Schließlich muss man diese Tage nicht nur zum Essen verwenden. Aber aus dem Feiern komme ich auch immer erst einen Tag später heraus! Meine Mutter hat noch schnell am 7. Januar Geburtstag!

 

Doch, was den Neustart angeht, da hat mich dieser Monat in der Vergangenheit zu oft enttäuscht! Immer wieder musste ich einsehen, dass meine Projekte erfolglos blieben. Einmal wurde mir in diesem Monat ein lukrativer Job angeboten. Wenigstens hatte er sich anfangs so angefühlt, doch sehr bald hatte er sich als miese Falle entpuppt.

 

Dieses Jahr will ich meine Erfahrungen endlich beherzigen und den Januar „nur“ zum Planen und Vorbereiten nutzen. Natürlich kann ich an so manchem weiterarbeiten, das ich im letzten Jahr begonnen hatte. Aber ich werde mich nicht dazu hinreißen lassen, neue Wege zu betreten. Sobald das Jahr aus seinen Kinderschuhen herausgereift sein wird, werde ich mehr Zuversicht hegen können.

 

Jeder Tag ist doch im Grunde ein Neuanfang. Das beobachte ich oft nach einem anstrengenden Tag, der mir vor allem seelische Kraft gekostet hat. Dann dusche ich gerne abends, weil ich mit dem Wasser, das von oben über meinen Körper nach unten abfließt, nicht nur die Duschseife abwasche, sondern auch gerne alle unschönen Erlebnisse des Tages mit hinunter in den Abfluss spüle. Das funktioniert wirklich! Es ist ein unglaublich wohliges Gefühl, wenn ich aus der Dusche steige und mich etwas leichter fühle. Probiert es mal aus!

 

 

 

 

 

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Epiphania und ihre Wirkung

 

 

 

 

L’epifania

 

 tutte le feste porta via

 

Im Italienischen gibt es dieses schöne Sprichwort, dass sich so melodisch reimen lässt. Übersetzt heißt das: Die Epiphania nimmt alle Feste weg. Das reimt sich nicht mehr so schön, bringt aber das Thema auf den Punkt. Mit dem 6. Januar sind die vielen Fest- und Feiertage erst einmal vorbei. Ein ernüchternder Alltag fängt uns wieder ein. Weihnachten liegt schon eine gefühlte Ewigkeit zurück. Der ganze Hype während der Adventszeit ertrinkt im letzten Glas Glühwein.

 

Der Silvesterkater ist ebenfalls überwunden. Wobei dieses Wort mich zu einem Gedankenspiel verleitet. Wer kennt nicht Sylvester? Der Kater aus der „Disney-Dynastie“, der dem süßen Tweety-Vögelchen das Leben schwer macht. Was wohl Walt Disney gedacht hatte, als er den „bösen Kater“ Sylvester nannte? Oder ist dieser Tag wirklich nur sein Namenstag und meine Fantasie geht mit mir durch? 

 

Auf meinem Laptop ist ein „ewiger“ Kalender eingebaut, der automatisch weiterläuft. So wie die Zeit. Sie verweilt nicht. Sie ist in ständiger Bewegung. Jeder Atemzug gehört sogleich der Vergangenheit an. Die Gegenwart, wer kennt sie? Ich kann sie nicht mehr fassen. Sie entreißt mir jeden Gedanken an die Zukunft. Und doch wollte ich mich in diesen Tagen „zwischen den Jahren“ ein wenig mit ihr beschäftigen. Jedoch wurde ich in Situationen involviert, die es nicht zuließen.

 

Nun scheint der graue Januar mit seinem griesgrämigen Alltag wieder voll auf uns einzudringen. So manche Vorsätze für das neue Jahr sind schon wieder verworfen. Die Geschenke sind angekommen oder auch gleich umgetauscht worden. Das Weihnachtsgeld wurde in Kurzreisen und Shoppingschnäppchen investiert. Ab morgen heißt es wieder: rein ins Leben, raus aus dem Feiern. Besonnen haben sich wohl die Wenigsten. Und doch wäre es eine gute Zeit dazu gewesen.

 

Ich hatte einige familiäre Probleme zu bewältigen. Doch mein Hinterkopf versuchte eifrig, sich mit meiner Zukunft zu beschäftigen. Was daraus wird, werde ich wohl erst in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten erfahren. Ideen habe ich genug, nur zur Umsetzung fehlt mir oft der „klare Kopf“.

 

Es ist nicht die Zeit, die man sich nimmt. Man braucht auch den Kuss der richtigen Muse dazu. Solange der Geist verstopft ist kann er sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Denn, wenn der Geist sich langsam davonschleicht, ist nichts mehr wie vorher. Vieles muss anders gesehen werden. Jeder Tag bringt neue Eindrücke, holt manchmal auch schöne Erinnerungen zurück. Fordert mich zuweilen mit einer zehrenden Verzweiflung heraus. Bringt meine Selbstkontrolle an bebende Grenzen. Doch ich lächle und, wenn ich könnte, würde ich den Honig aus dem Kopf meines Mannes schlürfen und ihm wieder gesunde Gehirnzellen einpflanzen. Soweit ist unsere heutige Wissenschaft leider noch nicht.

 

Deshalb würde ich mich freuen, wenn die Epiphania nicht nur die Feste und Feiern, sondern auch einige Probleme mit sich nehmen könnte.

 

Die Zuversicht für gute Tage ist das größte Geschenk, das ich von diesem Jahr erwarten kann. Ich habe gelernt, die Schönheit des Augenblicks zu erkennen. Ihn zu genießen, ohne mich dem Teufel zu übergeben.

 

Carpe Diem!

 

Einfach genießen, bevor dieser schöne Augenblick schon wieder zu den Erinnerungen gelegt wird.  

 

 

 

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In einem Wartezimmer bei einem Arzt

 

 

 

Irgendwo. Irgendwann. Die Stille ist hörbar. Keiner spricht. Jeder behält seine Krankheit, seine Probleme für sich. Eine Frau sitzt in einer Ecke und blättert unbekümmert in einer Zeitschrift. Sie begleitet eine Patientin. Ihre Sorglosigkeit ist beinahe störend. Alle anderen beobachten sie mit leidenden Gesichtern. Wie sie schnell und geräuschvoll die Seiten umblättert. Wie sie neugierig und augenscheinlich interessiert einen Artikel liest. Ihre Entspanntheit kann tatsächlich irritieren. Die anderen haben alle ein Problem, vorwiegend in ihrem Körper. Sie haben mit einer Unstimmigkeit zu kämpfen, die ihnen Schmerzen bereitet, die ihre Anspannung verursacht.

 

Plötzlich summt ein Handy im wohl bekannten „Vibrier-Ton“. Man stellt es stumm, aber es bleibt nicht stumm. Ein kurzes Umblicken im Wartezimmer. Die gleichgültigen oder suchenden Gesichter verrieten sofort, wer ein Handy bei sich trug. Das brummende Geräusch wollte nicht aufhören. Endlich griff die „Begleiterin“ in ihre Handtasche. Und antwortete in die Stille hinein. Kurz und knapp, aber laut und deutlich. Jeder konnte sich den Dialog zusammenreimen. Die Fragen aus den Antworten erkennen. Treffpunkt und Zeit wurden bestätigt.

 

Ein weiteres Handy erklang im Normalton. Es wurde sofort still gedrückt. Die Besitzerin wartete geduldig bis der Signalton sie informierte, dass der Anrufer auf die Mailbox gesprochen hatte. Zufrieden schloss sie ihre Handtasche. Später kann sie die Nachricht abhören. Irgendwann. Nach dem Besuch beim Arzt. Irgendwo. Draußen.

 

 

 

 

 

 

 

Das winzige Detail für den täglichen Ärger

 

 

 

Bin ich wirklich in einer anderen Welt? Ich will mich nicht auf meine grauen Haare beziehen, und schon gar nicht auf mein Alter. Diese Bemerkung habe ich früher bei älteren Menschen auch nicht ausstehen können. Aber ich komme mir langsam vor wie auf dem falschen Planeten. Ist es möglich, dass die Höflichkeit in Vergessenheit geraten ist? Kann es sein, dass die Respektlosigkeit keine Ausnahme mehr darstellt?

 

Freundlichkeit und Dienstleistungen paaren sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Was mich dabei so sehr ärgert: ich fühle mich steinalt, weil ich noch andere Zeiten erleben durfte.

 

Dazu ein kleines Erlebnis vom heutigen Einkauf in einem Supermarkt: ich hatte nur drei Päckchen Nudeln gekauft. Unsere Lieblingsmarke war gerade in diesem Supermarkt im Angebot gewesen. Ich stehe also an der Kasse, hole meine Münzen heraus und bezahle den kleinen Betrag. Anschließend bin ich dabei, meine restlichen Münzen und den Kassenbeleg in meine Geldbörse zu verstauen und diese zu schließen. In der Zwischenzeit öffnet mein Mann eine mitgebrachte Einkaufstasche, um die drei Päckchen dort zu verstauen. Das alles sind eigentlich ganz normale Vorgänge. Wäre da nicht die hastige Kassiererin gewesen. Sie hätte sich keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie meinem Mann die drei Päckchen über den schmalen Tisch gereicht hätte. Aber was tat sie? Sie stand ruckartig von ihrem Stuhl auf und schob ihre niedrige Eingangstür gegen meinen Mann mit den warnenden Worten: „Vorsicht!“ Schlüpfte durch die enge Öffnung, die gleichzeitig für die Waren diente und verschwand grußlos. Wir beide sahen uns an und schüttelten nur den Kopf.

 

Es mag für einige Haarspalterei bedeuten. Für mich ist es ein kleines Detail, das mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hätte, wenn sie meinem Mann behilflich gewesen wäre, oder, wie in diesem Fall, ein Ärgernis auslöste, das mich bis zum Auto begleitet hatte.

 

Leider füllt sich unser Leben tagtäglich mit solchen winzigen Details. Manchmal registrieren wir sie kaum noch. An anderen Tagen beschäftigten sie uns viel zu lange.

 

Es wäre schön, wenn wir uns wieder etwas besinnen würden und ein wenig empathischer miteinander umgehen könnten. Ein nettes Wort, eine höfliche Geste, ein freundliches Lächeln kostet nichts. Dafür ernten wir dankbare Blicke, wenn nicht gar staunende Gesichter. Sofort wird die Welt ein klein wenig lebenswerter, harmonischer...

 

 

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November - der Monat der Sinnlichkeit oder der Besinnung

 

 

 

Unsere Sinnesorgane lassen uns sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen. Da stellte ich mir die Frage: Wenn es drauf ankommen würde, man aber die Wahl hätte, auf welchen Sinn würde ich leichter verzichten können?

 

Vor blinden Menschen habe ich den größten Respekt! Nichts zu sehen und sich doch in der Welt zurechtfinden. Das ist für mich eine meisterhafte Leistung. Das denke ich jedes Mal, wenn ich mich in der vollkommenen Dunkelheit befinde und die Orientierung verliere. So geschehen, in einer Kugel im Museum. Oder, ganz einfach, wenn ich mich morgens leise aus dem Schlafzimmer schleichen will und meinen Mann nicht wecken möchte. Wie oft würde ich die Schranktür anstatt die Zimmertür öffnen. Dementsprechend ist dieser Sinn für mich äußerst wichtig.

 

Ich liebe die Stille. Ich will völlige Ruhe um mich, wenn ich schreibe. Aber deshalb ganz auf das Hören zu verzichten? Nein, da gibt es so einige Momente, die ich nun wirklich nicht missen möchte: dazu gehört, vor allem, gute Musik! Und jedes kleine Geräusch, dass ich wahrnehme, sagt mir doch viel über mein Umfeld aus. Es kann mich warnen. Es kann mich beruhigen.

 

Und wie steht es mit dem Tastsinn? Da kommt mir sofort in den Sinn, wie schön es sich anfühlt, wenn man einen geliebten Menschen umarmt! Oder, wenn die Hände ein neues Kleidungsstück prüfen: wie weich ist dieser Pullover, wie seidig glatt fühlt sich diese Bluse an. Fühlen ist demzufolge ungemein wichtig.

 

Während einer Erkältung kann man kurzfristig erleben, wie es ist, wenn Zunge und Gaumen nichts mehr unterscheiden. Wenn alles, was man in den Mund schiebt, keinen Geschmack mehr verbreitet. Ein Jammer für mich! Oder, positiv gesehen, die beste Gelegenheit für eine Diät! Da komme ich schon ins Zaudern. Wie würde das langfristig sein, nichts mehr zu schmecken? Vielleicht...

 

Dann bleibt also nur noch das Riechen. Wenn ich es mir so richtig überlege, komme ich auf eine längere Liste von unangenehmen Gerüchen als wenn ich angenehme Düfte aufzähle. Da bin ich sehr sensibel. Ich rieche schon von weitem, wenn etwas nicht passt.

 

 Das meine ich jetzt nicht im übertragenen Sinn! Es geht hier um unseren Geruchssinn und nicht um den fühlbaren Spürsinn. Der entspringt dem sogenannten sechsten Sinn, unserem Instinkt. Manche nennen es auch gerne Bauchgefühl. Und damit sind wir schon mitten in der eigentlichen Sinnlichkeit. Sie entspringt dem Komplex unserer fünf Sinne: Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen, Riechen lassen zusammen etwas Sinnliches wirken. Auf was würdet ihr, nur im Extremfall, verzichten wollen?

 

Viel Spaß beim ... (Be)Sinnen darüber...

 

 

 

Dieses Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen. ;-)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie kommt so viel Plastik ins Meer?

 

 

 

 

Mikroplastik in der Nahrungskette!

 

Zu viel Dreck in den Weltmeeren!

 

Unzählige Flaschen und Beutel und Gegenstände aus Plastik schwimmen im Wasser. Diese ekligen Bilder bekamen wir in den letzten Tagen überall serviert. Schluss damit! Den EU-Parlamentariern fiel nichts Besseres ein als ein Verbot einzuläuten. Keine Einweg-Plastiksachen mehr. Na toll!

 

Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Plastikgeschirr. Im Gegenteil. Aber ich kann gut verstehen, wenn es bei Kindergeburtstagen gerne benutzt wird. Da geht es nicht nur um den Abwasch danach, sondern auch um die Gefahr, sich mit Besteck zu verletzen. In Wartesälen oder Großraumbüros schätze ich den Wasserbehälter mit seinen Plastikbechern sehr. Das ist viel hygienischer als ein – vielleicht nur oberflächlich ausgespültes – Glas.

 

So könnte die Liste weiterwachsen. Plastik ist nun mal superpraktisch, resistent und oft hygienischer, weil es eben nur einmal benutzt und dann entsorgt werden kann. Und da sind wir schon bei der Ursache des Unglücks! Die Entsorgung von unserem Abfall! Hier geht es nicht mehr nur um das leidige Plastik. Hier geht es um alles, was irgendwann und LEIDER irgendwo weggeworfen wird!

 

Ganze Schulklassen werden dazu aufgefordert, den Dreck der Dreckigen aus der Welt zu schaffen. Egal, ob Strand oder Wald und Wiese. Kinder und Jugendliche sollen diese „soziale Arbeit“ übernehmen, werden dafür gelobt, fotografiert und in den Medien gezeigt.

 

Schämt euch!

 

Das ist genau die falsche Erziehung!

 

Ich muss den Dreck der anderen wegbringen, also kann ich auch meinen Dreck einfach dort hinschmeißen. Kommt ja bald die nächste Schulklasse.

 

Dieser Gedanke könnte so manchem Teenager durch den Kopf gehen.

 

Umgekehrt: damit wir das nicht machen müssen, sollten wir besser unseren Dreck richtig entsorgen.

 

Dieser Gedanke, hingegen, kommt selten an.

 

Die Kinder kann man aber noch dazu erziehen, sauberer und respektvoller mit der Natur umzugehen. Dazu brauchen sie, vor allem, das Beispiel der Erwachsenen. Da liegt das ganze Problem.

 

Wenn man mir dann drecküberladene Strände und Meere zeigt bekomme ich Gänsehaut vor Wut. Denn dort spielt eine ganz bestimmte Gattung der Menschen eine große Rolle: man nennt sie seit einigen Jahrzehnten TOURISTEN. Diese Gattung hat nichts mit Reisenden zu tun. Es gibt immer noch Menschen, die sich vernünftig benehmen können, auch wenn sie viel unterwegs sind, egal ob beruflich oder privat. Touristen reisen auch, möglichst billig, mit Flugzeug und Schiffen, aber gesellschaftsfähige Manieren kennen sie nicht. Anstand und Respekt, wenn sie diese Begriffe überhaupt kennen, lassen sie zuhause. Im Urlaub ist alles erlaubt. Da gibt es für viele keine Regeln mehr. Sie bleiben ja nicht an diesem Ort. Das ist hier Mantra im Hinterkopf.

 

Es ist nicht nötig, Plastik per se zu verbieten. Es ist dringend nötig, den Menschen eine gewaltige Gehirnwäsche zu verpassen. Wir sind mittlerweile viel zu viele hier auf diesem Erdball. Dementsprechend sollten wir uns einfach an der eigenen Nase fassen und ... sauberer werden!

 

Das hat nichts mit fanatischen Naturschützern zu tun!

 

Das bedeutet einfach:

 

ganz normalen Respekt für einander und für unseren Lebensraum an den Tag zu legen.

 

Noch mal:

 

Respekt und Toleranz wieder in Mode bringen,

 

damit das gegenseitige Vertrauen nicht ganz verschüttet wird.

 

 

 

 

 

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Gedanken beim Spazierengehen

 

Ich verlasse den separaten Gehweg und mache es mir auf der linken Seite der engen Straße bequem. Das hat mir schon meine Großmutter im jüngsten Kindesalter beigebracht. Immer gegen die Fahrtrichtung laufen, damit die ankommenden Autofahrer mich sehen können.

 

In diesen engen norwegischen Straßen wird mit sehr großem Respekt gefahren. Hin und wieder gibt es in der Nähe einer kleinen Ansiedlung ein Schild, das auf Kinder und Hunde hinweist.

 

Die Stille der Natur lässt jedes Auto schon von weitem ankündigen. Die Fahrzeuge kommen einzeln. Bisher sind mir noch keine zwei Autos hintereinander begegnet. Der Verkehr entspricht den weitläufigen Ansiedelungen. Mal ein Bauernhaus hier, dann wieder einfachere Wohnhäuser bis hin zu supermodernen Ferienbungalows. Zwischendurch ein paar sehr alte Häuser, teils unbewohnt, wenigstens lässt sich das auf die vom dichten Gras überwachsene Anfahrt hindeuten.

 

Im Wald plätschert das Wasser des Baches, der den See mit dem Fjord verbindet. Aber sehen lässt er sich nicht. Das wilde Gebüsch bietet ihm einen natürlichen Tunnel. Irgendwo da unten hatte jemand eine breite Holzbrücke gebaut. Der Weg zu ihr wurde in den Jahren von dichtem Gehölz und eifrigen Waldpflanzen überwachsen.

 

Neugierig laufe ich auf die dunkle Kurve zu. Sie scheint in einen dunklen Wald zu führen. Unerschrocken laufe ich hinein in das finstere Gehölz. Sobald ich jedoch die Kurve erreiche und ihre Richtung beibehalte wird es sofort hell und freundlich. Wieder tauchen Häuser aus dem Nichts auf. Die Straße führt zwischen ihnen hindurch bis hinunter zum Fjord.

 

Es ist still, unglaublich still. Kein Vogelgezwitscher, kein Grillengezirpe, nur hin und wieder der ferne Motor eines Autos. Die Landstraße hatte ich schon seit ein paar Minuten verlassen. Dieser enge Weg wurde im Grunde nur von den Anliegern benutzt. Oder von neugierigen Spaziergängern wie mich. Begegnet bin ich niemandem. Nur ein intelligenter kleiner Hund kommt hinter einem Haus hervor, bleibt jedoch auf seinem Rasen stehen, bellt nicht, wedelt nur mit dem Schwanz. Ich grüße ihn freundlich und gehe weiter.

 

Die Häuser zeigen mir den Baustil verschiedener Generationen. Dennoch werde ich überraschend daran erinnert, dass ich mich, trotz der ungewohnten Wildnis, im 21. Jahrhundert befinde. Plötzlich kommt mir am ansteigenden Wegrand etwas Dunkles entgegen. Ich musste schmunzeln, als ich den Roboter erkannte. In vielen Gärten ist er hier tätig. Ein paar Augenblicke sehe ich ihm bei seiner Arbeit zu. Es ist wirklich bewundernswert, wie toll er den Rand seines Gebietes erkennt und ebenso intelligent in die einzig freie Richtung weiterfährt.

 

 

 

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Meine zeitlosen Lieblingsstücke

Es gibt Tage, an denen kommt es mir vor, als wenn ich nur ein Seidentuch besitzen würde. Weil ich immer dasselbe trage. Schnell um den Hals gelegt. Locker über das Dekolleté drapiert.

 

Ich liebe dieses Tuch. Es passt auch sehr gut zu vielen Outfits. Und es berührt mich immer wieder, weil es seine ganz eigene Geschichte hat.

 

Vor unglaublich vielen Jahren, Anfang der Achtziger des letzten Jahrhunderts, wohnte ich in einem Nebengebäude eines alten Schlosses. Das Hauptgebäude hatten wir für unseren Firmensitz gemietet. 1300 historische Quadratmeter. Giuseppe Garibaldi soll dort einmal fast geheiratet haben. Auch eine tolle Geschichte.

 

Die angrenzenden Nebengebäude, früher wahrscheinlich für die Stallungen und ähnliches benutzt, waren schon vor über zwei Jahrzehnten in schicke Wohnungen im Landhausstil umgestaltet worden. Zwischen Mailand und Como sehr günstig mit der Autobahn verbunden, lockte diese ausgefallene Wohnanlage bald Künstler, Regisseure, Designer und Unternehmer in diese ungewöhnlichen Wohnstätten mit sehr eigenwilligen Zimmeraufteilungen.

 

Ich hatte zwei Zimmer mit Bad und offener Küche im ersten Stock gemietet. Neben mir befand sich eine Wohnung auf zwei Ebenen verteilt. Sie war von einer Designerin  gemietet worden. Eine nette Dame mit drei verrückten Hunden, darunter einem Dobermann, dem jeder aus dem Weg ging. Sie kreierte bunte Tücher für eine Seidenfabrik. Eines Tages kam sie auf mich zu.

 

„Marina, ich habe eine kreative Flaute. Du bist jung und ziehst dich immer gut an. Gib mir doch eine Inspiration. Was würde dir auf einem Tuch gefallen?“

 

Nun, da ich Löwen sammelte und überaus liebte, war es für mich ganz natürlich, ihr einen Löwen zu suggerieren. Einige Zeit später schenkte sie mir dieses Tuch aus reiner Seide. Als kleines Dankeschön für meine „Hilfe“. Denn, das Tuch war von Krizia übernommen worden, damals eines der großen neuen Erfolgslabels der gerade aufstrebenden Modedesigner in Mailand.

 

Ich pflegte mein gutes Stück immer sehr respektvoll. Viele Jahre lang hatte ich es auch nur in der Schublade. Doch jetzt bin ich ja voll im Alter der Seidentücher. Jetzt habe ich gerne etwas um meinen Hals, wenn die Falten zu stark hervortreten, wenn der Wind daran zerren möchte. In den letzten Jahren ist es mir sehr lieb geworden.

 

Und die Seide aus dieser Zeit ist qualitativ viel besser gewesen. Das kann ich auch von einem weiteren Lieblingsstück sagen, das wohl kaum einmal von mir aussortiert werden wird. Auch dieses Stück verbindet eine Geschichte voller emotionaler Erinnerungen.

 

Ich war schon immer sehr modebegeistert gewesen. Seit meiner frühen Jugend las ich die großen Modemagazine. Ein Designer hatte mich von Anfang an begeistert: Valentino. Sein Vorname genügte damals noch. Später benannte er die Accessoires-Kollektion mit seinem vollen Namen: Valentino Garavani.

 

Aber zurück in die Achtziger. Ich brauchte einen neuen Wintermantel und fand ihn in einer Boutique in Como. Der Mantel war schnell gefunden und gekauft. Ein weißer Wollmantel von ... na klar: Valentino. Ich konnte mir seine junge, etwas günstigere Kollektion schon leisten. Doch blieb es nicht bei einem Mantel. In einer Boutique stehen und hängen ja immer wieder Kleidungsstücke irgendwo im Blickfeld der Kundin. Das ist ein ganz natürlicher Marketingtrick. Mein Auge fiel auf eine Bluse aus schwarzer Seidenspitze. Hauchzart und verführerisch lockte sie mich näher. Die clevere Verkäuferin erkannte sofort meinen schmachtenden Blick und drängte mich sanft zu einer Anprobe. Huch, das war ein prickelndes Gefühl. Ich wollte mich bremsen, da die Bluse fast so viel wie der Mantel kostete. Aber das war sie es wert.

 

Dieses Stück hat mich mein Leben lang begleitet. In die Oper, ins Theater. Bei festlichen Abendessen und sogar unter einem Pullover fügte sie einen eleganten Touch hinzu.

 

 Natürlich hat auch diese Bluse viele Monate im Schrank gehangen und stets geduldig auf ihren Moment gewartet. Natürlich ist es auch sehr wichtig, dass die Konfektionsgröße noch passt. Aber ihre Eleganz und ihr Flair hat diese Bluse in all diesen Jahren nicht eingebüßt.

 

Das ist wahrlich zeitlose Klasse. Valentino Garavani hatte sie. Mein Seidentuch hat sie auch. Wir werden wohl noch einige Zeit miteinander verbringen...

 

Warum unser Lieblingsgetränk mehr Respekt verdient

 

Wie oft bin ich in der Würzburger Spiegelstraße an der Kaffeemanufaktur vorbeigegangen und hatte mir vorgenommen, das nächste Mal einzutreten, um hier einen frisch gerösteten Kaffee zu genießen. Aber die Zeit bleibt nicht stehen, und was man sich einst vorgenommen geht häufig im Strudel der Hektik unter. Umso begeisterter nahm ich die Einladung zu einem „Lady Treffen“ in der Kaffeerösterei im Rahmen der Business Class-Events der IHK an.

 

Der Kaffee war ausgezeichnet. Daran hatte ich auch nicht gezweifelt. Was mich sofort begeistert aufhorchen ließ, war die Geschichte, die dahinter steckte. Mein neugieriges Wesen erfuhr bedeutende Details, die ich nicht mehr für möglich gehalten hätte.

 

So wie die mühsame Handarbeit beim Pflücken der Kaffeekirschen. Ja, die Frucht der Kaffeepflanze nennt sich „Kaffeekirsche“. Ein sehr schönes Wort, das ich auch erst dazu gelernt habe! Sehr ansprechend, weil die Beeren in ihrer vollen Reife sich in ein tiefes Rot eintauchen, eben wie die Kirsche.

 

Die zumeist sehr steilen Berghänge der Anbauflächen erlauben keinen maschinellen Einsatz. Auch nicht im 21. Jahrhundert. Und zudem reifen nicht alle Kaffeekirschen zur gleichen Zeit. Sie müssen also ausgewählt abgepflückt werden. Jede einzeln. Mit der Hand. Es folgt eine ebenfalls manuelle Vorbereitung der Früchte bis sie endlich in Säcken auf Schiffe verladen und in die großen Häfen verfrachtet werden. Der Kaffee ist seit Jahrhunderten weltweit sehr beliebt und kaum jemand kann sich heutzutage seinen Tagesablauf ohne das aromastarke Energiegetränk vorstellen.

 

Seine schwindelerregenden Zahlen, ließen mich zu einem weiteren Gedanken kommen. Wenn ein Pflücker eine Woche benötigt, um einen Sack voll zu bekommen, wie viele Menschen haben hier einen festen Arbeitsplatz? Oder haben auch die Kaffeebauer schon Schwierigkeiten, gute „Fachkräfte“ zu bekommen?

 

 Jedoch blitzte diese Überlegung nur sekundenkurz durch meinen Kopf. Die Geschichte des Kaffees war einfach viel zu interessant, als dass ich mich weiter ablenken konnte. Ein flüchtiger Blick in die Runde bestätigte mir, dass ich mit meiner Begeisterung nicht alleine hier saß.  

 

Wenig später gruppierten wir uns vor eine traditionelle Röstmaschine und lauschten dem nächsten interessanten Vortrag, während die Rohkaffeebohnen sich gerade in dieser Trommel zu den besser bekannten braunen Kaffeebohnen verwandelten. Dabei entsprang diesem Gerät ein Aroma, das allein schon alle meine Gehirnzellen aufmunterte. Nachdem ich gelernt hatte, dass der beste Kaffee vorzugsweise schwarz zu trinken sei, gingen wir auch schon auf die nächste Überraschung zu.

 

In der Zwischenzeit hatten einige Mitarbeiter des Ladens in einem anderen Raum ein „Cupping“ vorbereitet. So nennt sich eine professionelle Kaffeeprobe. Dabei wird aus einem breiten Glas der vorbereitete Kaffee mit einem Löffel regelrecht auf die Zunge geschlürft. Anschließend muss man einen Schluck Wasser trinken, damit Zunge und Gaumen sich neutralisieren und den Eigengeschmack der nächsten Kaffeeprobe wieder erkennen können. Fünf verschiedene Kaffees aus fünf verschiedenen Anbaugebieten von Äthiopien über Indien bis über die Karibik nach Mittelamerika standen bereit.

 

Damit nicht genug.

 

Ich liebe Kaffee, trinke fast ausschließlich Espresso, aber zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten schätze ich auch eine gute Tasse Tee. Das habe ich in England gelernt. Und im Sommer gibt es nichts Besseres für heiße Tage als marokkanische Minze. Heiß getrunken wirkt sie sofort gegen Hitze und balanciert die Körpertemperatur perfekt aus. Deshalb wunderte ich mich nicht, als wir vor gut 70 verschiedenen Teesorten standen.

 

Und wer sich in der kalten Jahreszeit gerne eine heiße Schokolade zubereitet, kann hier ebenfalls ausgesuchte Qualitäten dafür finden.

 

Es war ein ganz besonderes Erlebnis, mit allen Sinnen zu erfahren, wie viel Herzblut hinter unserem Lieblingsgetränk steckt. Wir sollten nicht immer alles für selbstverständlich halten.

 

Seit einiger Zeit bereite ich meinen Espresso mit einer aromatischen Fair-Trade-Mischung zu. Warum sie so magenfreundlich ist, das erfährt man am besten bei einem Kaffee-Seminar ... in der Kaffee Manufaktur von Andrea Werner. Man spürt ihre Begeisterung bei jedem Wort. Sie liebt ihre Arbeit und ist sich voll der Nische bewusst, die sie im großen Meer der industriellen Kaffees seit 15 Jahren erfolgreich aufgebaut hat.

 

Ab heute trinke ich meinen Espresso mit noch mehr Respekt für alle involvierten und engagierten Kaffeebauern rund um den Äquator. 

 

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Der Herbst

 

 

Nur eine Jahreszeit? Für manche auch ein Gemütszustand. Für andere eine Altersangabe. Für mich ein Synonym für Trauer und Traurigkeit. Nicht umsonst fallen die meisten Trauertage in die herbstlichen Monate des Oktobers und Novembers.

 

Der Sommer verabschiedet sich langsam, aber unwillkürlich. Die Bäume leuchten noch einmal richtig auf mit wunderschönen warmen Farben, bis sie endgültig das dichte Blätterkleid ablegen. Die Sonne versucht ihre Strahlen durch die dicken Regenwolken und die dampfenden Nebelschleier zu bringen, aber ihre Wärme verliert tagtäglich an Kraft und Einfluss.

 

Die Natur bereitet sich auf den Winter vor. Der Mensch muss sich ihr fügen. Seine Uhrzeit wird (vielleicht zum letzten Mal) umgestellt, was ihm aber kaum hilfreich ist. Den vielen dunklen Stunden, die da im Kommen sind, muss die Stirn geboten werden. Mit heimeligen Kaminfeuern, mit idyllischen Kerzenlichtern, mit heißen Getränken und süßen Plätzchen. Eine kuschelige Decke um die Beine und ein gutes Buch in der Hand, vielleicht auch noch eine lauschige Musik dazu. Damit kann Seele und Geist in eine andere Welt abtauchen. Regen und Kälte bleiben draußen.

 

Das Absterben der Natur wird vom Menschen bewusst oder unbewusst ausgeglichen. Nach vielen Stunden im Freien besinnt man sich wieder auf die eigenen vier Wände. Es werden wärmere Farben ausgesucht. Von Orange bis Braun streichelt jede Nuance unsere Seele. Die Düfte werden intensiver. Es darf nach Holz, nach Kastanien, nach Geborgenheit riechen. Dazu tragen auch die zahlreichen Plätzchen bei, deren Backzeit nun beginnt.

 

Neue Lokale werden entdeckt. Sie müssen gemütlich sein, einladend und bequem. Shoppen war gestern, heute wird heiße Schokolade getrunken und über das letzte Konzert oder den neuesten Film gesprochen. Oder einfach nur chillen und philosophieren.

 

Ohne Sinn ergibt in manchen Tagen auch einen Sinn.

 

 

Ich wünsche euch allen eine wunderschöne, farbenprächtige Herbstzeit mit viel Sonne und erholsamen Spaziergängen in der Natur, in Begleitung von guten Freunden und lieben Menschen, die euch inspirieren, die euch helfen und trösten, damit ihr Kraft und Energie tanken, euren Geist und eure Seele in die richtige Balance bringen könnt, damit es euch gut geht!

 

 

 

 

 

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Danke Tübingen!

 

 

 

 

Ich habe einen irren Tag hinter mir! Aber es hat sich gelohnt!

 

Vor einem knappen Jahr bekam ich die Diagnose: Retinitis pigmentosa. Eine seltene Netzhauterkrankung, bei der sich das Gesichtsfeld von außen nach innen verkleinert bis hin zu einem Tunnelblick und im schlimmsten Fall, kann sie letztendlich zur Erblindung führen. Retinitis pigmentosa ist vor allem vererblich. Jedoch fand ich in meiner Verwandtschaft keine ähnliche Erkrankung. Ich hatte auch keinerlei Beschwerden oder Einschränkungen beim Sehen. Deshalb blieb ich erst einmal skeptisch.

 

Ich wurde in eine Augenklinik überwiesen. Dort führte man ein halbes Dutzend Untersuchungen durch. Mit dem Fazit: die Krankheit scheint stabil, kommen Sie in drei Monaten wieder. Es war Winter und ich konnte mich noch immer nicht mit dieser Diagnose anfreunden. Warum? Weil ich sehr gut sehe. Weil ich sehr gut Autofahren kann. Weil ich nur nach längeren Stunden am Laptop einen unangenehmen Druck spüre. Der sich jedoch mit einer Portion Feuchtigkeit durch gute Augentropfen sofort beruhigen lässt. Ich kenne meine Schwäche. Da ich kaum blinzele, wenn ich am Laptop sitze, trocknen meine Augen noch mehr aus. Damit lebe ich seit Jahrzehnten. Schließlich arbeite ich seit 1989 mit einem Computer.

 

Immer noch skeptisch, begann ich zu recherchieren. Für was gibt es denn Internet?! Es war mir einfach nicht möglich, mich mit dieser Diagnose zufrieden zu geben. Weder der Augenarzt noch die Augenklinik konnten mir den Ursprung erklären, noch wie ich mich pflegen kann, damit der jetzige Status stabil bleiben würde. Unter Kontrolle halten, war die Devise. Nur, die Untersuchungen sind keineswegs angenehm. Mag ich auch etwas sensibler sein. In meinem Alter sind drei Monate gefühlte drei Wochen. Die Distanz gefiel mir überhaupt nicht.

 

Meine Recherchen führten mich zur Uni-Augenklinik in Tübingen. Dort war man spezialisiert auf diese seltene Augenkrankheit. Gute vier Monate musste ich auf meinen Termin warten. Dann war es so weit. Zweieinhalb Stunden Autofahrt und ich war in der Universitätsstadt. Die Auffahrt zu den nagelneuen Uni-Kliniken war sehr gut beschildert. Sie sind erst 2016 eingeweiht worden! Ich ging durch helle, großzügig angelegte Räume mit bequemen, weichen Stühlen und Sofas. Von der Anmeldung bis hin zu den Ärzten und Laborangestellten fand ich nur freundliches, zuvorkommendes Personal. In vier Stunden hatte ich mein halbes Dutzend Untersuchungen und noch zwei weitere hinter mir.

 

Dann kam das abschließende Gespräch des Oberarztes! (Ich liebe junge Ärzte, am kompetentesten sind sie zwischen 35 und 45 Jahren.) Er klärte mich mit sehr gut verständlichen Worten ohne Umschweife auf: die Retinitis pigmentosa ist an sich schon eine seltene Augenkrankheit. Meine Version ist noch seltener. Im „Normalfall“ beeinträchtigt sich das Gesichtsfeld rundum jedes Auge. Bei mir ist nur ein Teil des Auges, und zwar die äußere Seite betroffen. Deshalb sehe ich mit zwei Augen auch (noch) sehr gut, weil sie sich kompensieren. Was dem einen Auge fehlt, das bringt das andere auf und umgekehrt.

 

Für den Ursprung dieser Seltenheit ist die Sonne verantwortlich! Ja, das kann ich sehr gut verstehen. Seit über zwei Jahrzehnten fehlt dem heißen Planeten der Ozonfilter. Jedoch haben wir Erdenbürger uns nicht sofort damit beschäftigt. Manche tun es ja auch jetzt noch nicht.

 

Die Sonne hat mir in meinem Leben schon öfter geschadet. Vor knapp fünf Jahren musste ich mir ein Basaliom an der rechten Schläfe entfernen lassen. Dieser gutartige Hautkrebs wird von den Sonnenstrahlen ausgelöst. Es hat lange gedauert bis ich mich an die Narbe gewöhnt hatte. (Habe ich das wirklich?) Vor drei Jahren, und hier kommen auch der Laptop und die LED-Lampen mit ins Spiel, bemerkte ich einen kleinen, roten Fleck mitten auf der linken Wange. Zunächst dachte ich wieder an ein Basaliom und war schon sehr beunruhigt. Dann stellte sich heraus, dass es sich um einen „Lichtschaden“ handelte. Ich bin demzufolge leider sehr anfällig dafür.

 

Nachdem dieser technische Teil der Diagnose abgeklärt war und mir auch versichert wurde, dass ich in absehbarer Zeit keineswegs um meinen Führerschein bangen muss, (wie es mir andernorts beinahe kategorisch verordnen worden war) kam die nächste Überraschung: ich saß dem ersten deutschen Arzt gegenüber, der sich mit mir über Ernährung unterhielt! Das ist mir bisher noch nicht vorgekommen! In der Vergangenheit hatte ich zwei Augenärzte direkt daraufhin angesprochen und negative Antworten erhalten. Hier hörte ich begeistert zu! Viel buntes Gemüse, wenig Fleisch, und viel Fisch, weil OMEGA-3 superwichtig für die Augen ist. Und bitte nicht mehr ohne Sonnenbrille und breitkrempigem Hut aus dem Haus, wenn draußen die Sonne scheint. Ich habe in meinem Leben schon immer Sonnenbrillen getragen, jedoch waren die Seitenbügel gerne sehr dünn. Das muss ich nun ändern.

 

Das sind doch mal vernünftige Ratschläge, mit denen ich viel mehr anfangen kann, als mit „es gibt noch keine Tabletten für ihre Krankheit“.

 

Am Ende kam noch ein kleines Sahnehäubchen: wir würden eine Kontrolle in ZWEI JAHREN wieder ansetzen! Demnach waren die drei, vier Monate der anderen Augenklinik nichts anderes als Arbeitsbeschaffung. Selbstverständlich werde ich wieder nach Tübingen fahren! Auch wenn bis dahin höchstwahrscheinlich neue Ärzte die Untersuchungen und Gespräche vornehmen werden. Ein Grund mehr, auf immer frische Gehirne vertrauen zu können. Wenigstens sehe ich das so.

 

Deshalb stelle ich meinen Laptop auch tagsüber auf „Night Shift“. Dadurch werden die blauen Strahlen leicht gelblich. Dieser Zustand ist idealer für die Augen, besonders bei langfristigen Arbeiten. Bei meiner Ernährung muss ich nicht viel umstellen, da ich seit meiner Zeit in Italien ohnehin viel lieber Fisch als Fleisch und Wurst esse. Da die Ursache meiner Erkrankung von äußeren Einflüssen abhängt, die ich regeln kann, werde ich auch das Nötige veranlassen.

Ich bin auf jeden Fall erleichtert.

Vielen Dank, Tübingen!

 

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Der neue Lyrikband von Xenia Hügel

 

 

 

Während ich eine Sprache in eine andere übersetze, vertiefe ich mich in jedes Wort und suche den Sinn zwischen den Zeilen zu erfassen, bevor ich ihn in die andere Sprache weitergebe.

 

Ich tauche ein in die Gefühlswelt der Künstlerin, in ihre Art und Weise, die Welt zu betrachten, die Liebe zu (er)leben, ihre Empfindungen mitzuteilen. Das gelingt Xenia Hügel besonders gut! Ihre Poesie ist mitunter auch eine zärtliche Herausforderung für den Leser. Diese Zeilen wollen eindringen, wollen ankommen, wollen aufwühlen!

 

 

 

Liebe in 1000 Farben

 

erscheint am 15. August im net-Verlag.

 

Alle Lyrikfreunde sollten sich diesen Tag in ihrem Kalender ankreuzen!

 

 

 

Jede Zeile ist eine Liebeserklärung! An die Seele. An das Herz. An eine Stimmung. An die Heimat. An die Freundschaft. An die Zeit. An die Kraft des Glaubens. An die Liebe selbst, mal versteckt, mal direkt angesprochen. Und, immer wieder, an die Familie. Diese tiefe Zusammengehörigkeit durchdringt ein wunderschönes Liebeslied, hallt in Unser Haus aus jeder Silbe und findet seinen Höhepunkt in der gleichnamigen Poesie Familie.

 

Wer Xenia Hügel kennt und ihre Lyrik liebt, wird sich auf eine weitere Überraschung freuen: 36 Poesien hat diese großartige Poetin in dem Band Liebe in 1000 Farben zusammengetragen und mit ebenso vielen Bildern der Künstlerin Irene von Müller-Liebig illustriert. Diese Bilder verbinden sich wunderbar mit der Poesie.

 

Hier meine Eindrücke, die zu einer Hommage an die Abstraktion geworden sind:

 

 

 

Ein Herz, das mit der Sonne verschmilzt

 

- farblich wie mit ihren Formen-

 

 

 

Ein Tropfen, dessen „Nicht-Farben“ an die Ewigkeit erinnern,

 

versteckt eine Figur, die sich kniend etwas ansieht

 

- so sehe ich dieses Bild -

 

 

 

Farbliche Strömungen, aus denen versteckte Augen

 

den Betrachter observieren

 

- oder war das nur (m)eine Impression -

 

 

 

Eine Poesie möchte ich noch besonders hervorheben,

 

weil sie mich emotional sehr stark berührt hat:

 

 

 

An einem einzigen Tag

 

 

 

Die letzte Zeile lautet:

 

 

 

Vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl will ich bei dir sein –

 

jeden einzelnen Tag.

 

 

 

Diese Zeile umarmt wunderbar meine Liebe, seit 38 Jahren!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hiroyuki Masuyama in Würzburg

 

Vor gut zwanzig Jahren besuchte ich mit meinem Mann die Tate Gallery in London. Es ging mir dabei vor allem um die permanente Ausstellung der Gemälde William Turners. Seine verwaschenen Farben, die so gut wie jede Landschaft mit einem Hauch Nebel durchzogen, faszinierten mich. Mein Mann entdeckte zwischen vielen Meeren und Schiffen die Festung von Würzburg. Er liebt diese Stadt, nicht nur wegen dem überwältigenden, 600 qm großen, Tiepolo-Fresko in der Residenz. Entzückt betrachtete er dieses Bild inmitten von London, das ihn an eine nette, kleine Stadt in Deutschland erinnerte.

 

Heute wohnen wir in der Nähe dieser immer noch sehr attraktiven Stadt mit seinem regen Kulturleben. Wir schätzen ihre Kunstwerke und kennen ihre Museen.

 

In der lokalen Tageszeitung hatte ich einen interessanten Artikel gelesen, dass eben dieses Werk von Turner (und andere) von einem japanischen Künstler fotografisch überarbeitet worden ist. Neugierig fuhren wir ins Museum.

 

Schon bei dem Betreten des ersten Saales wurden wir von Hiroyuki Masuyama überwältigend empfangen. Eine nicht enden wollende Bildfolge, die eine wunderschöne Wiese mit ihren farbenprächtigen Blumen darstellte, auf der sich frische kleine Wasserfälle und Bäche fröhlich abwechselten, füllte die Wände dieses großen Saales mit ihrer vollen Pracht aus. Genau das richtige an einem heißen Sommertag! Die bunten Farben wirkten durch die Beleuchtung von innen noch intensiver. Diese Besonderheit charakterisierte auch die anderen Arbeiten von Hiroyuki Masuyama. Er hatte die Gemälde von William Turner, Caspar David Friedrich und weiteren Malern des 19. Jh. aufgenommen und am Computer auf seine ganz eigene Art und Weise überarbeitet. Dadurch entwickelten sich ihre Farben und Pinselstriche völlig neu. Dieser „Anstrich“ hauchte den antiken Gemälden eine neue Seele ein, mit der sie beschwingt ins 21. Jahrhundert herüberkamen, als wären sie erst gestern entworfen worden. Entzückt betrachteten wir die zahlreichen Werke mit den verschiedenen Ansichten von Venedig, Rom, den Schweizer Bergen und Seen, sowie natürlich zwei wunderschöne Darstellungen der Festung, die seit einigen Jahrhunderten über Würzburg ragt.

 

Ein paar Schritte weiter erwartete uns die nächste lange Sequenz mit unzähligen, aneinander gereihten, Fotografien. Doch vergebens suchte man die Schnittstellen. Auch hier gab es eine Unendlichkeit zu entdecken. Der Künstler hatte dazu eine 42stündige Weltreise unternommen. Mit dem Flugzeug war er einmal um den Erdball geflogen und hatte, nach eigenen Angaben, alle 20 Sekunden ein Foto geschossen. Zwischen Wolken und Erdboden war es hin und wieder sehr dunkel. Die Erde war in ihren Ballungszonen mit den bekannten Punkten beleuchtet, die man auch selbst beobachten kann, wenn man bei einem Nachtflug aus dem Fenster sieht. So wird dieses Werk nicht nur zu einer Reise um die Welt, sondern auch zu einer Reise in die Zeit.

 

Richtig erfrischend wurde es, als ich mich umdrehte und das gigantische Bild des Montblancs bewunderte. Diesen Berg hatte Hiroyuki Masuyama ebenfalls mit einem Flugzeug umkreist. Die daraus entstandenen Bilder, schön aneinander gereiht, damit es einem beinahe schwindlig werden konnte, waren neben dieser übergroßen Aufnahme des Gipfels ausgestellt. Ihre kolossale Wirkung auf den Betrachter wohl bewusst.

 

Wir waren begeistert von dieser Kraft und dem Genie, jahrhundertealte Gemälde mit der Hightech Fotografie des 21. Jahrhunderts neu zu gestalten. War noch die Wiese ein Farbenrausch und die Wasserpräsenz erfrischend, so übertrugen die Aufnahmen aus der Höhe einen berauschenden mentalen Flug über unsere Welt, unsere Erde.

 

Wer sich noch nicht genug aufgewühlt hatte, der konnte sich den ultimativen Kick in der begehbaren Holzkugel holen, die im großen Foyer aufgestellt ist. Einmal drinnen musste ich mich erst langsam an die völlige Dunkelheit gewöhnen. Dann aber gingen abschnittweise die Sterne auf. Über mir die nördliche Hemisphäre, unter mir die südliche Hemisphäre. 30.000 Löchlein und Löcher hatte Hiroyuki Masuyama, getreu nach den hierzu vorliegenden Sternkarten, in die Holzwände gebohrt und mit Lichtleiterkabeln verbunden. Sodass man an einem Ort etwas Einzigartiges sehen konnte, das in der Realität nicht möglich wäre. Mal schaute ich nach oben, mal staunte ich nach unten. Behutsam versuchte ich aufzustehen. Es war möglich. Die Kugel war groß genug. Doch die Dunkelheit, das ganz besondere Echo im Inneren, das bei jeder Bewegung leise Töne erzeugte, wie ein ferner Gong. All das hatte mir meine Orientierung genommen. Ich war gefangen im Sternenhimmel des Universums. Mit beiden Händen suchte ich vergebens die Luke zum Ausgang. Erst als mein Klopfen und mein Rufen von außen gehört wurden, sah ich den Lichtspalt der Realität. Ich war, fast einen Meter, zu weit rechts von der kleinen Öffnung gelandet. Diesen Ausflug ins universelle Firmament werde ich so schnell nicht vergessen.

 

Bis zum 4. November ist es möglich sich im Kulturspeicher in Würzburg ein Stündchen Zeit zu nehmen und sich diese unwiederbringlichen Emotionen zu gönnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich selbst noch einmal in den Genuss kommen werde...

 

Der Ekel ... der ersten Seite

 

Jean-Paul Sartre – Der Ekel

 

 

 

Dieses Buch hat sehr lange Jahre auf mich warten müssen. Es hat mich bei meinen zahlreichen Umzügen in den letzten drei Jahrzehnten begleitet! Bücher sind treue Freunde. Irgendwann ist ihre Zeit da. Dann freuen sie sich, wenn man ihre Seiten öffnet. Jeder Luftzug wird mit einem ganz besonderen Duft begrüßt. Der Duft einer anderen Epoche. In diesem Fall hat er mir geholfen, mich sofort um ein ganzes Jahrhundert und noch weiter vom Jetzt zu entfernen.

 

Wie so oft, waren die ersten Seiten keineswegs einladend. Ich kann niemanden verstehen, der Bücher nur kauft, wenn ihm die erste Seite gefällt. Das sind keine guten Leser. Sie werden sich sehr viele schöne Bücher entgehen lassen. Oder: es sind nur faule Leser, deren „Kopfkino“ sich nicht anstrengen will, die sofort in die Geschichte eintauchen wollen; dem Autor keine Zeit geben sich „einzuschreiben“.

 

Ich gebe einem Buch grundsätzlich 50 Seiten. Das ist mein Limit. Dann muss es mich überzeugt haben. Die ersten Seiten sind manchmal einfach holprig. Man muss sich erst an einen vielleicht etwas eigenwilligen Stil gewöhnen. So wie hier, bei Sartre.

 

Vor zig Jahren hatte ich Die Wörter gelesen und genossen. Nun war Der Ekel an der Reihe. Ein Roman mit minimaler Handlung, der langsam in eine Tiefe geht, aus der man nicht mehr auftauchen möchte. Zuweilen wird man wachgerüttelt durch knackig kurze Sätze, die mir vorkamen, als würde ich auf einer holprigen Straße fahren. Doch dann wurde ich wieder hineingezogen in die Denkweise des Ich-Erzählers. Ich begleitete ihn auf seinen mentalen Reisen in eine eigene Gedankenwelt. Ich wunderte mich zuweilen über seine „bunten“ Erinnerungen. Der größte Teil des Romans könnte in blassen, verwaschenen Farben eingetaucht sein. Ich teilte seine Sehnsucht, als er sich auf die Begegnung mit seiner wohl einzigen Liebe gefreut hatte.

 

Ich liebte vor allem seine Details, diese unglaublich schön geschilderten Nebensächlichkeiten, die man kaum aufnimmt im realen Leben. Und doch sind sie da, werden von uns oberflächlich registriert und sofort wieder verworfen. Kein Platz für das oft Unschöne in der nächsten Umgebung. Besonders auffallend war die Beschreibung der Menschen um ihn herum. Ich konnte diese Aufmerksamkeit des alleinlebenden Mannes sehr gut teilen. Diese Situationen waren vor dem Zeitalter des Smartphone eine der liebsten Beschäftigungen der Menschen gewesen: Andere zu beobachten, zu begutachten, zu kritisieren. Mit einem Lächeln erinnere ich mich daran. Die heutige Generation kennt diese Gegebenheiten überhaupt nicht mehr.

 

Dieses Buch wurde 1928 geschrieben. Seine mentale Tiefe bringt so viele Themen auf, die auch heute noch sehr aktuell sind. Ich habe das Buch in wenigen Tagen verschlungen. Nachdem ich einmal eingetaucht war, hatte mich jede Seite aufs Neue fasziniert. Manche Maxime habe ich mir herausgepickt, habe über sie nachgedacht, vielleicht auch den entsprechenden Absatz noch einmal gelesen. Am Ende wiederholte ich die letzten beiden Seiten zweimal. Wie eine Zugabe, wie ein Nachklingen, das doch bitte nicht so schnell verklingen sollte...

 

Wenn ich mich wirklich noch einmal in dieses Buch vertiefen möchte, dann werde ich wohl die Originalausgabe dazu erwerben. 

 

Xenia Hügel in Miltenberg

 

Miltenberg im Odenwald. Eine interessante Stadt, die ihre alten Fachwerkhäuser so gut pflegt, dass man den aufgemalten Jahreszahlen über den Türen kaum glauben mag. Man sieht ihnen ihr Alter einfach nicht an. Überraschend freundlich sind auch die Bewohner dieser netten Stadt. An Touristen sind sie nicht nur gewöhnt, die geben ihnen sofort den Eindruck, dass sie äußerst willkommen sind. Jedenfalls konnte ich mich keine Minute umsehen, ohne dass mich nicht schon jemand angesprochen hätte, ob ich etwas suche, ob er behilflich sein kann. So viel Freundlichkeit gibt es nicht überall.

 

In der Jakobuskirche war eine Matinée im Programm. Die Poetin Xenia Hügel las ihre einfühlsame Lyrik vor und Alexander Huhn improvisierte an der Orgel. Es war ein außergewöhnlicher Klangraum. Ein wunderschönes Wort und sehr treffend für diese Kunstdarbietung zum Aperitif.

 

Ich freute mich ungemein, als Xenia Hügel begann, ihre Poesie vorzutragen. Das tat sie mit einer feinfühligen Modulation, die durch sehr taktvolle Pausen unterstrichen wurde. Auch dies ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Für mich war es eine neue Erkenntnis.

 

Ich hatte in den letzten Wochen das Privileg gehabt, ihre neue Lyrik übersetzen zu dürfen. Eine wunderbare Herausforderung, der ich mich mit akribischer Leidenschaft gestellt habe.

 

Nun hörte ich diese gefühlsbetonten Zeilen mit einer klaren Stimme, deren Betonung mich noch mehr ins Schwärmen brachte. Die Wörter bekamen einen neuen Klang, den ich sehr zu schätzen wusste.

 

Mitunter trafen sich unsere Blicke und wurden begleitet von einem Lächeln, in dem sich freundschaftliche Komplizen begegneten, in dem die Sympathie sich mit der Harmonie verbunden hatte.

 

Nächsten Donnerstag gibt es wieder eine Begegnung mit Xenia Hügel. Wieder in einer suggestiven Location. Am See in Walldürn - Gottersdorf. Es wird wohl ein angenehm lauer Sommerabend werden...

 

 

Goethe und die Gespräche mit Eckermann

 

Fast drei Monate habe ich für die knapp 700 Seiten reiner Lesestoff der Gespräche Eckermanns mit Goethe benötigt. Einleitungen und endlose Fußnoten interessieren mich nur gezielt. In diesem Fall war die Einleitung hintenan gesetzt worden. Dennoch habe ich, keine drei Seiten davon gelesen. Ich wollte mir nicht meinen guten Eindruck von einer sehr kritischen bisweilen gar unschönen Opinion demolieren lassen.

 

Es war so schön und geistreich in der Gesellschaft von Goethe und seinem, zugegeben: sehr erhabenen, Eckermann! Ja, wie er genau zu Goethe gestanden haben mag kann ich nur vermuten. Ihre Beziehung war doch sehr verschwommen. Eckermann genoss die Stunden mit seinem “Idol“, wenn ich dieses, eigentlich moderne, Wort verwenden darf. Er vergötterte Goethe. Und Goethe, ja der alte Meister nutzte diese Begeisterung auf eine ganz clevere Art und Weise aus.

 

Es ist ein dickes Buch mit dünnen Seiten, wie ich es gerne habe. Eingebunden in schönem, rotem Leinen, bleiben die beinahe hauchdünnen Seiten über Jahrzehnte hinweg gleich und bekommen keinen gelben Schimmer. Der geflochtene Seidenfaden ist für mich immer noch das eleganteste Lesezeichen. Schließlich tragen diese, für manche vielleicht unbedeutenden, für mich jedoch überaus wichtigen Details sehr zu meinem Lesevergnügen bei.

 

Ich genoss jede Zeile. Es war ein wunderbarer Einblick in das alltägliche Leben der Zeit zwischen zwei Jahrhunderten. In diesem Fall ging es vom 18. ins 19. Ebenso konnte ich meine Geschichtskenntnisse auffrischen. Goethe hat mich überrascht mit seinen, bis ins hohe Alter gepflegten Sprachkenntnissen. Er diskutierte gerne die Tagesereignisse, die er sich aus einer englischen und einer französischen, sowie natürlich auch aus einer deutschen Zeitung in den Originalsprachen einholte. Ich war nicht wenig erstaunt über die damaligen Kuriere. Wenn Eckermann vom Piemont nach Genf knapp sechs Wochen mit der Kutsche benötigte, dann frage ich mich schon, wie alt die Zeitungen wohl gewesen sein werden, die Goethe aus Frankreich und aus England erhalten hatte.

 

Wie dem auch sei, Goethe war ein Mensch, den ich liebend gerne persönlich kennengelernt hätte. Wir haben unzählige Ansichten und Meinungen gemeinsam. Ebenso verbindet uns die konstruktive Neugierde über alles, was unser Verstand zu begreifen im Stande wäre. Nur eines trennt uns: die damalige Differenzierung zwischen Mann und Frau. 

 

Zwischen Goethe und mir liegen die zwei bedeutendsten Jahrhunderte, in denen die Weltgeschichte ihre rasantesten Fortschritte vollzogen hat. Und doch bin ich überzeugt, dass dieser vielseitige Denker und überaus kultivierte Mann seine Freude an diesen Progressen gehabt hätte.

 

 

 

 

 

Mein Referat über Heinrich Böll

 

 

Vor 33 Jahren war Heinrich Böll gestorben.

 

 Diese Nachricht las ich gestern auf Twitter. Wie viele Erinnerungen kamen da in mir hoch. Ich konnte fast nicht mehr arbeiten. Dennoch musste ich mich konzentrieren.

 

Heute habe ich mir die Zeit genommen und ein paar uralte Blätter aus einem Ordner geholt, der so einiges aus meiner Vergangenheit aufbewahrt. Die Buchstaben verbleichen nach und nach auf dem Papier, das ebenso langsam einen gelblichen Ton von der Zeit bekommt.

 

Ich habe den Text abgeschrieben, in meinen Laptop. Die Sprache habe ich beibehalten, ebenso die Schreibweise. Es handelt sich um ein Referat, das ich 1976 für den Deutsch-Unterricht geschrieben hatte.

 

Zu Beginn des Schuljahres waren wir damals aufgefordert, einen bedeutenden Schriftsteller der deutschen Literatur auszuwählen und über sein Leben und sein Werk zu referieren.

 

Ich hatte mich für Heinrich Böll entschieden. Herausforderungen waren schon immer meine Leidenschaft gewesen.

 

 

Hier möchte ich heute das Referat veröffentlichen, als Hommage für seinen Todestag, aber auch als Aufruf, diesen überragenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts nicht zu vergessen.

 

 

Heinrich Böll: Leben und Werk

 

Inhalt und Deutung von “Ansichten eines Clowns“

 

 

Heinrich Böll ist im schlimmsten Hungerjahr des 1. Weltkrieges geboren, am 21. Dezember 1917 in Köln. Dort ist er aufgewachsen und hat nach 13 Schuljahren sein Abitur gemacht. Er ist streng katholisch erzogen worden und ist es bis heute auch geblieben. Das wohl schwerwiegendste Ereignis seiner Jugend war die Machtübernahme Hitlers als er 15 Jahre alt war. Böll sagte einmal, daraufhin angesprochen: „Komische Sache, es blieb mir erspart, Nazi zu werden, obwohl meine Jugend dafür prädestiniert war.“ Hitler hatte damals nämlich seine begeistertsten Anhänger unter den Jugendlichen gefunden.

 

Dann kam die Währungskrise: „Erinnerung an das erste Geld, das ich in die Hand bekam: es war ein Schein, der eine Ziffer trug, die Rockefellers Konto Ehre gemacht hätte: 1 Billion Mark; ich bekam dafür eine Zuckerstange...“

 

1938 wurde er in einer Buchhandlung Lehrling. Während seines Germanistikstudiums arbeitete er in der Werkstatt seines Bruders, dem eine Tischlerei gehörte. Böll studierte nur drei Monate Germanistik, dann kam der Krieg. Dem Wehrdienst konnte auch er nicht entfliehen, obwohl er ihn verabscheute, so wie er Faschismus, Nationalsozialismus und Kriegstreiberei verabscheute. Den 2. Weltkrieg erlebte er von Anfang bis Ende als Infanterist. Er lernte die Welt von Cap Gris-Nez bis Rußland kennen. Im Krieg wurde er viermal verwundet. Das Durcheinander des Krieges ekelte ihn an. (Später fand man dieses Gefühl sehr häufig in seinen Romanen, besonders in den ersten, wieder.) Nach sechs Jahren Krieg landete er zuerst in englischer, dann in amerikanischer Gefangenschaft. Doch schließlich kehrte auch er wieder nach Hause zurück. Nach Hause, daß hieß für ihn immer nach Köln, denn das war und blieb und ist auch heute noch seine Heimatstadt, an der er sehr hängt. Als er nach dem Krieg nach Köln kam, war seine geliebte Stadt völlig zerstört. In den Trümmern fand er trotzdem seine Frau wieder. Leider kann ich nicht sagen, wann die beiden geheiratet haben. Es muß irgendwann zwischen Studium und Kriegsanfang gewesen sein.

 

Zwei Jahre nach diesem Krieg begann er zu schreiben. Es waren am Anfang nur Kurzgeschichten, die er an mehrere literarische Zeitschriften verkaufte. Obwohl sein erster Roman schon 1949 erschien, gilt er erst seit 1951 als freier Schriftsteller. Im gleichen Jahr bekam er auch den Preis der Gruppe 47, ein Kreis avantgardistischer Schriftsteller, der von Werner Richter 1947 gegründet worden ist. Böll hat sich damals sehr darüber gefreut, denn er war noch am Anfang seiner Karriere, wenn man seinen bisherigen Lebenslauf einmal so bezeichnen darf, und hielt diese Auszeichnung für sehr hilfreich.

 

1954 bis 1959 wurden fünf von seinen Romanen ins Englische übersetzt. 1959 wurde ihm der Eduard-von-der-Heydt-Preis der Stadt Wuppertal überreicht. Anläßlich dieses Preises erschien im Verlag Kiepenhauer & Witsch ein Büchlein mit dem Titel “Der Schriftsteller Heinrich Böll“. In diesem Büchlein hat Wolfdietrich Rasch in seinem Beitrag “Lobrede und Deutung“ über Böll geschrieben: „Heinrich Böll ist weithin bekannt und hoch geschätzt, auch über unsere Sprachgrenzen hinaus; etwa in Frankreich, in England. Wenn bei uns oder in den Nachbarländern von der gegenwärtigen deutschen Literatur die Rede ist, wird Böll immer als einer der bedeutendsten Repräsentanten der Nachkriegsdichtung genannt.“

 

Im Jahre 1959, d.h. mit 42 Jahren, hatte Böll einen internationalen Ruf erreicht. Heute ist er 58 Jahre alt und schon fast zur Legende geworden.

 

In jedem seiner Werke spielt der Katholizismus eine bedeutende Rolle. Sie kann auch negativ sein, denn er kritisiert die katholische Kirche in Deutschland, wo er nur kann und hebt ihre Mißstände, für jedermann verständlich, deutlich hervor.

 

„Was Böll anfaßt wird zur Geschichte.“ Diesem Ausspruch kann ich nur zustimmen. Denn in all seinen Werken, die er je schrieb, ob Roman, Kurzgeschichte oder Buchkritik; der Leser spürt in jeder Zeile den gegenwärtigen Böll. Eine Fähigkeit, die heute selten geworden ist.

 

Er sieht im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg ein Versäumnis; das läßt er den Leser jederzeit spüren. Er hat schon einmal zwischen zwei Kriegen gelebt, und nichts beunruhigt ihn mehr, als der Gedanke, wir könnten wieder zwischen zwei Kriegen leben. Daher verpönt er Wohlstand und Erfolgssucht. Er hat Angst, daß das alles, was wir uns seit dem letzten Weltkrieg mühsam aufgebaut haben, eines Tages zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Dieser Angst begegnet er mit bösartiger Satire. Und auch hier erfindet er Geschichten, dies seinen Protest nicht klar hervorbringen, sondern ihn als Gleichnis darstellen. Seine Figuren sind auch nie erfolgreiche Staatsbürger, sie werden von ihm zu Buhmännern gemacht, sondern immer Außenseiter und Erfolglose.

 

Ein Beispiel dafür wäre sein großer Nachkriegsroman “... und sagte kein einziges Wort“, der 1954 erschienen ist. Hier schildert er einen Mann, namens Bogner, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern seit acht Jahren in einer Einzimmerwohnung lebt. Ständig nörgelt der Vermieter an ihm herum – ständig belästigt ihn der Verkehr der Innenstadt. Dieser Mann hat noch nicht die Grausamkeit des letzten Krieges überwunden, ebenso den Tod seiner Mutter, als er sieben Jahre alt war. Das alles deprimiert ihn dermaßen, daß er von zu Hause weggeht und zu trinken beginnt.

 

In diesem Roman kann man auch gut erkennen, wie genau Böll seine Umwelt aufnimmt, wie detailliert er Dinge beschreibt, die wir unter gegebenen Umständen nur unbewußt aufnehmen würden. Sehr deutlich sieht man es an der Stelle des Buches, wo Bogner in der Telefonzelle am Bahnhof ist, weil er sich von einem Bekannten Geld leihen will. Den ganzen Vorgang könnte man in einem Satz zusammenfassen, doch das tut Böll nicht. Er schildert alle Details, die irgendwie aufnehmbar sind: “Ich hatte sehr viele Groschen in der Tasche und zögerte noch einige Augenblicke, sah mir die uralten, dreckigen Tarife an, die an den Wänden der Zelle hingen, die völlig übermalte Gebrauchsanweisung, ließ zögernd die ersten beiden Groschen in den Schlitz fallen ... ich wählte den Namen dessen, von dem ich am ehesten erwarten konnte, daß er mir etwas geben würde ... ich ließ die beiden Groschen unten in der Tiefe des Automaten ruhen, drückte den Hebel noch einmal herunter und wartete etwas ... oben rollten die Züge dumpf aus und ein, ich hörte die Stimme des Ansagers sehr fern.“

 

Diese Schilderung von Details, die manchem überflüßig erscheinen mag, hat bei Böll einen ganz bestimmten Sinn. Dadurch, daß er uns klar macht, was wir nur noch im Unterbewußtsein aufnehmen, zeigt er uns, daß der Mensch und die Welt sich ständig entfremden. Er hält uns einen Spiegel vor und will uns damit zum Nachdenken anregen.

 

Heinrich Böll schrieb im Laufe seines bisherigen Lebens so viele Romane, Erzählungen, Reden und Kurzgeschichten, daß ich mich nur auf die wichtigsten beschränken möchte:

 

Sein erster großer Nachkriegsroman erschien 1949 mit dem Titel “Der Zug war pünktlich“. “Wanderer, kommst du nach Spa ...?“ war ein Band von Erzählungen, die 1950 erschienen sind. Ein weiterer Band erschien 1951 “Wo warst du Adam?“. “Haus ohne Hüter“, ein Roman aus dem Jahr 1954, könnte man ebenso als Familienroman bezeichnen, wie “Das Brot der frühen Jahre“, der ein Jahr später erschien. In beiden Romanen spielt die Familie die Hauptrolle. 1957 schrieb er dann die Erzählung “Tal der donnernden Hufe“ und 1958 kam das Band “Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ heraus, das man ebenso als gesammelte Satiren bezeichnen kann. “Billard um halbzehn“ ist für mich das größte Werk, das Böll je geschrieben hat, obwohl es vom Inhalt her etwas schwer zu lesen ist. Es erschien im Jahre 1959. Das erste Drama, das er geschrieben hat, war “Ein Schluck Erde“ aus dem Jahr 1962. Es bekam damals sehr schlechte Kritiken. Die Erzählung “Ende einer Dienstfahrt“ erschien 1966. Wie diese Erzählung entstand, schildert Böll in seinem Buch “Aufsätze – Kritiken – Reden“. So, kann ich mir vorstellen, daß auch einige andere Werke Bölls entstanden sind. Sein zweites Drama, schrieb er 1969: “Aussatz“. Anfang der 70er Jahre erschien sein großer Roman “Gruppenbild mit Dame“, der verfilmt worden ist. Die Titelrolle spielte Senta Berger. Ebenso verfilmt wurde “Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die er letztes Jahr geschrieben hat. Sie wurde von Volker Schlöndorff inszeniert.

 

Eine weitere Verfilmung eines Buches des Nobelpreisträgers Böll: “Ansichten eines Clowns“. Die Hauptrollen spielten Hanna Schygulla und Helmut Griem. Er spielt den Clown Hans Schnier, mit dem es, nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Marie, gespielt von Hanna Schygulla, beruflich immer weiter bergab ging.

 

Der ganze Roman spielt sich an einem einzigen Nachmittag ab. Schnier sitzt zu Hause in seiner Bonner Wohnung mit einer Knieverletzung, die er sich mehr oder weniger absichtlich zugezogen hat. Danach brach er seine Deutschlandtournee ab, um weiteren Absagen zuvor zu kommen.

 

Er sitzt also nun in Bonn und überlegt, wen er alles anrufen könnte, von wem er Geld erwarten könnte, denn sein ganzes Vermögen besteht nur noch aus einer einzigen Mark: „Ich suchte ich Telefonbuch die Nummern aller Leute zusammen, mit denen ich würde sprechen müssen; links schrieb ich untereinander die Namen derer, die ich anpumpen konnte: Karl Emonds, Heinrich Behlen, beides Schulkameraden, der eine ehemals Theologiestudent, jetzt Studienrat, der andere Kaplan, dann Bela Brosen, die Geliebte meines Vaters – rechts untereinander die übrigen, die ich nur im äußersten Fall um Geld bitten würde: meine Eltern, Leo (den ich um Geld bitten könnte, aber er hat nie welches, er gibt alles her), die Kreismitglieder: Kinkel, Fredebeul, Blothert, Sommerwild, zwischen diesen beiden Namensäulen: Monika Silvs, um deren Namen ich eine hübsche Schleife malte.“ Dann erinnert er sich jedoch an die Zeit mit Marie und wie er sie kennengelernt hatte. Schnier war nicht katholisch, ja nicht einmal religiös; Marie dagegen war streng katholisch und daher kam ein interessanter Gegensatz zustande. Beide waren nicht miteinander verheiratet. Sie heirateten auch nicht. Sie lebten einige Jahre zusammen. Marie begleitete ihn auf seinen Tourneen. Doch Schnier und Marie trennten sich nach einem Gespräch, das sie in einem hannoverschen Hotelzimmer führten: „Bei Marie fing ich schon an zu zweifeln ... wie sie es für richtig hielt.“ Die gemeinsame Erziehung der Kinder und ein dadurch entstandener Konfessionsstreit führten zur Trennung. Marie heiratet einen gewissen Züpfner, den sie aus einer katholischen Gemeinschaft her kennt. Schnier denkt sehr oft an diesem Nachmittag an die beiden, da er Marie nicht vergessen kann und will.

 

Gegen Abend kam dann sein Vater zu Besuch; ein reicher, aber auch entsprechend geiziger Mann. Er hätte seinem Sohn einen monatlichen Zuschuß gebilligt, wenn dieser nach seinen Vorstellungen trainieren würde. Doch damit ist Schnier nicht einverstanden und so bekommt er schließlich ncihts.

 

Er rief noch einige Leute an, die er entweder um Geld fragt oder freiweg mit Vorwürfen bombardiert. Diese Leute waren alle katholisch und er hatte sie durch Marie kenngelernt. In jedem Katholik sieht er Züpfner und deshalb wirft er ihnen Ehebruch vor, da er mit Marie zusammengelebt hatte, als wären sie verheiratet gewesen.

 

Spät abends machte er sich einige Gedanken, wie er wieder zu Geld kommen könnte.

 

In diesem Buch werden die Zweifel deutlich, die Böll gegen die katholische Kirche, als solche, hegte.

 

Er läßt die katholische Kirche durch Schnier sehr anzweifeln, besonders ihre Vorstellung, wie ein überzeugter Katholik zu leben hat. Davon kann man die Kernfrage des Romans ableiten: Kann die Konfessionsfrage zu einem unlösbaren Problem werden?

 

Böll läßt diese Frage absichtlich offen, damit wir uns einmal Gedanken darüber machen können. Diese Frage möchte ich unbeantwortet an euch weitergeben.

 

 

 

 

 

Quellennachweis:

 

“Der Schriftsteller Heinrich Böll“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1959

 

“Heinrich Böll, Romane“, Lizenzausgabe des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

 

 

„Der Kampf um die Seele der Deutschen“ Sigmar Gabriel

 

 

 

 

Sigmar Gabriel, ein Poet? Oder ein Philosoph? Weder noch! Er ist mit Leib und Seele ein Politiker und wird es bleiben. Auch wenn er kein wichtiges Amt mehr führt. Er bringt seine Erfahrungen in die Privatwirtschaft und, vor allem, in die Hörsäle der Universitäten in Deutschland und Amerika.

 

Ich habe ihm in der Neuen Uni in Würzburg zugehört. Über sechshundert Studenten und interessierte Zuhörer drängten sich an einem warmen Montagnachmittag in das Audimax der Neuen Uni.

 

Sigmar Gabriel referierte ausführlich über die Situation in Europa. Eben diesen „Kampf um die Seele der Deutschen“. Europas Grenzen öffnete er bald mit einem kritischen Blick auf das Weltgeschehen. Ohne dabei jedoch die interne Lage Deutschlands aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil: Gabriel ist besorgt um die deutsche Zukunft. So überzeugt er sich gerne als Europäist gibt, tief in seiner Seele ist er erst einmal Deutscher und fürchtet demzufolge, dass die hart errungene Hegemonie in Europa ein Ende haben könnte. Dass die Welt draußen an Deutschland vorbeisausen könnte.

 

Ich muss zugeben, dass sehr viele der Aussagen von Sigmar Gabriel mit meinen eigenen übereinstimmen. Zwar fühle ich mich dennoch nicht zu seiner Partei hingezogen, aber mit diesem Mann würde ich mich gerne einmal unterhalten. Wir sind beide überzeugte Europäisten. Ja, das ist ein schönes neues Wort für „überzeugte Europäer“. In dieser Hinsicht habe ich einen angemessenen Vorteil. Zwar war Gabriel durch seine Ämter auch fleißig in der Welt unterwegs. Jedoch immer nur auf Staatsbesuch oder mal im Urlaub. Ich habe in verschiedenen europäischen Ländern gelebt: Frankreich, Schweiz, Italien, England, Norwegen, Deutschland. Das ist ein großer Unterschied. Da bekommt man viel mehr die Mentalität der Bewohner zu spüren und wie es sich in den Ländern wirklich verhält. Besonders in sozialer Hinsicht. Da sind die Deutschen keineswegs Klassenbeste. Tut mir leid, Herr Gabriel! Das lebe ich momentan sehr bewusst!

 

 Wir beide haben noch eine kleine, große Gemeinsamkeit: wir sind uns altersmäßig sehr nahe. Wir können einige historische Zusammenhänge besser nachempfinden, weil wir sie erlebt haben. Da ist bei einigen der anwesenden Studenten so manches nicht ganz angekommen. Sie kennen Vieles nur aus ihrem Geschichtsunterricht. Daraus ergeben sich ganz andere Aspekte, die zu völlig differenzierten Standpunkten führen können. 

 

Gabriels Vortrag war für mich eine ausgezeichnet dargestellte Aktualisierung der heutigen Situation. Seine Rhetorik ist einnehmend. Mit klaren, jedoch sehr gut gewählten Worten stellte er mir Sachverhalte dar, die ich aus einer völlig anderen Perspektive betrachtet hatte. In manchem war ich auch in der Zeit hängen geblieben und hatte die Veränderung nicht so stark bemerkt, wie sie sich vollzogen hatte. Damit meine ich die verschiedenen Bündnisse und ihre Umgestaltungen.

 

Eine Studentin hatte mich mit einer Aussage zum Nachdenken angeregt:

 

„Wir sind eine Generation, die alles hat und deshalb nur über Geld redet, nicht über das (Über)leben.“ Sehr beunruhigt wurde ich, als sie ihre Frage an Gabriel formulierte: „Wer gibt uns Motivationen?“ Die lapidare Antwort von Gabriel fand ich umwerfend und zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen: „Der Verstand.“

 

Gabriel hat die Gabe, sehr gut druckreif sprechen zu können. Seine beiden Blätter Papier standen wohl nur seinen Händen zur Verfügung, damit er sie nicht zu sehr gestikulieren ließ. Mehr als ein paar Stichpunkte werden dort auch nicht notiert gewesen sein.

 

Um ihn herum gab es zwischendurch einige Störungen. Der Kameramann holte sich, hinter der rechten Schulter von Gabriel stehend, eine Nahaufnahme des Fragestellers im Publikum. Vor dem Redner klickten die Fotokameras der Reporter. Mal abgesehen vom Publikum, das sehr nahe neben ihm auf der Bühne und vor ihm im Saal saß. Trotz der lauschenden Stille blieb es sehr unruhig auf der Bühne.

 

Jedoch ließ sich Gabriel einfach nicht aus seiner bewundernswerten Ruhe bringen. Bemerkenswert war auch seine Reaktion, als durch die offenen Türen laute Rufe von draußen kamen. Vermutlich wusste er sofort, dass es sich um eine beabsichtigte Störaktion handelte. Der Rentner, der ihn für seine Altersarmut verantwortlich machen wollte, bekam eine schlagfertige Antwort, die das Publikum mit einem tosenden Applaus lobte, sodass der gute Mann sofort mundtot blieb. Einige Minuten später brachte jener seine Schriftzüge in den Saal. Gabriel las sie, korrigierte die angegebenen Zahlen und kommentierte so kurz und aufrichtig, dass der eigentlich Störenwollende bis zum Ende des Vortrags aufmerksam lauschend dabei blieb. Vielleicht hatte er sich ja nur einen guten Platz im überfüllten Saal suchen wollen. Letztendlich bekam er noch ein paar versöhnende Worte, als Gabriel dem Ausgang zuging und natürlich nicht an diesem Herrn vorbeikam.

 

Sigmar Gabriel kann die Altersarmut in Deutschland auch nicht stoppen. Wenigstens nicht alleine. Zudem hatte er nie das dafür zuständige Amt inne. Deshalb werden solche Störer auch nicht ernst genommen. Was hatte ich mich vor dem Vortrag aufgeregt. Über zwei Dinge: Zuerst verstand ich nicht, warum der Parkschein-Automat kein Restgeld herauswarf und meine Münzen nicht nur geschluckt, sondern sogar auf dem Beleg bestätigte, dass ich zu viel gezahlt hatte. Und zweitens war ich sehr beeindruckt, als ich 40 Minuten vor dem Beginn schon einen bestens gefüllten Saal vorfand. Jedoch gab es KEINEN der jungen Studenten, die aufstanden und einem älteren Zuschauer ihren Sitzplatz überlassen hätten. So viel zum Benehmen der nächsten Generation!

 

Jedoch war das für mich nur ein Fakt, den ich nebenbei mitbekam. Die Hauptperson hatte mich schon lange überzeugt und ich hatte mich sehr gefreut, dass ich letztendlich doch noch einen Sitzplatz ergattern hatte können! Es war ein gelungener Nachmittag und kein bisschen zu lange!

 

 

 

 

 

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Meine definitive Stellungnahme zur DSGVO

 

Nach dem Frühstück werfe ich gerne einen Blick in die lokale Tageszeitung. Heute blieb er an einem Foto hängen. Ein Mann saß auf einem umgekippten Boot. Es sah aus wie ein Strand an einem See, irgendwo im Süden Deutschlands. Doch es war ein trockener See. Der Grund dafür ist zweitrangig. Ich streifte nur kurz den Titel. Viel mehr hat mich der Mann angezogen. Er mag irgendwann die Sechzig überschritten haben. Die Bildunterzeile erzählte, dass er seit vierzig Jahren im Sommer seine Boote auf diesem See vermietete. Doch ich sah nur ihn. Wird er wohl ein Smartphone besitzen? Genau dieser Gedanke ging mir durch den Kopf. Er war so erfrischend weltfremd in dieser ungewohnten Umgebung. Ich glaube kaum, dass er einen Computer bedienen würde, geschweige denn sich mit Internet und DSGVO auskennt. In dem Moment fand ich diesen Gedanken unglaublich entspannend.

 

 

 

Seit dem 25. Mai gibt es in den Arztpraxen neue Info-Ausdrucke in Bezug auf die aktualisierte DSGVO. Bei dem einen Arzt wird man nur höflich aufgefordert, die drei (!) Seiten zu lesen. Bei dem anderen Arzt muss ich am Ende der Lektüre auch noch unterschreiben. Lästig, aber unvermeidlich. Wie damals, Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als ich von meiner Bank (in Italien!) ein ganz ähnliches Dokument zur Unterschrift vorgelegt bekam. Damals war noch eine kleine Erpressung miteingebaut: Unterschreibst du die neue Privacy-Klausel nicht, dann bekommst du keinen Dispo mehr.

 

Ein anderes Umfeld, ebenso bekannt: man steht am Postschalter in der Warteschlange. Zwar zeigt ein dicker, gelber Strich am Fußboden: bis hier und nicht weiter. Doch trennt dieser Streifen keine zwei Meter zwischen dem Schalter und dem Wartenden. Fazit: man ist nicht außer Hörweite und bekommt ALLES mit, was am Schalter besprochen wird.

 

Und wie steht es mit irgendeiner Kasse, sei es im Supermarkt, an der Tankstelle oder in sonst irgendeinem Laden? Ich bekomme Tobsuchtsanfälle, wenn ich bei der Kartenzahlung meine PIN eindrücken soll und im Nacken den Atem des Kunden spüre, der hinter mir steht und es eilig hat! Da kann ich schon mal mit leicht abgespreizten Ellenbogen und (un)absichtlich einen kräftigen Schritt rückwärts machen. Anstatt mich zu entschuldigen bekommt die betreffende Person einen feurigen Blick, der meist alle Aufregung über meine Tätlichkeit im Keim erstickt. Nur einmal wollte mich ein betagter Mann weiter drängen. Mit diesem einfachen Satz wurde er sofort mundtot: Haben Sie Angst zu sterben, bevor Sie Ihre Ware nach Hause bringen können?

 

 

 

Überall gibt man täglich seine persönlichen Daten weiter. In den meisten Fällen denkt man dabei überhaupt nicht an diese DSGVO. Es reicht ja schon der eigene Name oder die Telefonnummer! Wie oft höre ich die Adresse, die Telefonnummer oder gar das Geburtsdatum der Person, die vor mir irgendwo gerade diese Auskünfte erteilt. Ohne sich darüber Gedanken zu machen, wer hinter oder neben ihr steht.

 

Dann sind da noch die unzähligen Handygespräche in der Bahn, am Flughafen, in den Cafés, auf den Straßen, in den Parks. Einfach überall, wo sich Menschen aufhalten, gibt es immer jemanden, der telefoniert.

 

Und jetzt will mir jemand erzählen, welche Vorsichtsmaßnahmen ich ergreifen soll, wenn ich ein Profil in den sozialen Netzwerken habe. Insbesondere wurde bekanntlich Facebook ins Visier genommen. Jeder, ob Jugendlicher oder Erwachsener, der sich dort ein Profil einrichtet, sollte sich klar darüber sein, was er von sich erzählt und welche Bilder er hoch lädt. Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören! Wenn ich ein Foto, ein Gedicht, einen Text dort veröffentliche, bin ich mir voll bewusst, dass dies derselbe Effekt ist, als wenn ich mich auf den Marktplatz stelle und das gleiche tue. Ich bin in einem öffentlichen Raum, jeder, der vorbeikommt, kann mich sehen und hören, im Falle von Facebook: lesen.

 

Nun ist es oft wirklich grenzwertig und ich schüttele manchmal meinen Kopf, was wer so gerne von sich erzählt und zeigt. Alltagssituationen, momentane Empfindungen, Krankheiten und ihr Verlauf. Viele suchen gerade in den sozialen Netzwerken einen Ersatz für eine Psychotherapie. Es gibt ja immer jemanden, der kommentiert, mitfühlt, tröstet, beratet. Und das kostenlos!

 

Dieser ganze Hype um das neue Gesetz hat im Grunde nichts verändert, was vorher schon dagewesen. Es gab nur eine ziemlich scharfe Erinnerung daran. Die Folgen sind neuerdings dicke Balken, die mir einen guten Teil der Webseite versperren, die ich gerade geöffnet habe. Und um was geht es? Um die heiß gehassten Cookies! Nicht mehr und nicht weniger! Nur, dass ich sie jetzt auf einigen Webseiten auch ablehnen kann. Andere zeigen mir die Möglichkeit, netterweise sehr diskret, sie intensiver zu lesen. In dieser Hinsicht wird sich kaum etwas ändern. Im Netz wird weiter spioniert, was ich suche, kaufe, lese und es wird weiterhin die passende Werbung zugeschaltet, sobald ich eine kommerzielle Seite verlasse. Nun, was der Cookiestress angeht, in dieser Hinsicht bin ich nun wirklich zu einer überzeugten Ignorantin geworden. Ich sage nicht nein, ich sage nicht ja. Ich scrolle einfach drüber. So, wie ich es vorher auch getan hatte.

 

Und: ich lasse mich nicht erpressen. So weit geht meine Neugierde nicht! Als ich auf der Webseite von Forbes einen Artikel lesen wollte empfing mich ein grauer Hintergrund mit einem großen Fenster mittendrin. Dort stand klar und deutlich, wenn ich den Artikel lesen möchte, MUSS ich der neuen europäischen Datenverordnung folgen und die Cookies akzeptieren. Bis dato hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis mit diesem Finanzmagazin. Jedoch hatten sie einen wichtigen Fakt übersehen: Ich MUSS gar nichts. Ich DARF jetzt wählen. Deshalb verzichtete ich auf den Artikel und klickte nicht auf die einzige mir gegebene Option!

 

 

 

Somit bevorzuge ich, so manche Webseiten und natürlich auch die Cookie-Balken zu ignorieren.  Der Vortrag eines kompetenten Anwalts, der sich auf die IT-Rechte spezialisiert hat, war für mich aufschlussreich genug. Der Rest liegt jedem selbst in der Hand. Er braucht nur seinen gesunden Menschenverstand einzuschalten.

 

 

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Keine Angst vor der DSGVO

 

 

Der wichtigste Satz, den ich von meinem „E-Business Day“ mitbringen konnte ist folgender:

 

Die DSGVO (Datenschutzgesetzverordnung) enthält KEINE Rechtsgrundlage für Werbung!

 

Dieses neue Gesetz hält sich buchstäblich an seinen Namen:

 

DATENSCHUTZ.

 

Es schützt unsere Daten.

 

Es verstärkt die Rechenschaftspflicht.

 

Wir können verlangen, unsere Daten löschen zu lassen oder ändern zu lassen.

 

Wir können erfragen, wie lange sie wo gespeichert werden.

 

Das ist die eigentliche Quintessenz dieser neuen Paragraphen, die so viel Panik, ja nahezu Hysterie hervorgerufen haben.

 

Es geht im Grunde darum, dass die Unternehmen, wer immer sie auch sind, ob große Konzerne oder kleine Online-shops, keine Profildaten mehr unter sich austauschen können, ohne vorher die Einwilligung des Users oder des Kunden eingeholt zu haben. Was sie eigentlich schon immer ganz klein dazu geschrieben hatten. Aber wer liest schon die AGBs in der heutigen Zeit. Besonders, bei den so beliebten Gewinnspielen! Manchmal tut es jedoch sehr gut, wenigstens ein Auge drauf zu werfen. Ich habe das gelernt, als ich Verträge übersetzte und dazu ja jedes Wort lesen musste. Da bekommt man einige interessante Dinge mit, die man vor einer Unterschrift oder einem verbindlichen Klick gerne „überliest“.

 

Interessant ist auch die Antwort auf die momentane Email-Flut gewesen, die auch mein Postfach vollstopft: Der Newsletter hat nichts mit der DSGVO zu tun! Schließlich hat man die direkte Einwilligung, den Newsletter zu erhalten, schon vorher abgeklärt. Mit etwas Logik kommt man auch selbst drauf. Einen Newsletter bekommt man doch nur, wenn man ihn „abonniert“. Und das einzige Datum, das man dazu von sich gibt, ist die Email-Adresse.

 

(Eigen)Werbung von Büchern hat mit diesem Gesetz ÜBERHAUPT NICHTS zu tun. Ebenso Rezensionen. Die Weiterempfehlung eines Buches hängt nicht vom Datenschutz ab. Eher, wenn man das Buch zerreißt und vorher nicht den Autor fragt, ob man dazu seinen Namen verwenden darf. Spaß beiseite: die Meinungsfreiheit existiert noch in diesem Land.

 

Bei der DSGVO geht es um ganz andere Dinge: Daten dritter Personen darf man künftig nicht mehr bedenkenlos weitergeben. Wobei man oben gesehen hat, was alles den Begriff „Daten“ einbezieht. Hier geht es nicht nur um Adresse, Telefonnummern oder Bankdaten. Es geht auch z. B. um die Kleidergröße, Haarfarbe, Blutgruppe, Blutdruck, usw. Alles, was uns persönlich betrifft und identifiziert.

 

Eingeschlossen sind im Grunde auch die Behörden und Ämter und Krankenhäuser. Ich habe das soeben selbst erlebt, als ich für ein CT den Befund einer Operation einholen musste, der im selben Krankenhaus durchgeführt worden war. Die Radiologie hatte trotzdem keine Vernetzung mit der entsprechenden Abteilung! Für mich nicht nachvollziehbar. Aber es gibt auch durchaus verständliche Ausnahmen: wenn z.B. jemand bewusstlos an einer Unfallstelle liegt und nicht mehr in der Lage ist, seine Einwilligung zu geben, darf der Notarzt seinen Puls messen oder ihm Blut abnehmen. Ja, auch das sind „persönliche Daten“. In diesem Fall ist es aber von lebenswichtigem Interesse, dass diese Daten ohne unsere Einwilligung eingeholt werden können. Daran wird sich wohl niemand stören.

 

Also: Auch wenn wir irgendeiner Internet-Plattform die Einwilligung gegeben haben, unsere Daten zu speichern oder zu nutzen, so können wir das jetzt JEDERZEIT WIDERRUFEN. Ohne Angabe von irgendeinem Grund! Das gilt vor allem für die Nutzer von Onlineshops und Dienstleistern online.

 

Diese Daten wurden in den letzten Jahren (und eigentlich auch schon vor der Internet-Ära) viel zu oberflächlich behandelt und weitergeleitet, wenn nicht gar verkauft.

 

Und noch etwas ist in der DSGVO eingeschlossen:

 

Große und kleine Unternehmen dürfen nicht mehr vertuschen, wenn sie gehackt worden sind!

 

Auch ich hatte letztes Jahr ein Problem mit meiner Kreditkarte, wobei weder meine Bank noch ich herausfinden konnten, auf welcher Plattform die Daten meiner Karte gehackt worden waren. Diese Zeiten sind vorbei.

 

Das Unternehmen muss SOFORT ihre Kunden darüber informieren!

 

Folglich hilft dieser Datenschutz den Usern mehr als sie für möglich gehalten hätten.

 

 Was meine eigene Webseite angeht. Ich bin Autorin, Bloggerin und Übersetzerin. Daher findet ihr auf meiner Webseite fast ausschließlich Informationen über mich und meine Texte und Bücher usw. Wenn ihr mich mit einer Übersetzung beauftragt, dann erkläre ich schon bei der Annahme, dass ich die mir anvertrauten Daten innerhalb drei Monate nach der Abgabe definitiv lösche. Alle anderen Besucher auf meiner Webseite bitte ich nur um eine Email-Adresse, falls sie Kontakt mit mir aufnehmen möchten. Andere Daten werde ich wohl kaum von euch erfragen oder gar verlangen. Deshalb genügt mir auch mein von Google erweiterter Datenschutz, da ich mit diesem wunderbaren Unternehmen verknüpft bin. Schließlich muss ich mich im Netz bemerkbar machen. Und das werde ich auch weiterhin.

 

Noch etwas, ganz süßes: auf dem „E-Business Day“ gab es in den Pausen ein sehr leckeres Büfett. Darunter war ein Kuchen, der mich besonders beeindruckt hat. Ich werde morgen versuchen, ihn zu backen. Schmeckt er nur halbwegs so gut wie der vom Event, dann werde ich ihn als „Pfingstkuchen“ auf dem Genussblog an euch weitergeben.

 

Bis dahin hoffe ich, euch ein wenig Klarheit verschafft zu haben...

 

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